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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-09-29 · 39 (29.9.1905) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
39 (29.9.1905)
Date
1905-09-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Nr. 39 Seite 610 r^r. Mocd's MocbenscbrM. werden und mit ihrem Glanze die Welt erfüllen. Gegen die Eudwirkungen der bevorstehenden russischen Revolution werden jene der französischen Revolution verblassen. Versteht Ihr nun den schauernden Klang der Widderhörner an diesem Neujahrsfeste? Der Ewige, unser Gott, hat in Zeichen und Wundern zu uns gesprochen, und das Stück Weltgeschichte, das wir erlebten, war ein Stück Weltgericht. Und wir fürchten den Strom nicht, der sich aus dem Osten ergießt. Spinnen wir uns nicht ein in unseren kleinlichen Egoismus, in bornierte Selbstsucht, öffnen wir unsere Herzen weit und frei den Brüdern, die den mißgünstigen Völkern Europas gezeigt haben, daß auch der Jude zu sterben weiß für die höchsten Ideale der Menschheit. Brüsten wir uns ihnen gegenüber nicht mit einer „höheren Kultur", da wir an unserem eigenen Leibe verspüren mußten, wie der Kulturdünkel, der Klassen- und Rassenhochmut, der stets gegen uns selbst die Spitze richtete, namenloses Unheil stiftet. Die im alten Douaureiche den Antisemitismus entfesselten, um mit seiner Hilfe das Rad der Zeit rückwärts zu schrauben, sie mögen nun zusehen, wie herrlich weit ihr Werk gediehen, wie der nationale Chauvinismus den Bürgerkrieg zu entfesseln droht. Sie mögen sich fragen, auf wen zuerst das Wort Anwendung findet, mit dem Herr v. Gautsch die neue Reichsratssession eröffnet hat: „Und sollte auch Jemand heute frohlocken, daß ihm zuliebe das öffentliche Recht verletzt wurde, wer bürgt ihm dafür, daß es nicht morgen gegen ihn gebrochen wird?" Haben sie nicht alle frohlockt, die Deutschen, die Czechen, die Polen und Slovenen, daß die Juden in diesem Staate Schritt für Schritt äo facto entrechtet wurden? Und seht nun, wie weit sie gekommen, wie sich schon die bange Sorge regt, ob nicht mit Beseitigung ihrer eigenen Rechte das Schwert aus der Scheide fahren muß, um den gordischen Knoten der staatsrechtlichen Wirren zu durchbauen. O könnten auch unsere Feinde in diesem Staate den Ruf der Widderhörner verstehen, die einer Welt des Hasses seit Jahrtausenden immer wieder verkünden, daß der Ewige, unser Gott, nicht Blut- und Menschenopfer, nicht die Knechtschaft und Eruiedriguug, sondern die Liebe aller Menschen zu einander, ihre Befreiung, Verbrüderung und sittliche Veredlung will. Merre Erschwerungen der Emigration in den Uereinigte« Staaten von Nordamerika. Alljährlich mit dem Eintritt des Herbstes beginnt in den Vereinigten Staaten von Nordamerika mit großer Pünktlichkeit sich auch der Fremdenhaß zu regen. Den Anstoß dazu gibt der regelmäßig im August erscheinende offizielle Bericht des Commissioner General of Emigration über die Einwanderung im betreffenden Jahre. Solche Berichte wirken auf die „Dummen Kerle", von denen es auch in dem freien Amerika eine schwere Menge gibt, wie das rote Tuch. Und wie sollte er auch nicht! Seit einer Reihe von Jahren stellt die Emigration fast alljährlich einen Rekord auf. Im Jahre 1903 stand er auf 367.000, um in diesem Jahre zum ersten Male die erste Million zu überschreiten. Nicht weniger als 1,027.421 Einwanderer haben nämlich vom 1. Juli 1904 bis zum 30. Juni 1905 amerikanischen Boden betreten. Unter diesen nahmen die aus Oesterreich-Ungarn mit 275.693 gegen 177.156 im Vorjahre den ersten Platz ein. Sie schlugen zum ersten Mal die Emigranten aus Italien, die nur 221.478 gegen 183.296 gezählt haben. Aus Rußland kamen 184.997 gegen 145.141 im vorigen Jahre. Eine annähernd gleiche Zahl von Einwanderern, nämlich 185.057 gegen 87.730 kam aus England, während die Skandinavier mit mit 60.625 ungefähr in gleicher Anzahl wie im vorigen Jahre erschienen waren. Obgleich die Oesterreicher gegen das Vorjahr ein Plus von 98.537, die Italiener von 28.183, die Engländer gar von 97.327 hatten, so richtet sich doch der Zorn der amerikanischen Fremdenhasser nicht etwa gegen die unwissenden