Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 40 (6.10.1905)
- Date
- 1905-10-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 634 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Nr. 40 Von den Egyptern, den Affyrern, oder den Phöniziern abstammt. Im Lande eines Giordano Bruno, eines Tomaso Campanella, eines Galileo Galilei, eines Pietro Gianone und Giovanni Bovio; im Lande der Aufklärung, der Vernunft und der Freiheit, nennt man den Juden „Italiener" und überträgt ihm alle Rechte und alle Pflichten eines Mitbürgers. Deshalb weiß er auch nötigenfalls, sei es als gemeiner Soldat, sei es als Offizier oder General sich für sein Adoptivvaterland hinzuopfern. So sah man in dem unglücklichen italienisch-afrikanischen Kriege einen Hauptmann, namens Issel und andere jüdische Offiziere auf dem Schlachtfelde kämpfen und fallen, mit dem Löwenmut der Tapferen, die an den Thermopylen ihr Leben ließen. In den Bureaux der verschiedenen Ministerien, bei den großen industriellen Unternehmungen, in den Schulen, in den Zeitungsredaktionen, Gerichtshöfen finden wir in stattlicher Anzahl Juden als Richter, Professoren, Schriftsteller, Künstler rc. Die Leitung der „Associazione dell stampa“ (des Pressevereines) besteht größtenteils aus Juden und auch der Großmeister der italienischen und südamerikanischen Freimaurer mit ihren nahezu 250 Logen war bis vor kurzer Zeit ein Jude, der Sohn der Lebensgefährin Mazzinis, des großen Apostels der Unabhängigkeit Italiens. In einer der größten Städte Italiens ist ein Jude, namens Aliatri, der Direktor des Leihamtes, das einst gegründet wurde „per eombattere l’usina degli Ebrei“ (um den jüdischen Wucher zu bekämpfen), ein Mann, dessen glänzende Administration sich großer Anerkennung erfreute. Ist es dann erstaunlich, daß die ungefähr zweihunderttausend Juden Italiens sich in der neununddreißig Millionen Seelen betragenden Bevölkerung so sehr hervorzutun verstanden? Trotz der Kämpfe, die sie einst mit dem Klerus und mit den Vorurteilen des Volkes und selbst eines Teiles des Adels und der Bürger zu bestehen hatten? und trotz des Neides der Kaufleute, die ihre Konkurrenz mit Recht fürchteten? Aber ihre Ausdauer, ihre Zähigkeit und auch ihre Vaterlandsliebe hoben sie in die Reihen der Ersten empor, die an der Gründung des neuen, einigen Königreiches mitgearbeitet haben. Welch einen Kontrast bildet, verglichen mit der Zeit, wo man die Juden nachts hinter die Gittertore des Ghetto sperrte, ihre Stellung in der Gegenwart, wo sie ordenbedeckt bei Hofe erscheinen, und in der wir Italiener mit Stolz die Juden: Maffarani, Ancona, Lombroso, Levi, Franchetti und den großen Tragöden Novelli zu den Unseren zählen, ganz besonders aber einen Luigi Luzzatti, unseren ebenso genialen, als allgemein beliebten Finanzminister. Nein, heute brauchen sie nicht mehr ihres Glaubens wegen sich vor dem Papste alljährlich auf die Kniee zu werfen, um die Erlaubnis bettelnd, in Rom weilen zu dürfen! — Heute genießen die Juden den Schutz des edlen Königs, der sie als seine Untertanen zu schätzen weiß! — Vielleicht haben die drei eingangs erwähnten Fürsprecher der russischen Juden dem Bevollmächtigten des Zaren diese Tatsachen in Erinnerung gebracht und ihm das italienische Sprüchwort zugeflüstert: „Le mosche non si prendano con l’aceto“ („Fliegen sängt man nicht mit mn Vermischtes. Wien. Es wird hiemit den P. T. Gemeindemitgliedern des XIX. Bezirkes zur Kenntnis gebracht, daß der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde anläßlich des diesjährigen Sukkothfestes einen Gottesdienst im provisorischen Bethause, XlX., Döbling, Hofzeile 20, veranstaltet. Wien. Am „Sch'mini-Azereth", Samstag den 21. Oktober d. I., veranstaltet der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde Wien anläßlich der Maskir-Andacht im „Hotel Post", I. Bez., Fleischmarkt Nr. 16, und im „Nestroyhof", II. Bez., Praterstraße 34, feierliche Gottesdienste, zu welchen nach Maßgabe des Raumes der Eintritt ohne Karten gestattet ist. Beginn des Gottesdienstes 7*9 Uhr morgens. Wien. (Pietätsakt im V. Bezirk.) Eine erhebende Feier fand Donnerstag den 28. v. M., abends halb 7 Uhr, im Tempel des israelitischen Tcmvelvereines für Wieden und Margarethen statt. Herr kais. Rat Adolf Lichtblau hatte zum Andenken an seine im Dezember vorigen Jahres verstorbene Gattin, Frau Charlotte Lichtblau, Vizepräsidentin des israelitischen Frauen-Wohltätigkeitsvereines Wieden- Margarethen, ein Proches nebst Thoramantel, eine Kanzel- und eine Decke für das von