Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 43 (27.10.1905)
- Date
- 1905-10-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Rr. 43 Der Prediger (Eine Vision.) „Und predigen Sie schön; in unseren Tagen will man durch die Predigt nicht belehrt werden, man will schöne Worte hören; das ist das Wichtigste. Besonders bei den sogenannten Casualien, Trauungen und Beerdigungen, kommt es auf die schönen Worte, auf den richtigen Takt des Redners an. Nur die Leute, um Gotteswillen, nicht aufregen, denn unser Geschlecht ist ohnehin ein nervös aufgeregtes. Und predigen Sie nicht mit lauter Stimme, sagen Sie, wenn Sie wollen, den Leuten Komplimente, aber beileibe keine Wahrheiten. Dies verträgt unser Geschlecht nicht. Es will heute über ein schwaches Viertelstündchen hinweggetäuscht werden, aber ich bitte Sie, wer verträgt jetzt sogenannte „Techochoh"; man glaubt sie ja ohnehin dem Rabbiner nicht. Und predigen Sie nicht lange. Da hat der Eine ein wichtiges Geschäft abzuwickeln, der Andere will nachmittags nicht zu spät zu seiner „Partie" kommen, die Frauen haben wichtige Küchen- und andere Besorgungen, und all' dies stört der Prediger mit seinen nicht endenwollenden Reden. Das konnte vor Jahren Mannheimer oder Jellinek sich erlauben, die heutige Generation lebt rascher und will der Synagoge nicht allzuviel Zeit gönnen. Es „dehnt sich" der Vorbeter, und wenn „sich auch der Prediger zieht", ich bitte Sie, wie wird dann der „Andächtige" Andacht bewahren?" Der junge Prediger hatte diese väterlichen Ermahnungen angehört, die aus dem Munde eines „Erfahrenen" wie Honigseim flössen, sich dann in sein stilles Heim begeben und dieses mit langen, bedächtigen Schritten einigemale durchmessen. „Ich armer Tor", so sprach er endlich leise zu sich, „jetzt bin ich so klug, wie zuvor". „Schön, still, kurz soll ich reden; aber was? Darüber hat mir der väterliche Ratgeber nichts gesagt. Einen Gedanken, o Herr, sende mir, einen Gedanken". Er hatte sich auf weichem Pfühl niedergelassen. Das philosophische Werk, das er vor sich aufgeschlagen hatte, vermochte ihn wenig zu interessieren, und allmählich hatte ihn Vater Morpheus, der Erlöser von allem Uebel, in die Arme genommen, er war eingeschlafen, der junge Prediger. Da öffnete sich leise die Türe des ruhigen Studierzimmers und ein altes, gebrechliches Weib schlich sich in dieses mit leise tastenden Schritten. Und nun begann es mit tränenerstickter Stimme: „Ich bin die Armut. Sie ist groß in der Mitte Deines Volkes. Wie viele Tränen gibt es da zu trocknen, wie viele Herzen zu erquicken! Es war anders in vergangenen Zeiten. Da hat der Jude seine armen Volksgenossen nicht darben lassen. Wenigstens, wenn die Feiertage kamen, hat man fich der Armen warm angenommen. Das ist nun anders geworden. Die Juden feiern zwar Sabbathe und Feste, aber es sind nicht die Ihrigen, wie sollten sie sich der Armen vor ihren Festen erinnern? Die Juden sind wohltätig, aber ihre Wohltaten spenden sie den undankbaren Fremden. Unsere Armen müssen darben und hungern. Wir wissen auch nicht, was wir Elenden, wir Enterbten mit unseren Kindern anfangen sollen, überall werden sie zurückgestoßen, überall ausgeschlossen. Traurig sieht es aus mit der Zukunft unseres Volkes. Es wäre an der Zeit, wenn unsere Führer und Lehrer, so sie es sein wollen, sich unser annähmen. Du bist jung, auf, wirke, arbeite für Dein Volk, nimm Dich an der Armen und Dürftigen, gehe in ihre Hütten, erkenne und beherzige, was ihnen fehlt, hilf, hilf mit Taten, wo die schönsten Worte nichts nützen . .." Der Schläfer rührte sich ein wenig im Schlafe, mit den Händen fuhr er wie unwillkürlich über die müden Augen und flüsterte: „Wirken, Tun, Helfen — ja. Helfen ..." Und er schlief weiter. Der Schlummer des Herrn schien über ihn gekommen. Draußen senkten fich abendliche Nebel hernieder. Es wurde nach und nach ganz Seite 679 