Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 40 (6.10.1905)
- Date
- 1905-10-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 630 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 40 Der Stationschef, Inspektor Ludwig Marbeller, ließ Dr. Buxbaum bedeuten, daß die telephonische Verständigung weder von ihm, noch von einem seiner Beamten ausgegangen und daß dessen Anwesenheit überflüssig sei. Später äußerte der Stationschef in seinem Bureau vor zwei Beamten, er habe den Dr. Buxbaum zweimal zum Verlassen des Bahnhofes aufgesordert und werde ihn nächstens durch die Polizei abführen lassen. Diese Aeußerung kam Dr. Buxbaum zu Ohren, der daraufhin gegen den Stationschef eine Ehrenbeleidigungsklage anstrengte, die am 27. Juli vor dem Bezirksgerichte Hietzing zur Verhandlung gelangte. Das Gericht sprach den Angeklagten mit der Motivierung frei, daß dessen inkriminierte Aeußerung zwar eine ganz ungerechtfertigte Mißachtung gegenüber dem hilfsbereiten Arzt enthalte, die jedoch. deshalb keine strafgesetzwidrige Handlung sei, weil der Stationschef die inkriminierten Worte in seinem Amtszimmer vor einigen ihm untergebenen Beamten gesprochen habe, bei denen er die Wahrung des Amtsgeheimnisses vorausfetzen zu können glaubte; er habe mithin durch seine Aeußerung die Grenzen seiner Machtbefugnisse nicht überschritten. Dr. Buxbaum legte gegen dieses freisprechende Urteil Berufung ein und so kam diese Angelegenheit vor einem Appellgerichte unter Vorsitz des LandeSgerichtsrates Adamu neuerdings zur Verhandlung. Den Einwand des Klägers, wonach er als Arzt einer strafbaren Pflichtverletzung sich schuldig gemacht hätte, wenn er in dem vorliegenden Falle bis zum Eintreffen des Bahnarztes und der Polizei nicht alle Vorkehrungen getroffen hätte, ließ der Senat nicht gelten und bestätigte das erstrichtcrliche Urteil. Lemberger Brief. Konstruktive Arbeit der jüdischen Gemeinde Die Lemberger Gemeinde steht seit einem Vierteljahrhundert im Zeichen der konstruktiven Tätigkeit. Man forscht vergebens in den Annalen der Geschichte nach einem derartigen Auffchwung des Ausbaues unserer Gemeinde wie im gegenwärtigen Zeitabschnitte. Und gelte es, unserem Vorftandskollegium einen Gesamtnamen beizulegen, wir wüßten keine passendere Benennung als das Aufbaukahal. Die modernen Männer welche etwa da zusammentrafen, haben dafür auch gesorgt, daß alle die Baulichkeiten der Charakter des Großartigen, des Nützlichen, gepaart mit dem Aesthetischen, verbinde. Freilich müssen da auch in Erwägung gezogen werden zwei wichtige Umstände, die als unvorhergesehene Ereignisse sich anlaffen; zunächst der sehr schwierige Umstand des Emporkommens einiger Gemeindemitglieder in die Sphäre der Millionäre, welche unsere Gemeindemitglieder — niemals vordem sich haben träumen lassen; daß aber ferner, 1a riebesso oblige, diese neuen Finanzmänner von ihrem Gelde. einen guten Gebrauch machten — gut genug, um sich Unsterblichkeit zu erwerben. Dieses bleibt ihr Verdienst für alle Zeit. So schuf Herr Moritz Lazarus ein monumentales Werk durch Errichtung eines Spitals, ihm folgte Herr Dr. Simon Schaff mit einem herrlichen Bau eines Mädchen- Waisenhauses; ihnen längst voran ging Bankier Herr Regierungsrat Jakob Stroh mit seinem Altersversorgungsheim für Greisinnen. Die Kultusgemeinde ihrerseits erbaute sich eine herrliche Heimstätte — das Gemeindehaus. Wie wir nun erfahren, geht der Kultusvorstand daran, zwei neue Bauten aufzuführen, und zwar soll ein neuer Tempel für die Fortschrittspartei und eine Synagoge für bit konservative Richtung mit einem Kostenaufwande von einer halben Million Kronen geschaffen werden. Wer da zuschaut, in welche Lokalitäten der Gottesdienst an den höchsten Feiertagen verlegt wird, den wird die Inangriffnahme jener zwei Gotteshäuser sympathisch berühren. Allein die nicht hinwegzuleugnende Tatsache, der zufolge die großen nud die kleinen Gotteshäuser das Jahr hindurch Mangel an Beter leiden, wird die Frage ventilieren, ob die flüchtigen Kolonnen Israels es noch ernst mit dem Judentum nehmen. Bedenkt man noch, daß derlei Bauten den sympathischen Gruß der lebenden Generation an alle