Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 42 (20.10.1905)
- Date
- 1905-10-20
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Stile c>70 Dr. Llocv's MlocbenscdrM. Nr. 42 über ihre künstlerische Veranlagung gewinnen kann. Bevorzugt bei der Aufnahme werden Schüler, welche Mittel zum Lebensunterhalt haben. Es können jedoch auch solche ausgenommen werden, welche keine Mittel besitzen, wenn sie sich durch besondere Begabung auszeichnen. Es ist deshalb sehr erwünscht, daß dem Komitee Mittel zur Bildung eines entsprechenden Stipendienfonds zur Verfügung gestellt werden. Luzern. Der XIV. Weltfriedenskongreß, welcher vorige Woche hier versammelt war, hat eine von Frau Marajat- C h e l i g a, Präsidentin der Pariser „Frauenliga zur Erziehung zum Frieden", beantragte Resolution einstimmig angenommen, in welcher über das Verfahren der russischen Regierung gegen die Juden Entrüstung und Abscheu ausgesprochen wird. Zusammenstöße zwischen orthodoxen und sozialistischen Juden. London. Im Ostende Londons kam es kürzlich anläßlich des Versöhnungstages trotz eines großen Polizeiaufgebotes zu Zusammenstößen zwischen orthodoxen und sozialistischen Juden. Die letzteren haben einen dicht neben der Synagoge befindlichen Klub, in dem gegessen, getrunken und abends konzertiert wird. Es kam dabei, wenn sich einer auf der Straße blicken ließ, zu Schlägereien mit den Orthodoxen. Ein alter Mann soll in den Magen gestochen worden sein. Die genaue Zahl der Unfälle ist noch nicht bekannt. Paris. (Der Nachlaß desBaronsAlphonse Rothschild.) Nach der jetzt beendeten amtlichen Aufnahme beträgt der Nachlaß des Barons Alphonse Rothschild in Paris rund 940 Millionen Francs. Der französische Staat erhält an Erbschaftssteuern 21 Millionen Francs. Die Witwe des Barons Alphonse Rothschild, Baronin Leonore, eine Schwester des Chefs des Londoner Hauses, des Barons Nathaniel Rothschild, erbt 470 Millionen der Sohn, Baron Eduard Rothschild und die an Herrn Eftufsi verheiratete Tochter Beatrice erben je 224 Millionen Francs. Regieruugsverbot gegen deu Zionismus in Palästina. Eine aufsehenerregende Mitteilung enthält die jüngste Nummer des „Hamizpah". Hiernach hat die türkische Regierung das strenge Verbot erlassen, in Zeitungen über Zionismus zu schreiben. Unter anderen jüdischen Zeitungen erhielt auch die in Jerusalem erscheinende hebräische Zeitung „Haschkafah" eine solche Warnung zugestellt. Mehrere Zionisten in Palästina sollen wegen ihrer zionistischen Betätigung mit empfindlichen Strafen bedacht worden sein. Die palästinensischen Territorialsten stellen diese scharfen Maßregeln als die Folgen des Verhaltens der Zione-Zionisten und der Freiburger Resolutionen hin. Derselben Quelle zufolge sollen die Führer von christlichen Wallfahrten nach dem heiligen Lande gegen die dortige jüdische Hausindustrie (Andenken, Nippes u. s. w.) den Boykott ausgesprochen haben, der auch sehr streng durchgeführt wird. Daß die Juden dadurch großen Schaden erleiden, manche von ihnen an den Bettelstab gebracht werden, ist leider nur allzu wahr. Unsere Juden aber, bemerkt das Blatt sehr richtig, lohnen dieses niederträchtige Vorgehen damit, daß sie für die Sukkothtage die jüdischen Ethroghändler unberücksichtigt lassen und hierbei den judenfeindlichen Griechen das Geld an den Kopf werfen, obgleich sie in diesem Jahre die Preise um das Doppelte erhöht haben. Feuilleton. Das Fest der Thora Von S. F r u g. Uebersetzt von Malwina B l u m b e r g. „Gymnasium . . . Gymnasium . . . Was, im Chedcr lernt man mehr als im Gymnasium! Als mein Rachmil acht Jahre alt war, kannte er schon den Pentateuch mit Raschi und anderen Kommentaren so genau wie seine fünf Finger. Und in seinem zwölften Jahre konnte