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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-10-06 · 40 (6.10.1905) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
40 (6.10.1905)
Date
1905-10-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 628 Dr. Llocb's Mocbenscvrm. Nr. 40 die grausamste Weise vernichtet und ausgerottet, wenn sie nicht gutwillig der fremden Gewalt sich fügen und den ungebetenen Eindringlingen Platz machen. Die so hochgepriesene europäische Kultur und Zivilisation kommt gar nicht in Betracht, sobald es sich um außereuropäische Menschen und Völker handelt; ja gerade im Namen jener werden Recht und Gerechtigkeit verletzt und die größten Gewalttätigkeiten und Grausamkeiten verübt. Das soll indes hier nur eine nebensächliche Bemerkung sein. Ebenso will ich nur nebenbei der intereffanten geschichtlichen, aber nur wenigen noch bekannten Tatsache erwähnen, daß es ein Jude war, durch den Frankreich seinerzeit in den Besitz von Algier gelangt ist. Unter Karl X. war nämlich der algerische Jude Jakob Kohn- Bakri französischer Konsul in Algier. Als solcher hatte er mit dem Dey wegen einer Forderung der französischen Regierung zu unterhandeln. Bakri, welcher bei dem Dey persönlich vorsprach, geriet mit diesem in einen Wortstreit. In der Hitze des Streites gab der Dey dem Konsul eine Ohrfeige. Die französische Regierung erblickte darin eine Beschimpfung Frankreichs und sandte ein Heer nach Algier, welches Stadt und Land eroberte und den Dey vertrieb. Es war das am 5. Juli 1830. Seitdem datiert die Herrschaft Frankreichs über Algier. Jakob Kohn- Bakri, dessen Ohrfeige Frankreich die große afrikanische Provinz Algier einbrachte und zur Begründung seiner Herrschaft in Nordafrika verhalf, starb, von Gläubigern gedrängt, am 23. November 1836 in Paris, während Spanien ihm 35 Millionen schuldete. Ist es nicht merkwürdig, daß der französische Antisemitismus gerade in Algier, dessen Besitz Frankreich durch eine Ohrfeige seines jüdischen Konsuls erworben, durch mehrere Jahre in der abscheulichsten Weise gewütet hat?! Das darf indes nicht wundernehmen. Zeigt doch die Geschichte der Juden, daß ihnen fast zu allen Zeiten und in allen Ländern für ihre Selbstverleugnung und Aufopferung mit solchem Danke gezahlt worden ist und der Talmud ganz recht hat, wenn er das Wort des Psalmisten: „Für meine ihnen erwiesene Liebe Haffen und verfolgen sie mich" auf das Verhältnis Israels zu den siebzig Völkern, für welche es am Hüttenfeste in seinem Tempel geopfert hat, anwendet. Die Bewohner des nordwestlichen Afrika, der Berberei (im Altertum hat man unter Afrika nur die Länder im Nordwesten dieses Erdteiles verstanden. Als die Römer im Jahre 146 n. Ehr. Karthago zerstörten, wurde dessen Gebiet dem römischen Reiche als Provinz Afrika einverleibt) haben noch eine besondere Beziehung zu den Juden aufzuweiien. Bis zum heutigen Tage noch hat sich nämlich unter den Berbern, welche am Atlasgebirge wohnen, die Tradition erhalten, daß sie von den Kanaaniten, die wegen der Eroberung des Landes Kanaan durch Josua und die Israeliten von dort auswanderten und nach Afrika gingen, abstammen. Schon der Kirchenvater Augustinus, der aus jener Gegend stammte — er wurde am 12. November 354 zu Sagasta in Numidien geboren und starb 430 als Bischof von Hippo- Regius (jetzt Bona) — berichtet, daß die Bauern der Umgegend von Hippo sich selbst Kanaani oder Kannanei nennen. (Eingang zu dessen Briefen an die Römer 5, 13.) Und noch vor ihm, schon im dritten Jahrhundert, erzählt ein christlicher Schriftsteller, daß die nach Afrika