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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-10-06 · 40 (6.10.1905) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
40 (6.10.1905)
Date
1905-10-06
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 636 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Nr. 4t) Prag. (Einstellung einer tschechischantisemitischen Zeitung.) Die letzte Nummer der tschechisch-antisemitischen Zeitung „Nase Obrana" in Königgrätz wurde am 14. v. M. konfisziert und am 25. v. M. das Blatt selbst gerichtlich eingestellt. Dr. Brody nach Prag berufen. Vor einigen Monaten hat die Repräsentanz der israel. Kultusgemeinde.Prag beschlossen, der seit nahezu einem halbe Jahrhundert bestehenden „Talmud-Thora" (Religionsschule) eine Präparandie sür israel. Religionslehrer anzugliedern und so einem immer dringender zu Tage tretenden Bedürfnisse abzuhelfen. Wie uns nun mitgeteilt wird, ist Herr Dr. Brody, Rabbiner in Nachod, an diese Anstalt als Direktor berufen worden und er hat sich entschlofien, die ihm angebotene Stelle anzunehmen. Dr. Brody ist ein Gelehrter von anerkanntem Rufe; er zählt zu den hervorragendsten Kennern der jüdischen Literatur und gilt namentlich auf dem Gebiete der nachbiblischen hebräischen Poesie als die erste Autorität der Gegenwart. Von seinen zahlreichen Schriften ist besonders der „Diwan des Jehuda Halewi", zwei starke Bände umfassend, zu nennen, dessen Erscheinen in Fachkreisen Auffehen und Anerkennung erregt hat. Vor Kurzem erschien die von ihm in Gemeinschaft mit dem bekannten Orientalisten Prof. Albrecht (Oldenburg) bearbeitete „Neuhebräische Dichterschule der spanisch-arabischen Epoche", ein Lehrbuch für Universitäten und theologische Anstalten. Dr. Brody ist auch Mitredakteur der von ihm begründeten und jahrelang von ihm selbst redigierten „Zeitschrift für hebr. Bibliographie"; er hat ferner als Mitarbeiter und Mitglied des „Foreign Board of Consulting Editors“ hervorragenden Anteil an dem Zustandekommen der „Jewish Encyclopedia“, die als das bedeutsamste Werk bezeichnet wird, das seit Jahrhunderten innerhalb des Judentums entstanden ist. Die Berufung Dr. Brody's ist darum nicht allein für die Anstalt, an welcher er in erster Reihe zu wirken haben wird, von Bedeutung. Der Prager Gelehrtenkreis wird eine Erweiterung erfabren und die zahlreichen Freunde der jüdischen Wissenschaft werden einen Mann gewinnen, der ihnen oft Anregung und Förderung wird zuteil werden lassen. Feuilleton. Kala« Mekatrig. Eine Ghettogeschichte. — Nach dem Englischen von Israel Zangwill. (Fortsetzung.) Der bejahrte Synagogenwächter hörte das Geräusch und kam heraus. „Rette mich, um Gotteswillen rette mich, Reb Jitzchok!" schrie die niederstürzende Frau, „rette mich vor dem Satan Mekatrig! Ich habe kein Heim, keinen Mann! Nimm mich hinein!" „Dich hinein nehmen," sagte Reb Jitzchok mitleidig, denn er hatte etwas von den Gerüchten vernommen. „Wo soll ich Dich hineinnehmen. Du weißt ja, wie winzig klein der Raum ist, in dem ich und meine Frau wohnen." „Lass mich hinein", wiederholte die Frau. „Ich will die Nacht hier in der Synagoge verbringen. Ich muß dort für meines Mannes Seele beten, denn er hat keinen Sohn, der für ihn beten könnte. Laß mich hinein. Rette mich vor dem Satan Mekatrig." „Habet Ihr keine Freunde, bei denen Ihr die Nacht verbringen könnt?" „Nein, nein, nur Gott. Laß mich hinein, damit ich zu ihm gehe. Gib mir ein Obdach, und Er wird Barmherzigkeit üben, wenn morgen abends der große Tekiah ertönt." Wortlos ging Reb Jitzchok in sein Zimmer, kehrte mit dem Schlüssel zurück und machte die Tür der Frauenabteilung auf, während er die blendende Lichtflut der zahlreichen großen und kleinen Lichter musterte, die in ihren Wandleuchtern brannten. Der kleine Vorhang, der als Abteilung diente, war von frommen Männern, die am