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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-09-29 · 39 (29.9.1905) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
39 (29.9.1905)
Date
1905-09-29
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 622 ‘ Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 39 Mitglieder sich versammelt hatten. Nach Erwiderung des Rabbiners wurde er vom Tempelvorstande und sämtlichen Vorstandsmitgliedern in den fefttich geschmückten Tempel geleitet, wo nach dem üblichen Freitagabendgebete Ehrw. Rabbiner P. Büchler aus Mür, der Schwiegervater des jungen Rabbiners, die Jnstallationsrede hielt, ' welche auf sämtliche Zuhörer einen tiefen Eindruck machte. Hierauf bestieg Dr. Josef Frank die Kanzel, um sein Programm zu erörtern, welches er bei Erfüllung seines Berufes vor Augen haben werde. Zum Texte seiner Predigt wählte er die drei Säulen, auf denen die sittliche Weltordnung ruht: Wahrheit, Recht und Frieden. Die mit warmer Empfindung, mit wahrer Begeisterung und in herrlicher Weise vorgetragene Rede riß alle Zuhörer mit sich, welche alle Räume des Tempel dicht ausfüllten. Dr. Frank wurde von allen Zuhörern herzlich beglückwünscht. Feuilleton. Sata« Mekatrig. Eiue Ghettogeschichte. — Nach dem Englischen von Israel Zangwill. (Fortsetzung.) Es war Kol Nidre-Abend, der Beginn des großen, weißen Festes, der Tag der Versöhnung. Im jüdischen Viertel herrschte eine unterdrückte, festliche Aufregung. Die Synagoge hatte sich geleert und Männer und Frauen, ganz unter dem Eindrücke der leidenschaftlichen Gebete stehend, tauschten Händedrücke und wünschten einander glückliche Feiertage. Die Nacht war dunkel und sternenlos und es schien, als ob die Natur an der allgemeinen Schwermut teilnehmen wollte. Einsam, gleich mitten im Gedränge, schritt eine schwache, leidend aussehende Frau in den für diesen Festtag vorgeschriebenen Pantoffeln einher; ihr Kopf war gebeugt, ihre Wangen von Tränen überströmt. Es waren nicht die letzten Spuren einer zu starken seelischen Erregtheit, nicht der Ausdruck einer zu großen Empfindsamkeit. Nein, es waren bittere, salzige, wirkliche Tränen, die von tiefem, echten Kummer zeigten. Der lange, ermüdende Gottesdienst mit seinen übertrieben und seelisch aufregenden Gebeten wäre ein Segen für sie gewesen, wenn er beruhigend auf ihre Qualen eingewirkt hätte. Aber dem war nicht so. Die arme Rebbekka Grinwitz dachte immer nur an ihren Gatten. An ihn hatte sie unaufhörlich gedacht, sogar als die weißgekleideten Tempeldiener die leidenschaftlichen Gesänge anstimmten, die bald zu Wehklagen, bald zu Schluchzen, bald zu traurigem Gemurmel übergingen; nur an ihn dachte sie, wenn die weinenden Andächtigen, die ganz von ihren Bettüchern bedeckt waren, sich hin- und herbewegten, ihre stolze Lyrik in wahrer Raserei zum Himmel emporsandten, nur an ihn dachte sie, wie sie ihre Brust mit geballter Faust schlug, als sie ihre Sünden beichtete und um Vergebung tobte. Sünden hatte sie — aber wie waren erst seine Sünden! Ach Gott, seine Sünde! Denn Moses war vom Bösen zum Bösesten übergegangen. Er weigerte sich, die Synagoge, in der er so schlecht behandelt worden war, wieder zu betreten. Seine Reden wurden immer gotteslästerlicher. Er betete nicht mehr, er trug keine Tefilin mehr. Ihr friedliches Heim war zerstört, ihr Vertrauen zu ihrem Gatten geschwunden, das arme Weib hing an ihm, denn sie hoffte noch immer. Zuweilen hielt sie ihn für nicht zurechnungsfähig; allmälig waren die Gerüchte über sein gottloses Benehmen an jenem Samstag, an welchem sie ohnmächtig geworden, zu ihr gedrungen, und sie erinnerte sich, daß sein verändertes Wesen von dem Sonntag an datiere, der dem köstlichen Psalmsingen gefolgt war, und sie war geneigt, seine gotteslästerigen Reden seiner geistigen Verwirrung zuzuschreiben. Aber andererseits waren seine Gespräche — sofern sie nicht die Religion betrafen — so klug; er glänzte durch allerlei treffende Aussprüche, wie sie sie früher nie von ihm gehört hatte. Er war voll neuer Ideen über politische und soziale Systeme und andere unpraktische Einrichtungen; er