Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 39 (29.9.1905)
- Date
- 1905-09-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 614 Dr. Llocb's Mocbenscbrm. Nr. 39 von ähnlicher Weiße wie bei Europäern. Am Ende des belebtesten Gäßchens steht eine Synagoge, überhitzt von einem Turme, und jenseits liegt ein zweites Judenviertel, anscheinend etwas ärmlicher als das erste, mit Bewohnern, deren Gesichtsfarbe eine Schattierung dunkler ist, wie Mulatten im Vergleich zu Weißen. Wie kamen diese vielen Juden hierher nach Cochin? Tatsächlich befand ich mich in einer der ä l t e st e n Judengemeinden der Erde. Denn sie wurde schon zur Zeit König Salomons gegründet! Der Tradition nach wanderten ihre Vorfahren nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch Titus hierher aus. Sie wurden von den Fürsten Süd- Indiens mit Wohlwollen ausgenommen, erhielten wertvolle Vorrechte und gründeten in verschiedenen Städten kleine Kolonien, von denen jene am Cranganore die bedeutendste war. Durch Fleiß und Sparsamkeit erwarben sie sich im Laufe der ersten Jahrhunderte ansehnliche Vermögen, ja ihr Einfluß war im fünften Jahrhundert so groß geworden, daß ihnen einer der Könige von Malabar ein eigenes Fürstentum, A njuv an am, mit den ganzen Einkünften desselben abtrat und ihren Führer Joseph Rabban zum Fürsten erhob. Als ich unter Leitung des Rabbiners die Synagoge der „weißen Juden" besuchte, zeigte er mir die kostbaren uralten Bronzetafeln aus jener Zeit, welche diese Tatsache registrieren. In deutscher Uebersetzung lauteten die Inschriften folgendermaßen: Heil! Wohlstand! Das folgende Geschenk wurde von ihm gemacht, welcher den Namen „König der Könige" angenommen hat, von Seiner Majestät dem König, dem glorreichen Bhaskaro Ravi Burma von Malabar, zur Zeit, als er über viele hunderttausende von Plätzen regierte, in dem sechsunddreißigsten Jahre Unseres Lebens und im zweiten Jahre Unserer Regierung, an deni Tage, an welchem wir uns gnädigst in Murigawoli aufhielten: Wir haben dem Josef Rabban die Ortschaft Anjuvanam (Cranganore) gegeben, mit all' ihren Einkünften und ihm die folgenden Vorrechte verliehen: Er soll sich aller Ehrungen erfreuen, er darf auf Elefanten und Kameelen reiten und sich Uns in Zeremoniell nähern; er darf seine .Titel durch . Herolde. verkünden lassen und sich einer ■ Lampe bei Tage bedienen; er darf sich ein Tuch ausbreiten lassen, um darauf zu gehen, und Musikinstrumente spielen laffen; er darf sich eines Traghimmels, eines Ehrenschirmes, eines Tragstuhles bedienen und eine Ehrenpforte errichten laffen. Wir haben im Fürstentum alle rückständigen Zölle und Abgaben erlassen; Wir haben ihm auch diese Kupfertafeln verliehen, damit er keine Abgaben an den königlichen Hof zu zahlen hat, wie die anderen Einwohner, und damit er alle Vortelle genieße wie diese: Diese Rechte verleihen Wir dem Josef Rabban nebst zweiundsiebzig anderen Eigentumsrechten; Wir verleihen ihm die Regierung über sein Volk, das verpflichtet ist, ihm zu gehorchen, ihn und seinen Nachfolgern, den männlichen und weiblichen Kindern, die ihm geboren werden, seinen Neffen und den Schwiegersöhnen, die seine Töchter heiraten. Wir haben ihm Anjuvanam als erbliches Eigentum gegeben, so lange die Sonne die Erde bescheint. Diese Urkunde ist ausgestellt worden in Gegenwart der Könige von Bennad, Benapalinadu, Eralanadu, Vallunadu, Nedumpuru, Jyurnadu und des Murkan Chatan, des Unterbefehlshabers der Truppen. Geschrieben durch den Sekretär Kalembi Kelapur. Und da Parumpadapa, der Radscha von Cochin, unser Thronfolger ist, wurde sein Name nicht Anter die Vorgenannten ausgenommen. Gezeichnet: Bhaskara Ravi Burma König der Könige von Malabar." Das war also gewissermaßen die Gründung eines Königreiches der Juden im südlichen Indien, und sie erfteuten sich desselben auch Jahrhunderte hindurch, besaßen in Cranganore ihre Hauptstadt und erwarben große Reichtümer, bis im Jahre 1524 der Zamorin (König) von Caticut die Mohammedaner auf sie hetzte. Die wilden, beutesüchtigen