Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-10-27 · 43 (27.10.1905) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
43 (27.10.1905)
Date
1905-10-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3020846-3021602-3021646--14891-3039627
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 674 Dt. Ltocv's MLocvenscvnn. Nr. 43 den neuen jüdischen Staat englisch-national einzurichtcn und englische Verwaltung zu haben. Nur unter englischen Gesetzen könne ein neues Gemeinwesen florieren. Die.auswandernden Juden müßten sich englischen Verhältnissen akklimatisieren, sich den Engländern assimilieren. Es dürfe sich nicht um nationale Gegeneration handeln, sondern nur um eine rein soziale Bewegung, deren Anfang Emigration, deren Ziel Kolonisation, deren Ende Assimilation sein müsse. Dem traten die Herren Herbert B e n t w i ch, Dr. Friedeb erger und Greenberg äußerst wirkungsvoll entgegen. Herr Greenberg legte dar, daß es etwas ganz anderes sei, von einer Regierung Land angeboten zu bekommen oder bei ihr um Land schnorren zu gehen. Nur weil die englische Regierung uns Zionisten das Landangebot gemacht hätte, hätten wir uns in Unterhandlungen eingelassen. Aus dem Kongreßbeschluß sei aber hervorgegangen, daß gerade die russischen Juden, denen es doch am schlechtesten ginge und die das Hauptkontingent der Judenheit verkörperten, gar nicht daran dächten, in irgend ein beliebiges Land zu ziehen. Sie wollen nach Zion und nur nach Zion. Wir haben hier eine Ansicht gehört, sagte Herr Greenberg, daß die russischen Juden nicht so sehr an ihrer Religion hängen, als sie von dem Gedanken an ein ruhiges Leben beseelt sind; aber selbst zugegeben, daß diese Ansicht so richtig wäre, wie sie falsch ist, so wollen wir Zionisten eben den armen Leuten, denen der Sinn für etwas Höheres abhanden gekommen ist, wieder ein Ideal geben, das ihnen d >.s Leben als des Lebens wert erscheinen läßt. Herr Wolfs sagt, er bestreite die Existenz der jüdischen Nationalität. Ich weiß, am Jom-Kippur geht Herr Wolfs in die Synagoge und spricht den ganzen Tag seine Gebete. Lassen sie doch einmal alle Gebete nationalen Inhalts aus Ihrem Gebetbuch fort und sehen sie zu, ob Sie dann noch 12 Stunden lang zu beten haben. In wenigen Stunden werden Sie alsdann schon fertig sein. Herr Greenberg führte verschiedene Stellen an aus Zangwill; chen Agitationsreden früherer. Jahre, in denen Zang- Will sagte, nur auf nationaler Basis und nur in Palästina könne der gegenwärtigen Judennot gesteuert werden. Wie vereinbart sich dies mit Herrn Zangwills jetziger Haltung? Zum Schluß richtete Herr Greenberg an diesen die Frage, ob er für das zu erlangende Territorium jüdische Autonomie verlangen wolle oder picht. In einem Schlußworte antwortete Herr Zangwill auf die ihm gemachten Einwürfe. Er wählte die Form eines humoristischen. Vortrages. Als der Redner die Entgegnung des Prof. Dr. Friedländer streifte, warf dieser ein: „Ich habe nicht das gesagt, sondern ich sagte." „Was Sie auch immer gesagt haben mögen", unterbrach Zangwill, „ich bin doch ganz anderer Ansicht". Mit schallendem Gelächter wurde dieser Witz von der Versammlung ausgenommen. Ein Witz jagte den anderen. Auf die Frage des Herrn Greenberg nach der Autonomie antwortete Zangwill: „Wenn die auswandernden Juden Autonomie werden haben wollen, so werden sie sie bekommen, sonst nicht." Auch sonst findet die I. T. O. in unseren Ländern neue Anhänger. So hat der in Chicago bestehende Orden „Free Sous of Israel“, der in der Annahme, daß der Zionistenkongreß das Ostafrikaprojekt annehmen werde, sich korporativ der Zionisten- Organisation angeschlossen hatte, jetzt seinen Austritt erklärt und ist der I. T.-O. beigetreten. Besonders wertvoll für die I. T.-O. ist jedoch der Gewinn zweier Männer, die als die vornehmsten Repräsentanten der amerikanischen Judenheit gelten können, wir meinen den früheren amerikanischen Gesandten bei der Pforte Mr. Oskar Strauß, sowie den Präsidialrichter Mr. Mayer Suhberger. Brief von Mayer Sulzberger. 1303. Girend Avenue. Philadelphia, den 1. Oktober 1905. Mein lieber Zangwill! Ich unterstlitze von Herzen gern die Jüdische Territorial- Organisation. Sie wißen, daß ich jeder Zeit über alles empört war, was nach Anti-Zionismus roch, obgleich mir der zionistische Plan, die Herrschaft über Palästina zu erlangen, unter den gegenwärtigen Verhältnissen niemals ausführbar erschien. Das Projekt der I. T.-O. mag Schwierigkeiten in der Durchführung bieten, es ist indessen der ernsthaftesten Prüfung wohl wert. Weit davon entfernt, dem Zionismus entgegengesetzt zu sein, ergänzt die I. T.-O. ihn vielmehr und wird, wenn sie in allem erfolgreich ist, bei seiner Erfüllung und endlichen Realisation ihm beistehen. Die andere Hand streckt die I. T.