Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 38 (22.9.1905)
- Date
- 1905-09-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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- Vilnius 2× ep/1000947
- Kursk 1× ep/1044963
- Minsk 1× ep/1000754
- Odesa 1× ep/1000834
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Nr. 88 Dr. Llocb's MocdenscvrM. Sette 601 tungen mit Interesse verfolgen. Lassen sie mich mit dem Wunsche schließen, daß der Schule auch fernerhin ein günstiges Geschick beschieden sein möge, zum Vorteil ihrer Zöglinge und zum Nutzen des Handwerks." Durch lebhafte Beifallsbezeugungen drückte die Versammlung ihre Uebereinstimmung mit den Worten des Unterstaatssekretärs aus. Hierauf sprach noch Herr Oberrabbiner Urz und sodann fand mit einer Besichtigung der Räume die Feier ihren Abschluß. Die Reichsdnma und der „Bund". Als es festgesetzt war, daß das Bulyginsche Projekt von der Petersburger Regierung als Grundlage ihrer großen „Reformen" angenommen wurde, beschloß das Zentralkomitee des Bundes, eine rege Agitation gegen diese Karrikatur einer Volksvertretung mit aller Energie zu entfalten. Das Zentralkomitee wandte sich an alle lokalen Organisationen des Bundes mit der Aufforderung, Protestversammlungen, Meetings rc. gegen diese Polizeiwache zu veranstalten. Was die prinzipielle Stellungnahme des Bundes zu dieser „Konstitution" und speziell in Bezug auf die Anteilnahme an den Wahlen betrifft, so fand sie ihren Ausdruck in einer Proklamation des Zentralkomitees, die Mitte August, also einige Tage vor der offiziellen Veröffentlichung der zarischen Konstitution, in 86.000 Exemplaren, in drei Sprachen von der russischen Geheimdruckerei hergestellt, verbreitet, wurde. Nachdem der reaktionäre Charakter des Bulyginschen Projekts klar auseinandergelegt worden ist, fährt die Proklamation fort: „Das ist Bulygins Konstitution — eine bessere konnte Nikolaus nicht geben! Dieses Projekt — mit vielleicht einigen unbedeutenden Abänderungen — ist der Gipfelpunkt der Reformen, auf welchen die Selbstherrschaft sich zu erheben fähig ist. Volle Freiheit kann sich nur das Volk selbst erobern . . . Eine demokratische Volksregierung kann nur durch eine konstituierende Versammlung eingeführt werden und diese letztere muß durch das Volk auf Grundlage eines allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Stimmrechts gewählt werden. Und welche Verbesserungen dem Bulyginschen Projekt auch zuteil würden — ein allgemeines Wahlrecht wird dort nicht zu finden sein, ein Bestimmungsrecht wird dort der Duma nicht gegeben werden! Man müßte sonst annehmen, daß die Selbstherrschaft entschlossen ist, sich selbst ein Ende zu machen . . . Ohne das allgemeine Wahlrecht wird die Duma niemals Vorsteherin des Volkes, ohne Bestimmungsrecht wird sie nie regierungsfähig sein — sie wird nichts als eine Komödie sein, die niemand im Lande befriedigen wird. Das Proletariat wird mit Verachtung den Stein zurückwerfen, der ihm anstatt Brot gegeben wird . . Welch eine Karrikatur der Volksvertretung diese Reichsduma darstellen wird, erweisen am besten die unten folgenden Zahlen der Wahlberechtigten. Hierbei muß vor allem noch hervorgehoben werden, daß die Herren „Vertreter" nur ein beratendes Stimmrecht haben werden, daß sie zu jeder Zeit verhaftet werden können, daß ferner dem Lande keine Preß- und Versammlungsfreiheit gewährt wird und daher selbstverständlich keine Wahlagitation geführt werden kann. Die Zahlen sind folgende: in Petersburg mit 1,500.000 Einwohnern 9000 Wahlberechtigte (bei allgemeinem Wahlrecht 350.000), in Moskau mit über 1 Million Einwohnern 11.000 bis 12.000 Wahlberechtigte (bei allgemeinem Wahlrecht 250.000), in Odessa mit 500.000 Einwohnern 7000 Wahlberechtigte, in Wilna mit 175.000 Einwohnern 2000 Wahlberechtigte, in Kasan — etwa so groß wie Wilna, Universität — 1400 Wahlberechtigte, Kursk mit 50.000 Einwohnern hat 1 Vertreter genau wie Odessa mit 500.000 Einwohnern — um in der Duma das Uebergewicht der echt russischen Elemente gegen die sogenannten „fremden" Nationalitäten zu verstärken. Warschau. Wie sich Rußland zum Eintritt in die Aera des „konstitutionellen" Regimes rüstet, zeigen folgende zuverlässige Berichte über Ereignisse der jüngsten Zeit: Bialystok. 