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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-10-20 · 42 (20.10.1905) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
42 (20.10.1905)
Date
1905-10-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 660 Dr. Llocb's MocbenscbrM. Nr. 42 nachmalige Gattin des durch Selbstmord geendeten Bezirkshauptmannes v. Hervay, nach Abbüßung ihrer einmonatlichen Kerkerstrafe aus dem Landesgerichte entlassen. Die Hervay, die schon um 7 Uhr morgens enthaftet werden sollte, bat, bis 8 Uhr in ihrer Zelle verbleiben zu dürfen, angeblich weil s i e n i ch t gewöhnt sei, so früh aufzustehen. Ihrem Wunsche wurde willfahrt. Eine so zarte Rücksichtnahme, ein solches Eingehen auf die „Wünsche" eines entlassenen weiblichen Sträflings dürfte im „grauen Hause" zum erstenmal geübt worden sein. Es bleibt nun die Frage offen, ob alle weiblichen Verbrecherinnen mit der gleichen Courtoisie behandelt werden, wie die Tochter des jüdischen Taschenspielers, wenn sie eben nicht jüdischen Stammes sind? — Man hätte auch noch ein übriges tun und der Hervay einen Teppich spannen lassen können, damit ihre Füßchen nicht die Kälte der Marmorsteine des Korridors in so hohem Grade empfinden. Diese Unterlaffung dürfte vielleicht im Landesgerichte noch vieles Kopfzerbrechen verursachen. Eine Frau, die gesühnt und gebüßt hat, was sie auch gefehlt haben mag, und die, wie man auch über sie denken mag, jedenfalls eine Unglückliche ist, wird angeflegelt, aus keinem anderen Grunde, als weil sie jüdischer Abkunft sein soll. Und worin besteht die Korruption, die einen solchen Sturm sittlicher Empörung hervorruft? Sie hatte gebeten, eine Stunde länger im Gefängnis bleiben zu dürfen. Wie da gleich alle Register der Gehässigkeit gezogen, mit welcher Perfidie da gehetzt wird, bloß weil man sein Mütchen am Judentum kühlen möchte. Man könnte meinen, daß die Genrebilder, die wir aus der Gerichtssaalrubrik des „D. V." ausgehoben haben, eigentlich nur Ausnahmen bilden. Dem ist nicht so, wie man sich leicht täglich überzeugen kann. In dieser Art der Berichterstattung liegt System. Sie dient dazu, Gesinnungstüchtigkeit zu bekunden und Gesinnungstüchtigkeit bei dem Publikum des „D. V." zu erwirke». Wenn eine Jüdin ermordet worden ist, dann wird sie von dem gesinnungstüchtigen Blatt als Jüdin stigmatisiert. Das ist die Hauptsache und das erst gibt dem Gerichtsdrama seinen Reiz, lieber das Religionsbekenntnis und die Nationalität der Mörderin werden loyalerweise keinerlei Untersuchungen angestellt. So wirkt man auf das Rechtsgefühl des Volkes ein. * -r- $ Wenn, wie die lateinische Inschrift am äußeren Burgtor so schön besagt, Gerechtigkeit die Grundlage der Staaten ist, so ist sie es nicht auch für den Antisemitismus. Die antisemitische Gerechtigkeit ist von ganz eigener Art. Einige Pröbchen davon haben wir ja geliefert. Was soll man aber auch von den Handlangern erwarten, wenn die Leiter und Machthaber das entsprechende Beispiel liefern? Ist es nicht geradezu ein Hohn auf jedes Gefühl von BMgkeit, was sich nun schon seit geraumer Zeit an der städtischen Schule in der Werderthorgasse abspielt? Durch die Konfiguration der Bevölkerungsverhältnisse hat sich dort von jeher ein numerisches Uebergewicht der jüdischen Kinder über die christlichen ergeben. Es war also nicht zu vermeiden, daß dort ein jüdischer Oberlehrer die Leitung der Schule inne hatte. Der letzte Leiter, der ausgezeichnete Schulmann Brunner, hatte sich die Achtung und die ungeteilten Sympathien aller Kreise errungen. Er war Jude. Nun, da er tot ist, wird von obenher eine kleine Judenverfolgung unter den Kindern veranstaltet und mit Hilfe der bei den Wahlen so erfolgreich bewährten Magistralen Geometrie ein System der Delogierung und der Kolonisierung ins Werk gesetzt, das förmlich einen Triumph der antisemitischen Gerechtigkeit vorstellt. Jüdische Kinder, die auf diese Schule ein wohlbegründetes örtliches Anrecht haben, werden ausgeschult, ohne Rücksicht und ohne Erbarmen, und christliche Kinder, die auf diese