finster. Die Menschen eilten ihren Behausungen zu, manche jagten nächtlichen Vergnügungen nach. Und wieder öffnete fich, nachdem das alte Weib die stille Klause des Schläfers verlassen, die Türe, und hereintrat ein wilder, trotziger Junge und stellte fich vor den Pfühl des müden Schlummerers. Und der Jüngling begann mit trotziger Geberde: „Was kümmert mich Dein Judentum, das Du mit säuselnder Rede in der Synagoge verkündest; lange genug habe ich seine Last ertragen, aber nun soll es anders werden. Die Klugheit hat gesiegt über die Moral, die Du verkündest und die Dich, nicht aber mich nähren mag. So bin ich denn zu den „Anderen" übergegangen. Ihr habet euere Pflicht der Jugend gegenüber nicht getan, euere Handlungen entsprachen nicht eueren Worten. So bin ich denn das Produkt einer modernen Erziehung geworden. Warum soll ich mich überall wegstoßen und mit verächtlichem Blicke ausschließen laffen? Was ist mir Religion? Hat man mich sie schätzen gelehrt? Hat man mich darin unterrichtet, die sogenannten Güter unseres Volkes höher zu halten, als die der Erde und anderer Völker? Ich bin das Geschöpf einer neuen Zivilisation, was ist mir Dein Judentum, an das ich nicht glaube, und Andere" — jetzt verzerrte fich sein Antlitz in höhnischer Weise — „noch weniger". Der Schläfer bewegte sich unruhig auf seinem weichen Sitze. Kalte Schweißtropfen perlten ihm auf der Stirne, er rang nach Atem, die Hand bewegte fich zitternd nach der Seite hin, wo der Sitz des Herzmuskels ist, dann wieder machte er abwehrende Bewegungen und rief mit leisem Beben: „Unsere Jugend, ach, unsere Zukunft . . ." Der trotzige Knabe war verschwunden, wie er gekommen, und der Schläfer hatte fich beruhigt. Es war inzwischen völlig Nacht geworden. Das Hausmädchen betrat die einsame Stube und, als fie den Schläfer erblickte, der so sanft eingeknickt war, verließ fie diese wieder so leise, wie fie gekommen. Und wieder öffnete fich die Tür des Gemaches und ein gekrümmter Rücken schob fich durch die Oeffnung. Es war ein Mann in mittleren Jahren, sein Angesicht zeigte abgehärmte Züge, die Augen lagen tief in den Höhlen und sein Anzug ließ vergangene, bessere Zeiten erkennen. Und nun begann er mit heiserer, hastiger Stimme: „Wir haben schönere Tage gesehen. Der Jude hat fich ehrlich und redlich ernährt, seine Kinder wohl erzogen, für seine Familie fleißig gesorgt, hat auch noch immer etwas für fich und die Armen erspart, hat seinem Judentum frommen Herzens gedient, das ist nun alles, alles anders worden. Der Erwerb wird heute dem Juden fast unmöglich gemacht; überall gegnerische Konkurrenz und feindseliger Boykott; wovon soll man leben, wie die Kinder erziehen, wie soll man für die Zukunft sorgen? Unser jüdischer Mittelstand, einst unsere Zierde, geht zugrunde, und auf wen sollen wir uns stützen! Nirgends find Freunde, überall nur habsüchtige, rachsüchtige Gegner zu sehen, Haß und Neid umlagern uns. Unsere Väter halten ihren Glauben, doch was haben wir? Verzweiflung und Trostlosigkeit haben uns ergriffen. Wer wird uns helfen?" . . . Der müde Schläfer fuhr nun hastig auf aus dem Schlummer, der ihn so lange gefangen gehalten. ... Er mußte fich auf den Ort besinnen, an dem er fich befand, nach und nach kam er zu fich. Er rieb sich den Schlaf aus den Augen und merkte jetzt, wie ihn tiefes, schwarzes Dunkel umgab. Und er gedachte der „süßen, väterlichen Ermahnungen" seines Ratgebers, er gedachte aber auch seiner Träume. Hastig entzündete er die Lampe auf seinem Schreibtische, warf mit wildem Grimme das philosophische Werk, welches ihn eingeschläfert hatte, von fich und rief aus: „Was sind schöne, was stille oder laute Reden, was viele oder wenige Worte in dieser Zeit? Armut umgibt uns, unsere Jugend wird abtrünnig, der Stecken des Brodes wird unseren Männern genommen, gibt es da nicht genug zu wirken, zu tun, zu helfen! Dr. Dlocv s Mocvenscbrttt.