Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 43 (27.10.1905)
- Date
- 1905-10-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 676 Dr. Llocb's MocbenscbrtN. Nr. 43 Betrieb der literarischen Plätte- und Appreturanstalt!" In seinem Zornesausbruch übersieht das ultramontane Blatt neben vielen anderen Dingen auch das, daß historische Tatsachen nicht mit sich handeln lassen. Sie sind zu nehmen, wie sie sind. Es muß eben ein Unterschied gemacht werden zwischen historischen Tatsachen und frommen Legenden. Für die elfteren kommt es in allererster Linie auf die Wahrheit an und eine historische Kritik kann nicht immer gerade dort Halt machen, wo die Geschichte anfängt, der Redaktion der „Reichspost" unangenehm zu werden. Sollte die Forschung erweisen, daß wirklich nicht Nero den Brand von Rom veranlaßt hat, so wird man sich auch damit abfiuden müssen. Ebenso ist es mit den anderen Tatsachen, ob sie nun der „Reichspost" passen oder nicht, die ihrerseits nicht verlangen kann, namentlich nachträglich nicht, daß sich die Ereignisse früherer Jahrhunderte und Jahrtausende gerade nach ihrem Wunsche vollzogen haben müssen. Sie kann auch nicht wollen, daß der Katholizismus sich stütze auf angebliche Tatsachen, die als unwahr erwiesen wurden, und daß er gerade aus diesen seine beste Kraft ziehe. Das Interesse an der Wahrheit sollte da und dort ein gleichmäßiges sein. Die historische Wahrheit darf nicht zu einer Frage der Nützlichkeit erniedrigt werden. Das Gelungenste an der ganzen Sache aber ist das, daß dieser Anlaß dazu benützt wird, einen ganzen Kübel von Beschimpfungen über die — „Concordia" auszuleeren, die an dieser Sache doch wirklich ganz unschuldig ist. Dke klerikalen Herren sollten das doch wissen, daß man selbst bei den feierlichsten Anlässen nicht mit der Kirche um's Kreuz geht. -I- 4- * Noch eine kostbare Perle, die gefaßt zu werden verdient. Jüngst große Festversammlung des Vereines zur Heranbildung katholischer Lehrer. Wir folgen einem Berichte eines antisemitischen Blattes. Die Quelle ist also gänzlich unverdächtig: „Die Festrede hielt P. Franz de Paula Boißl 8. J., welcher in derselben für die konfessionelle Schule eintrat. Er schloß mit folgenden Worten: S o lange Unser Dönäureich echt' katholisch bleibt und treu seinem Gott und seinem Kaiser, so lange wird auch wahr bleiben, was wir singen: Heil dem Kaiser, Heil dem Lande. Oesterreich wird ewig steh'n!" Also so lange, aber auch nur so lange wird Oesterreich ewig stehen, also eine Ewigkeit auf Kündigung! Aber die Ewigkeit läßt auch nicht mit sich handeln, meine Herren! Gesterreichisch-IsraeUlische Union. Im großen Saale des „Hotel Post" fand Dienstag abends eine imposante Protestkundgebung gegen die vom Permaneuz-Gewerbeausschusse' beschlossene Einführung des Befähigungsnachweises für die Handelsgewerbe statt. An 300 jüdische Kaufleute waren dem Rufe der „Oestereichisch- Jsraelitischen Union" gefolgt, um gegen die Knebelung der Freiheit des Handelsstandes Stellung zu nehmen. Es waren erschienen: Die Reichsratsabgeordneten Dr. Ofner und Wrabetz, Landtagsabgeordneter B l a ch, Hofrat Baron Hock, die Kultusvorsteher Vizepräsident kais. Rat Moriz Hirsch, kais. Rat Wilhelm Pollak, Eltbogen und Landau, Gemeinderat Dr. Hein, Gremialrat S. Heit, die Herren Lucian Brunner und Dr. Areus. Entschuldigt waren die Reichsratsabgeordneten Kink, Kitschelt Dr. Vogl er und Dr. Lich t, der Präsident des kaufmännischen Gremiums Pollak v. P a r n e g g, die Handelskammerräte Dr. Paul Hammerschlag, Jonas Weil und W e i s s e n st e i n, der Präsident des Vereines zur Hebung der Gewerbe S. Brod u. A. Präsident Sigmund Mayer erklärte kurz den Zweck der Versammlung und erteilte dem Referenten Herrn Dr. Friedrich Hertz das Wort. Dr. Hertz gibt einleitend einen kurzen Rückblick über die österreichische