Kroaten und Slowaken, nicht gegen die stets zum Dolch greifenden Italiener, sondern gegen die Russen, welche gegen das Vorjahr in einer Ucberzahl von 39.856 erschienen waren. Der Grund dafür ist sehr durchsichtig. Wie sein Vetter in England von den Fremden sprach und die Juden meinte, so ärgert sich der Mob in Amerika angeblich über die „Russen" während er in Wirklichkeit an die „Hebrews" denkt. Die weitere Anschwellung der Emigration in diesem Jahre hat dazu geführt, daß die „National Civic Federation“, welche eigentlich die Aufgabe hat, zwischen Kapital und Arbeit zu vermitteln, im Dezember d. I. eine Konferenz speziell mit der Tagesordnung, wie die Einwanderung zu verhindern sei, nach New-Dvrk einberusen hat. Einladungen erhielten sämtliche Gouverneure und Bürgermeister, die Arbeiterorganisationen, die religiösen Vereine, sowie die Börsen aller größeren Städte. Die Agitation der Fremdenhasser wäre an und für sich noch nicht so gefährlich, wenn das Einwanderungsamt unter Führung des Commissioner General of Emigration Frank P. Sargent sich nicht den Hetzern angeschlossen hätte. Dieses Einwanderungsamt strebte von jeher nach Machterweiterung, was man ihm ja nicht weiter verübeln darf. Jedes staatliche Organ sucht, genau so wie die einzelnen Organe des menschlichen Körpers, sich aus dem ihm zugewiesenen Gebiete zu betätigen. Dieses Einwanderungsamt hat wieder und immer wieder gegen die Fremden gehetzt und den Kongreß zu stets neuen Erschwerungen der Emigration aufzustacheln versucht. Ihm allein hat das amerikanische Volk es zu verdanken, daß die Einwanderungsgesetze fast alle 3 Jahre zu ungunsten der Fremden revidiert werden. Auch in diesem Jahre geht die Hetze eigentlich von diesem Amte aus. Nicht genug damit, daß es 11.566 Einwanderungslustige 1*12% gegen O'980/o im Vorjahre, von den Pforten des Paradieses. zurückgewiesen hat, tritt jetzt dieses Amt Mt. neuen, KyxMqgen... an den Kongreß heran, um namentlich die Aermeren und Aermsten unter den Emigranten mehr als bisher zu drücken. Dennoch dürften diese Herren, deren Väter oder Vorväter vielleicht ohne Pfennig in der Tasche als Glücksjäger in die Vereinigten Staaten eingewandert sind, mit ihren Hetzereien wenig Glück haben. Zwar haben sie nicht nur die gemeinen und niedrigen Instinkte, die in dem Menschen wohnen, auf ihrer Seite, ihnen schließen sich auch die mächtigen Arbeiterorganisationen an, die wähnen, Columbus habe die neue Welt nur für sie und ihre Nachkommen entdeckt. Allein es ist doch dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Es gibt noch im Lande mächtige Faktoren, welche eine rasche Zunahme der Emigration sehr gerne sehen würden. Zu den Schiffahrtsgesellschaften und Eisenbahnkompagnien, die aus der Emigrationsflut gewaltige Einnahmen haben, treten noch die Farmer, die Minen- und Bergwerksbesitzer, sowie überhaupt alle diejenigen hinzu, welche Arbeiterhände brauchen. Auch der Staat müßte ein großes Interesse an dem Fremdenzuwachs haben. Das Land besitzt unerschöpfliche Schätze an Holz, Mineralien und Metalle und bedarf zu ihrer Hebung dringend der Arbeiterhände. Abgesehen aber von diesen unterirdischen Schätzen, die noch ihrer Erschließung harren, könnte der Ackerbau allein noch Hunderte von Millionen beschäftigen. Texas allein, das gegenwärtig kaum mehr als 3 Millionen Einwohner zählt, vermag die Gesamtbevölkerung der Vereinigten Staaten in der Höhe von ca. 76 Millionen bequem aufzunehmen. Das umfangreiche Kansas besitzt viele Millionen Acres Land, die sofort und ohne alle Vorbereitungen bestellt werden können. Am 1. September sind in Texas 6 Millionen Acres Land zum Preise von 1—10 Dollars per Acre öffentlich versteigert worden. In den 11 Weststaaten leben gegenwärtig etwa 4 Millionen Einwohner, urbares Land besitzen sie dagegen nicht weniger als 768 Millionen Acres, von denen bis jetzt nur ein geringer Teil, nämlich 93 Millionen bebaut werden. Der Rest von 675 Millionen wird zum geringen Teil als Weideland benutzt, während gegen 550 Millionen Acres noch völlig brach liegen. Es ist also lächerlich, davon zu reden,

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