Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 38 (22.9.1905)
- Date
- 1905-09-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 602 Dr. JBlocb’s Mlocvenscbrttl. Nr. 38 kriminellen Verbrechern eine Revolte ausgebrochen. Sie verlangten, daß Sidortschuk nicht vor ein Kriegsgericht, sondern vor ein gewöhnliches Gericht gestellt werde. Die Soldaten beschossen das Gefängnis; einer von den Inhaftierten wurde getötet, einige verwundet. Die Verhandlung fand erst nach 2 Tagen statt. Sidortschuk wurde um 4 Uhr nachts aus dem Gefängnis abgeholt; selbstverständlich wurde er zum Tode verurteilt. Eine Protestmanifestation wurde an diesem Tage veranstaltet, an der 600—700 Personen teilgenommen haben. Nachdem dieselbe schon beendet war, kamen die Kosaken heran; sie mißhandelten auf bestialische Weise alle ohne Ausnahme, schossen in die Menge ohne Warnung, schossen in die Häuser, in die Fenster. Der Fabrikant Friedmann wurde bei sich im Hause getötet, viele in ihren Wohnungen verwundet. Berditschew. Während der letzten Manifestation, an der 2—3000 Menschen teilgenommen haben, wurde geschossen; 60 Mann sind verwundet worden; einer von denselben ist bereits gestorben; viele sind verhaftet worden. Plehwes Geist. Der tote Herr von Plehwe hat den russischen Juden eine böse Erbschaft hinterlassen. Wie die großen Wohltäter der Menschheit, sterben bekanntlich auch die großen Schurken noch keineswegs mit dem Moment, in dem sie ihren Geist aushauchen. Auch Herr von Plehwe, der vor weniger als Jahresfrist durch eine Bombe in die Hölle befördert wurde, ist, trotzdem sein Leib in Stücken zerrissen ward, nicht gestorben und wird in Rußland noch Jahrzehnte fortleben. Plehwes Tätigkeit während seiner zweijährigen Ministerschaft bestand bekanntlich im wesentlichen darin, künstlich Judenkrawalle hervorzurufen. Er mußte zu künstlichen Mitteln greisen, da das russische Volk seit 1881 ganz bedeutende Fortschritte gemacht hat und die Zeiten, wo Judenkrawalle aus eigener Initiative der Bauernmassen entstanden, waren schon längst vorüber, als Herr von Plehwe auf den übrigens keineswegs mehr neuen Gedanken kam, durch Inszenierung von Judenschlächtereien den Zorn des Volkes von der Regierung auf die Juden abzulenken und latere gleichzeitig für ihr revolutionäres Treiben zu züchtigen. Bekanntlich wurde der Kischinewer Krawall von Baron Lewendal, welcher zu diesem Zwecke mit großer Vollmacht nach Kischinew entsandt wurde, in monatenlangen Minicrarbeiten vorbereitet. Wie der Krawall von Kischinew, so war auch der von Homel ein Kunststück des Herrn von Plehwe gewesen. Gleichzeitig wurde von ihm zum erstenmale der Versuch gemacht, auf Regierungskosten gewerbsmäßige Judenhetzer zu züchten, um so stets Leute zur Hand zu haben, die jedesmal bereit sind, nach Bedarf Judenkrawalle zu inszenieren. Plehwe ist tot. Aber Plehwes Pläne leben weiter und nehmen immer größere Dimensionen an. Aus dem einen Lewendal sind Dutzende ja Hunderte Lewendals geworden und die kleine Bande um Kruschewan hat sich zu der „schwarzen Bande" ausgewachsen. Und während Plehwe in zwei Jahren nur zwei Judenkrawalle veranstaltete, reißen jetzt die Judenmetzeleien gar nicht mehr ab. Auch in einer anderen Hinsicht übertreffen Plehwes Schüler den Meister in hohem Grade. Meister Plehwe zeigte noch großen Respekt vor der öffentlichen Meinung, seine Nachfolger aber schämen sich nicht im geringsten mehr und versuchen es nicht einmal mehr, ihre Schandtaten vor der öffentlichen Meinung Europas zu bemänteln. Wie der Umfang, hat auch der Zweck der Judenmaffakres eine wesentliche Ausdehnung erfahren. Die Vorgänge in Byalistok, Kertsch, Kischinew und Krementschuk, von Minsk, Brest-Litownk, Lodz, sowie von den zahlreichen Reservistenkrawallen gar nicht mehr zu reden, beweisen, daß Plehwes Schüler nicht mehr die Juden als Blitzableiter für den Zorn des Volkes benutzen wollen, sondern nichts geringeres beabsichtigen, als einfach das jüdische Volk auszurotten. Die Behörden kommen entweder überall zu spät, oder ermuntern die als „schwarze Bande", als russische Leute und als „Patrioten" glattweg auftretenden Räuber und Mörder in unverhohlener Weise. Reicht die „schwarze Bande" nicht aus, oder