Niemand im ganzen Städtchen sich mit ihm vergleichen — so gesund soll ich sein! . . . Und ich wußte nichts von Hilfslehrern, nichts von Stunden und Schulbüchern, nichts von vorgeschriebenen Mützen mit weißen Streifen. — Ich schickte ihn in den Cheder, und das war alles! Was heißt das, seine Lektionen vorbereiten? . . . Kann man seine Lektionen nicht vorbereiten? Jeder jüdische Knabe muß wissen, daß das Lernen eine Notwendigkeit ist. Wenn er nicht lernen wird, bleibt er unwissend, ein Bauer, ein roher Mensch; Gott behüte ihn davor! Natürlich gibt es auch solche Bursche, aber sind sie in den Gymnasien nicht ebenfalls vorhanden? . . . Dem Melamed liegt die Pflicht ob, das Kind zum Lernen anzueifern; mal mit einem guten Wort, ein anderes mal mit einem Schlag . . . Tut weiter nichts, bis zur Hochzeit wird es wieder heil . . . und es wird seinem Lehrer noch dafür danken ..." Was Rachmil noch zulernte, als er dreizehn, fünfzehn Jahre und noch mehr zählte, kann ich euch nicht sagen. Das Eine nur weiß ich, daß er zwar kein „berühmter Gaon" geworden ist, nichtsdestoweniger jedoch im ganzen Städtchen für einen Mann des Wissens galt („Jodea sepher“). Da er die im Cheder erworbenen Kenntnisse nie praktisch zu verwerten suchte, hat er nie darüber nachgedacht, inwieweit dieselben gründlich und vielseitig sind. Am Feste „Simchas Thora" jedoch freut er sich so herzlich und aufrichtig, daß wir — die sogenannten intelligenten Juden — von der Tiefe seiner gehobenen Stimmung uns keinen Begriff machen können. * * * Der glückliche Rachmil! Mit welch süßer Auftegung erwartet er alljährlich dieses heitere, angenehme Fest! Mit welchem Stolz ging er einst in seinen Kinder- und Knabenjahren am „Schemini Azeres" bebend in die Synagoge, seine berühmte Standarte (Degel) triumphirend schwingend, um teilzunehmen an dem fröhlichen „Umzug der Thora", bei welchem die Erwachsenen die Gesetzesrollen tragen und die Kinder ihre Fahnen emporheben mit der Inschrift: „vegsl maebns Jehuda“ und mit brennenden Kerzen auf der Spitze der bunt bemalten Stangen. Welche Gedanken weckte in ihm diese großartige Zeremonie und was sagte sie seiner Seele? Auf was wies die schorc hergebrachte Ordnung hin, daß die „Thora" in den Händen der Erwachsenen und die „Standarten" in den Händen der Kinder sich befanden? Die Thora, die von dem ruhigen, rein wissenschaftlichen Wachstum und der Entwicklung des menschlichen Gedankens sprach, und die Fahnen, die an die Schlachten und Kriege für die Freiheit und Würde des Menschen erinnerten... Wer soll lernen und wer kämpfen? Zeigt uns das Leben in allen seinen Erscheinungen nicht die vollständige Inkonsequenz dieser symbolischen Einteilung der beiden Grundaufgaben unseres Daseins zwischen den Vertretern zweier Generationen: Zwischen Väter und Kinder? Wer soll lernen, wenn nicht die Kinder, und wer soll kämpfen, wenn nicht ihr Väter, die ihr in der Kraft des Mannesalters steht, und ihr Großväter, die ihr weise geworden durch Erfahrung? Hat Rachmil diesen sonderbaren Widerspruch bemerkt und die Aufklärung desselben sich angelegen sein lassen? * * * Nein, meine Freunde, Rachmil hat sich niemals derartige Fragen vorgelegt. Ist er doch ein „guter Jude" mit einem heißen „jüdischen Herzen", welches zwar aufrichtig und warm zu fühlen fähig ist, nicht aber seine Gefühle zu analysieren. „08er dalim hoschio no!“ singt der Kantor, der vor der Prozession von Thorarollen und Fahnen einherschreitet, und Rachmil drückt das alte Pergament, das sein Großvater der Synagoge geschenkt, liebevoll an die Brust, und langsam, wenngleich sein Herz voll von Freude und. Entzücken ist, folgt er dem feierlichen Zuge der Prozession. An der Spitze gehen die Kinder mit hoch emporgehobenen Fahnen,