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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-10-06 · 40 (6.10.1905) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
40 (6.10.1905)
Date
1905-10-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 626 dr. Llocb's Mocbenscvrm. Nr. 40 Der Kampf der Juden oder der verjudeten Sozialdemokraten — das ist ja schon dasselbe, und die christlichsozialen Helden lieben es, ihre Geschäfte in einem Aufwaschen zu besorgen — gilt insbesondere im fünften Bezirke „unseren hehrsten Idealen, unseren heiligsten Gütern". Wenn Vergani einmal zu dichten beginnt, dann läßt er nicht so leicht wieder locker. Der Sänger und der Held wird da ganz zum Idealisten. „Der Kampf richtet sich gegen unseren von unseren Vätern übernommenen herrlichen christlichen Glauben an die Gottheit Christi", — gilt das auch für die strammen Parteigenossen Dr. Porzer und Dr. Max Anton Liw? — „gegen den Bestand unseres altehrwürdigen Reiches und seiner mit den Geschicken des Reiches unzertrennlich verwachsenen Dynastie und gegen unser teures deutsches Volk, das seiner dominierenden Stellung in diesem Reiche und in dieser Stadt beraubt werden soll." Ja, so sind die Juden, das sind ihre Absichten, und andere Sorgen haben sie nicht. Jetzt fehlt nur noch, daß die grüne Fahne des Propheten entrollt und die ganze Geschichte mit dem roten Scheine der bengalischen Beleuchtung verklärt wird, dann ist Alles in der schönsten Ordnung. Die Gefahr wird ganz wesentlich dadurch erhöht, daß die Juden — wie Vergani ernsthaft versichert, — auf die Kurzsichtigkeit der Massen spekulieren. Das ist allerdings insam — wir meinen von den Juden und nicht etwa von Vergani — und da können die Antisemiten nicht mehr mittun. Denn die haben niemals auf die Kurzsichtigkeit der Massen spekuliert und sich immer nur an die nobelsten und feinsten Instinkte des Volkes gewendet. Dr. Weißkirchner wird nun hoffentlich doch zusriedengestellt sein, oder verlangt er noch stärkere Aeußerungen des Fieberwahnes? Die Sache wäre zu überlegen. Das Ueberschnappen minderbemittelter Gehirne ist bald und leicht erledigt, aber es ist die Gefahr dabei, daß sie dann, wenn das Fieber vorbei ist, nicht wieder zurückschnappen. Man sollte da vorsichtig sein. Die Zauberlehrlinge können so im Handumdrehen ftl ein schönes Gedränge geraten. Sie könnten die Erfahrung machen, daß die Geister, die sie riefen, überhaupt keine Geister sind, und dann umso schlimmer, wenn sie sie nicht bannen können. Jedenfalls läßt sich die Geschichte sehr bedenklich an, wenn Vergani einmal zu dichten beginnt. So wird sich vielleicht nicht einmal Dr. Weiskirchner das Wahlfieber vorgestellt haben. „Die Moral von der Geschichte" Die Völker Oesterreichs haben der Welt diese Woche wieder ein Schauspiel geboten. In Brünn fand ein deutscher und ein tschechischer „Volkstag" statt und die Vertreter beider Kulturnationen standen auf der Höhe ihrer weltgeschichtlichen Wendung. Die Tschechen schlugen einige Hundert Fensterscheiben ein und die Deutschen zerdroschen ihren nationalen Gegnern die Köpfe. Damit die ausgleichende Gerechtigkeit nicht fehle, wurde ein tschechischer Proletarier getötet und einem deutschen Professor ein Auge ausgeschlagen. Das sind nun in unserem lieben Vaterlande häufig wiederkehrende Dinge, und es verlohnte sich nicht, darüber viele Worte zu verlieren. Interessant ist nur die große Erregung, die — ehrlich oder erkünstelt — sich des Parlamentes ob der Brünner Vorgänge bemächtigte. Die Verwundung zahlreicher Personen, die Beschädigung des Privateigentums verursachte auf deutscher wie auf tschechischer Seite einen heftigen Ausbruch des empörten Rechtsgefühles, und von den Einen wie den Andern wurde die Regierung, wurde der Minister des Innern für die Exzeffe und deren Folgen verantwortlich gemacht. Wir haben uns darob herzlich gefteut! Es ist immer erhebend, wenn in einem Parlamente, das aus gegensätzlichen Jntereffengruppen besteht, das Rechtsgefühl zu elementarem Durchbruche gelangt, doppelt erhebend, wenn dies bei den Vertretern zweier Völker geschieht, die gegenüber einem gemeinsam gehaßten Dritten — dem Juden — minder skrupulös zu sein Pflegen. Die Deutschen beriefen sich auf ihren schwerverletzten