gefiel sich darin, die Macht der Wohlhabenheit und des Glückes für den Arbeiter zu schildern. Inzwischen waren seine Einnahmen auf den dritten Thetl der früheren herabgesunken, nachdem er seine Stellung verloren hatte; sein letzter Meister war nämlich Vorsitzender der Bethausgemeinde und wollte nun nach dem Vorgefallenen nichts mehr von ihm wissen. Es war kein Wunder, daß Rebekka Grinwitz keines anderen Gedankens mehr fähig war, als des Unglücks, das über ihren Mann hereingebrochen. Auch heute hoffte sie noch, denn wenn das große, weiße Fest sich jährt, geht es wie eine mächtige Welle feinen Magnetismus durch das Weltall der Juden. Männer und Frauen, die das ganze Jahr die religiösen Vorschriften nicht geachtet haben, erinnern sich plötzlich an den Glauben, in dem sie geboren, und sie beeilen sich, zu fasten und zu beten und sich vor dem Throne des Barmherzigen zu demütigen. Der lang gedehnte, zitternde aufwieglerische Ton des Hornes, das am Neujahrstage geblasen wird, versammelt das zerstreute und ungläubige Israel und vereinigt alle unter der Kuppel des Herrn. Und heute werden sicherlich alle die Zweifel in ihres Mannes Herzens schwinden. Sie glaubte fest daran, daß noch ein Band zwischen ihm und der Religion seiner Väter besteht und dieses Band werde ihn wieder zurückleiten und seine Seele von den ewigen Martern des Verfluchten befreien. Doch ihre Hoffnung sollte sich nimmer erfüllen. Moses Grinwitz blieb für die heiligen Vorbereitungen des Neujahrstages ganz teilnahmslos und der Elende zeigte auch am Vorabende des Versöhnungstages keinerlei Reue. Der letzte Gnadenweg für den Sünder war daher abgeschnitten. Und so ging die unglückliche Frau allein in den Tempel. Als sie den Rückweg antrat, kam sie nur mühsam vorwärts und nur langsam konnte sie die Stiegen zu ihrer Wohnung ersteigen. Als sie die Tür aufstieß, schrie sie plötzlich laut auf. Sie hatte einen gigantischen Schatten erblickt, der an den Wänden hin und herflatterte. Es mußte wol ihr eigener Schatten gewesen sein, denn andere Lebewesen waren im Zimmer nicht zu sehen. Wo war ihr Mann? Wohin war er gegangen? Warum hatte er die Türe offen stehen lassen? Sie blickte auf den Tisch, der mit dem weißen Tischtuch zauberisch glänzte. Der große Jom Kippur-Leuchter, der am Vorabend angezündet wird, um bis in den nächsten Tag zu brennen und dessen Flamme durch den Luftzug hin und her flackerte, stand in der Mitte. Rebekka erbebte; eine Ahnung von Unheil schüttelte sie. Seit Jahren hatte die Jom Kippur- Kerze stets ruhig gebrannt und ihr Leben war auch ruhig verlaufen. Ach, es bedurfte nicht erst dieses bösen Omens, um ihr Böses zu weissagen. „Möge Gott sich erbarmen," rief sie in Tränen ausbrechend aus. Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, als eine große, schwarze Katze mit grünschillerndem Augen unter dem Tisch hervorsprang und ein klägliches Miauen von sich gab. Beinahe wahnsinnig vor Furcht, schleppte sich die Frau zum Fenster und schloß es heftig, aber ehe das Schiebefenster vor war, erklangen Stimmen und Gelächter. „Nun da Ihr endlich Eure Ehrfurcht vor einem Stückchen Blech und Pergament überwunden habet, will ich Eure Wohnung mit meiner Anwesenheit beehren." Plötzlich fühlte Rebekka Lust miteinzustimmen und ihre Tränen hinwegzulachen; aber als sie sich umwandte und ihren Mann nicht allein sondern in Begleitung eines Gastes sah, da murmelte sie rasch ein frommes Sprüchlein. Der Instinkt hatte sie nicht getäuscht — der Neuangekommene war der Bucklige von jenem Unglücks-Samstag. Diesmal wurde sie nicht mehr ohnmächtig. „Eine seltsame Stunde, Gäste mitzubringen, Moses" sagte sie laut und ihr Gesicht wurde finster, als sie den Tabak und Branntweingeruch der beiden Männer spürte. „Ihre gute Frau ist nicht übermäßig höflich", sagte der Besucher. „Aber am Jom-Kippur glaubt sie gezwungen zu sein, die Wahrheit zu sagen." „Ich brachte ihn mit, Rivkole, um Dich zu überzeugen, wie närrisch es von Dir war, ihn damals, als Du ihn im Tempel sahst, für einen — aber ich muß nicht unhöflich sein,

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