Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 39 (29.9.1905)
- Date
- 1905-09-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 39 Dr. Llocb's Mlocvenscbrrn. Seite 611 daß in diesem oder jenem Jahre einige tausend oder gar einige zehntausend Einwanderer mehr ins Land gekommen sind. Obwohl also es stark zu hoffen ist, daß die amerikanischen Fremdenfeinde ihr Ziel nicht so bald erreichen werden, ist andererseits doch die Gefahr für die Emigration nicht zu unterschätzen. Wo die niedrigsten Instinkte zu sprechen beginnen und das Tier im Menschen zum Vorschein kommt, wo Schlagwörter, wie „Patriotismus und Nationalität" in Anwendung kommen, lasten alle menschlichen Berechnungen im Stich, namentlich aber versagen alle Vernunftgründe, wenn es sich um Juden handelt und der Antisemitismus sein Recht verlangt. Wir sind überzeugt, daß die alienistische Bewegung in Amerika niemals eine solche Höhe erreichen würde, wenn es sich allein um Slaven und Italiener und nicht auch um Juden handeln würde. Immer vom neuen wird in der gelben Presse dem Pöbel vorgerechnet, daß wieder so und soviel Russen mehr eingewandert sind. Diese Russen, die den Sabbath heilig halten, keinen Sport treiben, nicht gleich zu Messer und Dolch greifen, fleißig und nüchtern sind und so wenig Schnaps trinken, sind der Menge in allen Ländern wenig kongenial und so unsympathisch, daß ihr bloßes Erscheinen in erheblicher Anzahl genügt, um ein großes Geschrei über Fremdeneinwanderung zu verursachen. Allerdings wird den Juden in Amerika nicht ganz mit Unrecht der Vorwurf gemacht, daß sie zum größten Teil in die Oststaaten einwandern und sich meistens in den direkt am Meere liegenden Hafenstädten niederlassen. Diese Städte find nun überfüllt und es herrschen in ihnen alle mit dem Großstadtleben unzertrennlich verknüpften sozialen Uebel, von denen man vor etwa 30 Jahren in Amerika nichts gewußt hat. Die Arbeiterlöhne sinken, die Mietpreise steigen und all dieses ruft nicht ganz unberechtigte Mißstimmung hervor. Allein solche Erscheinungen sind nur vorübergehender Natur. Die jüdischen Emigranten, welche meistens mit ihren Familien wandern, haben nicht die Mittel, um gleich nach ihrer Landung sofort weiter ins Innere des Landes zu reisen. Sie sind auch sprachunkundig und fürchten, tiefer in ein Land zu dringen, dessen Bevölkerung ihnen fremd und dessen Sprache ihnen unbekannt ist. Sie bleiben daher am Landungsfleck kleben, wo sie wenigstens Glaubensgenossen und ihre Sprache sprechende Landsleute vorfinden. Das Uebel ist aber keineswegs von langer Dauer. Nachdem sie einige Jahre auf ihrem ersten Landungsplatz geblieben sind, mit der Sprache und den Sitten der neuen Heimat sich vertraut gemacht haben und überhaupt zu etwas Geld gekommen sind, kurz nachdem sie, um das New-Iorker Jargon zu reden, „sich ausgegreent haben", erheben sie sich von ihrem Platz, um weiter westwärts zu ziehen. Daß dies der Fall ist, beweist folgende Tabelle. Von den eingewanderten Juden haben sich niedergelassen in: 1898— 1899 1899— 1900 New-Iork 26.286 70-20% 43.653 71-84% Massachusetts 2.650 7-05% 3.821 6-28% Pennsylvanien 3.668 9-08«/.. 5.304 8-72% 1900— 1901 1901— 1902 New-Iork 39.516 68-00% 39.520 68-050/0 Massachusetts 3.606 6.20% 3.570 6-18% Pennsylvanien 6.218 1-97% 5838 10-29 % 1902— 1903 1903— 1904 New-Iork 50.945 66-58% 68.693 64-66% Massachusetts 4.130 5-41% 6229 5*86% Pennsylvanien 8.206 10-76% 11.690 11-00% Mit Ausnahme von Pennsylvanien, wohin die Emigration noch immer zunimmt und gegen das Jahr 1900 um 2’28% angestiegen ist, ist in den anderen beiden jüdischen Hauptemigrationsplätzen eine Abnahme der jüdischen Emigration unverkennbar. In Massachusetts ging sie von 7-05% im Jahre 1898 auf 5:86% im Jahre 1904, in New-Iork, wo im Jahre 1900 die Emigration 71*84% betragen hat, langsam auf 64"66% zurück. Eine solche konsequente Abnahme der Emigranten beweist, daß das New-Iorker Ghetto bereits im Jahre 1900 völlig saturiert War. Hand in