Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 39 (29.9.1905)
- Date
- 1905-09-29
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 39 Dr Wlocb's MocbenscbrM. Seite 623 brach er mit gemeinen Lachen ab. „Für mich liegt kein Grund vor, am Jom-Kippur Wahrheiten zu sagen. Unten im Klub haben wir die Zeit besser verbracht! Und unser Freund hat eine Flasche Champagner gespendet. Champagner, Rivkole! Denke Dir nur, wirklichen leibhaftigen Champagner, wie er am Tische des Bürgermeisters funkelt. O, der da ist ein lustiger Bursche, und das sagen alle"! Ein irrer Blick glitt über ihr Antlitz. „Roschah, Sünder", schrie das Weib. Dann, wandte sie sich den grausamen Augen des Buckligen zu, ihr Gesicht erglänzte, ihre Brust hob sich vor starker Bewegung: „Fort, Satan Mekatrig", kreischte sie. „Verlasse mein Haus, geh auf der Stelle fort! Im Gottes Namen Packe Dich zur Hölle!" Selbst der freche, unverschämt aussehende Bucklige erschrack vor dieser Leidenschaft; aber er haschte nach seines Freundes heißer Hand und schien durch die Berührung Mut zu gewinnen. „Wenn ich gehe, nehme ich Euern Mann auch mit", höhnte er und seine Augen flammten auf. „Er wird mich nie verlassen. Nun, schickt mich noch fort, wenn ihr es könnt." „Ja, Du darfst meinen Freund nicht so wegschicken", sagte Moses Grinwitz. „Komm, sage ihm Worte des Willkommens, wie es sich für eine gute Frau schickt." Rebekka schrie gräßlich auf, kauerte sich am Boden und wiegte ihren Körper hin und her. Der Betrunkene schien bewegt. „Steh auf Rivkole", sagte er mit lallender Stimme: „Wenn man Dich so sitzen sieht, möchte man glauben, Du sitzest Syivah an meiner Leiche." Er streckte seine Hand aus, um ihr aufzuhelfen. „Zurück" schrie sie, seinem Arm ausweichend. „Rühre mich nicht mehr an, ich bin Dein Weib nicht mehr!" „Hörst Du das, Mann?" sagte der Bucklige. „Ihr seid frei. Ich bin hier als Zeuge. Denket daran: Ihr seid frei." „Ja, ich bin frei", wiederholte Moses frohlockend. Der gigantische Schatten, der von der zu Ende gehenden Jom-Kippur- Kerze gebildet wurde, verfolgte ihn und schien um ihn hin-und herzutanzen. Die langen Seitenlöckchen baumelten wie der Schmuck in den Ohren der Wilden, während der unförmige Schatten des Buckligen ihm mit dem Kopfe beifällig zuzunicken schien. Dann als die Flamme unregelmäßig aufzuckte und flackerte, veränderte der Schatten seine Form und sah aus wie eine geisterhafte Verschlingung zweier gespensterischen Gestalten. Das Blut stockte ihr in den Adern und mit verhaltenem Atem wandte sich das gequälte Weib ab und blickte auf den zerbrochenen Spiegel, doch ihre überhitzte Phantasie spiegelte ihr plötzlich die Leiche ihres Gatten vor. An der Stelle, wo er früher einmal das Amulett getragen, zischten Schlangen und rund um ihn herum, standen endlose Reihen schrecklicher Gestalten mit marmorblassen Gesichtern, geringelte Schlangen statt der Haare und glühende Kohlen in den Augenhöhlen. Sie fühlte ihre Sinne schwinden, aber sie kämpfte mit aller Macht gegen das sie niederziehende Gefühl der Schwere. „Moses", schrie sie instinktmäßig nach Hilfe rufend aus, um die entsetzlichen Phantasiegebilde zu bannen. „Ich bin nicht länger Dein Mann", erwiderte höhnisch Moses Grinwitz. „Ich will Dich nie mehr berühren." „Hörst Du es, Frau", erschallte die teuflische Stimme des Buckligen. „Ihr seid frei, ich bin als Zeuge hier." „Ich bin hier als Zeuge", tausendfach schienen es spöttische Stimmen zischend im Echo zu wiederholen. Schreckliche Stille folgte. Endlich wandte sie ihr weißes, eingefallenes Gesicht, dessen geisterhafte und todesähnliche Farbe seltsam mit der kohlschwarzen Perrücke kontrastierte, zu dem Mann, der ihr Gatte gewesen, und blickte langsam, tiefschmerzlich und