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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-09-22 · 38 (22.9.1905) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
38 (22.9.1905)
Date
1905-09-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
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©eite 596 Dr. Dlocb s Mocbenscbrtrr. Rr. 38 Ich sage, „in wirksamer Weise etwas beisteuern.« Hiermit meine ich nicht, daß die jüdische Frage in Rußland durch Auswanderung zu lösen ist. Die Zukunft der russischen Juden liegt,, wie diese es auch selbst erkannt haben, in Rußland selbst, und ich bin nicht geneigt, irgend etwas zu unternehmen, sie in einer Ueberzeugung zu schwächen, an welcher Sie jetzt mit sa viel Heroismus festhalten, welche bereits io viel für ihre sittliche Rehabilitierung getan hat und in so hohem Maße auf die Befreiung des ganzen russischen Volkes hinstrebt. Es handelt sich jedoch im jüdischen Ansiedlungsrayon sowohl um ein soziales, wie um ein politisches Problem in Rußland, und hier sind Auswanderung und Kolonisation wirksame Mittel. Sie sind bestrebt, diese Mittel in einer neuen Form und im großen Maßstabe anzuwenden, indem Sie das Angebot von Land in Ostafrika seitens der Regierung Seiner Majestät an den verstorbenen Dr. Herzl akzeptieren, oder indem Sie sich eine andere Landkonzession sichern, die für ein erfolgreiches Projekt jüdischer Kolonisation sich besser eignen würde. Hierin haben Sie meiner Ansicht nach Recht. In der Tat war ich immer für eine Annahme des Angebotes und habe es für einen höchst unglücklichen Umstand gehalten, daß die Zionisten ihre in Aussicht gestellte Annahme desselben an Bedingungen knüpften, welche zu einer Spaltung unserer Gemeinschaft in dieser Hinsicht führten. Solange diese Bedingungen darauf berechnet waren, eine Art von Ghetto oder „Eingeborenen-Reservation" aus der in Vorschlag gebrachten Kolonie zu machen; solange sie die Wiederbelebung einer veralteten Staatsform und die Krystallisierung sogenannter nationaler Gewohnheiten und Lebensweisen anstrebten, welche nicht essentiell jüdisch sind und welche in der Praxis nicht dem jüdischen Volke zugute zu halten wären; solange ferner das Resultat aller Wahrscheinlichkeit nach das Fortbestehen der Fremdlingsstellung unserer Kolonisten in ihrem Adoptivlaude war, konnte ich nicht anders, als dasselbe bekämpfen. Sie haben mich jetzt über Ihre Ansicht, die Sie über diese Bedingungen hegen, beruhigt, und obgleich ich hinsichtlich des Erfolges nicht so hoffnungsfreudig bin wie Sie, muß ich doch eingestehen, daß, was die Prinzipien anbelangt, Meinungsverschiedenheiten zwischen uns nicht länger bestehen, und daß wir praktisch eine gemeinsame Basis haben, auf der wir wirken können. Autonomie ist natürlich auch jetzt noch die leitende Idee Ihres Projektes, aber wenn ich Sie recht verstehe, in einer Form, die frei ist von den Gefahren, die ich befürchtete. Sie wünschen etwas von den Strömen jüdischer Auswanderer sich zunutze zu machen, die unausgesetzt aus Rußland sich ergießen, und Sie wollen dadurch eine neue Lelk-tlovorning-Kolonie in den weiten, unkultivierten Landstrecken des britischen Reiches gründen. Sie haben den festen Willen, daß eine solche Kolonie alle die Bedingungen politischer Entwicklung erfüllen soll, vermittelst welcher die überseeischen Kolonien bislang zur Selbstverwaltung vorgeschritten sind, und daß sie sich in jeder Hinsicht, politisch sowohl wie munizipal, den vorhandenen Kolonien anpaßt. Eine solche Kolonie würde nur durch das Vorherrschen ihrer jüdischen Bevölkerung politisch-jüdisch sein. Sie würde keine anerkannte Kirche, weder Bevorzugung, noch Benachteiligung der Religion wegen kennen, sondern es würde ihr freistehen, Feiertage anzuordnen oder andere munizipale Einrichtungen zu treffen, welche den besonderen Verhältnissen ihrer Kolonien angepaßt sein würden, unter Gewäbrnng angemessener Ausnahmen für die