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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-10-06 · 40 (6.10.1905) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
40 (6.10.1905)
Date
1905-10-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 40 Seite 633 Dr. Dlocv's MlocvenscvrtN. Jedermann kennt die Freude, die schon Kinder in zartestem Alter empfinden, wenn sie eine Erzählung mit: „Es war einmal" beginnen hören, weiß, mit welch gespannter Aufmerksamkeit sie an den Lippen des Erzählers hängen, wenn die lieblichen Phantasiegebilde, die Märchen, ihnen vorgeführt werden. Wenn nach Goethe das Wunder des Glaubens schönstes Kind bedeutet, so sind auch die Märchen, dem Wunderlande entstammend, das Entzücken unserer Kinder. Nun soll hier den jüdischen Märchen das Wort geredet werden. Märchen, die der jüdischen Gedankenwelt entsprossen und durch die Kunst der Darstellung das Gemüt der jüdischen Kinder fesseln und auf Grund der gewonnenen Anschauungen die treue Anhänglichkeit an unsere Religion befestigen. Durch unseren „Wegweiser" angeregt, hat eine hochherzig gesinnte, für unsere Religion begeisterte Glaubensgenossin, Frau Mary Rosenbaum in Tirgu-Neamtu (Rumänien), einen Preis von 200 Mark für das beste jüdische Märchenbuch ausgesetzt. Wir dürfen hierbei sicherlich der bestimmten Hoffnung Ausdruck geben, daß dieser Betrag durch Zuwendung von anderen Seiten um ein Beträchtliches erhöht wird. In einem Schreiben an uns äußert sich die edle, von Begeisterung erfüllte Stifterin folgendermaßen: „Von frühester Jugend an sollen dem jüdischen Kinde jüdisches Fühlen und Denken eingeimpft werden. Eindrücke solcher Art lassen sich durch nichts mehr verwischen. Das erste Lied, das das jüdische Kind zu hören bekommt, es müßte ein jüdisches Lied sein: das erste Märchen, das ihm die Mutter erzählt, es müßte von jüdischen Helden, jüdischen Denkern und jüdischen Oertlichkeiten handeln. Das erste Buch, das das jüdische Kind in die Hand bekommt, es müßte ihm von den großen Taten seiner Vorfahren, seiner erhabenen Religion usw. erzählen. Und zur Erziehung des jüdischen Kindes in diesem Sinne beizutragen, trug ich mich schon lange mit der Absicht, einen Preis für ein jüdisches Märchenbuch auszuschreiben. Das geringe Interesse für dergleichen Fragen machte mich jedoch zögern. Nun, da es besser zu werden scheint, will ich mein Vorhaben verwirklichen." Wünschen wir, daß sich unter den jüdischen Schriftstellern die geeigneten Kräfte finden, um das schöne Werk zu vollbringen. Die Arbeiten müssen mit einem Kennworte (Motto) versehen sein und unter Beifügung eines verschloffenen Briefumschlags (mit gleichem Motto), worin sich der Name des Verfassers befindet, bis zum 1. Oktober 1906 an das Bureau der Großloge für Deutschland VIII U. O. B. B. zu Händen des Herrn D. Wolff, Berlin, Wilhelmstraße 118 III. eingesandt werden. Einer Charakteristik des Zaren, die der „Russischen Korr." aus Petersburg zugeht, entnehmen wir folgende interessante Bemerkungen: Gewiß ist der Zar in allen politischen Angelegenheiten ein Ignorant; er hat weder etwas gelernt, noch reicht seine persönliche Begabung aus, um mit gesundem Menschenverstand sich in den Staatsgeschäften zurechtzufinden. Aber zwei Eigenschaften besitzt er, durch die die Entwicklung der politischen Verhältnisse bei uns auf das Stärkste beeinflußt wird. Er hat den Hochmut des Selbstherrschers, und er verfügt über einen nachtragenden Haß, der sich den Augenblick für die Revanche aussucht, wenn er sich verletzt glaubt, und sein Haß verzeiht nicht. Unter welchem Gesichtspunkte der Zar die gewaltigen Ereignisse, die sich jetzt in Rußland abspielen, betrachtet, mag ein Ausruf bezeichnen, den er kürzlich getan hat, wie man mir von völlig zuverlässiger Seite versichert. Man sprach über die Unruhen, da sagte der Zar seinerseits: „Ich werde diesen Advokatchen, diesen Juden und diesemStraßenpöbel schon zeigen, was Verrat zu bedeuten hat, der zur Kriegszeit begangen wurde." Dieser Ausruf erfolgte in Gegenwart einer