Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 43 (27.10.1905)
- Date
- 1905-10-27
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 6^6 Dr. Dlocb's Mocdenscbkltt. Nr. 48 ln der Schüleruniform einher, d. h. in der Mütze, dem schwarzen Gürtel mit der gelben Schnalle und dem übermäßig langen und breiten, „auf's Auswachsen" berechneten Mantel, in dem seine kleine, magere und äußerst bewegliche Gestalt sich ganz sonderbar ausnahm. Mai, Juni, Juli — ach! welch' wunderbare drei Monate! Es duftete der Flieder, die Nachtigallen sangen ihre paradiesischen Hymnen — und in der Seele des kleinen Triumphators in der Schüleruniform blühte, strahlte und sang es ebenfalls . . . Und es kam der August . . . Eines Tages begab sich Kobis älterer Bruder in's Gymnasium, kämpfte ebenfalls einen erbitterten Kampf mit dem Areopag der dortigen Weisen und das Ergebnis dieses Kampfes war ein glänzendes Examen zur zweiten Klasse. „Nun, das ist wunderschön!" „Wunderschön? . . . N.in, meine Freunde, nichts weniger als das. Der Sieg des älteren Bruders war für den jüngeren ein schreckliches Unglück. Im Gymnasium der Stadt N. war nur ein Platz, ein jüdischer Platz, nur ein Knabe konnte ausgenommen werden, und auf Grund der bestehenden Gesetze wurde der ältere Bruder ausgenommen, da er das Examen zu einer höheren Klasse bestanden hatte. Versteht ihr sie nun die biblischen Worte: „Und es wird aufftehen ein Bruder wider den anderen ..." * * * Am Freudenfeste „Simchas-Thora" wurde dem kleinen Kobi das Urteil kundgetan, das über ihn gefällt worden war. „Pa . . . pa . . . Papachen! was heißt das?" ein wilder, hoffnungsloser Schmerzenslaut entrang sich der Brust des Knaben und sein schwacher Körper erbebte in lautem, bitterem Schluchzen ... „Ich habe doch die Prüfung bestanden! Mein Gott, mein Gott!" wiederholte er kläglich, griff mit seinen kleinen, mageren Händchen an den Kopf und weinte laut. „Kobi! mein Goldkind, mein Liebling! Beruhige Dich!" flehte der Vater. „Genug der Tränen, Du hast die Prüfung bestanden, sehr gut bestanden, und Du wirst in's Gymnasium ausgenommen werden, ganz bestimmt . . . nur ein Jahr später ... ein Jahr nur, daß ist doch kein so großer Unterschied ... Weine nicht ... Nun, mein Herz, so hör' doch auf zu schluchzen! . . . Was kann man tun? Nun, Du bist doch mein guter Sohn. Versteh' doch nur, Kobi, versteh' es doch! . . . Ich kann dem nicht abhelfen . . . was soll ich tun!" Kobi jedoch wollte nicht verstehen . . . Ach, meine lieben Freunde! „Ossr dalim. hoschio no!“ Die fünfzigjährige Jubiläumsfeier der israelitische« deutschen Uolksschule i« Czernowitz (Bukowina). Motto: Drei Blicke tu zu Deinem Glück: Blick aufwärts, vorwärts und zurück. K. D u b e n s k y. Ein halbes Jahrhundert, was ist es in der unendlichen Zeiten Lauf, nicht viel mehr als der Schritt der Mücke, die den Aequator durchmeffen will. Ein halbes Jahrhundert, was hat es zu bedeuten in der Weltgeschichte, nicht mehr als ein Intermezzo, als ein Zwischenspiel. Dagegen welch ungeheuere Wichtigkeit besitzt unter Umständen der Zeitraum von fünfzig Jahren für den Fortschritt, für Bildung und Gesittung der Menschen. Fünfzig Jahre Kulturarbeit, noch dazu appliziert an einem verhältnismäßig kleinen Zentrum, sie können nicht nur für dieses, sondern auch für weite, große Kreise von weittragendsten Folgen begleitet sein. Die israelitische Kultusgemeinde in E z e r n 0 w i tz, der Hauptstadt des im äußersten Osten der Monarchie gelegenen Kronlandes Bukowina, feierte mit dem Beginne des Schuljahres 1905/6 das Jubiläum des fünfzigjährigen Bestandes der von der Kultusgemeinde ins Leben gerufenen und aus Kultusmitteln erhaltenen israelitischen deutschen Volksschule in Czernowitz. Der Kultusrat hat den Beschluß gefaßt, das