Fremden innerhalb ihrer Tore. Nur englische Gesetze sollen anerkannt und nach ihnen Recht gesprochen werden, in allen politischen Angelegenheiten aber soll die weltliche Gewalt die höchste sein. Auf die Sprachenfrage braucht besonderes Gewicht nicht gelegt zu werden — bei den uns in Kanada und der Schweiz gegebenen Beispielen können wir diese Frage auf sich beruhen lasten. Einem Punkte jedoch legen Sie große Wichtigkeit bei. Sie wünschen, daß von Anfang an das politische oder Gemeinde-Oberhaupt der Kolonie — Administrator, Leutnant-Governor oder Governor, je nachdem — wenn möglich ein Jude sein soll. Hiergegen wüßte ich nichts einzuwenden, vorausgesetzt, daß ein kompetenter und williger Glaubensgenoffe im britischen Kolonial- oder indischen Dienst zu finden ist. Ebenso wie wir es mit der Oberlchrerschast einiger unserer Alumnate in den jüdischen Distrikten Londons gemacht haben, können wir es auch mit der Besetzung des Gouverneurpostens einer Kolonie machen, die sich hauptsächlich aus Juden zusammensetzt. Mit Hilfe einer so organisierten Kolonie hoffen sie drei Dinge zu erreichen. In erster Linie glauben Sie, eine viel bessere Klaffe von Ansiedlern heranziehen zu können, als solche für die sogenannten Almosenkolonien geworben werden, oder als die gewöhnlichen Auswanderer, welche sich in den verschiedenen Ländern des Westens verlieren, insofern als die Idee einer jüdischen Kolonie mit Selbstverwaltung wahrscheinlich an höhere Motive appelliert, als diejenigen, welche oen gewöhnlichen Auswanderer bewegen. In zweiter Linie glauben Sie, daß eine solche Kolonie schnell eine große Arbeiterbevölkerung heranziehen werde, da sie ja für die Zuflucht Suchenden kein fremdes Land, sondern eine wahre Heimat sein würde, wo man irgend ein anti-jüdisches Vorurteil nicht kennt. Drittens hoffen Sie durch die Kombinierung dieser zwei Klassen von Kolonisten unter der stimulierenden Atmosphäre einer Selbstverwaltung es zu ermöglichen, auf britischer Grundlage eine britische Musterkolonie zu schaffen und zu verwalten. Mit allen diesen Zeilen kann ich nur sympathisieren. Ich habe bereits gesagt, daß ich in Bezug auf den Erfolg nicht so hoffnungsfreudig bin, wie Sie, und wenn wir nicht die Aussicht hätten — die historische Aussicht — auf eine umfangreiche Landkonzession seitens der britischen Regierung, so würde ich vielleicht zu dem Versuche geneigt sein, Ihnen von diesem Projekt abzureden. Doch wir haben diese Aussicht, und ich glaube nicht, daß wir sie und die Verantwortlichkeit, die sie im Gefolge hat, mit gutem Gewissen von der Hand weisen können. Ich bin geneigt, Ihr Projekt für gut zu halten, und gebe ihm den Vorzug vor den bisher üblichen Kolonisationsprojekten, wie sie in Kanada und Argentinien durchgeführt werden, denw bei vorsichtiger Leitung würde dasselbe nicht hinter den besten Zielen jener Projekte zurückstehen, während es seinerseits eine Zukunft eröffnet, die eine Quelle von Glück für viele Tausende von Juden und der Stolz unseres gesamten Volkes sein könnte. Alles hängt in erster Linie davon ab, ob Sie die richtige Klasse von Auswanderern herbeischaffen können. Wenn Sie dies können — und Sie sagen mir ja, daß Sie von der Möglichkeit überzeugt sind — dann wird alles Uebrige nur eine Sache harter Arbeit und intelligenter Leitung sein. Ich bin überzeugt, daß das Projekt in diesem Falle die überreiche Unterstützung, der jüdischen Gesamtheit erzwingen wird und daß ausreichende Mittel zu seiner Etablierung und Organisierung erhältlich sein werden. Das ist die Basis, auf der ich bereit bin, mit Ihnen in der Territorial-Organisation zusammen zu arbeiten. Ich befürchte nur, daß infolge des schlechten Zustandes meiner Gesundheit und besonders meiner Augen meine Mitarbeiterschaft nicht weit her sein wird; auf alle Fälle werde ich aber mein Bestes tun. Sie haben vielleicht die Güte, mich wisten zu lassen, ob ich Ihre Ansichten in irgend einem wesentlichen