Professor, die Tschechen auf ihren toten Proletarier, und der Minister des Innern sicherte beiden Teilen die Einleitung einer gründlichen Untersuchung und die strengste Bestrafung der Uebeltäter zu. Auch diese Zusage hat uns baß erfreut. Es ist ja io löblich, wenn eine hohe Regierung die Gerechten schützt und die Frevler bestraft. Muß man zu einer solchen Regierung nicht das höchste Vertrauen gewinnen, muß man einen Staat nicht glücklich preisen, dessen Volksvertretung die Minister so tapfer an ihre Pflicht erinnert? . Nur schade, daß dies sonnige Bild österreichischer Zustände durch eine lange Reihe trüber Erinnerungen verdunkelt wird. Dies stolze Edelvolk der Deutschen, das sich so sehr seiner hohen Kultur berühmt, hat sich in seinem Gewissen nie beunruhigt gefühlt, wenn seine Söhne blutige Gewalttaten gegen die Juden verübten, und die Tschechen haben ihre Gleichwertigkeit mit den Deutschen dadurch bewiesen, daß sie mit ihnen im Judenhasse und in der Judenverfolgung wetteiferten. Hat man je von einer Aufregung im Parlamente, von heißen Debatten, von einem Appell an die Regierung gehört, wenn Exzesse gegen die Juden, wenn Raub und Mord an unseren Glaubensbrüdern vor sein Forum gebracht wurden? Die stenographischen Protokolle jener Sitzungen, in welcher aus irgend einem aktuellen Anlasse die Judenfrage in Diskussion stand, weisen zahllose Vermerke von homerischem Gelächter, von unauslöschlicher Heiterkeit auf. Man lachte bei der Erzählung, daß einem Juden das Haus über dem Kopfe angezündet wurde, man lachte, wenn die Juden des rituellen Kindesmordes beschuldigt wurden, man lachte, wenn von den unglücklichen Opfern eines grausamen Judenmassakres die Rede war. Wollte mal Einer die kulturstolzen Herren aus den behaglichen Ecken der Couloirs und des Buffets in den ansonsten gähnend leeren Sitzungssaal locken, so brach er flugs eine Judendebatte vom Zaune. Da kamen sie alle, alle und amüsierten sich königlich über die geplünderten Kaufläden und die zerschlagenen Gliedmassen ihrer Juden. Ja ihrer Juden! Denn jede dieser Kulturnationen h a t ihre Juden! Der deutsche Charakter Brünns und anderer mährischer Städte wäre längst unhaltbar, wenn die zehntausend Juden der mährischen Hauptstadt nicht trotz Herrn Wolf, der den jüngsten Volkstag daselbst mit seiner Anwesenheit zierte, und trotz Herrn Lueger, der diesen Volkstag in einer Zuschrift seiner Sympathien versicherte, an der Spitze des Deutschtums marschierten.^ Und J)k Tschechen in Böhmen lohnen die Heerfolge der „Ceska Zidowska jednota“ mit kleinen Ritualmordspässen ä la Polna, mit lieblichen Judenkrawallen a la Nachod und Holleschau, von den Polen ganz zu schweigen, welche die Hilfe der Juden gegen die Volksparteien und die Ruthenen mit den Plünderungen von Alt-Sandec und Zablotow quittierten. Und da sei doch auch gleich der gestrengen Justiz gedacht, die der Herr Minister des Innern gegenüber den Brünner Exzedenten in Aussicht stellte. Wir erinnern uns eines armen Juden, dem in Zablotow ein Auge ausgeschlagen wurde, genau so wie dem deutschen Professor in Brünn. Wir sehen die Jammergestalt eines Judenjungen vor uns, dem vierzehn Löcher in den Kopf geschlagen wurden und den man dreimal in den Mühlbach untertauchte, um ihn zu ertränken. Ein Wunder, daß er nicht sein Leben ließ, wie der tschechische Proletarier in Brünn. Aber die Urheber jener fürchterlichen Judenexzesse, ein kaiserlicher Finanzbeamter und ein Kaufmann, wurden freigesprochen. Hunderte jammernder Väter und Mütter ziehen an uns vorüber, denen man ihre Kinder geraubt, Tausende von Hungernden, deren kümmerliche Existenz vernichtet wurde — es gab und gibt kein Recht für sie. Ein Parlament, das vom Judenelend in Galizien kalt gelassen wird, hat kein Recht, sich über etliche zerschlagene Fensterscheiben auszuregen, eine Regierung, die solchen Zuständen gegenüber die Arme verschränkt, darf sich nicht als Hüterin der Gesetze in die Brust werfen. Unsere Juden in Böhmen und Mähren aber mögen aus diesen Betrachtungen die richtigen Folgerungen ziehen. Unser Abgeordnetenhaus aber, das sich so oft zu elenden Judenhetzen hat erniedrigen lassen, verdient sein erbärmliches Schicksal!

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