Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 41 (13.10.1905)
- Date
- 1905-10-13
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 41 Dr. Lloev's Mocvenscvrrn. Seite 651 Philipp Thorfch. Wir erhalten vom Herrn kaiserl. Rat A n n i n g e r folgende Zuschrift: 10. Oktober 1905. Geehrter Herr Doktor! Die letzte Nummer der „Oesterr. Wochenschrift" widmet dem jüngst verstorbenen Herrn Philipp Thorsch einen Nachruf, in welchem mit Recht der hervorragende Wohltätigkeitssinn des nunmehr Verewigten hervorgehoben wird. Daß Thorsch in aller Stille viel Gutes getan hat, ist bekannt; in welch herzerfreuender Weise er aber seinen Wohltätigkeitssinn zeigte, möge folgende charakteristische Episode bekunden: Vor zirka 10 Jahren wurde ein alter galizischer Jude wegen Brandlegung vom Schwurgerichte zu lebenslänglichem Kerker verurteilt. Der Mann war unschuldig. Der oberste Gerichtshof kassierte das Urteil und ordnete eine neue Verhandlung vor der 1. Instanz an. Die Familie des Angeklagten wendete sich an das Rechtsschutzbureau der Oesterr.-Jsrael. Union mit der Bitte um Beistellung eines tüchtigen Verteidigers. Als damaliger Präsident des genannten Vereines schrieb ich an Thorsch um Zuwendung eines allerdings nicht sehr großen Beitrages. Thorsch lud mich ein, ihn zu besuchen, ließ sich eingehend über den Fall informieren und händigte mir den gewünschten Betrag ein. Als ich mich dafür bedanken wollte, unterbrach mich Herr Thorsch mit den Worten: „Nicht Sie haben zu danken, sondern ich danke Ihnen, daß Sie mir Gelegenheit geboten haben, mich an diesem guten Werke zu beteiligen." Der Angeklagte wurde bei der nächsten Verhandlung tatsächlich freigesprochen. Mit aller Hochachtung Wilhelm Anninger. Rabbi Jsak Schmelkes s. A. Aus Lemberg kommt die Trauerbotschaft vom Hinscheiden des greisen Oberrabbiners Jsak Schmelkes, welcher am Kolnidre-Abend in ein besseres Jenseits abberufen wurde. Oberrabbiner Jsak Schmelkes, einer ruhmreichen Gelehrten- und Rabbinerfamilie entsprossen, war unstreitig die bedeutendste, talmudische Autorität der Gegenwart und genoß als solche in den weitesten Kreisen des rechtgläubigen Judentums hohe Verehrung. Dabei war Zelotismus und Intoleranz seiner Natur gänzlich fremd und es mangelte ihm nicht das Verständnis für die Bedürfnisse und Anforderungen der neuen Zeit. In seinem Wesen und in seiner humanen Gesinnung war ein Zug antiker Größe und er erinnerte an die besten Gestalten unserer alten Geschichte. Er wirkte nacheinander als Rabbiner in Zurawno, Brzezan, Przemysl und Lemberg und es war ihm beschieden, auf eine große Zahl hervorragender Jünger in hohen Stellungen zu blicken, die sich durch umfassendes Wissen und tiefe Gelehrsamkeit auszeichneten. Im Verein mit ihnen betrauert der Schreiber dieser Zeilen, dem es vom Schicksal vergönnt war, mehrere Jahre zu den Füßen dieses großen Mannes zu sitzen, den Verlust eines väterlichen Freundes und Meisters. Friede seiner Asche! Wien, (F est g ot t es d i e n st.) Sonntag, den 15. Oktober d. I., veranstaltet der Vorstand der türkisch-israelitischen Gemeinde zu Wien anläßlich des Geburtstages Sr. Majestät des Sultans Abdul Hamid im türkisch-israelitischen Tempel, II., Circusgasse 22, um '^12 Uhr vormittags, einen Festgottesdienst. Wsetin. (Todesfall.) Allgemeine Teilnahme erregt der frühzeitige Tod der Frau Regine S a x, Gattin unseres Vorstandsmitgliedes und Kassiers, Herrn Jakob S a x, die im 34. Lebensjahre verschieden ist. Die Heimgegangene erwarb sich durch ihre Frömmigkeit und menschenfreundliches Wirken allgemeine Sympathien, die bei dem imposanten Leichenbegängnis durch die Beteiligung derBevölkerungskreise aller Konfessionen sich