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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-10-20 · 42 (20.10.1905) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
42 (20.10.1905)
Date
1905-10-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 42 Dr. Dwcv s MoebenscvrM. Seite 665 wie alljährlich seit dem Bestände dieses Gottesdienstes, bemüht, das Lokal so würdig als eben möglich zu installieren, und es sei bemerkt, daß er hiebei von Seite des Kasernkommandos in freundlichster Weise unterstützt wurde. Die Vorbeter Adolf Welsch und Soser Mayer Brunner versahen in würdiger, alttraditioneller Form die kantorale Funktion und inbrünstig beteten die Soldaten an diesen drei Tagen, den einzigen im Jahre, an welchen ihnen die Teilnahme am jüdischen Gottesdienste möglich wird. — Am Jom-Kippur hielt vor dem Minchagebete Herr Dr. Armin Abeles, Feldrabbiner i. d. Reserve, eine dem Festtage angemessene, eindrucksvolle Exhorte, der die Soldaten mit weihevoller Andacht lauschten. Einen herzerfreuenden Eindruck machte es, wie es jedem Einzelnen der zur Thora Gerufenen als Auszeichnung galt, eine Aliah erhalten zu haben, wie der Eine in tadelloser Weise Maftir, der andere als freiwilliger Vorbeter das Mah'ariw vortrug. Im Hinblicke auf die bestehenden militärischen Verordnungen kann angenommen werden, daß es dem Kultusvorstande bei energischer Intervention gelingen würde, für die jüdischen Soldaten jene Berücksichtigung des religiösen Bedürfnisses zu erwirken, auf die sie nach dem Gesetze den Anspruch haben. So wie in der Erfüllung der schwersten Bürgerpflicht, soll der jüdische Soldat auch in der Erfüllung der Pflichten seines Glaubens die Gleichberechtigung mit seinen andersgläubigen Kameraden erlangen. F. G e l b.^ Arischer Blutaberglaube. Der Grundbesitzer S o r s k i in Mohilew bei Jaroslau war Von dem Wahne befallen, daß er, wenn er mit dem Blute von fünfzig Kindern sein Grundstück tränkte, auf demselben sicher Schätze finden würde. Er lockte daher Kinder in den Wald, ermordete sie, fing das ausströmende Blut auf und goß es auf seinem Acker aus. Während er eben wieder im Begriffe war, ein Kind zu töten, wurde er von einem zufällig des Weges kommenden Gendarmen bei der grausen Tat ertappt. Nach seiner Verhaftung gestand S o r s k i, daß er bereits sieben^Kinder hingemordet. Er erscheint sonst geistig gesund^ ^1* Ein alldeutscher Agitator als Einbrecher verhaftet. Einer der eifrigsten Agitatoren für die alldeutsche Klique der Herren Baumgartner, Pratschker und Olbrich, und Mitglied des „Deutschnationalen Ortswahlausschusses" der Schuhmachermeister Johann Korzistka, wurde in Troppau als Einbrecher verhaftet. Die Sache kam so: Herr Restaurateur Klimek bemerkte schon seit längerer Zeit fortwährend Abgänge von seinen im Keller aufbewahrten Fleischvorräten, doch alle Bemühungen, dem Dieb auf die Spur zu kommen, waren vergeblich. Er wechselte wiederholt das Personal, das zum Keller Zutritt hatte, aber die Diebstähle dauerten fort. Endlich entschloß er sich doch, die Hilfe der Polizei anzurufen, die nun einen Wachmann in dem Keller postierte, der aber diesmal ergebnislos wartete. Neuerdings versteckte sich ein Wachorgan im Keller und nun ging der Dieb in die Falle. Um 3 Uhr früh kam jemand über die Stiege geschlichen, und als sich die Kellertür öffnete, erkannte der Wachmann zu seinem Erstaunen in dem Eintretenden den im Hause wohnhaften Schuhmachermeister Korzistka, der, sich unbeobachtet glaubend, auf den besonders verschlossenen Keller des Herrn Klimek zuschritt, mit einem Nachschlüssel öffnete, dann ein Blatt Papier aufbreitete und sich anschickte, von dem Fleischvorrate ein Stück einzupacken. In diesem Augenblick erklärte der Wachmann den auf frischer Tat ertappten Einbrecher für verhaftet und eskortierte ihn auf die Wachstube, wo er den übrigen Teil der Nacht verbringen mußte. Korzistka legte bereits ein teilweises Geständnis ab. Der Staatsanwaltschaft wurde hievon die Anzeige erstattet. Interessant ist auch, daß Herr Klimek vor einiger Zeit, um die Diebstähle zu verhindern, die Schlösser an den Kellertüren ändern ließ. Der Einbrecher war aber bald wieder in der Lage, sich