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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-10-06 · 40 (6.10.1905) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
40 (6.10.1905)
Date
1905-10-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 40 Dr. Dlocd's Mocbenscbrm. Seite 627 Vom Zakrmarkt des Lebens. Zangwill und Nordau. Aus der Rede, die Israel Za n gw ill am 18. September in London Nor seinen Wählern gehalten hat, geben wir die folgende Stelle wieder als einen Passus, der eine bemerkenswerte Mitteilung enthält, die in zionistischen Kreisen vielfach kommentiert werden dürfte: Es heißt da in seinem Bericht: Eine sensationelle Szene jedoch ist wahr, eine Szene, die am nächsten Tage stattfand, und in die ich persönlich verwickelt bin. Ich meine die Szene, in der ich den Präsidenten des Kongresses des Verrats am jüdischen Volke anklagte. Sie werden mich schließlich sicherlich fragen, wieso ich, nach dem Rat, den ich den Territorialisten erteilt hatte, mich zu einen solchen Verstoß gegen jede parlamentarische Gesittung verleiten lassen konnte. Aber es gibt Dinge, die höher stehen als jede parlamentarische Etikette: das Schicksal des jüdischen Volkes ist wichtiger, als die Würde und die Einigkeit des Kongresses. Ich wurde sehr oft wegen dieses meines Benehmens, heftig angegriffen, und einige meiner englischen Kollegen auf dem Kongreß beeilten sich, Dr. Nordau ihr Bedauern über diese „ungerechtfertigte und unaussprechliche Beleidigung" auszudrücken. Um mich zu verteidigen und zu zeigen, daß diese Anklage nicht so ungerechtfertigt und unaussprechlich war, bin ich gezwungen etwas zu enthüllen, was zwar jetzt kein Gebeimnis mehr bleiben wird, da es im Protokoll des Kongresses veröffentlicht sein wird, das aber bis nun dem Publikum unbekannt gewesen ist. Meine Resolution, ein Territorium in Ostafrika zu akzeptieren, sollte von Dr. Nordau unterstützt werden; die Unterschrift des Präsidenten des Kongresses ist auf der formellen Resolution, die dem Präsidium eingereicht wurde, dicht neben der meinigen zu finden. Ich wagte nicht einmal ans eine solche Unterstützung seitens unserer größten zionistischen Persönlichkeit zu hoffen, obgleich Dr. Nordau auf dem 6. Kongreß die Idee eines „Nachtasyls" so gewaltig verfochten hatte. Ich fühlte, daß er in seinem Gesundheitszustand bereits ein großes Opfer gebracht hat, wenn er überhaupt zum Kongreß erschienen ist. Als ich ihm jedoch am Eröffnungstage des Kongresses erzählte, daß ich morgen eine Resolution einzubringen gedenke, welche dahin geht, daß wir das Angebot von England annehmen, es aber um ein Land ersuchen, das groß und fruchtbar genug ist für unsere Emigranten, bot sich mir Dr. Nordau sofort an, diese Resolution zu unterstützen: Es war Wahnsinn, fügte er hinzu, das Angebot von England zu verwerfen und er würde niemals dazu beistimmen. Ich war natürlich außer mir Mr'Ftöude und bat ihn, niemandem zu erzählen, daß er mich unterstütze: Meine Absicht habe ich offen und laut proklamiert, damit unsere Gegner die Möglichkeit haben, ihre Einwände dagegen vorzubereiten; aber daß auch der Präsident des Kongresses auf meiner Seite wäre, sagte ich ihm, würde natürlich wie ein Donner drein schlagen. Seine Rede würde, wenn auch nicht ganz den Ausschlag zu unseren Gunsten bewirken,, so doch wenigstens den Boden für einen Sieg auf einen zukünftigen Kongreß vorbereiten und vielleicht sogar die Aenderung der Bankstatuten verhindern, damit diese Institution in ihrer Tätigkeit nicht gelähmt werde. Als der außerordentliche Kongreß eröffnet wurde und die Zeit heranrückte, da ich meine Resolution Vorbringen sollte, begannen zu meinem Erstaunen Dr. Nordau und fast alle anderen, die auf der Plattform waren und in einem Zustande von schrecklicher Aufregung sich befanden, in mich zu drängen, davon abzustehen. Sie