Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 41 (13.10.1905)
- Date
- 1905-10-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021602-3021644--14864-3039598- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 41 Dr. Llocb's MocbenscbrM. Seite 649 18. Jahrhunderts an die Londoner Juden die Einladung, sich in größerer Anzahl in Gotenburg niederzulassen. Die Sache scheiterte aber damals, weil die schwedische Regierung ausschließlich nur sehr reiche Juden aufnehmen wollte. Einige Dezennien später mußte sich diese Regierung zu weiteren Konzessionen bequemen und ihren Antisemitismus um einige Knoten zurückstecken. Den Juden wurden die eingangs erwähnten vier Städte eröffnet, wobei allerdings die einzelne neue Niederlassung eines Juden jedesmal der ausdrücklichen Genehmigung des Königs bedurfte. Sonst genossen unsere Glaubensgenossen da sämtliche Bürgerrechte mit Ausnahme dessen vielleicht, daß sie keinen Ministerposten bekleiden dursten und in den staatlichen Schulen nicht als Lehrer angestellt werden konnten. Gegenwärtig gibt es einen Antisemitismus in unserem Sinne in Schweden überhaupt nicht. Zwar kann auch der Schwede keinen Juden leiden. Aber dieses Gefühl der Animosität nimmt nirgends praktischen Ausdruck. Die armen Schwedinnen heiraten sehr gerne wohlhabende Juden und tüchtige Juden werden vom Volke als Abgeordnete gewählt und von der Regierung als Beamte angestellt. Der Mangel an Antisemitismus, so erfreulich er an und für sich auch ist, hat aber für die Juden von Schweden und Norwegen auch seine unzweifelhaften Schattenseiten. Den Juden fehlt es an einem Stimulus, welcher sie stacheln könnte, sich immer von neuem auf ihr Judentum zu besinnen. Mischehen bilden die Regel und nehmen selbst in dem an der Peripherie Skandivaviens gelegenen und lebhafte Beziehungen zu Deutschland unterhaltenden Kopenhagen von Jahr zu Jahr immer mehr überhand. Auch die mit Christinnen noch nicht verheirateten Juden sind noch kaum dem Namen nach Juden. Die schwedischen Juden sind in erster Reihe Schweden und erst in sehr weitem Abstande ein sehr wenig Juden. Die meisten von ihnen haben noch nie einen koscheren Bissen in den Mund gebracht und selten besitzt einer von ihnen Tefellin. In die Synagoge geht der schwedische Jude höchstens einmal zu den hohen Festtagen und selbst dann geht er nicht in die Synagoge, sondern zur „Kyrkan". Leider find auch die Chancen des Judentums, einmal durch neue Blutzufuhr aus Rußland verjüngt zu werden, sehr minimal. Nicht nur ist Skandinavien ein armes Land, das seine eigenen Einwohner nicht ernähren, geschweige denn fremde Elemente anlocken kann, die skandinavischen Völker haben, vielleicht mit Ausnahme der an der Pheripherie der Halbinsel wohnenden Dänen, wie kein anderes europäisches Volk ihre Blutreinheit beibehalten. So bildet Skandinavien eine große homogene Volksmasse, die wenig geneigt ist, die Einwanderung fremder Elemente zu ermuntern. Die fremden Reisenden werden da mit erdrückenden Steuern in Höhe von 100 Kronen monatlich belegt und die Naturalisation ist sehr schwer zu erlangen, schwer auch für einen deutschen Fremden, geschweige denn für einen polnischen Juden. Die Aussichten für das Judentum in Skandinavien bleiben daher sehr trübe. Paris. (Der jüngste französische Abgeordnete.) Wie telegraphisch gemeldet wird, ist bei der Ersatzwahl im Departement Lozöre Herr Louis D r e y f u s zum Abgeordneten gewählt worden. Das neue Mitglied der französischen Kammer ist Juniorchef der Bank- und Getreidefirma Louis Dreyfus u. Cie., die seit beinahe einem halben Jahrhundert mit Ungarn in lebhaftester Verbindung und auch in Budapest etabliert ist. Es ist bezeichnend für den Umschwung der Wähler in Frankreich, daß der nationalistische Kandidat einem radikalen Kandidaten gegenüber, der dazu noch Dreyfus heißt, bloß einen Bruchteil der abgegebenen Stimmen erlangen konnte. Das Marmorek sche Serum. Auf dem internationalen Tuberkulosekongreß zu Paris führte in der ersten Sektion der bekannte, aus Wien gebürtige Bakteriologe Do. Marmorek die Ergebnisse vor, die sein Serumheilverfahren während der letzten beiden Jahre geliefert hat. Marmorek führte aus, daß seit,den vor etwa zwei Jahren von ihm hierüber gemachten Mitteilungen von verschiedenen französischen, deutschen, schweizerischen, englischen, schwedischen, kanadischen