Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 44 (3.11.1905)
- Date
- 1905-11-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 44 Dr. Blocö’s MlocvenscbrM. Seite b91 üppig wuchernde Korruption zur Folge gehabt. Wir können diesen Punkt nur flüchtig streifen. Wer mit offenen Augen die Gerichtssaalrubrik der Tagesblätter und die Rekriminationeu in den Genossenschaftsversammlungen verfolgt hat, wird wissen, was wir meinen. Allerdings sind es nur vereinzelte Fälle, die an das Tageslicht traten, die Fülle von unrechtmäßigen Begünstigungen, Protektionen, amikalen Zuwendungen, durch welche das Gesetz umgangen wird, umgangen werden m u ß, bleibt im Verborgenen. Daß der Befähigungsnachweis für die Handelsgewerbe Oesterreich zu einem mittelalterlichen Staatsweseu znrückschrauben müßte, weiß man nirgends besser als in unseren Regierungskreisen, denn unsere höhere Bureaukratie besteht aus wirklich gebildeten Elementen, welche die Gesetze der wirtschaftlichen Entwicklung genau kennen. Unsere trostlosen politischen Zustände lähmen aber die Widerstandskraft der Regierung. Wie hilft sie sich nun? In echt österreichischer Manier mit einem Schlagworte. Sie setzt an Stelle des Verwendungsnachweises den sogenannten Bildungsnach weis. Die Absolvierung einer Handelsschule oder selbst der Bürgerschule soll zum Antritt eines Handelsgewerbes genügen. Das ist ein Bilduugs zwang, der speziell dem Kausmanne auferlegt wird. Warum just diesem? Es ist natürlich nur aufls Innigste zu wünschen, daß auch bei uns der Kaufmanusstand ans möglichst gebildeten Elementen bestehe, aber darf der Staat für einen einzelnen Stand ein Ansnahmsmaß von Bildung beanspruchen? Der Vergleich mit den strengen Prüfungen, welchen die Aerzte, die Advokaten, die Richter, die Lehrer von staatswegen unterworfen werden, trifft hier nicht zu. Denn in all diesen Fällen handelt es sich um Funktionen, welche direkt die Interessen der Allgemeinheit berühren und vom Staate zur Verhütung weitreichenden Schadens kontrolliert werden müssen. Bei der Ausübung des kaufmännischen Berufes aber handelt es sich nur um individuelle Interessen, die erst indirekt die Allgemeinheit berühren, handelt es sich vor allem um das R e ch t, z n leben. Welches Maß von Bildung hiezu notwendig ist, muß jeder Einzilue am besten wissen, eine Bevormundung des Staates ist da einfach widersinnig. Es kann Einer das höchste Maß allgemeiner Bildung in sich ausgenommen haben und in kaufmännischen Dingen doch ein Esel sein, wie andererseits ein ganz ungebildeter Mensch sich als kaufmännisches Genie erweisen kann. Das Zeugnis einer Handelsschule kann erweisen, daß Einer sehr schöne Fakturen schreibt und die Strazza pünktlich zu führen weiß. Ist er damit schon ein Kaufmann? Und noch Eines: Wenn der Staat den Bildungs zwang verfügt, dann hat er auch dafür zu sorgen, daß Jedermann unentgeltliche Bildungs gelegen heit geboten wird. Ist das — abgesehen von Wien und anderen großen Städten — der Fall? Man blicke nur nach Galizien, wo die Schlachta geflissentlich sogar die Durchführung des Volksschulzwanges für die Juden verhindert. In den letzten Wochen stand der Befähigungsnachweis für die Handelsgewerbe auf der Tagesordnung zweier Versammlungen, einer spezifisch jüdischen und einer kaufmännischen. Die Versammlungen waren schwach besucht. Es scheint, daß sich in jüdischen Kreisen das Verständnis für die Wichtigkeit dieser Frage noch nicht recht durchgerungen hat. Vergebens hielten wir nach unseren Kammerräten und Gremialräten Ausschau, sie glänzten durch ihre Abwesenheit! Geht der Egoismus der führenden Kreise der Wiener Handelswelt so weit, daß sie von der Gefahr unberührt bleiben, mit welcher diese reaktionäre Maßregel insbesondere die unteren Schichten, die jüdische Bevölkerung der kleinen Landstädte, bedroht? Sehen sie nicht, daß mit deren Durchführung ein ungeheurer Strom proletarischer Elemente aus Galizien, denen man damit die letzte Möglichkeit eines Erwerbes nehmen würde, sich in die großen Städte Westösterreichs ergießen, und daß wir hier zu Zuständen gelangen würden, wie sie nur noch das jüdische Ansiedelungsgebiet in Rußland aufweist? Diese armen Juden können keine Handwerker, keine Lehrer, keine Beamten werden. Sie sollen dann auch nicht Handel treiben dürfen. Ja, was denn, um Himmelswillen? Sie werden, sie müssen uns, den satten, stolzen Großstädtern auf den Hals rücken und den Antisemitismus ins Angemessene steigern. Man gebe sich keinen Illusionen hin! In diesem Staate ist' schon Vieles möglich geworden, was lange Zeit unmöglich schien — auch der Befähigungsnachweis für die -Landelsg! werbe wird gemacht