erklärten mir, daß ich vor einer wilden Majorität stehe, und wenn ich darauf beharren wollte, so sei es unmöglich, die Verantwortung für die Folgen zu übernehmen — es könnten Unruhen ausbrechen, Gewalttaten und sogar Revolverschüsse. Ich antwortete darauf Dr. Nordau, daß e r wohl entsagen könnte, mich zu unterstützen, wenn er wollte, daß aber nichts auf Erden mich daran verhindern würde, die Tribüne zu besteigen und meine Pflicht zu tun. Ich bestieg die Tribüne und hielt meine Rede — und nichts ereignete sich von alledem, was diese von einer Panik ergriffenen Propheten befürchteten. Im Gegenteil, meine Rede wurde sogar sehr schmeichelhaft ausgenommen. All die wilden Gerüchte, daß ich von der Tribüne heruntergezerrt wurde, sind nichts als journalistische Erfindungen. So begann die große Debatte, die durch das Ausbleiben der bezaubernden Beredsamkeit Dr. Nordaus, leider ohne jeden Glanz war. Aber diese Enthaltung allein würde mich kaum bewegen, so schroff gegen einen treuen Freund aufzutreten, an den ich durch das Band gegenseitiger Liebe gefesselt bin. Ich sagte ihm, daß man einem Manne in seinem Gesundheitszustand alles verzeihen müsse. Die Debatten zogen sich durch Freitag hindurch, Samstag abends und Sonntag früh. Am Nachmittag produzierte unerwarteter Weise das A. C. eine eigene Resolution. Diese Resolution, ein widerspruchsvolles Gemisch Ussischkinscher Ideen mit unglückseligen Resten Greenbergscher Gedanken, enthielt alles, wogegen ich kämpfte; es verwarf jedes Land, das nicht zu den Nachbarländern Palästinas gehört, es empfahl die Aenderung der Bankstatuten und schloß, äs facto die Territorialisten aus dem Zionismus aus. Nun hatte ich aber mit dem Präsidenten abgemacht, daß, im Falle eine solche Resolution vorgebracht werden sollte, ich das Wort zur Tagesordnung erhalten sollte, um dagegen zu sprechen. Ich wollte beweisen, daß es nicht in der Kompetenz des Kongresses stehe, die Tätigkeit unserer Bank auf irgend ein bestimmtes Gebiet zu begrenzen, das sei allein Sache der Aktionäre. Diese Resolution wurde nun, zu meinem weiteren Erstaunen, unter den Auspizien von Doktor Nordau selbst vorgebracht, der sie nicht nur der meinigen, die er ursprünglich selbst Unterzeichnete, vorangehen ließ, sondern mir überhaupt das Wort zur Tagesordnung, wie er es versprochen, nicht geben wollte. Die Resolution des A. C. wurde uns aufgedrängt, ohne daß man auch nur ein Wort dagegen sprechen durfte. Als aber schon alles fertig war und alle Länder mit Ausnahme von Palästina und den Nachbarländern ausgeschlossen waren, erlaubte mir Dr. Nordau — zugunsten von Ostafrika zu sprechen. Welche Ironie! Unter solchen Umständen, sagte ich, wollte ich nicht die Zeit des Kongresses in Anspruch nehmen und würde die Resolution zurückziehen. Als ich aber daran dachte, welches Gaukelspiel mit mir da getrieben wurde, als ich des Elends der jüdischen Massen in Rußland und in Galizien gedachte und des tragischen Problems unserer Wanderer, vor denen alle Zufluchtsorte sich allmählich schließen, und als ich bedachte, wie leidenschaftlich und blutig die Völker um jeden Schritt Landes sich bekämpfen, und wir die Gelegenheit, die sich uns nach 1800jähriger Gefangenschaft dargeboten hatte, durch friedliche Mittel unseren heimatlosen Wanderern eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte zu sichern, so leichtsinnig verworfen haben, da empfand ich einen Drang, so schmerzlich es mir war, einem so lieben Freunde solche Dinge sagen zu müssen, gegen Dr. Nordau an das Urteil der Geschichte zu appellieren. Dr. Nordau opferte alles dem Frieden und der Einigkeit des Kongresses. Als Präsident hielt er es für seine Hauptpflicht — (dazu dienten als Veranlassung noch zweifellos die Unordnungen der Nachtsitzung, der er nicht beiwohnte, und die ihm in übertriebener Form geschildert wurden) — ganz