und anderen Autoren achtzehn Veröffentlichungen über die mit seinem Serum gemachten Erfahrungen erfolgt seien. Die Gesamtheit dieser Beobachtungen diente seiner Darlegung als Grundlage. Nahezu alle Formen von Tuberkulose wurden mit seinem Serum behandelt und dabei bemerkenswerte Erfolge erzielt, die um so günstiger erscheinen, als die betreffenden Praktiker, um das Serum einer tunlichst strengen Prüfung zu unterziehen, vorzugsweise Schwerkranke damit behandelt haben. Was die Lungentuberkulose anlangt, so schilderte Marmorek in eingehender und technischer Weise die von seinem Serum beeinflußten Symptome. Namentlich sei die Wirkung des Heilmittels auf das Fieber der Tuberkulösen, auf die Verdauungsstörungen, den Auswurf, die darin enthaltene Bazillenzahl und das Allgemeinbefinden bemerkenswert. Die Lungentuberkulose lieferte die große Mehrheit der behandelten Fälle, doch waren die bei chirurgischer Tuberkulose erzielten Resultate allen Beobachtern zufolge besonders intereffant. Bemerkenswert ist, daß alle von Marmorek zitierten medizinischen Gewährsmänner darin völlig einig find, daß das Serum absolut unschädlich sei, wodurch es sich von dem Koch'schen Antituberkulin vorteilhaft unterscheidet. Marmorek schloß seine Ausführungen, indem er sagte, aus sämtlichen veröffentlichten Fällen gehe hervor, daß das Antituberkulose-Serum allen Anforderungen eines spezifischen Heilmittels entspreche. Nach Marmorek selbst legte eine Reihe von Gelehrten und Praktikern Zeugnis ab für die mit dem Serum erzielten Erfolge. So sprach Dr. Levin, Profeffor an der Stockholmer Fakultät, der das Serum Marmorek in Schweden, Norwegen und Finnland zur Anwendung gebracht hat, und erklärte, die von ihm damit erreichten Besserungen seien anhaltend; Marmorek habe mit seinem Serum dem Kampfe gegen die Tuberkulose neue Wege geöffnet. Schwartz-Gleiwitz äußerte sich in demselben Sinne und auch mehrere schweizer und englische Aerzte stellten fest, daß sie mit dem Serum gute Erfolge erzielt hätten. In gleichem Sinne sprachen: Stephani aus Montana, Veillard aus Lausanne, Profeffor Dubard aus Dijon, Dr. Haberson (London), Dr. Friedrich (Budapest) u. a., wobei verschiedene typische Fälle sowohl von Lungenals auch von chirurgischer Tuberkulose, die allen Behandlungsmethoden getrotzt hätten, aber bei Anwendung des Marmorek'schen Serums in kurzer Zeit heilten, zur Besprechung gelangten. Das Auditorium, das weitaus zahlreicher war als in den anderen Sektionen des Kongreffes oder an früheren Kongreßtagen, spendete Marmorek und den anderen Referenten lebhaften Beifall. Petersburg. Im Herzen Rußlands tobt die Revolntion. Auf ihrem unaufhaltsamen Marsche durch das weite russische Reich ist sie nun auch in Moskau eingekehrt, in jenem Zentrum altrussischer Kultur, das bisher immer als Verkörperung all dessen angesehen wurde, was man gemeiniglich mit dem Worte „Moskowitertum" zu bezeichnen pflegte. In Moskau, der zarentreuesten aller zarentreuen Städte Rußlands, in der alten Kremlstadt, in der die Krönung des Zaren vorgenommen wird, tragen nun die streikenden Arbeiter die rote Fahne ihren Demonstrationsumzügen voran und kämpfen den verzweifelten Kampf um die Menschenrechte, die ihnen der Verfaffungsukas des Zaren wohl vorgegaukelt, jedoch nicht gewährt hat. Während anderwärts die kommenden Dumawahlen bereits ihre Schatten vorauszuwerfen beginnen, während in anderen ruffischen Städten auf Grund der Scheinkonstitution schon eine Art Gruppierung der künftigen parlamentarischen Parteien vor sich geht, hat das Duma-Manifest in Moskau eine gewaltige Explosion gezeitigt, die zur Genüge beweist, wie kurzsichtig das Urteil all jener Politiker war, die da glaubten, das von Pobjedonoszew redigierte Schriftstück, in dem dem russischen Volke in der Sprache moderner Staatsgrundgesetze mitgeteilt wird, daß alles beim alten bleiben soll, werde wirklich genügen, um die große, elementare Bewegung einzudämmen, die seit nun zwei Jahren die russischen Lande durchwandert. Denn es ist klar: Was sich jetzt in Moskau abspielt, der Riesenstreik der Arbeiter, der allen ökonomischen Verkehr bannt und alle Räder der Großstadt zum Stehen bringt, die nicht endenwollenden Demonstrationsumzüge in den Straßen der Stadt, die immer wieder sich äußernde