gekommenen Kanaaiten von Josua dorthin vertrieben worden sind und daß auch die Bewohner der balkarischen Inseln von diesen Kanaaniten abstammen. (Chron. Pasch II p 96 fg.) Auch ein heidnischer griechischer Schriftsteller des sechsten Jahrhunderts, Procopius schreibt, daß die „Gergesäer" und Jebusäer, welche früher in Palästina gewohnt, von Josua von dort vertrieben, über Egypten nach Libyen zogen und dort bis an die Säulen des Herkules sich ausdreiteten, viele Städte bauten und noch zu seiner Zeit die phönizische Sprache redeten. Er berichtet auch von einem Denkmal, das in der Nähe des Ortes Tigisis (wohl TingiS) auf dem in phönizischen Schriftzeichen und in phönizischer Sprache die Worte: „Wir sind diejenigen, welche vor dem Räuber Josua, Sohn des Rave, geflohen sind" zu lesen waren. (Os bsUo Vandalico 1. II. 20.) Auch viele arabische Schriftsteller behaupten, daß die Berber nach dem Maghreb (Nordwesten Aftikas) gekommen, als sie von Josua aus Kanaan vertrieben worden sind. Einige lassen sie von den Philistern abstammen, die zum Teile ihre Heimat verließen, als David den Riesen Goliath getötet, weßwegen auch Abraham Jbn Daud in seinem Lspdsr hakkabala die berberischen Könige in Spanien „Könige der Philister" nennt. (Siehe Movers: Das Phönizische Altertum, H. S., 432 fg.) Es gibt aber auch jüdische, alte Quellen, welche für die kanaanitische Abstammung der Berber Zeugnis abl. gen. Im Dalmuä Jeruschalmi (Schebiit 6) wird erzählt, daß Josua vor seinem Einzüge in Kanaan die Bewohner des Landes in einem an dieselben gerichteten Sendschreiben aufgefordert habe, das Land freiwillig zu verlassen. Von den sieben kanaanitischen Völkerschaften, welche das Land bewohnten, hätte jedoch nur eine, die „Gergusiten", der Aufforderung Folge geleistet. Diese zogen nach Afrika, wo ihnen Gott als Lohn für ihren Gehorsam und ihre Bereitwilligkeit ein ebenso gutes Land gegeben habe, wie das, welches sie verlassen hatten. (Diese Erzählung findet sich auch im Lliärasob rabba zu Deuteronom. s. 5.) Auf die Stelle im jerüsalemischen Talmud weist auch schon Munk in seinem Werke „Palästina" bei Besprechung der Kanaaniter hin. Ich möchte aber auch noch die Klage, welche nach dem babylonischen Talmud (Synhedrin 79 a) die Bewohner Afrikas gegen die Juden bei Alexander den Großen vorbrachten, als ein solches Zeugnis ansehen. Der Talmud erzählt nämlich, daß die Bewohner Afrikas (Bene Afrika) zu Alexander kamen und ihn baten, er möge den Befehl geben, daß die Juden das Land Kanaan, welches, wie dessen Name und die Thora selber bezeugt, früher ihren Vorfahren gehört hat, ihnen wieder zurückerstatten sollen. Die Juden, von Alexander aufgefordert, vor ihm zu erscheinen, um mit den Bewohnern Afrikas sich in seiner Gegenwart auseinanderzusetzen, sandten einen ungelehrten, schlichten Mann mit Namen Gebiha ben Pesisa als ihren Vertreter. Dieser gab die Richtigkeit des von den Bewohnern Afrikas Behaupteten zu, bemerkt abe", daß in derselben Thora, auf welche jene sich berufen, auch stehe, daß Kanaan, der Stammvater der Kanaaiten, von Noah verflucht und Sem, dem Stammvater der Israeliten, als Sklave zugewiesen wurde. Was aber der Sklave erwirbt, das gehöre dem Herrn. Auf diese Erwiderung hin haben die Kläger den Gerichtssaal verlassen, so daß Alexander gar nicht mehr dazu kam, ein Urteil zu fällen. Wenn wir nun auch nicht die talmudische Erzählung als buchstäbliche geschichtliche Wahrheit ansehen, so geht doch aus derselben hervor, daß im Altertum allenthalben die Meinung geherrscht hat, daß die Bewohner Nordwestafrikas von kanaanitischer