Muselmanen plünderten ihre Wohnungen, machten einen großen Teil von ihnen nieder und vertrieben sie aus dem Lande. Die Portugiesen nahmen sie in Cochin auf, und seither blieben sie in dieser Stadt, ohne daß es ihnen gelungen wäre, wieder Reichtümer anzusammeln. Die Synagoge, in der ich mich befand, wird von einer hohen, starken Mauer umschlossen und von einem alten, ruinenhaften Turm flankiert. Das Innere zeigt kahle, weiß gestrichene Wände, von der Decke hängt eine Anzahl augenscheinlich sehr alter Kristallustres von eigenartiger Form, und der Fußboden ist mit weißen, blau ornamentierten Porzellanziegeln bedeckt, die ich sofort als chinesische erkannte. In der Tat erzählte mir der Rabbiner, sie wären vor mehreren Jahrhunderten in China angefertigt und mit großen Kosten zur See nach Cochin als Geschenk für den Radscha gebracht worden. Dieser hätte sie, als für einen strenggläubigen Hindu unverwendbar, den Juden überwiesen. In der Mitte der Synagoge erhebt sich eine von einem kostbaren Bronzegitter umschlossene Kanzel und ihr gegenüber, am anderen Ende des Raumes, ein Tabernakel mit kunstvoll ornamentierten Bronzetüren, gewöhnlich von einer goldgestickten Seidendecke verhüllt. Der weißbärtige alte Rabbiner schloß das Heiligtum auf und zeigte mir mit sichtlichem Stolz die goldenen, mit Edelsteinen besetzten Tiaren, augenscheinlich aus uralten Zeiten stammend, die aber bei festlichen Gelegenheiten noch heute getragen werden. Dann holte er aus seidenen Umschlagtüchern ebenso alte Bücher und schwere, armlange Silberkapseln hervor, in welchen sich vergilbte Pergamentrollen, mit hebräischen Schriftzeichen bedeckt, befinden. Heute noch wird den Kindern der kleinen, nur mehr an tausend Seelen zählenden Judengemeinde die hebräische Sprache gelehrt, und als wir in einen Saal nahe der Synagoge traten, sah ich die Jungen mit unterschlagenen Beinen auf Matten sitzend ihren Talmud lernen, indem sie dabei ihren Oberkörper hin und her bewegten, ganz wie die Kinder der Mohammedaner in der Levante. An das Stadtviertel der weißen Juden schließt sich jenes der schwarzen, aber die Trennung ist so scharf, daß sie sogar jeden Verkehr miteinander vermeiden. Um ihre Rasse rein zu erhalten, lassen die meisten Juden Bräute für ihre Söhne oder Gatten für ihre Töchter lieber. aus^Palästina oder Europa kommen, ehe sie sich mit den gehaßten „schwarzen" Juden vermengen, obschon diese, wie bemerkt, keineswegs schwarz sind, sondern ihre etwas dunklere Hautfarbe wohl nur durch Vermischung mit Hindu- oder Tamilenblut bekommen haben. Bei beiden ist die Verkehrssprache das an der ganzen Südwestküste, übliche Mal ayakam, der Religion s dien st geschieht aber in hebräischer Sprache. Die schwarzen Juden haben auch ihre eigene Synagoge, der geschilderten ähnlich, nur von ärmlicherer Ausschmückung. Sie selbst behaupten, die unmittelbaren Nachkommen der ersten Judeneinwanderer aus Salomons Zeiten zu sein, und nach ihrem rein jüdischen Gesichtstypus zu schließen, dürften sie sich in der Tat nicht viel mit den schwarzen Eingeborenenrafsen vermengt haben. Jenseits Matantscheri, am äußersten Nordende der schmalen Halbinsel, liegt noch ein zweiter, halb portugiesischer, halb holländischer Stadtteil mit alten, bemoosten Häusern von mehreren Stockwerken und kühlen, feuchten Wohnräumen: das eigentliche Cochin aus der ersten Zeit der europäischen Invasion. Hier war es wohl, wo die portugiesischen Vizekönige und Admirale wohnten und wo auch Vasco de Gama am Weihnachstage des Jahres 1524 starb. Sechs Jahre machte der h. Franciscus Lavier, der Apostel Indiens, Cochin zu seinem Hauptquartier. Die Jesuiten folgten ihm und errichteten in Cochin im Jahre 1577 die erste Buchdruckerei in Indien. Cochin versprach eine der Hauptstädte des riesigen Reiches zu werden, besonders als im 17. Jahrhundert die Holländer zu Herren von Cochin wurden. Ihnen folgten aber die Engländer, mit dem Aufblühen von Bombay ging Cochin allmählich zurück und Handel und Wandel liegt heute wieder in den Händen der Hindus.