-O. zur I. C. A. hin, und sie sollte schließlich in ihrer praktischen Seite imstande sein, mit jener konservativen und wohlmeinenden Gesellschaft in Eintracht zu wirken. Ich wünsche Ihnen und der I. T.-O., Gott möge sich eilen! Die Wahrscheinlichkeit, daß Ihre selbstlose Ergebenheit zu der Sache der Dürftigen und Bedrückten Lächerlichkeit und Verleumdung über Sie bringen wird, wird, dessen bin ich sicher, weder die Heiterkeit Ihres Sinnes stören, noch Sie veranlassen, in Ihrem Vorsatz zu wanken. Ich bedauere nur, daß äußere Umstände mich darin verhindern, einen aktiveren Anteil an der Sache zu nehmen als bloß einfaches Mitglied zu sein. Unter Ihrer Führerschaft würde ich gern an jeder Aufgabe arbeiten, die mir zugewiesen wird. Möge das neue Jahr Gesundheit und Glück Ihnen und Ihrer Frau bringen, sowie Kraft und Stetigkeit der I. T.-O. Stets Ihr sehr ergebener Mayer Sulzberger. Brief von Mr. Oskar Strauß, früherer Gesandter der V. St. v. Ä. in Konstantinopel. 3. Oktober 1905. Lieber Mr. Zangwill! Ich habe Ihren Brief vom 21. v. M. sowie die Nummer der „Times" vom 12. v. M., welche Ihren Briefwechsel mit Lucien Wolff betreffend die Schaffung einer autonomen jüdischen Kolonie in Britisch Ostafrika enthält, erhalten. Sie bitten mich um meine Sympathie und Mitarbeit. Ich erinnere Sie an unser Gespräch über diesen Gegenstand, als Sie letzten Winter hier waren. Ich sagte Ihnen damals und will es Ihnen wiederholen, daß ich keinen Grund sehe, warum eine Judenkolonisation nicht erfolgreich sein soll, besonders unter Britischem Schutz, vorausgesetzt nur, daß das Land hinsichtlich der Fruchtbarkeit, des Klimas und der Lage geeignet ist, und daß in den ersten Jahren wenigstens die Kolonisten mit der notwendigen Rücksicht auf ihre Fähigkeit zu den schwierigen Arbeiten ausgewählt werden, die ihnen als den Pionieren zufallcn werden. Ich sympathisiere vollkommen mit den von Ihnen entworfenen Plänen, und ich freue mich, zu erfahren, daß Sie mit Mr. Wolff sich verständigt und Hand und Sinn vereinigt haben, um diesen verheißungsvollen und ruhmvollen Kolonisationsplan anszuführen. Verheißungsvoll deshalb, weil Großbritannien in der Weltgeschichte bewiesen hat, daß es selbst die fruchtbarste und selbstloseste Mutter von gesunden, selbständigen Kolonien ist Ruhmvoll, weil der Plan, wenn er erfolgreich ist, einen Ruheplatz für die verfolgten Kinder Israel schaffen wird, die sich, wie schwierig auch der Anfang sein mag, als eine britische Kolonie ohne Gefahr der Schmälerung des Lebens der Freiheit und des Glückes werden erfreuen können. Es ist ein historisches Recht für die Nachkommen Josephs, daß sie unter einem großen und friedliebenden König nach Verlauf von 4000 Jahren auf demselben Erdteil den Wiederaufbau eines Staates beginnen. Welch anderes Volk könnte solches tun und die Weisheit und die Erfahrung mitbringen, mit welchen 30 Jahrhunderte des Leidens es für das große Werk so wundervoll ausgestattet haben. Als ich zuerst von dem großmütigen An-.rbieten der britischen Regierung an Herzl hörte, hoffte ich, daß es angenommen werden könnte und würde; und ich bin glücklich, zu wissen, daß Sie der Prophet und Leiter des neuen Exodus sind. Alle Kolonisationsvläne, lehrt die Geschichte, sind mit Schwierigkeiten beladen und haben im Anfang Teilmißerfolge zu erwarten, wofür unsere Puritanerpilger ein schlagendes Beispiel liefern. Aber wie auf diesem Kontingent, so können auf jenem diese neuen und doch ältesten Puritaner und Pilger ein Reich gründen, das Ruhm dem Mutterlande bringen, die Fackel der Zivilisation in den dunklen Erdteil hineintragen und eine Zufluchtsstätte für die Bedrückten in Israel sein wird. Ich vertraue fest darauf, daß die Jewish Colonisation Association (J. C. A.) klar ihren Weg erkennen, d. h. ihre Energie und ihre Hilfsquellen diesem Plane widmen wird, denn auf Grund meiner intimen Bekanntschaft mit Baron v. Hirsch und seinen Plänen bin ich davon überzeugt, daß er einer Kolonisation unter britischem Schutze jedem anderen Plane oder dem Schutze jeder anderen Regierung vorgezogen hätte. Aus diesem Grunde wollte er die Insel Cypern wählen, wenn die Umstände es erlaubt hätten. Ich enthalte mich dessen, auf die Details einzugehen, aber ich kann nur Ihrer weisen und sympathischen Mitarbeiterin, Mrs. Zangwill, zustimmen, daß der Gouverneur der Kolonie nicht nur ein Jude sein soll, sondern auch ein britischer Untertan, weil dieser am besten den Genius der britischen Kolonisationspolitik und Kolonialverwaltung versteht. Ich verbleibe Ihr aufrichtig ergebener Oskar Strauß.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.