entsprechende Nachschlüssel zu verschaffen und seine Approvisionierung weiter aus dieser billigen Quelle zu besorgen. Solche Leute, die sich auf alle Kniffe verstehen, find eben die richtigen Agitatoren und Wahlmacher für unsere radikale Klique. Die anständigen Elemente der Partei, die es in der Hand hätten, an passender Stelle einmal ein ernstes Wort zu sprechen und den ekelerregenden Auswüchsen des von derlei Agitatoren betriebenen Wahlkampfes ein Ende zu bereiten, es aber nicht tun, haben es nur sich selbst zuzuschreiben, wenn sie gelegentlich mit solchen Leuten in einem Atem genannt werden müssen. Ein Professurskandidat als antisemitischer Brandleger. Die gewöhnliche Annahme über die Kraft des Antisemitismus geht dahin, daß er nur dem Mob die Kraft der Ueberzeugung bis zum Grade von Mord und Todschlag verleihe. Eine vielsagende und erschreckende Tatsache zeigt uns nun die schlummernde Bestie auch unter den Gebildeten, die nicht einmal von den Segnungen humaner Univerfitätsbildung zurückgehalten werden konnte, ihrem fanatischen Haß gegen die Juden nachzugeben. Im Schiffsbauetablissement Lazarus in Fiume war ein Brand ausgebrochen, der 500.000 Kronen an Wert vernichtet hatte. Nun wurde gemeldet, daß der Brand von einem Professurskandidaten, dem absolvierten Hörer der Philosophie an der Wiener Universität Milan Popovic, gelegt worden sei. Popovic, den man zuerst als vermeintlich Irrsinnigen auf die Beobachtungsabteilung gebracht hatte, wurde von den Aerzten als normal erklärt. Einem Journalisten hat er selbst über den merkwürdigen Beweggrund seiner Tat berichtet. Er war wegen Trunkenheit von seiner Stellung als Hilfslehrer in Dolnja Tuzla entlassen worden. Aller Mittel entblößt, wurde er nun zum Verbrecher. Er verübte Diebstähle und lebte überhaupt von kleineren verbrecherischen Handlungen. Auf seinen unsteten Wanderungen kam er dann nach Fiume. Er hatte sich das Schiffsbauetablissement schon lange als Opfer ausgesucht. In einem günstigen Moment drang er in das Innere und legte den Brand. Ueber das Motiv beftagt, gab er an. daß den Juden schon recht geschehe. Der Haß gegen die Besitzer habe ihn dazu veranlaßt. Er sei schon in Wien Mitglied eines antisemitischen Vereines gewesen. Die Frage, ob ihm die brotlosen Arbeiter nicht leid täten, verneinte er. Das ist die Macht des Antisemitismus über gebildete Geister. „Die Welt". Der antisemitische Defraudant Lehleitner in Dresden wurde zu 1 Jahr 8 Monaten Gefängnis und den üblichen Nebenstrafen verurteilt. Die Verhandlung zeitigte ein interessantes Bild von der geradezu hypnotischen Macht eines skrupellosen Menschen, der die „Sozialpolitik der Dummheit", den Antisemitismus, benutzt, um im Geschäftsleben eine Rolle zu spielen und dabei auf unreellster Basis zu operieren. Nur als Antisemitenhäuptling, umgeben von einem aus Antisemiten bestehenden Ausfichtsrat, der dem Führer gegenüber aus jegliche geschäftliche Kontrolle verzichtete und sich gründlich nasführen ließ, war es Lehleitner möglich, sich eine Reihe von Jahren hindurch zu behaupten und seine zahlreichen Schwindeleien zu verschleiern. Lehleitner hat eine recht bewegte Vergangenheit hinter sich, doch gelang es ihm, als er Ende der 90er Jahre nach Dresden kam, hier bald Oberwasser zu gewinnen. Das wurde ihm umso leichter, weil er sich als strammer Antisemit dem Dresdner Reformverein anschloß und in ihm — wenn er dies auch in Abrede zu stellen suchte — bald eine führende Rolle übernahm. Eine Zeit lang wohnte der Direktor in Königsbrück, wo er eine prächtige Villa mit großem Waldpark besaß. Das Geld hierzu hat er, wie nunmehr feststeht, wenigstens zum Teil, aus der ihm anvertrauten Genossenschaftskasse entnommen und dadurch eine ganze Anzahl kleiner Leute geschädigt. Daß die Veruntreuungen des Direktors einen derartigen Umfang — ca. 170.000 Mark — annehmen konnten, dürste zum großen Teile Schuld des damaligen Auffichtsrates sein, dem der Stadtrat Dietz, Postsekretär Feyerherm, Stadtverordneter Handtke, Fabrikant Eichblatt, Rechtsanwalt Engert, Dr. Holst und Kaufmann Ließner, sämtlich intime Parteigenossen des Angeklagten, angehörten.

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