vorwurfsvoll in seine blutunterlaufenen Augen. Wieder ging durch des Mannes Körper ein Schaudern. „Blick mich nicht so an, Rivkole", rief er entsetzt. „Ich will Dich nicht haben, ich mag Dich nicht sehen. Verwünscht sei diese Kerze, warum flackert sie so ewig und löscht nicht aus, damit ich Dich nicht mehr sehe." Er blies heftig auf die hartnäckige Flamme und sie schien zu verlöschen, doch im nächsten Augenblick zuckte sie wieder höher auf. „Moses", schrie Rebekka in wilder Furcht auf, „hast Du vergessen, daß Kol Nidre ist? Wie kannst Du es wagen, das Licht auszulöschen, das Jom-Kippur-Licht, das für Glück und Leben im neuen Jahre brennt. Wenn Du es auslöschest, dann schwöre ich bei meiner Seele und Seinem großen Namen, daß Du mein Gesicht nie mehr sehen wirst!" „Eben weil ich Dein Gesicht nicht mehr sehen will, deshalb will ich es auslöschen", erwiderte er, hysterisch lachend. „Nein, nein", bat sie, lieber will ich fortgehen, es ist ja beinahe ausgebrannt, laß es selbst sterben." Nein, es stirbt zu langsam; es ist wie Dein Vater, der Rabbi, der die Krankenwärter so lange beschäftigte, bis einer vor ihm starb", sagte Moses Grinwitz mit schrecklichem Gelächter. „Ich will es töten", und indem er sich über die breite Röhre des Leuchters beugte, daß der Schatten seines Kopfes in gigantischen Umrissen auf der Decke sichtbar wurde, verlöschte er das Licht. Unmittelbar darauf erhob sich wie aus einem Grabe ein dicker schwarzer Rauch. Lautes Echo von des Gotteslästerers Gelächter klang und wiederhallte von allen Seiten. Myriaden schrecklicher Gesichter wuchsen aus der Dunkelheit und berührten das Weib. Am Fenster erglänzten die traurigen, grünen Augen der Katze im Phosphorglanz. Ein Kranz stolzer Schlangen wand sich in teuflischen Verzerrungen um das marmorbleiche Gesicht des Sünders. Die Erinnyen schienen durch das Gemach zu schreiten. Vergeblich bemühte sich das Weib, einen Laut von sich zu geben, dann glitt sie durch die wohlbekannte Tür über die Stiege hinab; immer verfolgt von den teuflischen Sachen, den unheimlichen Phantafiegestalten floh sie dahin, durch die frische Nachtluft instinktmäßig durch die einsamsten Straßen und Wege, immer wieder ohne Rast und Ruh, bis sie erschöpft auf die Stiegen der Synagoge, zur Liebe und Barmherzigkeit hinfiel. (Fortsetzung folgt.) Neue Bücher. A. M. Lunez. Literarischer Palästina- A l m a n a ch für das Jahr 5666—1905/1906, XI. Jahrgang, Selbstverlag Jerusalem 1905. Dr. Hermann Kadisch. Jungjuden und Jung- Oesterreich. Verlag der „Jüdischen Vereinigung", Wien 1905. KrirfkaHerr. K. F. in Heidelberg. Der Staatsrechtslehrer an der hiesigen Universität Prof. Dr. G. Jellinek ist zum Geheimen Hoftat ernannt worden. W. F. in Preßburg. Die Beschwerde der Bachurim über die ihnen zu Teil gewordene Behandlung bei Eröffnung des neuen zionistischen Klublokales sollte an die Parteileitung dirigiert werden. L. B. Die Einwanderung nach England zeigt eine merkliche Abnahme. August mit der Ziffer von 17.225 steht merklich zurück gegen den gleichen Monat im vorigen Jahr mit 20.230. A. Th. Major Franchetti war Jude, stand im deutschfranzösischen Kriege unter General Ducrot und fand den Heldentod in der dreitägigen Schlacht bei Ehampigny. „Chuno". Das älteste Buch jüdischer Mystik ist das „Sefer Jezira", welches Saadia Gaon (892—942) zu kommentieren versuchte. Wir ersuchen unsere geschätzten Abonnenten um rechtzeitige Einsendung der laufenden Abonnementsgebühr, damit die Zusendung des Blattes keine Unterbrechung erleide. Zur Einsendung der Beträge wolle man sich der beigelegten Posterlagscbeine bedienen. Ein schönes lichtes Kabinet wie auch koschere, ungarische Kost zu haben bei B. Gros*, 11., Kleine Pfarrgaaae 9, II. Stock, Tür 10.