nachkommenden Geschlechter bilden, in fernerer Erwägung, daß unser Volk sich im Uebergangsstadium befindet — seit der ausgesprochenen jüdisch-nationalen Tendenz, so umschmeichelt uns die Hoffnung auf' bessere jüdisch durchgeistigte Epochen mit lebhafterem Bedürfnisse für Gottes- und Lehrhäuser. Nach dieser Betrachtung möchten wir einen fruchtbaren Gedanken einflechten mit dem Wunsche, er möge sich Gehör verschaffen bei den kompetenten Kreisen und zur Realisierung gelangen. Mit der Errichtung des neuen großen Prachttempels in einer der vornehmsten Straßen Lembergs wird der gegenwärtige Tempel den größten Teil seiner seltenen Besucher verlieren; wir wollen daher diesem ersten Baudenkmale modernisierender Tätigkeit, jenem Wahrzeichen edlen fortschrittlich-jüdischen Strebens der Pioniergeneration von 1842, eine höhere unvergängliche Weihe sichern; wir wollen daher für dessen Fortbestand öffentlich den Gedanken aussprechen, diesen Tempel in eine Lehrstätte, in eine großartige national-jüdische Bibliothek (verbunden mit Vorträgen) umzugestalten, in welcher hochbegabte Jünger des jüdischen Wissens ihren Sammelplatz, ihr Lehr- und Lernzentrum besitzen, während in den Nebenzimmern einige hervorragende jüdische Gelehrte und Schriftsteller ihren zeitweiligen Unterhalt zu finden hätten; eine Institution dieser Art wird wahrhaft Licht, Wärme und neues jüdisches Leben in vollem Maße ausstreuen. Wenn wir schon dem Ausbau unserer Gemeinde unsere besondere Beachtung schenken, so wollen wir darauf Hinweisen, daß wir uns gegenwärtig in einer günstigen Arbeitskonjunktur befinden, daß wir ferner in einigen Männer ein opferwilliges, leistungsfähiges Ausbaumaterial finden, wie nie zuvor, dem der schaffensfreudige Präses Dr. Emil Byck den Glanz verleiht; ferner möchten wir den Wunsch aussprechen, der ökonomisch-didaktischen und humanistischen Seite unseres Volkslebens neue Heimstätten zu gründen — Heimstätten, welche den Namen der Gründer und der Erbauer für alle Zeiten segnen würden. Wir erwähnen an erster Stelle die Errichtung einer Oekonomieschule für Mädchen, verbunden mit einem Heim, welches die jüdischen Mädchen Lembergs dem Laster entreißen und einer ehrsamen, häuslichen, fruchtbaren Arbeit überantworten soll; ferner ein Arbeitshaus^ fiip.perarmte und altersschwache Arbeiter und Arbeiterinnen, um diese dem erniedrigenden Bettel nicht anheimfallen zu lassen. Das Studentenheim dürfte auch nicht mehr lange auf sich warten lassen. Zugleich sei hier bemerkt, selbst wenn sich keine Mäcene vorfinden sollten, welche ihrer Unsterblichkeit den nötigen Tribut zollen möchten, besitzen wir doch im aufgelassenen Spitalgebäude vorläufig Raum für die angeregten Anstalten, zu deren Neuaufführung große Summen zu verausgaben wären. Mögen unsere Worte, die wir in öffentlichen Versammlungen unter allseitiger Akklamation vorgetragen haben, das Ohr und das Herz unserer Gemeindeleiter treffen und nach dem altjüdischen Grundsätze: Wer unternommen, zu arbeiten an einer heiligen Sache, Dem ruft man zu: Vollbringe. Denn die Tat registriert nur auf dessen Namen, der ein Werk glücklich vollbringt. Jüdische Männer mit edlen Herzen und vollen Taschen, baut die altehrwürdige Lemberger Gemeinde auf und die Krone der Wohltätigkeit wird Euch zieren, wenn selbst das Haupt längst in den Staub gesunken sein wird. Dr. R. Vierer. Wessely rt. d. M (Tempeleinweihung.) Der 24. September war für unsere kleine Gemeinde ein wahrer Freudentag, er galt der Weihe unseres neuerbauten Gotteshauses, welches, wir müssen es offen anerkennen, mit geringen Mitteln, die zum allergrößten Teile von einer hochherzigen Spende des sel. Max Kohn, zu diesem Zwecke bestimmt, herrühren, seinem heiligen Zwecke würdig zu dienen errichtet wurde. Kein Prachtbau wurde und konnte aufgeführt werden und Nörgler finden sich immer; dem Baukomitee aber muß vollstes Lob und Anerkennung ausgesprochen werden, es hat seine Aufgabe zur allgemeinen, besten Zufriedenheit erfüllt. Der Weihetag gestaltete sich zu einer erhebenden Feier, die durch den Matowu-Vortrag unseres Kantors Herrn Rosner eingeleitet wurde, worauf der Ung.-Ostraer Knabenchor unter