Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 39 (29.9.1905)
- Date
- 1905-09-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 612 Dr. Mocb's Mocbenscbrm. Nr. 39 Zeit, am Ende gar noch vor den ausständigen Wahlen, zeigte — dann wäre das doch einigermaßen störend. Man veranstaltet also ein kleines Umgehungsmanöver. Das ist sicherer. Man läßt unsern Herrgott einen guten Mann sein, erklärt die Magyaren für „ganz liebe Kerle" und hält sich wieder einmal an die Juden. Das ist absolut sicher und da kann nichts passieren. Die Juden waren gestern die Sündenböcke, sie sind es heute und sie werden es morgen sein. Auf die kann man sich verlassen und darin hat man sich niemals getäuscht. Das ist die Art, wie Lueger große politischen Frage löst. So schlichtet er die Kämpfe der Nationalitäten und so beseitigt er die Schwierigkeiten zwischen Oesterreich und Ungarn. Einmal läßt er „auf seine Böhm'" nichts kommen, das andere Mal erklärt er, daß die Magyaren ja eigentlich ganz liebe Kerle sind, mit denen sich ganz vortrefflich auskommen ließe, wenn sich nur nicht die Juden hineingemischt hätten. Da verstanden sie ihn gleich die Heerscharen in Eggenburg. Mit ungeheuchelter Selbstbefriedigung hebt er hervor, daß er der Erfinder des schönen Wortes „Judäomagyaren" sei, und mit Recht wundert er sich und ist stolz darauf, daß ihm so etwas Gescheites eingefallen sei. Das ist immerhin eine rühmliche Regung von Bescheidenheit bei einem großen Politiker. Und er ist ein Politiker und er handhabt die Klappe, mit der er zwei Fliegen auf einen Streich fällt, wie tut zweischneidiges Schwert. Dadurch, daß er alle Schuld den Juden in die Schuhe schiebt und sie für alle politischen Verlegenheiten und Katastrophen verantwortlich macht, ruft er die Helle Begeisterung unter seinen Parteigenossen hervor, die doch nun wieder wissen — wie und wo? Sie wußten ja gar nicht mehr, in welchem Fahrwasser sie segeln sollten. Jetzt wissen sie es. Andererseits aber wirbt er auch klugerweise Bundesgenossen in Ungarn. Die Juden haben in der Tat eine viel zu wichtige Rolle gespielt in der Entwicklungsgeschichte des modernen ungarischen Staates, sie haben zu regen und reichen Anteil an den freiheitlichen Errungenschaften, welchen das heutige Ungarn seinen politischen und wirtschaftlichen Aufschwung, seine kulturelle Blüte zu danken hat, als daß der Gesinnungspöbel von unten und von oben daran nicht schweren Anstoß nehmen sollte. Man darf sich darüber nicht hinwegtäuschen. Der Antisemitismus, den das ungarische Volk überwunden zu haben schien und von dem man wähnte, er sei von dem Organismus des Volkes ausgeschieden worden, wie ein Fremdkörper, der bösartige Wucherungen hervorgerufen hatte, er, ist in Wirklichkeit nicht überwunden und der Krankheitserreger ist nicht ausgeschieden, nicht völlig abgestoßen worden. Das Gift frißt uni er der Oberfläche weiter, und es ist durchaus nicht ausgeschlossen, daß in naher und absehbarer Zeit das ungarische Volk gar seltsamen Dank zollen wird dem Judentum, das redlich mitgearbeitet hat zur Erweckung und Erstarkung des nationalen Gedankens in Ungarn. Das ist der Lauf der Dinge und man wird gut tun, sich auch dieser Tatsache mit einem Gefühl der Resignation und des nil admirari gegenüber zu stellen. Die Anerkennung der besonderen Schlauheit wird man aber Herrn Dr. Lueger nicht vorenthalten können, mit der er es unternommen hat, krebsen zu gchen. Indem er auf die Juden losschlägt, wirbt er Bundesgenoffen im feindlichen Lager. Lueger kann noch ein populärer Mann in Ungarn werden. Man denke nur: Die Magyaren sind ganz liebe Kerle, und an allem Unheil sind nur die Juden schuld. Das sind prachtvolle Sprüche für die Gallerie, und es sollte uns nicht wundern, wenn sie selbst von ungarischer Seite her mit tosendem Beifall belohnt würden. Es muß nur die Seite danach sein. Wenn in Wien sich so viele Bewunderer Luegers finden konnten, warum nicht auch in Ungarn? Die Stiefelhosen hat er sich ja schon angezogen. Schon zeigt auch er sich nicht abgeneigt, dem Staate jeden Heller und jeden Rekruten zu verweigern. Der renitente Obergespan! Luegers Mannesstolz vor Königsthronen. 