werden, wenn die berufenen Kreise sich nicht mit aller Macht und Energie dagegen stemmen, und so mancher jüdische Inhaber einer ehrenfesten protokollierten Firma, der sich heute damit tröstet, daß ihm persönlich ja nichts geschehen könne, wird die unheilvollen Wirkungen dieser Unterbindung des jüdischen Erwerbslebens auch au sich, aber leider zu spät erkennen! „Arisches Ierrkrrr" Unter vorstehendem Titel lesen wir in Hardens „Die Zukunst" einen Artikel von Houston Stewart Chamberlain, der wiederum einige Ungeheuerlichkeiten enthält, welche festgenagelt zu werden verdienen. Wir zitieren nachstehende Stelle: „Ich entsinne micb, als ich in Genf Physiologie bei den bekannten Professor Schiff hörte, einmal in sein Laboratorium gekommen zn sein, wo alle Studierenden eines freundlichen Empfanges und vieler Belehrung stets sicher sein konnten. In einer Kiste säst ein kleiner Hund, der, als ich ihm liebkosend nahetrat, so angsterfüllt und klagend zu heulen begann, daß ich diese Stimme noch heute höre: Das war für mich eine Stimme der Natur und ich schrie laut auf vor Mitleid. Der hochgelehrte Manu aber, sonst so still und geduldig, geriet in Zorn: was Das für eine unwissenschaftliche Sprache sei; woher ich denn wisse, daß der Hund Schmerz leide; ich solle es ihm beweisen. Ganz abgesehen davon, daß durch nichts auf der Welt das Vorhandensein von Schmerzen bewiesen werden könne, da man bei Tieren ja nur Bewegungen beobachte, die alle auf rein physischem Wege hinreichend erklärt werden könnten, habe er bei diesem Hunde eine partielle Sektion des Rückenmarks vorgenommen, die es höchst wahrscheinlich mache, daß die Empfindungsnerven. . . . Und nun, nach ausführlichen technischen Erörterungen, erfolgte der Schluß, daß ich nicht weiter behaupten könne und dürfe, als daß ein vom optischen Nerv aufgenommener Eindruck als Reflexbewegung ein Erzittern der Stimmbänder im Kehlkopf verursacht habe, woran sich dann ein interessanter Exkurs über die Bedeutung des Begriffes Zweckmäßigkeit im Lichte der darwinischen Hypothese anschloß. Schiff hatte durchaus Recht; er war überhaupt nicht nur einer der gelehrtesten Männer, denen ich je begegnet bin, sondern ein Denker von beneidenswerter Schärfe und Konsequenz. Wenn icy also die Behauptung ausstelle: Schiff hat nur logisch Recht, ich aber weiß, daß der Hund litt; wenn ich seine lückenhafte Beweisführung mit Milton abwehre: Plausible to the world. to me worth uaught! (der Welt glaubwürdig, für mich gleich nichts); wenn ich sage: Ich bin ebenso überzeugt, wie von meinem eigenen Leben, daß das arme Tier unsagbare physische und moralische Qualen durchlitt, verlassen von Denen, die es liebte, gräßlichen Martern preisgegebeu, so behaupte ich Etwas, das ich nicht beweisen kann nnd das ich doch so sicher weiß, wie ich gar nichts Anderes auf der Welt weiß, das mir durch Experiment und Syllogrsmus nachgewiesen werden kann. Nun sehe rch schon den Unphilosophen überlegen lächeln: „Das Ganze ist nichts weiter als ein Schluß der Analogie!" O nein, lieber HerrAntimetaphysikus, da irren Sie gewaltig! Sie dürfen nicht glauben, daß, wer sich nicht als Knecht der Logik bekennt, sie deshalb nicht ehrte und streng zu handhaben verstünde, und wir wissen recht wohl, daß der Schluß der Analogie von den verschiedenen Schlutzgattnngen der schwächste ist; die eigene Ueberlegung lehrt es und alle Logiker, von Aristoteles bis zu John Stuart Mill, bezeugen und beweisen es. Nun erfordern aber selbst ein fehlerloser Syllogismus und eine beweiskräftige Induktion gar häufig sorgfältige Prüfung und ein geschultes Denken, um endlich als zwingend anerkannt zu werden; wie blaß und schwankend ist da nicht erst die Analogie! Jener Schmerzensschrei dagegen war gar nicht den Weg eines bewußten Denkens gewandert; hier hatte Etwas stattgefunden, das die Elektriker einen „Kurzschluß" nennen, wo der Strom, statt der regelrechten, umständlichen Leitung zu folgen, funkensprühend von einem Pol direkt zum anderen überspringt; mein Verständnis für das Leiden des Hundes war eben so wenig ein logisches, wie das Waldesecho ein Syllogismus ist; es war eine spontane Regung, deren verständnisvolle Innigkeit dem Grade nach von meiner eigenen Befähigung, zu leiden, abhlng. Damals hatte ich von dem indischen Tat-Twam-Asi noch niemals gehört; ich war so wenig Antivivisektionist, daß ich Schiff in Zeitungen öffentlich verteidigt hatte; bei jenem Schrei aber zog sich mein Herz krampfhaft zusammen; dem Ruf war der Gegenruf gefolgt und nun handelte es sich nicht mehr um jenes eine elende kleine Geschöpf, sondern, wie ich vorhin sagte, mich dünkte es eine Stimme der ganzen Natur."