Abstammung sind. Auch die Bemerkung des R. Akiba, der Reisen in Kleinasien und Nordafrika machte und den Aufstand gegen Hadrian vorbereitete, daß man in Afrika eine Maah (Münze, ein Sechstel eines Dinars) Kesitah nennt (Rosch-Haschanah 260), kann als Beweis gelten. Von Jakob berichtet nämlich die Thora (Genesis 33, 19), daß er bei Sichem ein Stück Feld um hundert Kesitah gekauft habe. Diese Münze wird in der ganzen Bibel, wenn man von der Wiederholung des in der Thora Erzählten im Buche Josua 24, 32 absieht, nur noch einmal» und zwar in Hiob 42, 11 erwähnt, weßwegen man später nicht mehr wußte, welchen Wert sie hatte, bis R. Akiba ihren Namen wieder in Afrika hörte, wo sie den Wert einer Maah hatte. Das Gleiche gilt auch von der Bemerkung desselben Lehrers in Bezug auf das Wort „Totfos“ (Synhedrin 4 b), nämlich, daß Fas in Afrika zwei bedeutet. Die Berber galten schon im Altertum als rohe, wilde, raüb- und mordlustige Leute. Der Talmud (dsbamoth 63 b) erzählt gar von ihnen und den Bewohnern Mauritaniens, daß sie nackt in den Straßen einhergehen, und bemerkt dazu, daß niemand von Gott mehr verabscheut wird, als Einer, der schamlos ist und sich nackt vor Leuten zeigt. Vielleicht ist auch diese ihre Schamlosigkeit und sittliche Verkommenheit ein Erbteil von ihrem Urahnen Eham. Möglich gehört dazu auch der Judenhaß der Marokkaner, denn in keinem außereuropäischen Lande werden die Juden so gehaßt und verachtet und so schwer bedrückt, wie in Marokko. Rabb. Stark. Eine jüdische Patrizierfawilie in Basel. In der Monatsschrift „Im deutschen Reich" lesen wir: Während meines Ferienaufenthalts in Grindelwald fand ich im Anzeigenteil mehrerer Schweizer Blätter die Ankündigung, daß der in Basel verstorbene, aus einem Orte bei Kowno stammende Hausierer Jossel Köhan, Sonntag den 23. Juli beerdigt und man sich zum Zwecke der Beteiligung in der Friedhofstraße , versammeln werde. Wieder einer jener russischen Auswanderer, dachte ich, der, durch die Auswüchse des Zarismus vaterlandslos geworden, von Land zu Land getrieben, endlich eine Zuflucht in der gastfreien Schweiz gefunden, wo er sich vielleicht nur kümmerlich als Hausierer ernährt, aber doch als fteier Mann zuletzt eine friedliche Ruhestätte in einem Lande gefunden hat, in dem man wegen seines Glaubens oder seiner Abstammung keine blutigen Verfolgungen erleidet. Die Zahl der in der Schweiz wohnhaften Juden ist bis jetzt noch keine große, aber ihre Bedeutung für die industrielle Entwicklung wird jetzt mehr und mehr gewürdigt, und auch auf anderen Gebieten haben sich bereits einzelne Juden in erfreulicher Weise Ansehen verschafft und bewiesen, daß sie die Wohltat, freie Bürger eines fteien Landes geworden zu sein, vollauf würdigen und durch echte treue Vaterlandsliebe zu vergelten bestrebt sind. Um so interessanter ist der Nachweis, daß schon im vierzehnten Jahrhundert dies in der Schweiz einzelnen eingewanderten Juden glückte und daß erst ein Jahrhundert später deren Nachkommen das gewonnene hohe Ansehen entweder durch eigene Schuld oder — was zwar chronistisch nicht nachweisbar, aber sehr wahrscheinlich ist — durch antisemitische Anzettelungen und Verleumdungen wieder eingebüßt haben. Das Mittel dazu scheinen antisemitische Hetzschriften und Spottbilder geliefert zu haben, die als traurige Beweise für den elendesten Mißbrauch gelten müssen, der sehr bald nach der Erfindung der Buchdruckerkunst mit dieser von judenfeindlichen Skribenten getrieben worden ist. Bekanntlich sind solche traurige Ereignisse im Germanischen

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