81 fractus illebatur orbis, impavidmn ferient ruinae. Köstlich müßte es sein, eine Probe auf das Exempel zu erleben. Cochi« und die weißen und ichmaricn Inden non Indien. Von Ernst v. Hesse-Wartegg (Luzern). Die weitberühmten Naturschönheiten von Ceylon beschränken sich lange nicht auf diese gottbegnadete Insel allein; wer die schmale Meeresstraße, die sie von Süd-Indien trennt, übersetzt und dort die Fürstentümer Travancore und Cochin besucht, wird womöglich noch üppigere Vegetation, noch höhere Berge, ein noch schöneres irdisches Paradies finden, von schöneren, weit interessanteren Menschen bewohnt, die, unbeeinflußt vom Weltverkehr ihre alt angestammten, höchst seltsamen Sitten beibehalten haben. Aber wie dorthin gelangen? Auf den Karten von Indien, wie sie unsere Atlanten enthalten, sehen sich die Entfernungen keineswegs erheblich an. In Wirklichkeit aber bieten sich dem Touristen dort wochenlange, beschwerliche und entbehrungsvolle Reisen dar, um nur beispielsweise von dem berühmten Cap Comorin, der Südspitze von Indien, nach Travancore, oder von Travancore nach der uralten Stadt Ealicut, dem ersten Landungsplätze Vasco de Gamas, des Entdeckers von Indien, zu gelangen. Bis vor zwei Wintern war die bequemste und schnellste Art des Reisens von C o l o m b o auf Ceylon nach Travancore die Dampferfahrt nach Tuticorin, und dort mit der Eisenbahn nach der Stadt Tinneville, und von Tinneville zu Pferd oder im Ochsenkarren über die unwegsamen Gebirge der West-Ghats nach der Hauptstadt von Travancore, nach Trivandram. Als ich mich diesbezüglich bei dem englischen Residenten oder vielmehr Gesandten.am Hofe des Maharadscha von Travancore erkundigte, erhielt ich von ihm das folgende Schreiben: Zwischen Tinnevelli und Trivandram verkehren regelmäßig Ochsenkarren. Wenn Sie den Sirkar Apontnn in Denneville benachrichtigen, so wird er bie. Fahrt für Sie in Ordnung bringen. Da er nur einen Monatsgehalt von 15 Rupien (etwa-20-Mark) bezieht, so dürfte ihm eine Rupie von Ihnen für seine Mühe sehr angenehm sein. Bringen Sie eine Matratze mit, wenn Sie nicht in dem Karren auf Stroh liegen wollen. Die Ochsen werden alle Stunden gewechselt und Sie können so in einem Tage etwa zehn deutsche Meilen zurücklegen. Ein zweiter Karren kann Ihren Diener und das Gepäck aufnehmen. Auf der Landkarte ist die Strecke zwischen Tinnevelli und Trivandram nur neunzig Kilometer, aber da es auf dem geraden Wege keinen Paß über die Berge gibt, so müssen Sie den Weg direkt nach Süden, um die Bergketten herum, bis nahe an das Kap Comorin nehmen, was die Entfernung verdoppelt. Der Weg ist über alle Beschreibung schlecht, einsam, ohne irgend welche Unterkunft für Europäer, und durch Räuber unsicher gemacht, so daß ich Ihnen rate, Feuerwaffen mitzunehmen. Ich schließe hier einen Waffenpaß für Sie bei, damit Sie an der Grenze des Königreiches Travancore keinen Schwierigkeiten begegnen . . Zur selben Zeit war die Madras Eisenbahn- Gesellschaft, eine der bestgeleiteten von Indien, im Begriff, ihr Bahnnetz von Madras bis nach Cochin zu erweitern. Ein großer Teil der Strecke war bereits hergestellt und ein Erlaubnisschein der Direktion ermöglichte es mir, den Rest, von dem Orte T r i t s ch u r aus, durch die paradiesischen Tropenlandschaften des Staates Cochin bis nach der gleichnamigen Hauptstadt in einem Konstruktionszuge zurückzulegen. Cochin gehört mit Mypore und Travancore zu den wenigen noch „unabhängigen" Staaten Süd-Indiens. Sein Fürst, der Radscha Sir Sri Rama Varma, entstammt dem alten königlichen Hause, das bis zum achtzehnten Jahrhundert über ganz Süd-Indien geherrscht hat, und er führt auch daher den königlichen Palankin mit dem Zeremonienschirm, der Lampe und der Conchamuschel in seinem Wappen. Er herrscht über ungefähr dreiviertel Millionen Untertanen, hauptsächlich Hindus, die sich über ein Gebiet von dreieinhalbtausend Quadratkilometern verteilen. Bis vor wenigen Jahren residierte er in der alten Stadt Cochin, die sich auf einer sandigen Landzunge, fast ringsum von Wasser umgeben, an der Meeresküste ausbreitet. Seither ließ er sich in Ernakolam, auf dem Festlande, Cochin gegenüber, einen neuen Palast bauen und übersiedelte mit seiner ganzen Regierung, Ministerien, Gerichtshof und Militär nach dieser hübschen, neuen Hauptstadt, wo sich auch der Bahnhof,