wird sie vom Verein zum Selbstschutz irgendwie bedroht so treten Kosaken aus den Plan, um die sich verteidigenden Juden durch scharfe und volle Salven zu verjagen und diejenigen, die es gewagt haben, den geliebten Patrioten die Haut zu ritzen, zu züchtigen. Endlich wird auch in einer anderen Hinsicht die Plehwe'sche Politik von seinen Schülern überholt. Kruschewan hat von Plehwe zur Unterhaltung seines ausschließlich auf die Judenhetzen angewiesenen Blattes 20.000 Rubel erhalten. Der berüchtigte Scharapow aber, welcher die beiden von ihm herausgegebenen Zeitungen ausschließlich mit Angriffen auf Juden füllt, bekommt von der russischen Regierung jährlich 31.000 Rubel. Und Suworin? Dieser in Sünde grau gewordene Geschäftsantisemit erhält seit einiger Zeit enorme Summen dafür, daß er die offiziellen Bekanntmachungen der Behörden in seiner „Nowoje Wremja" veröffentlicht. Dasselbe geschieht mit dem getauften Juden Gringmut, dem Erzreaktionär und Herausgeber der „Moskowskija Wjedomosti". Auch die russische Telegraphen-Agentur sendet beständig judenfeindliche Nachrichten in die Welt hinaus, was für uns der beste Beweis ist, daß sie von der russischen Regierung kräftig und mit klingender Münze unterstützt wird. Nicht mehr Kruschewan allein, eine ganze Bande von minderwertigen Subjekten mästet sich aus Kosten der gesamten Steuerzahler und lebt ausschließlich von der Judenhetze. Und dennoch wird die Regierung trotz der russischen Telegraphen-Agentur, trotz Suworin, Gringmut und Kruschewan ihr Spiel verlieren. Das russische Volk ist eben seiner Regierung über den Kopf gewachsen. Es denkt schon lange nicht mehr dran, selbst Judenkrawalle zu inszenieren und ist etwa seit Jahresfrist darüber empört, wenn ein Judenkrawall von der „schwarzen Bande" veranstaltet wird. Bekannt sind die öffentliche Proteste der Arbeiterschaft in Poltawa und Jekaterinoslaw. In Samara, wo in zahlreichen Proklamationen für den 5. September ein Judenkrawall verkündigt wurde, haben die Arbeiter erklärt, jedem Versuch der Ruhestörung mit ihren Arbeiterfäusten entgegenzutreten und jedermann sich merken zu wollen, der die Juden auch nur mit dem Finger berühren würde. Um dieser Erklärung Nachdruck zu verleihen, versammelten sie sich in einem Wäldchen jenseits der Wolga, um da öffentliche Schießübungen abzuhalten. Die Wirkung war, daß am 5. September die Barfüßler nicht gewagt haben, sich auf der Straße zu zeigen. In Kertsch werden alle diejenigen Ladeninhaber, Hoteliers, Kaufleute und Beamte, die sich während des 3tägigen Krawalls unfair benommen haben, von der gesamten Bevölkerung boykottiert. Am schwersten leidet unter diesem Boykott der dortige Tabakfabrikant Messaxsudi, ein Karäer, dessen 2Ojähriges Goldsöhnchen Alexander eine Plündererbande geleitet hat. Alle Hotels, welche den Juden in ihrer Not Schutz und Zuflucht versagt hatten, werden vom Publikum gemieden. Ja selbst die Magistratsbeamten, die anläßlich des traurigen Ereignisses ihre judenfeindliche Gesinnung nicht zu unterdrücken vermocht haben, werden von ihren Kollegen derartig behandelt, daß viele von ihnen um ihren Abschied eingekommen sind und die Stadt verlassen haben. Die gesamte russische Intelligenz, die Arbeiter wie der Mittelstand stehen jetzt aktiv auf Seiten der mißhandelten, sich aber heldenmütig wehrenden Juden. Die Regierung ist isoliert und muß sich mit den Sympathien des Lumpenproletariats begnügen. Die Juden haben durch ihr heldenmütiges Verhalten die gesellschaftliche Gleichberechtigung sich bereits erkämpft, die bürgerliche und die politische werden nicht mehr lange auf sich warten lassen. Vermischtes. Wien. Sonntag den 24. September 1905, 10 Uhr vormittags, findet im Sitzungssaale, I., Seitenstettengasse 4, 2. Stock, eine öffentliche Plenarsitzung des Kultusvorstandes statt. Tagesordnung: 1. Einlauf; 2. Präsidialbericht; 3. Berichte des Vertreterkollegiums: a) Beschlußfassung über die Ersatzwahl für die verstorbenen Vorstandsmitglieder Salomon Rosner und Doktor Isidor Schnabl; b) Schächtangelegenheit; c) Supplenturen für den Religionsunterricht an Mittelschulen; ä) Ansuchen um Bewilligung eines Bethauses im VIII. Bezirk; e) Berufung des Bethausvorstandes Ottakring.