Schule nicht dasselbe Anrecht haben, werden ausgeschult, damit so mit aller Kunst eine Majorität geschaffen werde, die es ermögliche, einen jüdischen Anwärter auf die Leitung ohneweiters bei Seite zu schieben. Wenn das das Prinzip der Gerechtigkeit ist, mit dem von obenher gearbeitet wird, dann kann man sich denken, welche Arbeit die äü mlnorrun xsutium liefern. Solche Arbeit bleibt nicht fruchtlos; sie wirkt in die Breite und sie wirkt nach. Nicht die Einzelerscheinungen, so massenhaft sie auch auftreten mögen, sind so verhängnisvoll, wie die Wirkungen, die sie auf das Volk üben. Die antisemitische Gerechtigkeit untergräbt das Rechtsgefühl des Volkes und ertötet die natürliche Empfindung für Recht und Gerechtigkeit. Alles wird gerecht und gut, wenn es nur gegen die Juden geht. Dr. Moritz Wiesenthal. „Edel sei der Mensch, Hilfreich und gut." Wenn je ein Mensch dieses Dichterwort in seiner vollsten Tragweite erfaßt hat, so war dies bei dem edlen Greise der Fall, der am 10. d. M. die Augen für immer geschlossen. Zu Gommern bei Magdeburg 1826 geboren, studierte er in Berlin und promovierte 1849 daselbst mit einer Studie „lieber die Behandlung des Typhus". Seit dem Jahre 1850 lebte er in Berlin als praktischer Arzt. Was er seinen Patienten gewesen, einer großen Anzahl von Kollegen und Freunden, wie, hingebend als Familienhaupt und wie milde und gütig allen Denen gegenüber, die in ihm ihren Gönner und Förderer fanden, das bezeugen die tiefempfundenen Nachrufe, die Worte und Tränen, die an seiner Bahre fielen. Die Lücke, die dieser Mann hiuterläßt, dürfte nicht so bald ausgefüllt werden! Die ärztliche Tätigkeit des Geheimen Sanitätsrates Dr. Wiesenthal begann nach den Stürmen des Jahres 1848. Seiner eminenten Tatkraft verdanken die mit Beginn der Siebziger-Jahre begründeten ärztlichen Bezirksvereine die eifrigste Förderung. Als im Jahre 1887 die Errichtung der Aerztekammern erfolgte und 1899 die ärztlichen Ehrengerichte in Aktion traten, wurde Dr. Wiesenthal, eines der ältesten Mitglieder der Aerztekammer für Brandenburg-Berlin, mit dem Amte eines Mitgliedes des Ehrengerichtes betraut. .. Trotz dieser ausgebreiteten Tätigkeit aus den verschiedensten wissenschaftlichen Gebieten, er war seinerzeit auch Delegierter der medizinischen Gesellschaft, stand er auch an der Spitze kommerzieller Gesellschaften, wie der Brandenburger Gewerbe- und Handelsbank, dessen erster Vorsitzender im Aufsichtsrat seit einem Dezennium er gewesen. Ebenso beteiligte er sich seit vierzig Jahren eifrigst an den Gemeindeangelegenheiten mit Rat und Tat. Seine Hauptfürsorge jedoch widmete er einer großen Anzahl von Wohlfahrtsanstalten, wie dem jüdischen Hospital, der Altersversorgungsanstalt, dem israelitischen Lehrerinnenheim, als dessen erstes Vorstandsmitglied er so segensreich seit der Begründung des Heims im Jahre 1899 wirkte, daß sämtliche Verwaltungsangelegenheiten, wie die Sonderinteressen jeder Insassin die liebevollste, hingehendste Förderung durch den verehrten Heimgegangenen erfuhren. Niemals wurde er müde oder ungeduldig, mild und freundlich waltete er seines volle Hingabe der Person erfordernden Amtes. Ungeteilte Verehrung und volle Bewunderung für seine nie erlahmende Arbeitskraft in so hohem Älter wurde ihm von Allen, die das Glück hatten, mit ihm in nähere'Berührung zu kommen, zuteil. Sein Andenken wird bei uns unvergessen bleiben! Die Berliner Aerztekorrespondenz, Organ des Geschäftsausschusses der Berliner ärztlichen Standesvereine, widmet Dr. Wieseuthal folgenden Nachruf : „Zum drittenmale im Laufe eines Jahrzehnts trifft uns ein schwerer, fast unersetzlicher Verlust. Nach kurzem Krankenlager starb am 10. d. M. im 80. Lebensjahre unser hochverehrter, lieber Kollege Wiesenthal. Mit ihm ist eine Zierde des ärztlichen Standes, geehrt und geschätzt von Allen, die ihn kannten,^ aus .einem tatenreichen Leben geschieden. rVV-’ In einem Alter, in dem andere sich zpx Pühe setzen, trat er in die leitenden Stellen unseres. Verha^des, ..um,

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