ihm vor Jahren gespendete Schulchan gespendet. Alle diese hier aufgezählten Gegenstände und Paramente sind in kostbarer Ausstattung ausgeführt von dem Kunststick - Atelier I. Kaufmann u. Co. Lichtblau übergab diese Gedenkspende dem versammelten Vorstande. Der Feier wohnte ein zahlreiches Auditorium bei, darunter die Kinder und Enkel Lichtblans und die nächsten Verwandten der Dahingeschiedenen, ferner Herr Dr. Adler als Delegierter der israelitischen Kultusgemeinde, Gemeinde-Rabbiner Dr. Heinrich Reich, die Kantoren Tauber und Bassel und eine Anzahl journalistischer Berufskollegen u. A. Die Herren Dr. Geza Winter, B. Münz, S. Spitz. Direktor Kulka und kais. Rat Jg. Wilhelm waren zu dieser Feier erschienen. Mit h rzlichen Worten übergab kais. Rat Lichtblau die kostbaren, aus schwerem weißen Seidenbrokat und gediegener Goldstickerei hergestellten Gegenstände, welche für die am nächsten Abende beginnenden hohen Feiertage schon an ihren Plätzen prangten mit dem Wunsche, daß der Verein in dieser dem Andenken seiner dahingeschiedenen teueren Gattin gewidmeten Spende einen schwachen Beweis seiner treuen Hingabe zur angestammten Religion und zum Tempelvereine erblicken möge, dem er seit dessen Bestände angehört. Tempelvereins-Obmann Herr Adolf Hofmann übernahm mit tiefempfundenen Dankesworten die kostbare Spende. In schlichter Rede führte er aus, wie er das Wirken der verstorbenen edlen Frau Charlotte Lichtblau, gekannt die in unzähligen Fällen ihr kluges, gerechtes und überaus mildtätiges Wesen bekundete. Er bstte Herrn kais Rat Lichtblau, dem Vereine auch ferner seine Mitwirkung und seine Freundschaft wie bisher zu erhalten, und versicherte, daß diese Spende den Namen- und das Andenken an die Dahingeschiedene den kommenden Generationen rühmend künden werde. Gemeinde-Rabbiner Reich führte an der Hand einer Bibelstellc aus, daß nicht in der Kostbarkeit des Geschenkes, sondern in der damit zum Ausdruck gebrachten dankbaren Erinnerung an die verstorbene treue Lebensgefährtin der hohe Wert der Spende enthalten sei, und daß diese sowohl dem Spender als auch der Tempelgemeinde, deren Obmann-Stellvertreter kais. Rat Lichtblau ist, nicht nur dem Namen, sondern der regen persönlichen Mitwirkung nach zur Ehre gereiche. Möge diese seine persönliche Tatkraft und Gesinnnngstreue alle unsere Glaubensgenossen anspornen, ihre Mitwirkung bei Akte der Pietät und Zdoke nicht zu versagen, sie mögen auch Mitwirken wie er, wenn es gilt, ein neues, würdiges Gotteshaus für den IV. und V. Bezirke erstehen zu lassen, und damit die schwere Aufgabe zu erfüllen, welche sich der Verein zur nur baldigsten Lösung gestellt hat. In tiefer Ergriffenheit verließen die Teilnehmer an der Feier das Gotteshaus. $ Wien. Mittwoch, den 4. Oktober feierte Herr Hermann B e^ck, Chef der Firma Wilhelm Beck u. Söhne seinen 60. Geburtstag. Aus diesem Anlasse fand im Sitzungssaale des Josefstädter Tempelgebäudes eine Festsitzung statt, zu der Herr Hermann Beck, der Präses des Tempelbauvereines, von zwei Vorstandsmitgliedern. aus seiner Wohnung abgeholt wurde. Bei seinem Erscheinen lebhaft akklamiert, wurde Herr Beck namens sämtlicher erschienenen Vorstände vom Vizepräsidenten Architekten Modern herzlichst begrüßt, worauf Herr Dr. Sigm. Goldberger, Schriftführer dieses Vereines, in Begleitung einer Festrede, in welcher er die langjährigen Verdienste des Jubilars um den Josefstädter Tempel, wie auch die seines ebenfalls anwesenden Vaters rühmend hervorhob, Herrn Beck eine vom Gesamtvorstand gewidmete, künstlerisch ausgestattete Adresse überreichte. Nach dem Vortrage eines Festchores, exekutiert vom Männerchor des Tempels, gratulierte Herr Rabbiner Dr. Bauer dem Jubilar in besonders schwungvollen Worten, schilderte an der Hand eines Bibelverses die Wirksamkeit des Herrn Beck und schloß mit dem Wunsche, daß es dem Jubilar gegönnt sein möge, sein segensreiches Wirken bis an die äußersten Grenzen menschlichen Daseins fortzusetzen. Tiefbewegt dankte der Jubilarfür die ihm dargebrachten Ovationen. Philipp Thorsch. Im 75. Lebensjahre ist der Großbankier Herr Philipp Thorsch aus dem Leben geschieden. Mit dem Verblichenen sinkt ein hervorragender Repräsentant der österreichischen Geschäftsmoral ins Grab. Nicht durch wagehalsige Spekulationen und Parforcejagden nach dem Mammon schuf er sein ungeheures Vermögen, sondern durch geschickte, bedächtige Ausnützung der Konjunkturen, durch vorsichtiges Lavieren zwischen Aktionslust und Zurückhaltung. Charakteristtsch für seinen ungemeinen Schars-