Ende des Gottesdienstes um ihre Frauen gekommen waren, zur Seite geschoben worden und das Bethaus sah unverhältnismäßig groß und hell aus, obgleich die Luft heiß und von allerlei Düften und Gerüchen nach Lichtstumpfen, Talg und Riechsalz erfüllt war. Schluchzend fiel Rebekka auf die hölzerne Bank. „Möchtet Ihr eine Decke?" ftagte der alte Mann. „Nein, nein, Gott segne Euch!" erwiderte sie, „ich muß wachen und weinen, nicht schlafen." Mit mitleidiger Handbewegung wandte sich der alte Mann um und ließ sie allein im Bethaus zurück. Einige Augenblicke saß sie da, ohne zu beten. Ein seltsamer Friede war in ihr Herz eingezogen. Später hörte sie die Glockenschläge, die von der nahen Turmuhr erklangen. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, elf, zwölf! Plötzlich auffahrend, als der letzte Schlag ertönte, fand Rebekka zu ihrer Ueberraschung, daß wohltätiger Schlaf sie gefangen genommen hatte und daß wohl schon einige Stunden seit Mitternacht vorüber waren; der heilige Versöhnungstag war hereingebrochen. Beide Abteilungen des Bethauses waren von einer frommen Menge erfüllt; sie blickte mit seltsamen Gefühlen ins Gebetbuch ihrer Nachbarin. Die Frau schob es ihr sofort mit einem wunderbaren Lächeln voll Liebe und Zärtlichkeit näher. Rebekka schaute dann einen Augenblick um sich, aber sonderbarer Weise schien ihr alles fremd und unbekannt. Waren im Bethaus Veränderungen vorgenommen worden? Hatte sie einen Schleier vor ihren verweinten Augen? Aber das seltsame Gefühl der Verwunderung hielt nicht lange an. Bald hatte sie sich an ihre Umgebung gewöhnt. Alles war ihr bekannt und vertraut; noch einmal nahm sie mit keinerlei schmerzlichen Gedanken an ihren Mann am Gottesdienste teil, ihre ganze Seele schien in Frieden getaucht, der alle Zweifel löste. Dann plötzlich kam die Erinnerung wieder und ein Strom von Liebe erwärmte ihr Herz, und als sie nun in das Gesicht ihrer Nachbarin schaute, sah sie, daß es ihre Mutter war. Der Gottesdienst nahm seinen Fortgang, Mutter und Tochter beteten aus dem < emeinsamen Buch. Einige Stunden später, während die große zahlreiche Gemeinde abwechselnd mit dem Kantor das schöne Lied der Liturgie anstimmte, wurde der weiße Vorhang mit seinen mystischen Insignien von der Bundeslade zurückgeschoben und zwei Rollen wurden herausgenommen. Rebekka sah mit Freuden, daß die Bundeslade mit neuen Rollen gefüllt war, die in reichen, wunderschönen Seidenmänteln umwickelt waren und daß die klingenden Glöckchen aus reinem Golde waren. Einige der Andächtigen wurden der Reihe nach zum Al Memor aufgerufen, damit sie bei der Verlesung eines Gebetabschnitttes zugegen seien. Es waren lauter Bekannte Rebekkas. Zuerst Moses ben Amram, er schritt demutsvoll mit gesenktem Haupte zum Al Memor hinauf, sein langer Tales bedeckte ihn vom Kopf bis zu den Füßen. „Gesegnet sei der Herr, der für alle Ewigkeit gesegnet ist," sagte Moses Ben Amram, aus dessen Munde die Worte so lieblich, wenn auch stotternd tönten. „Gesegnet der Herr, der für alle Ewigkeit gesegnet ist", wiederholte die zahlreiche Gemeinde in leisem Murmeln. „Gesegnet sei der Herr, der gesegnet ist für alle Ewigkeit", klang das Echo der melodischen Stimmen. Dann setzte Moses fort: „Gesegnet sei Du »Herr, König des Weltalls, der uns von allen Völkern auserwählt hat und seine Gesetze gab." Dann kam die Reihe an Aaron ben Amram, dessen weißer Bart bis zu den Knieen reichte. Abraham ben Terah, Jsaac ben Abraham und Jakob ben Isaak — alle ehrwürdige Gestalten, aus deren Gesichtern Rebekka unendliche Zärtlichkeit und Güte für so arme hilflose Kinder, als sie selbst eines war, herausfühlte — wurden herausgerufen. Endlich kam eine weißhaarige Gestalt, in deren Gang und Bewegungen Rebekka ihren Vater erkennen konnte. Wie glücklich war sie, daß er so geehrt wurde!

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