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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-10-20 · 42 (20.10.1905) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
42 (20.10.1905)
Date
1905-10-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 42 Dr. Dlocb s MocbenscbrM. Seite 661 getragen von dem Vertrauen unserer Mitglieder, zu ihrem Besten zu raten und zu taten. Vom Jahre 1895 bis 1900 war er Mitglied des gemeinsamen Ehrenrates, vom Jahre 1901 ab zweiter Vorsitzender des Geschäftsausschusses. Reich an Jahren, reich an Erfahrungen, aber jung an Körper und Geist, so stand er vor uns — ein Mann aus einem Gnß! Gleichwie er sich einer scheinbar unverwüstlichen Gesundheit erfreute, so überraschte er bis in die letzten Tage durch geistige Regsamkeit und die Fähigkeit, den modernen, sozialen Erfordernissen des ärztlichen Standes sich anzupassen. Er war ein wackerer Mitstreiter, wo es galt, unsere Interessen zu verteidigen. Am meisten aber wirkte er durch seine Herzensgute, durch seine aus dem Born des Lebens geschöpfte Nachsicht mit den menschlichen Schwächen, durch seine Versöhnlichkeit. So wie er, war kaum ein anderer berufen, nicht nur Recht zu sprechen, sondern auch Gegensätze auszugleichen, die der Widerstreit der Interessen selbst in Freundeskreisen anzufachen drohte. Noch in der letzten Sitzung des Geschäftsausschusses mahnte er in warmen Worten zur Eintracht, zum Frieden. Es war sein letztes Wort an die Kollegen, sein Vermächtnis. Wir werden dieses Vermächtnis ebenso wie das Andenken des braven Mannes und lieben Kollegen allezeit in hohen Ehren halten! Der Vorstand des Geschäftsausschusses der Berliner ärztlichen Standesvereine. Becher Alexander. Henius. Saatz." An der Bahre des viel zu früh Dahiugeschiedenen sprach der treue Freund und Kollege Herr Geheimer Sanitätsrat Dr. Becher tiefempfundene Worte des Dankes im Namen des Vorstandes der Aerztekammer für die Provinz Brandenburg und den Stadtkreis Berlin, sowie namens der Kollegen. Herr Geheimrat Dr. Becher hob noch einmal die Schlichtheit, Weisheit und die Herzensgüte, wie auch den Wohltätigkeitssinn dieses uneigennützigsten Menschenfreundes hervor und erzählte eine rührende Episode aus dem Leben des entschlafenen Freundes. Als Dr. Wiesenthal promovierte, schloß er mit zweien seiner Freunde, die ebenfalls ihre Promotion erhielten, einen Bund für's Leben. Sie wollten stets, obwohl räumlich getrennt, doch geistig vereint bleiben. Und nach 50 Jahren, wenn sie alle drei noch am Leben, hier in Berlin ein Wiedersehen feiern. In diesem Jahre, im April, kamen sie hier zusammen; drei ehrwürdige Greise in Ehrenstellungen — als erster wurde Dr. Wiesenthal aus diesem engen Kreise abberufen — aber schon in der folgenden Nacht schloß auch der zweite Freund in der Ferne seine Augen für immer — nur der dritte weilt fetzt noch unter den Lebenden! Den Damen im Lehrerinnenheim erzählte der Verewigte einen Tag nach dieser Zusammenkunft selbst diese Episode aus seinem Leben — und ich war zugegen. Und dann hörte ich diese rührende Erzählung an der Bahre zum zweitenmale aus dem Munde des treuen Freundes, des Geheimrates Becher. F. C o h n. Eine Sukkothreminiszenz ans dem Mittelalter. Zur Zeit des Regiments des Fettmilch-Ausschusses in Frankfurt a. M.. in den Jahren 1612—1614 hatte dieser bei dem Rate durchgesetzt, daß den Juden verboten würde, ihren Bedarf an Laub im Stadtwalde zu decken, da er dadurch verwüstet werde. Dies Verbot wurde auch von verschiedenen Bürgern unterstützt und streng durchgeführt. Und doch hatten dieselben Antragsteller nichts dagegen einzuwenden gehabt, als die Sachsenhäuser mit größter Rücksichtslosigkeit im Walde hausten und sogar nicht einmal die