Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 38 (22.9.1905)
- Date
- 1905-09-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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'Jlx. 38 Dr. Blocb s MlocbenscvrM. Seite 599 Estrade vor der Bundeslade betrat. Hier nun hielt der Präsident an den Neugewählten die nachstehende Begrüßungsansprache, die, von der den Tempel in allen Räumen füllenden Gemeinde unter lautloser Stille angehört, einen tiefen Eindruck auf die Hörer zurückließ. Sehr geehrter Herr Rabbiner! Ihre Wahl zum Rabbiner unserer großen aufstrebenden Gemeinde ist durch einmütiges Votum der berufenen Wahlkörperschaft erfolgt, sie hat den ungeteilten Beifall unserer Gemeindeangehörigen, sowie die Genehmigung der Staatsbehörde gefunden. Sie haben auch bereits in meine Hand vor dem versammelten Vorstande das Dienstgelöbnis abgelegt und so konnten wir Sie bei Ihrem Eintritte in dieses Gotteshaus als unseren Seelsorger begrüßen, der eingezogen ist besebem adonay, „im Namen Gottes", das heißt mit jener demutsvollen Bescheidenheit, die insbesondere den Priester ziert und die in unserer Ueberzeugung wurzelt, daß all unser Wissen und Können, all unser Streben, und alles, was wir erreichen, eitel und nichtig und Stückwerk ist und bleibt, wenn nicht auf unserem Wirken der Segen Gottes ruht. Ein reiches Arbeitsfeld bietet sich hier Ihrer jugendlichen Tatkraft, Ihrem Eifer für den freigewählten, heiligen Beruf des Seelsorgers. Während des halbhundertjährigen Bestandes unserer Gemeinde, einem allerdings kurzen Zeiträume für die Entwicklung eines Gemeinwesens, ist manche Aufgabe der Kultusgemeinde gelöst oder doch deren Lösung angebahnt worden. Aber es bedarf liebevoller Fortentwicklung des Geschaffenen, neuer Anregungen für die gedeihliche Ausgestaltung unserer Relegionsschulen, für die Förderung und Unterstützung unserer ersprießlich wirkenden, humanitären Vereine und Stiftungen, für die Pflege des Armenwesens, für die Aufrechthaltung unseres, wie ich wohl sagen darf, mustergiltigen, nicht minder den religiösen Sinn befriedigenden, als auch den Anforderungen der Gebildeten Rechnung tragenden Gottesdienstes, dem auch äußerlich die Würde durch Ruhe und Anstand gewahrt werden soll, in diesem Gotteshausc und dessen Organisierung in dem mit Gottes Hilfe bald zu weihenden, neuen Gemeindetempel. An die Lösung dieser kaum angebeuteten und anderer sich ergebender Aufgaben werden Sie schreiten, unterstützt von Ihrem ehrwürdigen Amtsbruder, von Ihren in jahrelanger aufopfernder Tätigkeit bewährten Stellvertretern im Amte, von unseren pflichttreuen Lehrern und Beamten und nicht zuletzt von dem Vorstande dieser Gemeinde. Sie werden den Spuren unseres Oberrabbiners folgen, der unsere Gemeinde fast von ihrer Wiege ab geleitet, dem wir es danken, daß hier von der Kanzel, vor dem Trauhimmel und an den Särgen unserer Dahingeschiedenen das Wort Gottes stets in reinen Klängen und schönen Formen verkündet ward, nicht weniger dem forschenden Verstände als den sanften Regungen des Herzens Rechnung tragend, mit dem wir durch gegenseitiges Entgegenkommen ein so freundschaftliches Verhältnis angebahnt und aufrechterhalten haben, daß die Eintracht und der Friede in unserer Gemeinde niemals eine Trübung erfahren konnten. Wir hegen die Ueberzeugung, daß Sie den Willen und die Fähigkeit vereinen, Ihrer hohen Aufgabe gerecht zu werden, ausgerüstet mit den dem Priester Israels, absehend von allen weltlichen Machtmitteln, einzig und allein zu Gebote stehenden Waffen universeller und theologischer Bildung, Charakterstärke, in dieser wurzelnder Friedensliebe, aus dem Herzen kommender und darum die Hörer mächtig bewegender Beredtsamkeit. Mit diesen Waffen mögen Sie, so oft es not tut, den Kampf aufnehmen gegen Vorurteile und Leidenschaften, gegen niedrige Gesinnung und Anmaßung, nackensteif und mannesmutig, unbekümmert um Gunst oder Ungunst, mit Begeisterung im Herzen, mit flammendem Worte auf den Lippen, das bald " männlich ernst und streng, bald weiblich sanft, milde und ver-, söhnend erschallen soll, den Hochmütigen zur Erniedrigung, den^ Leidenden zum Tröste, den Armen zur Unterstützung. In diesem Kampfe, der ausschließlich mit geistigen WaffenL ausgefochten wird, die den Frieden gewährleisten, möge Ihnen» jederzeit der Sieg werden und als Siegeslohn vor allem das stolze und erhebende Bewußtsein, zum Sendboten Gottes erkoren zu sein. Und was dürfen Sie, hochverehrter Herr Rabbiner, unseren berechtigten Ansprüchen voll entsprechend, von unserer, nunmehr hoffentlich dauernd Ihrer Gemeinde und deren Vertretung erwarten? Wir wollen, wenn auch nicht des eigenen Urteiles uns begebend, Ihrer weifen Führung gerne und willig folgen, wir werden Ihnen mit dem gleichen Vertrauen und mit der gleichen Achtung entgegenkommen wie unserem Oberrabbiner, weil wir festhalten an der Lehre unserer Talmudweisen, daß nicht nur die Thorarvlle mit allen Zeichen der Ehrerbietung zu begrüßen sei, sondern in noch höherem Maße der Seelenhirt, der durch Denken und Forschen dem mitunter starren Gesetze erst Geist und Leben einhaucht. Wir wollen aber auch bereitwillig Ihre Entwürfe durchführen »nd die Mittel bieten, die für jeden praktischen Erfolg unentbehrlich sind. Selbst unser großer Gesetzgeber Moses konnte für den Sieg seines Volkes gegen Amelek nur mit zum Himmel emporgehobenen Händen inbrünstig zu Gott beten, Aron und Chur mußten aber seine Hände stützen, damit sie nicht erlahmen und damit nicht das Herabfinken der kraftlos gewordenen Arme die Begeisterung im Herzen erlösche. So wollen auch wir jederzeit die Rollen teilen, von Ihnen erwarten wir den richtigen Rat, von uns gewärtigen Sie die rechte Tat! Ich lade Sie nunmehr ein, von der Kanzel dieses Gotteshauses Besitz zu ergreifen und uns von dort unsere heilige Glaubenslehre zu künden, die nach unserer zweifellos richtigen Würdigung niemals in Gegensatz tritt zu der Wissenschaft und deren Tochter, der echten Freiheit, und die darum nur Duldung und Milde predigen kann für alle Menschenkinder, ohne Rückficht auf Abstammung und Glaubensbekenntnis. Und schließlich, würdiger Herr Rabbiner, beglückwünsche ich Sie und nicht minder unsere, mir und uns allen teure Gemeinde zu Ihrem Amtsantritte, möge Gottes Segen jederzeit über Ihrem Wirken walten und sich an Ihnen stets bewähren die göttliche Verheißung, die einst von Engelslippen Gideon entgegentönte: „adonaj immchu gibbaur hechojil“, „Gott mit Dir, dem Geistesfrischen und Tatkräftigen!" Nachdem Herr Dr. Fialla seine Ansprache geschloffen, bestieg der neueRabbinerHerrDr.Levy dieKanzelundhieltseineAntrittsPredigt, der er die Verse aus dem Profeten Jesaia zu Grunde legte: „Wie Regen und Schnee vom Himmel herabkommt, dahin aber nicht zurückkehrt, bevor er die Erde getränkt und sie befruchtet, so möge das Wort des Ewigen sein, das aus meinem Munde geht — es möge nicht leer, das ist unverrichteter Sache, zu mir zurückkehren, bevor es vollbracht des Ewigen Willen und ausgesührt, wozu er es gesandt". Wohl wäre diese Rede, die eine oratorische Kunstleistung darstellt, wert, ihrem ganzen Wortlaute nach veröffentlicht zu werden, allein hiezu reicht der verfügbare Raum dieser Blätter nicht aus, anderseits würden Bruchstücke daraus den Gesamteindruck nicht wiederspiegeln. Der Prediger setzte die hohen Aufgaben und Ziele seines heiligen Berufes, die Vorbilder, die ihm dabei vorschwebten im Leben und Wirken der Proseten, die Erwartungen und Hoffnungen, die er in die Mitwirkung der Gemeinde und besonders der Jugend setzt, mit so viel Geist und Gemüt auseinander, seine Worte waren von so echter und warmer Empfindung durchglüht, iein Vortrag so ^kräftig und klar, daß er alle Herzen hinriß und die Gemeinde tief ergriffen seinen Worten lauschte. Der Chor stimmte hieraus das große Halleluja an, das Olenu-Gebet beschloß die würdige Feier, die allen Teilnehmern wohl lange im Gedächtnisse fortleben lvird. Orlau (Oest.-Schles.). Am 10. September fand unter 4 außerordentlicher Beteiligung der hiesigen jüdischen und nicht- H jüdischen Bevölkerung und jener der Umgebung die Einweihung Rtzes neuen Tempels statt. Es erschienen als Vertreter der Re- »gierung der k. k. Landes-Regierungsrat und Bezirkshauptmann