50 Tote, über 150 Verwundete. Viele Greise, Frauen und Kinder getötet. Ein jüdischer Soldat, vor zwei Wochen aus der Mandschurei krankheitshalber zurückgekehrt, fand seinen Tod auf den Straßen von Bialystok, als er zu seinem tötlich verwundeten Vater eilte. Alles war vorbereitet. Noch am Mittwoch den 9. äußerte sich ein Offizier, daß man am Samstag mit den Juden abrechnen werde. Und Samstag morgens sagte ein Soldat: „Heute werde ich 20 von Euch niederknallen." — An der Beerdigung nahmen 50.000 Menschen Anteil; auch viele aus dem Bürgertum waren erschienen. Alle Läden waren geschlossen; als Zeichen der Trauer ist der allgemeine Streik proklamiert worden; auf dem Friedhofe wurden flammende Reden gehalten. Minsk: B(i einem Zusammenstoß zwischen den Kosaken mit friedlich spazierenden Arbeitern wurden bis 20 getötet, viele verwundet; eine vieltausendköpfige Menge begleitete die Opfer zu ihrer letzten Ruhestätte. Voraus wurde das Hemd eines Gefallenen, mit seinem Blute getränkt, getragen . . . Lodz. Eine Versammlung wurde im Walde umzingelt und in dieselbe geschossen. 2 Tote, 20 Verwundete, einige Hundert Verhaftete. Warschau. Bis 350 Verhaftungen sind in der letzten Woche vorgekommen. Wilna. Am Tage der Kriegsgerichtsverhandlung über den Arbeiter Person, am 17. August, der einen Polizeileutnant in Dwinsk leicht verwundet zu haben beschuldigt wird, wurde der Generalstreik proklamiert. An diesem Tage wurden zirka 100 friedlich spazierende Arbeiter verhaftet; ein Teil von ihnen wurde nach ihren Geburtsort verbannt, wo sie dem Hunger überliefert find, die anderen wurden ins Gefängnis geworfen. Dann wurde eine große musikalische Abendgesellschaft, an der zirka 300 Personen aus der Intelligenz teilgenommen hatten, auseinandergejagt; dabei viele von den Kosaken verwundet. Sehr oft trifft man jetzt auf der Straße Leute mit verbundenen Kopf. Auf der Arbeiterbörse wüten bestialische Kosakenbanden. B o b r u i s k. Die hiesigen Ereignisse find sehr charakteristisch für die Handlungen der Machthaber. Auf dem Markte ereignete sich eine Schlägerei zwischen jüdischen und christlichen Dieben, wobei die letzteren verwundet wurden. Da man anfangs nicht wußte, um was es sich handelte, entstand in der Stadt eine Panik. Die Selbstschutzabteilung, die alsbald auf dem Markte erschien, machte der Schlägerei ein rasches Ende. Alles war wieder ruhig. Mit einem Male kommt eine Abteilung von Kosaken an, alle betrunken, und fängt mit den Nagaiken und dtzn Säbeln alles niederzuhauen an. Das Bild war so empörend, daß einige Offiziere, die gerade vorbeigingen, sich zum Polizeimeister und Kosakenoffizier wandten und ihn auf die ungesetzlichen Handlungen der Kosaken aufmerksam machten. „Das geht Sie gar nichts an," war die Antwort des Polizeimeisters. Von den dabei Verwundeten ist ein Arbeiter, Genkin, in derselben Nacht gestorben. Am Tage seiner Beerdigung war die Stadt wie ausgestorben; alle Läden, Fabriken, Werkstätten waren geschlossen. Vor dem Sarge ging eine bewaffnete „Kampfabteilung", dann wurde der Sarg von jüdischen und christlichen Arbeitern getragen und hinter dem Sarge ging eine 15.000köpfige Menge. Auf dem Friedhofe wurden 9 Reden gehalten. Die Rednertribüne war mit Fahnen geschmückt. H o m e l. Seitdem der neue Polizeimeister hier waltet, der in seinem berühmten Mas verkündet, daß er jeden „Demokraten", der sich auf 50 Schritte seinem Wagen nähern wird, niederschießen lassen wird, herrscht hier geradezu der Kriegszustand. Die Hooligans überfallen die Einwohner; in allen Straßen wird geschossen; es gibt schon bis 30 Verwundete. Besonders erbittert wird der Kampf wegen der Arbeiterbörse geführt, d. h. eine Straße, wo gewöhnlich nach Feierabend die Arbeiter spazieren gehen, wo Flugblätter verteilt werden, öfter auch Versammlungen abgehalten werden. Diese Straße ist von 500 Kosaken und Soldaten besetzt. In der Stadt herrscht eine Panik; viele verlaffen die Stadt. Gegen den Polizeimeister wurden schon zwei Bomben geworfen, er blieb aber unverletzt. M M o h i l e w. Hier waren auch Zusammenstöße mit Kosaken und Soldaten, weil die Arbeiter von der Börse auseinandergetrieben werden; im ganzen 2 Tote und einige Verwundete. S ch i t o m i r. Am Tage der Kriegsgerichtsverhandlung über Sidorts.'buk, der den Polizeileutnant Kujarow, die Seele des Schitomirer Massakres, getötet hatte, haben die Kosaken besonders gewütet. Ein Offizier tötete ein junges Mädchen, einige wurden verwundet. Die Gerichtsverhandlung konnte nicht stattfinden. An diesem Tage war im Ortsgefängnis zwischen den