Reihe von Personen, die ihr Entzücken über die tiefe Regierungsweisheit zum Ausdruck brachten, die in jenem Ausspruch liegen soll. Von der Höhe dieser Anschauung betrachtet er die ungeheure Bewegung, die Rußland durchflutet, und dieses Autokratenprogramm kommt sodann in Regierungsmaßregeln zum Ausdruck. Man verhaftet die „Advokatchen" und die Intellektuellen und schickt sie in die ödesten Gegenden als Verbannte; man knallt Juden, Armenier, Finnen, Esthen, Letten nieder und man hetzt die verschiedenen Bevölkerungsschichten gegeneinander, damit sie sich gegenseitig erwürgen. Zur Charakteristik der reaktionären Stimmung in der Umgebung des Zaren mag noch folgende Einzelheit dienen: Als kurz nach Empfang der Semstwo-Deputation der alte General R o o p dem Kaiser klarzumachen suchte, daß die parlamentarischen Institutionen den Kaiser selbst von Gefahren befreien würden, rief der dabeistehende Großfürst Wladimir Alexandrowitsch: „Was sagen Sie, Christophor Christophorowitsch? und Carnot? und Mac Kinley?" Es ist auch interessant, daß sowohl Nikolaus II. als Wladimir Alexandrowitsch unaufhörlich „Beispiele anführen", und immer wieder auf Ludwig XVI. verweisen, der deswegen „zugrunde gegangen sei, weil er sich in nachgiebige Kompromisse eingelassen hätte." Mit einem Wort, sie sind, wie sie meinen, „von der Geschichte belehrt", sie wollen sich nicht „verführen" lassen, sie werden die traurige Erfahrung anderer Dynastien sich zunutze machen, sie wollen hart bleiben — in solcher Verfassung befinden sich die Geister in P e t e r h o f. In den letzten Wochen hat selbst T r e p o w sich veranlaßt gesehen, den Zaren von extremen Handlungen zurückzuhalten, derselbe Trepow, der gerade in der jüngsten Zeit — schon nach dem Friedensschluß — sich nicht scheute, zu erklären, daß er im Falle einer Demonstration zu Petersburg ohne vorherige Warnung schießen lassen würde. Dieser Trepow ist demnach jetzt Nikolaus zuweilen z u liberal . . . Ueber die Inden in Italien schreibt Marquis B. di San Giorgio aus Rom im „Berl. Börsenkourier" (24. 2.): Jakob Schiff, Jsaac Seligman und Oskar Strauß, welche Witte, den Bevollmächtigten Rußlands, in Portsmouth einen Besuch abstatteten, dürften ihm schonungslos die Augen geöffnet haben über die Nachteile, welche seinem Vaterlande durch die Verfolgung der Juden erwüchsen, die nicht nur die materiellen, sondern auch die geistigen besitzen, durch eine in allen zivilisierten Ländern mit Teilnahme und Sympathie begleitete Propaganda gegen die ihren Glaubensgenossen zugefügte Schmach anzukämpfen. Mit einigem Interesse hätte man an der Newa die Rapporte lesen sollen, welche der in Rom akkreditierte ruffische Gesandte über den Einfluß, den die Juden Italiens auf die geistige und ökonomische Entwicklung dieses Landes ausüben, seiner Regierung zugehen ließ. Und das nur, weil man in Italien, anstatt sie zu chikanieren und abzuschrecken, die Juden zu assimilieren trachtete und so ihren Fleiß, ihre Aktivität, ihre Intelligenz dem Lande nutzbar zu machen verstand. Diese Rapporte, welche anläßlich der geplanten Romreise des Zaren nach St. Petersburg gesandt wurden, haben dargelegt, von welcher Bedeutung das Eingreifen der Juden insbesondere in Rom und Florenz, auf das vehemente Emporblühen Italiens gewesen; denn aus Dankbarkeit für die ihm zuteil gewordene gute Behandlung ist der dortige Jude mit Leib und Seele Italiener, der treue Landsmann der kunstliebenden, humanen, edelsinnigen Bevölkerung geworden. Der Antisemitismus ist heute in Italien etwas vollständig Unbekanntes. Geachtet, geschätzt und daher völlig ruhig, kann der Jude sich dort seinen Studien und seinen Geschäften widmen und ist ein Element des Friedens, der Ordnung, einer der Grundpfeiler der Industrie, des Handels und der Wiffenschaft geworden. Man findet Juden ebensogut unter den Ratgebern der Krone, wie an der Spitze aller öffentlichen Aemter. Kein Mensch wird in Italien nach seiner Religion gefragt, oder ob er etwa

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