dokumentierten. Die Trauergesänge rezitierte Herr Kantor Blau mit einem Chore in ergreifender Weise, Herr Rabbiner Dr. I. Rabbinowitsch widmete der Verblichenen einen Nachruf, welcher den nachhaltigsten Eindruck bei der Trauerversammlung zurück ließ. Friede ihrer Asche! Karlsbad. (Trauung.) Donnerstag den 12. Oktober l. I.. um 10 Uhr vormittags, fand im israelitischen Tempel zu Karlsbad die Trauung des Fräulein Else Grünbaum, Tochter des Herrn Adolf G r ü n b a u m, mit Herrn Arthur Sommer, Beamter der k. k. priv. österreichischen Kreditanstalt in Karlsbad, statt. <§«t neues jüdisches Internat in Budapest. Für arme, ohne Stütze dastehende Zöglinge der israelitischen Landes-Lehrer-Präparandie wurde am 13. v. im Hause Aggtelekiutcza 19 in Budapest ein bescheidenes Internat eröffnet. Dieses Internat besteht aus einer bequem eingerichteten Wohnung von zwei Zimmern, mit drei Betten und den nötigen Kleider- und Bücherschränken. Der Eifer der gewesenen Zöglinge der Anstalt war es, der dieses Internat zustande gebracht hat. Das große Interesse, das in jenen vornehmen jüdischen Kreisen, die jeder humanen Sache ihre Unterstützung angedeihen lassen, für dieses Internat bereits sich kundgegeben hat, bietet die Hoffnung, daß dasselbe sich in immer größerem Maß entwickeln werde. Bei Eröffnung des Internates waren der Sekretär der israelitischen Landeskanzlei Dr. Franz M e z e i und der Direktor der Präparandie Dr. Josef B a n o c z y zugegen und gaben ihrer Zuversicht Ausdruck, daß diese segensreiche Institution in jüdischen Kreisen einige Unterstützung finden werde. Zugleich übergab Direktor Dr. Josef B a n o c z y die Summe von 1000 K., die ein hochherziger Unbekannter zur Förderung des Internates gespendet hatte. Ferner machten die Herren: Alexander v. Hatvany-Deutsch, Jakob Boschan, Martin Schweiger' Manfred W e i ß de Gsepel, Emanuel I. W e i ß, Emerich B i r n" bäum, Moriz Lindenbaum, Witwe Samuel Fleisch!' die Pester Chewra-Kadischa und der Lehrkörper der Präparandie Bettstiftungen von 100 bis 200 K. Diejenigen armen Zöglinge, die der Wohltat dieses Internates noch nicht teilhaft werden konnten, werden als eifrige Hauslehrer mit bescheidenen Ansprüchen bereitwilligst anempfohlen. Anfragen find an Vereinssekretär Ignaz R o z s a, Dembinßky-utcza 31, III. 23, zu richten. Feuilleton. Satan Mekatrig. Eine Ghettogeschichte. — Nach dem Englischen von Israel Zangwill. (Schluß.) Frischgefallener Schnee bedeckte die Erde, auf welche der trübe, dunkle Himmel traurig herabschaute. In dem ungeheizten leeren Bodenstübchen lag Moses Grinwitz, zu einem Schatten abgezehrt. Sein Bart war ungekämmt, seine Wangen eingefallen, die fieberisch glänzenden Augen waren weit geöffnet, die Seitenlöckchen ungepflegt und zerrauft. Er schien so kraftlos, daß er sich kaum gegen ein Kind hätte wehren können. Wenn er hustete, wurde sein ganzer Körper wie von Krämpfen geschüttelt. „Wird er denn nie mehr zurückkommen," murmelte er schwach. „Fürchte Dich nicht, ich will Dich nie verlassen," sagte der Bucklige, als er in das Zimmer trat. „Aber leider habe ich Dir heute so wenig mitbringen können. Eine Pfandleihanstalt nach der anderen habe ich abgesucht und in keiner einzigen konnte ich etwas für meine Weste bekommen, endlich gelang es mir, sie für wenige Kreuzer zu verkaufen. Schau, da ist ein wenig warme Milch." Moses versuchte sich aufzusetzen, fiel aber hilflos zurück. Ein Schatten der Angst glitt über des Buckligen Angesicht. „Sollte ich mich verrechnet haben?" murmelte er. Dann hielt er die Schale an die Lippen des kranken Mannes und stützte mit der anderen Hand seinen Kopf. Moses trank, fiel zurück und preßte dankbar seines Freundes Hand.