Gewerbepolitik, die seit dem Jahre 1883 nichts als die Vertretung der Interessen einzelner Zünfte bildet. Während sämtliche Kulturstaaten in der Förderung und Ausbreitung der Gewerbe, der Industrie und des Handels wetteifern, können wir uns in Oesterreich in der Abgrenzung und Einschränkung der Rechte der einzelnen Betriebe nicht genug tun. Daraus resultieren einerseits die kleinlichsten und lächerlichsten Kompetenzstreitigkeiten der verschiedenen verwandten Gewerbe, andererseits das immerwährende Nachhinken der Industrie und des Handels gegenüber dem Auslande. Redner beleuchtet die Zustände in Deutschland, wo trotz unbedingter Gewerbefreiheit Handel und Gewerbe in den letzten Jahrzehnten einen ungeheueren Aufschwung genommen haben und wo im Vorjahre in einer Konferenz in Köln die Gewerbetreibenden sich ausdrücklich gegen die Einführung des Befähigungsnachweises ausgesprochen haben, da derselbe nur eine Schädigung ihrer Interessen zur Folge haben würde. Auf den Befähigungsnachweis für Handelsgcwerbe übergehend, betont Dr. Hertz, daß derselbe weniger von den kleinen Handeltreibenden, als von den kleinen Handwerkern gefordert werde. Redner erörtert, daß dieselben durch die Fortschritte, die das System der Arbeitsteilung gemacht, zu einer solchen Forderung weder berechtigt seien, noch liege dieselbe in ihrem Interesse, da die meisten Kleingewerbetreibenden heute einen Handel mit in ihr Gewerbe einschlägigen Artikeln führen. Redner weist darauf hin, daß dem Gewerbe-Ausschüsse zwei Projekte Vorgelegen seien, der spezielle und der generelle Befähigungsnachweis. Die Zünftler haben sich für die letztere Form entschieden. Darin liege wiederum eine schwere Schädigung der kleinen Handwerker. Denn während der Uebertritt von einem Handelsbetriebe in den anderen möglich ist, ist es dem Handwerker benommen, ein Handelsgewerbe zu betreiben. Redner erklärt, daß in dieser ganzen Gewerbepolitik der antisemitische Zug klar zu erkennen sei, da man für alle jene Berufe, die sich vorwiegend in arischen Händen befinden und die durch die neue Bestimmung geschädigt werden könnten, Ausnahmsbestimmungen getroffen.hat. Es sei übrigens zu gewärtigen, daß die Zünftler bei den errungenen Erfolgen nicht stehen bleiben und nicht ruhen werden, ehe sie auch den speziellen Befähigungsnachweis durchgesetzt haben werden. Darin liege eben die Gefahr dieser Politik, daß sie in ihrem weiteren Verfolge zu einer gänzlichen Scheidungzwischen Pr oduktiv- und Handelsgewerbe führen wird und daß man schließlich für jede einzelne Branche einen speziellen Befähigungsnachweis oder richtiger Verwendungsnachweis benötigen wird. So ist es wohl zu erwarten, daß die Zünfte, die sich so viele Segnungen von dem neuen Gesetze erwarten, auch dessen Schattenseiten zu fühlen bekommen werden und daß ein wirtschaftlicher Aufschwung von einer solchen Politik nicht zu erwarten ist. Es komme da hauptsächlich auf die Handhabung der Gesetze von Seiten der Behörden an, sowie auf die geistigen und moralischen Fähigkeiten der breiten Massen. Das sei ja ein Hauptgrund der sich in Oesterreich so häufig wiederholenden Krisen, daß dem Volke jegliche wirtschaftliche Elastizität, jeder breitere ökonomische Horizont fehle. Anstatt ^er Verfechtung der Interessen breiter Volksmassen ergeht man sich bei uns in der Wahrung der divergierendsten Einzelintereffen und sucht sein Heil in den erbittertsten Konkurrenzkämpfen. Redner erklärt, daß es daher die Pflicht jedes Einzelnen sei, Stellung zu nehmen gegen die Tendenz einer solchen zünftlerischen Wirtschaftspolitik, nicht nur in einzelnen Korporationen und Versammlungen; der Kampf und die Agitation müsse anch hinausgetragen werden in die breiten Massen. Es müsse dem Volke klar gemacht werden, daß das Wohlergehen jedes Einzelnen im Staate nicht von einer Einschränkung/son-