denkwürdige Ereignis des fünfzigjährigen Bestandes dieser Lehranstalt in einer dem Ansehen der Gemeinde würdigen Weise festlich zu begehen. - Mit der Errichtung dieser Schule hat sich die Czernowitzer Kultusgemeinde unendliches Verdienst erworben, nicht nur um die Judenschaft von Czernowitz, sondern auch um das Judentum von ganz Oesterreich. Die Errichtung der Schule fällt in die Konkordatsepoche, in die Zeit der finstersten Reaktion und des Rückschrittes. War es doch auch vornehmlich das Gebiet des Schulwesens, insbesondere aber die Volksschule, die, von dieser Drangperiode am meisten beschattet, ins Mitleid gezogen wurde. Wollte man die Geschichte des Entstehens und die Kinderjahre der jüdischen deutschen Volksschule in Czernowitz schreiben, hieße dies die Leidensgeschichte der Juden und des Judentums in Oesterreich aufrollen. Der Kultusrat der israelitischen Gemeinde konnte die Jubelfeier nicht in würdigerer Weise einleiten, als durch die Herausgabe der „G ed enks ch r if t zur fünfz igj ährigen Jubiläumsfeier der israelitischen deutschen Volksschule in Czernowitz." Vor uns liegt ein stattlicher Quartband*), — nebenbei erwähnt in vornehmer Ausstattung und gefälligertypographischerAussührung,—derinknappen Umrissen, jedoch möglichst erschöpfend ein getreues Spiegelbild des Werdeganges, der Entstehung dieser Lehranstalt gibt. Die „Gedenkschrift" ist im Aufträge der israelitischen Gemeinderepräsentanz von K. Dubensky, derzeit definitiver Direktor der Schule, verfaßt. Sagen wir es nur gerade heraus, die Wahl des Autors hätte nicht besser sein und die Czernowitzer Kultusgemeinde hätte, wie in Vielen, so auch hier, keine glücklichere Hand beweisen können. Den Befähigungsnachweis für die Autorschaft hat Direktor Dubensky schon damit erbracht, daß er seit November 1881 als Lehrer überhaupt und seit 1. Jänner 1899 als Lehrer und seit 1897 als Direktor der israelitischen deutschen Volksschule in Czernowitz wirkt, in welch letzterer Stellung er auch derzeit vorteilhaft amtiert. Die Jubiläums-Denkschrift ist äußerst wirkungsvoll eingeleitet mit einem die Jubelfeier behandelnden „Vorwort" und mehreren die österreichische Volksschule in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, — das Schulwesen und die Juden — die Entstehungsgeschichte der Jubelschule — behandelnden Abschnitte, die der eifrigen Lektüre eines jeden Fachmannes, ja eines jeden sich für die Geschichte der Juden und des Judentums Interessierenden empfohlen sind. In weiteren Kapiteln wird beschrieben: Die Schulerrichtungsurkunde, das Lehrpersonal bei Eröffnung der Schule und in den späteren Jahren, die ersten und späteren Zöglinge der Anstalt, die Jubelschule vor und nach Schaffung des Reichsvolksschulgesetzes, das eigene Schulgebäude, die Besetzung der Direktorposten, das Lehrerregulativ, die Schulaufficht, die Stellung und Haltung der Gemeindevertretung, Lehrplan und Stundenausmaß, Lehrmittel, Lehrer und Schülerbibliothek, Wohltäter der Schule, Pensionsfond, Schulfrequenz rc. Der Raum dieses Blattes gestattet leider nicht, auf die eine Fundgrube des Informativen und Instruktiven bietenden Kapiteln des Näheren einzugehen. Man muß Abschnitt für Abschnitt, Zeile für Zeile lesen, will man sich mit der Fülle des Stoffes vertraut machen. Wer sich aber dieser dankbaren Aufgabe unterzieht, wird es nicht zu bereuen haben, denn er wird erbaut und höchst befriedigt sein. Der Autor der Jubeldenkschrift ist nicht nur ein formvollendeter Stilist, er ist auch ein vortrefflicher Historiker, dies erkennt man auf den ersten Blick an der geordneten Behandlung des reichlichen Materiales, an der Auswahl der Aktenstücke und Belege. *) Czernowitz 1905, Druck „Austria", Czernowitz. — Verlag der israelitischen Kultusgemeinde. K. Dubensky.