gleich, ob er Recht habe oder nicht. Ob ich aber recht bandelte oder nicht, so verriet ich doch unter keinen Umständen mein Mandat zum Kongreß; ich trug schweige ib'bie Schande. Ich teilte nichts davon meinen territorialistischen Freunden mit, damit sie keine Demonstration gegen Nordau veranstalteten, und trotz der allzu eifrigen Einwirkung der englischen Landsmannschaft nahm ich Abschied von Nordau mit der gleichen Freundschaft wie zuvor. In Wirklichkeit steigerte sich noch diese Freundschaft auf meiner Seite durch das männliche Geständnis von Dr. Nordau zu Herrn R. Brainin, die im hebräischen Journal „Hasman" berichtet wird. Sie haben es zwar sicherlich in der „Jewish Chronicle" gelesen, aber es verdient an dieser Stelle wiederholt zu werden. Herr Brainin schreibt, daß nach Schluß der zweiten Kongreßsitzung — also unmittelbar nach meiner Szene mit Dr. Nordau — er auf ihn zuging und ihm zum Sieg, der mit seiner Hilfe als Präsident erlangt wurde, gratulierte. Mit verstörtem Gesicht und dunkel klingender Stimme antwortete Dr. Nordau: „Wir haben heute gegen die Nachwelt gesündigt." „Wenn Sie so denken" frage ich, „warum machten Sie nicht Ihre Meinung vor dem Kongresse bekannt und warum unterstützten Sie die Annahme der Resolution?" „Mir mangelte es an Kraft und Mut, um meine Ansicht zu perfechten", antwortete Nordau. „Als Kongreßpräsident mußte ich mich dem Beschlüsse der Mehrheit unterwerfen und die Ehre der höchsten zionistischen Institution, des Kongresses, vor der Gewalt der Minorität retten." „Ich übergebe Nordaus Antwort wörtlich", bemerkt Herr Brainin. Die Worte: „wir haben heute gegen die Nachwelt gesündigt" — machten auf mich einen erschütternden Eindruck. Ich gab mir alle Mühe, ihn zu überzeugen, daß die Annahme dieser Resolution und die Spaltung, die darauf folgen würde, notwendig wäre, aber es war unmöglich, ihn zu beruhigen. „Wir haben heute gegen die Nachwelt gesündigt!" Wie Sie daraus ersehen können, differierte d^s innerste Gefühl Dr. Nordans von meinem Vorwurf ein wenig. Nur daß dieser Vorwurf anstatt ungerechtfertigt und unaussprechlich zu sein, nur unnötig war, und als ich dieses wirklich tragische Interview las. bereute ich den Ausdruck zum erstenmale. Die kanaanitische Abstammung der Bewohner Nordafrikas. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, dürfte Nordaftika in nicht langer Zeit der Schauplatz wichtiger politischer Ereignisse und staatlicher Umwälzungen werden. Beschäftigt doch die Marokkofrage schon seit geraumer Zeit die europäischen Kabinette und war einen Moment derart zugespitzt, daß man einen, den europäischen Frieden gefährdenden Konflikt zwischen Frankreich und Deutschland befürchten konnte. Frankreich, welches sich Algier bereits vor siebzig Jahren einverleibt und auch auf Tunis schon seit langem seine linke Hand gelegt, versuchte nunmehr seine rechte Hand auf das an Algier angrenzende Marokko zu legen. Da rief ihm Deutschland noch rechtzeitig ein „Handab" zu, indem es behauptete, daß es auch ein Wort darein zu reden habe und die Abmachungen mit England und Spanien allein nicht genügen, um die Marokkofrage zu lösen. Wie es vor einigen Jahren ein Plätzchen an der chinesischen Sonne verlangt hat, so verlangt es jetzt auch ein Plätzchen an der nicht minder warm scheinenden marokkanischen Sonne. Wer weiß, ob sich nicht einmal die europäischen Mächte an der heißen afrikanischen Sonne die Finger verbrennen werden» wie sich sie Rußland an der ostasiatischen Sonne bereits verbrannt hat. Um die Rechte der eingeborenen Bevölkerung und um Humanität und Menschlichkeit kümmern sich die zivilisierten europäischen Mächte blutwenig, wenn es gilt, sich auf fremden Erdteilen festzusetzen. Die dieselben seit der Urzeit bewohnenden Stämme und Völkerschaften werden auf

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