Hand mit der Abnahme der Einwanderung muß nämlich eine starke Auswanderung der Juden aus New-Iork vor sich gehen. Nur dadurch, daß die „ausgegreenten" Juden weiter westwärts wandern und überall, neue jüdische Zentren gründend, ihre Freunde und Angehörigen nicht mehr nach New-Iork rufen, war es möglich, daß mit dem Jahre 1901 beginnend, also in den letzten 4 Jahren, in diese Stadt 10.267 Juden weniger eingewandert sind, als nach dem Stand der Emigration im Jahre 1900 zu erwarten war. Der Zudrang zu den östlichen Staaten und die Gründung von gewaltigen Ghettos war nichts als eine vorübergehende, in den ökonomischen Verhältnissen der Juden begründete Erscheinung. Unseren Glaubensgenossen liegt wirklich nichts daran, um jeden Preis große Ghettos zu gründen. Wenn die ökonomischen Verhältnisse es gestatten, werden die Ghettos von New-Iork, Philadelphia und Boston weit ihre Tore aufmachen, um ihre Insassen, auch ohne Zutun von außen und ohne Begründung von Removal-Officen, nach dem Westen in die Freiheit hinauszulaffen. _ Der Obergespan »o« Wie«. Der Obergespan von Wien, Dr. Lueger Käroly ur, gefällt sich wieder einmal darin, den wilden Mann zu spielen. Er folgt dabei mehr oder minder errötend den Spuren der von ihm doch sonst nicht so ins Herz geschlossenen ungarischen Obergespäne, die mit ihren Sympathien aus Seite der Koalition stehen. Auch er ist schon zu der staatsmännischen Weisheit letztem Schluß gelangt: Keine, auch nicht die geringste Konzession mehr an die Ungarn, sonst verweigern wir dem Staate jeden Heller und jeden Rekruten! — Also sprach der grimme Recke auf dem christlichsozialen Parteitag zu Eggenburg, umgeben von den Größen der christlichsozialen Herrschaft und moralisch gestützt von den Vizegespänen der Parteiherrlichkeit, den Geßmann, Bielohlawek und Konsorten. Es muß ein feierlicher Augenblick gewesen sein, da er die fürchterliche Drohung aussprach. Dr. Lueger als Revolutionär. Es war kein neues Bild, das sonderlich überrascht hätte. Das Repertoire dieses großen Künstlers ist reich. In welcher Rolle wäre er schon nicht aufgetreten und mit welcher hätte er nicht schon Erfolge errungen? Ueber alle seine Partien kann er sich mit den schönsten, lobenden Ausschnitten ausweisen. Er kann überhaupt vieles, nur überraschen kann er nicht mehr. Das macht das große Repertoire. Man hat ihn schon in jeder Rolle gesehen. Ein wahrhaft vielseitiger Künstler. Der rote Revolutionär wird in ihm gemildert, durch den xörs noble, den von bonune, den biedern Naturburschen, den jovialen Bonvivant und den vertrauenerweckenden Philister. So ward denn auch die Welt nicht vom Grauen und bleichem Schrecken erfaßt, als er seine furchtbare Lehre verkündete; man weiß ja doch, was man von ihm zu halten hat. Die Gezeiten find nicht nur für den Ozean da, sie haben auch für ihn Geltung. Er hat seine Zeiten, und mit dieser Tatsache muß sich die Welt abfinden. Es hat Zeiten gegeben, da die ewige öde Schimpferei auf die Juden selbst ihm schon zum Ekel geworden war, wo ihm selbst schon gegraut und gegraust hat vor der tiefen Geistlosigkeit und Erbärmlichkeit der ewig wiedergekäuten Schlagworte einer obsoleten Parteitaktik und nun — es stehen wieder einmal Wahlen vor der Türe — ist er wieder der Erste, der den ersten Schlachtruf hinausschmettert wider die Juden. Man muß nämlich wissen, daß „mit besonderer Berücksichtigung der bevorstehenden Wahlen" ander ganzen Misöre zwischen Oesterreich und Ungarn die Juden und nur die Juden schuld find. Er hat es selbst gesagt — auxo? scpa! Da wäre sie also wieder gefunden die alte Plattform. Der Rummel kann wieder losgehen. Die Nuance ist ja gar nicht dumm. Mit den Ungarn ist nicht so ohneweiters fertig zu werden. Er könnte fie zwar sofort zerschmettern — was könnte der Obergespan von Wien nicht! — aber wenn dann die allernächsten Ereignisse zeigen sollten, daß fie doch nicht ganz zerschmettert find — und es wäre gar nicht unmöglich, daß sich so etwas in allernächster