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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-09-29 · 39 (29.9.1905) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
39 (29.9.1905)
Date
1905-09-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 39 5)i*. Mocb's MlocdenscdrM. Seite 613 der neuen Eisenbahn von Madras befindet. Die Streitmacht, des Radscha zeichnet sich mehr durch malerische, prunkvolle Uniformen als durch besondere Stärke aus, sie zählt im ganzen 16 Mann Kavallerie, 327 Infanteristen und 4 Geschütze. Den Engländern zahlt er einen jährlichen Tribut von ungefähr einer Million Mark. Cochin wird von Reisenden so äußerst selten besucht, daß man dort kein Hotel nach europäischem Muster erwarten darf. Ich fand in einem Dal-Bungalow Unterkunft, d. h. einem jener von der englischen Regierung unterhaltenen Asylhäuser, die nichts weiter als ein Bettgestell, einen Tisch und einige Stühle enthalten. Mein Diener bereitete die Mahlzeiten und das Bettzeug führt jeder Jndienreisende mit sich. Aber selbst bei so kärglichem Unterkommen würden gewiß die Meisten gerne wochenlang hier verweilen, denn Cochin ist an landschaftlichen Schönheiten geradezu eine tropische Schweiz. Von den bis auf zweieinhalbtausend Meter emporsteigenden Bergen der West-Ghats, mit einem undurchdringlichen Urwaldsmantel bekleidet, stürzen wasserreiche Flüsse durch romantische Schluchten herab, auf ihrem kurzen Laufe zum Meer rauschende Wasserfälle bildend; ihre Täler verbreitern sich gegen die Küsten zu und entfalten die kleinen von Cocos- und Arecapalmen beschatteten Hütten der fleißigen Bewohner, die sich vornehmlich mit Reisbau beschäftigen. Die flachen Küsten, von den tief eingeschnittenen, dem Flutspiel des Meeres unterworfenen Flußmündungen vielfach zerrissen, bilden einen einzigen Palmenwald, von einer Ueppigkeit, wie sonst kaum irgendwo in den Tropen. Den ganzen Küsten des Landes ist eine schmale, weit über hundert Kilometer lange Landzunge vorgelagert, die sich an den Hängen Travancores nach Norden hinzieht, und an ihrem Endpunkte, dort, wo sich die Küstengewässer durch eine schmale Straße mit dem weiten blauen, hier ewig unruhigen Meere vermengen, liegt die alte Stadt Cochin. Ihr gegenüber auf dem Festlande breitet sich die neue Hauptstadt Ernakolam aus, und zwischen beiden, auf einer kleinen Insel des Aestuariums, erhebt sich die Residenz des englischen Gesandten, der gleichzeitig auch am Hofe des Maharadscha von Travancore das britische Weltreich vertritt, d. h. die Fürsten nach seiner Pfeife tanzen läßt. Von Ernakolam ließ ich mich durch nackte Malabarleute nach Cochin herüberrudern, oder vielmehr nach der s ü dlichen Vorstadt derselben, nach Matantscheri. Vor den sandigen, von schlanken Palmen beschatteten Ufern schaukelten sich eigenartige Segelschiffe, von einer Bauart, wie wir sie auf alten Bildern kennen, mit hohem Bug und Stern und kurzen, dicken Masten, Fahrzeuge, auf denen die kühnen Seeleute von Malabar die Produkte von Cochin: Reis, Pfeffer, Gewürze und Holz über den indischen Ozean bis nach Aden oder in den persischen Golf bringen. Die Hauptstraße von Matantscheri ist ein einziger Bazar mit niedrigen Holzhäusern, vor denen die Waren aufgestapelt find. Zwischendurch drängen sich die schwarzen Hindus mit nackten Oberkörpern, um die Lenden ein bis an die Knie reichendes weißes Tuch geschlungen, Brahminen an den weißen oder farbigen Streifen erkennbar, mit denen sie Brust und Stirne beschmieren, Nairs, aber auch Christen und Juden. Cochin ist in Bezug auf die Anhänger der beiden letztgenannten Religionen die interessanteste Stadt von Indien, ja eine der interessantesten von ganz Asien. Als die Portugiesen unter Vasco de Gama im Jahre 1498 nach diesen Küsten kamen, fanden sie in Cochin bereits indische Christen vor, die rings umgeben von Hindus ihren Glauben durch anderthalb Jahrtausende erhalten hatten. Sie schreiben ihre Bekehrung dem hl. T h o m a s zu, der bekanntlich auch in Indien starb und in Madras beerdigt wurde. Um das Jahr 350 wurde die kleine Christengemeinde durch Einwanderer aus Syrien verstärkt und sechs Jahrhunderte später siedelten sich hier auch Christen aus Bagdad, Niniveh und Jerusalem an. Sie fanden seitens des Königs von Travancore freundliche Aufnahme und erlangten so weitgehende Privilegien, daß