eingehegten Teile verschonten. Die wiederholten Petitionen der Juden an den Rat blieben un beachtet. Gegen diese und noch eine große Reihe anderer Beeinträchtigungen beschwerten sich die Juden mit dem Erfolg bei dem Kaiser, daß er dem Senat über die den Juden angetane Unbill Vorwürfe machte und der Senat sich vor ihm verteidigen mußte. In der Verteidigungsschrift findet fich dann folgender Satz: Die Laubhüttenzeremonien seien bis jetzt über Gebühr geduldet worden. Die Juden könnten doch keine Obrigkeit zwingen, ihnen für ihren abergläubigen Gottesdienst junge Bäume zu verkaufen. Der berühmte polnische Historiker Joachim Lelewel — ein Jude? Krakau. Unlängst ging durch die Blätter die sensationelle Nachricht, daß Jules Verne von jüdisch-polnischer Abstammung gewesen und sein ursprünglicher Familienname Olzenski erst bei der Taufe französisiert worden sei. Im Polnischen bedeutet Olsza Erle. Heute find wir in der Lage, die begründete Vermutung auszustellen, daß der große polnische Geschichtsschreiber Joachim Lelewel jüdischer Herkunft war. Einer der Emigranten in Paris, der vor drei Dezennien mit ungewöhnlichem Krästeaufgebot für die Emanzipation der Juden in Polen kämpfte, Jan Czynski, der Verfasser eines Buches „Le Revail d'Jsrael", hatte im Jahre 1861 unter andern an die Redaktion der „Archives israelites" einen Brief geschrieben, in welchem er von den ersten Zusammenkünften der polnischen Emigration in Paris im Jahre 1831 und von ihrem Standpunkt zur Judenfrage erzählt. Bei diesen Versammlungen, die in einem kleinen Hause in der Rue de cordies stattfanden, führte damals Joachim Lelewel den Vorfitz. Aus dem erwähnten, in den „Archives israelites" (Jahrgang 22, Nr. 8 vom 1. August 1861) publizierten Brief erfahren wir, daß eines Abends Herr Beniorski das Wort ergriff und zum erstenmale für die Emanzipation der Juden in Polen sprach, ihre unglückselige Rolle, ihre Verdienste und ihre Fähigkeiten schildernd. Da brach unter den Versammelten ein furchtbarer Sturm los. Aber Beniorski ließ nicht locker und wandte fich in einer fulminanten Rede gegen Lelewel, der, obwohl er präsidierte, öffentlich gegen die Emanzipation der Juden aufgetreten war. Die Versammlung ging auseinander, ohne einen Entschluß gefaßt zu haben. „Am folgenden Tag nach dieser Sitzung — schreibt Herr Czynski — kursiert das Gerücht, daß Lelewel von der jüdischen Rasse abstamme und daß er fich nur deshalb der Befreiung seiner gewesenen Glaubensgenossen widersetzt habe, um auf diese Weise seine Herkunft umso besser zu verheimlichen. Dieses Gerücht drang zu Leweles Ohren, der es ganz und gar nicht dementierte. Unmittelbar darauf nimmt sein Bestreben eine ganz andere Richtung. Er proponiert und bereitet eine Proklamation an die Juden in Polen vor. Er schildert ihre Demütigung, erzählt von ihren Leiden, ihrer Zukunft und streckt seine Bruderhand ihren Jrrfahrern entgegen. Ich muß bekennen, daß er von diesem Tage angefangen dem Banner der Versöhnung treu blieb." Soviel err Czynski. Von jüdischer Seite wurde damals — es war dies kurz nach Leweles Tod — die Vermutung ausgesprochen, daß sein Name von Lewi stamme, und auf dieselbe Weise, wie zahlreiche andere Namens-Metamorphosen entstanden sei (Cohn, Cohen, Kahn, Kohane, Kuhn usw.). Grätz ist nicht der Ansicht, als wäre Lelewel jüdischer Abstammung, sondern glaubt, Beniorski habe dieses Gerücht ausgesprengt, um ihn zu einer Frontveränderung der Judenfrage gegenüber zu zwingen. Wenn dies nur eine Finte war, so wurde sie von einem günstigen Erfolge gekrönt, denn der gewesene Judenfeind hat, wenn auch erst zwei Jahre später, einen Aufruf an die jüdische Nation redigiert. „Israelit",

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