Punkte mißverstanden habe. Stets Ihr aufrichtiger Freud Lucien Wolfs. Union Hotel Frankfurt a. M., den 8. September 1904. Mein lieber Wolff! Es freut mich außerordentlich, zu vernehmen, daß Sie sich nach reiflicher Erwägung unserer Unterhaltung in Gießbach so herzlich bereit finden, Ihre große Fähigkeiten mit unserer großen Aufgabe zu verbinden. Wie Sie selbst sagen, bildi t die Verschiedenheit unserer Ansicht hinsichtlich der endgiltigen Prinzipien kein Hindernis für ein Zusammenarbeiten in einer Bewegung, welche keine offiziellen Beziehungen zum Zionismus unterhält. Ihre Zustimmung zu dem Prinzip der Selbstverwaltung ist alles, was nötig ist, und ich freue mich, daß ich Sie wenigstens davon überzeugt habe, daß, wenn wir uns anschicken, eine große, auf sich selbst angewiesene Kolonie aufznbauen, die Maßnahme der Autonomie kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit ist. Ein eigentümlicher Zufall bringt es mit sich, daß aus Lausanne, demselben Orte, aus dem Sie mir schreiben, ein reicher Jude zu mir nach Frankfurt gekommen ist, um sich als Pionier-Gefährte der armen Einwanderer anzubieten, trotz der Mühseligkeiten eines jungfräulichen Territoriums, und er versichert mir, daß es Hunderte von russischen Mittelstands'Familien gäbe, welche früher oder später einer autonomen Niederlassung zustreben würden. Ich verbürge mich persönlich, daß selbst das englische Mittelstand-Element nicht ganz fehlen wird. Mit Bezug auf das politische Bild der Kolonie können wir gut und gerne die allgemeine Entwicklung der britischen Kolonien als Vorbild nehmen, insofern eine englische Kolonie sich eines beträchtlichen Spielraumes für nicht-englische innere Gesetzgebung erfreut. So ist z. B. Neuseeland in der Lage gewesen, das Wahlrecht für Frauen einzuführen, das der britischen Konstitution bis jetzt noch fremd ist. Wollen wir hoffen, daß in ähnlicher Weise der Genius unserer Rasse, der einst in der mosaischen Gesetzgebung und in prophetischen Aspirationen zuni Ausdruck kam, zu einer führenden Rolle in der Zivilisation und zu soziologischen Fortschritten, wie sie für unsere Zeit geeignet sind, inspiriert werde. Die hebräische Basis, auf welcher die britische Zivilisation sich hauptsächlich bewegt, würde einer Entwicklung unter britischen Auspizien besonders sympathisch sein. Das Guas Ngishu-Plateau, welches den Zionisten angeboten und von ihnen zurückgewiesen wurde, ist jedoch nach der Aussage der zionistischen Kommission nicht das „große und furchtbare Territorium", für welches die Herren Balfour und Chamberlain es zu halten scheinen. Es scheint eher ein Land zur Exploitation durch ein Viehzucht treibendes Syndikat als für eine ansässige Bevölkerung zu sein. Während ich mit einigen Mitgliedern der jüvischen Kolonisationsgesellschast (die mir gegenüber nicht unsympathisch von der neuen Kolonisationsgesellschaft gesprochen hat) darin übereinstimme, daß eine jede Sache klein anfangen muß, so gefällt es mir doch nicht, daß auch alles klein enden muß. Ich will die Eichel nur da pflanzen, wo auch Platz für die Eiche ist. Das Territorium, das wir suchen, muß erstens landwirtschaftliche und zweitens industrielle Aussichten bieten; es muß die Möglichkeit einer dichten Bevölkerung in der Zukunft gewähren. Sollte es uns unglücklicherweise nicht möglich sein, unsere Arbeitskraft für ein solches Land unter englischer Protektion hergeben zu können, so müßten wir uns natürlich an andere Regierungen wenden, welche über Land verfügen, das der Kultur zu erschließen wäre. Wo immer wir aber auch unsere Kolonie gründen, immer stimme ich mit Ihnen überein, daß die moderne Tendenz. Kirche und Staat getrennt zu halten, wie in den Vereinigten Staaten, vorteilhafter für beide Institutionen ist. Es leuchtet ein, daß in einer jüdischen Kolonie fromme Juden eine weit bessere Umgebung für ihre Religion als anderwärts

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