sie ein unabhängiges, christliches Königreich unter einem eigenen Souverän gründen konnten! Später mußten sie sich allerdings wieder die Oberhoheit des Radscha von Cochin gefallen lassen, blieben aber eine selbständige Gemeinschaft bis zur Ankunft der Portugiesen. Kardinal Ximenes und die portugiesischen, in Goa residierenden Vizekönige trachteten vergeblich, sie unter die päpstliche Herrschaft zu bringen. In ihrem Widerstand gegen die Portugiesen wurden die Syrier durch die Holländer bestärkt, aber es trat schließlich doch eine Spaltung unter ihnen ein, und noch heute stehen sie unter zwei Bischöfen, von denen einer, Mar Dionysius, die Altgläubigen leitet, der andere, Mar Athanasius, an der Spitze der reformierten Syrier steht. Im Ganzen gibt es an solchen syrischen, streng von einander geschiedenen Christen an hunderttausend, zu denen noch eine erhebliche Anzahl römisch-katholischer Christen kommt. Eine ganze Reihe von Zeremonien und Gebräuchen aus der Zeit, als sie ein unabhängiges, von den Nachbarfürsten anerkanntes Königreich bildeten, hat sich bis auf den heutigen Tag erhalten, und die englische Regierung tut wol daran, sie gewähren zu lassen, denn sie sind ein friedliches, sittsames Völkchen, das mit seinen andersgläubigen Mitmenschen und mit den Behörden in Eintracht lebt. In Ernakolam besitzen sie allein vier pagodenähnliche Kirchen, die zwischen den Kasernen, Schulen und Brahmatempeln des Lagunenufers stehen. Am Ende der stets belebten, farbenreichen Bazarstraße von Matantscheri liegt das alte Cochin. Eine solche Stadt hätte ich in den sonnigen Tropen von Indien gewiß nicht erwartet. Hohe Häuser zu beiden Seiten enger, finsterer Gäßchen, halb portugiesisch, halb holländisch, ähnlich wie das Ghetto von Oporto oder das Geschäftsviertel von Pernambuco, oder ein Stück des ältesten Amsterdam mit demselben Schmutz, derselben Feuchtigkeit und Dämmerung. Ringsum strahlte die Tropensonne, leuchteten der ewig tiefblaue Himmel, das blaue, unendliche Meer, ringsum die satte Färbung des gelben Strandes, der herrlich grünen Palmen und Bananen, in der Stadt aber nur dämmeriges Grau. Als die Portugiesen im Jahre 1500 hieherkamen und Vasco de Gama zwei Jahre später eine Faktorei gründete, da kannten sie eben noch nicht die Kunst, ihre Wohnungen dem Klima entsprechend zu bauen, und errichteten einfach Häuser in demselben Baustil und von der gleichen Einrichtung wie in Oporto und Liffabon. 1503 legte der portugiesische Admiral Albuquerque das erste europäische Fort in Indien hier an und rings herum entstand eine portugiesische Stadt. 1663 wurde sie von den Holländern eingenommen, die wieder ihren Amsterdamer Baustil hier einführten, und so zeigt das alte Cochin dieses eigenartige alt-europäische Aussehen, in das ein paar Hindubauten, ein heiliger, dem Europäer unzugänglicher Brahmatempel und das halbverfallene Schloß des Königs von Cochin seltsame Kontraste bringen. Dieses Schloß wurde noch von dem jetzt regierenden Radscha bewohnt, bevor er seine Residenz nach dem modernen Ernakolam jenseits der Lagune verlegte; aber hier in den Tropen greift die Natur die Werke der Menschenhand in schrecklich zerstörender Weise an. Die kleinen niedrigen Räume sind kahl, was an Einrichtung vorhanden war, ist nach der neuen Residenz geschafft worden und nur die grotesken, mitunter lasziven Fresken an den Wänden sprechen von der einstigen Herrlichkeit. Im Schlafzimmer des Radscha ist noch das Bett vorhanden, an Seidenschnüren von der Decke hängend, denn die Diener pflegten ihre Herren durch Wiegen einzuschläfern. Die alten Europäerhäuser dieses Stadtteiles werden von einem Volksstamm bewohnt, wie man ihn irgendwo in der zivilisierten Welt, nur nicht in den Tropen von Süd-Indien erwarten würde: von weißen und schwarzen Juden. Bei meinen Wanderungen durch die engen Straßen sah ich nichts als Juden, Männer mit langen bärtigen Gesichtern und den charakteristischen scharfgebogenen Nasen, ähnlich gekleidet wie ihre Glaubensgenossen in Jerusalem; in den Türen, an den Treppenstufen, an den Fenstern Mädchen und Frauen und Kinder, die neugierig dem europäischen Wanderer nachblickten, alle von demselben Typus wie in Palästina, in bunter Kleidung, mit reichem Goldschmuck an Hals und Armen, die Gesichtsfarbe

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