Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 38 (22.9.1905)
- Date
- 1905-09-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 38 Dr. JBiocb’s TKUocbenscbrtft. Sette 595 erteilte ihnen Härtels Vorurteilslosigkeit, und dafür sei ihm an dieser Stelle der Dank gesagt von Männern, die freudig ihre Kräfte in den Dienst einer idealen Sache stellen, die aber auch wünschen, von der Sorge für die Zukunft ihrer Gattinnen und Kinder wenigstens zum Teile befreit zu sein. So wie derjenige der wahre Wohltäter ist, der im Verborgenen Gutes tut, so muß auch das Verdienst des Mannes gepriesen werden, der in einer umfassenden öffentlichen Tätigkeit gleichsam der kleinen, der Detailfragen nicht vergißt. Auch auf dem Gebiete des Unterrichtes nehme man sich des „kleinen Mannes" an, auf diesem Gebiete, auf dem man so oft von großen, entscheidenden Fragen scheinbar von der Kleintätigkeit abgezogen wird. Dies hat Härtel getan °, in einer Zeit, in der Zeit, in der wir Juden und insbesondere unser Religionsunterricht sich wahrlich nicht über allzugroßes Wohlwollen zu beklagen haben, hat er sich dieses Stiefkindes in dem großen Organismus unserer Mittelschulen angenommen und der jüdische Religionslehrer hat es nun am Anfänge des Schuljahres nicht zu befürchten, daß ihm oft wegen eines Schülers — das sind aktenmäßig nachzuweisende Tatsachen — die Zahl der Unterrichtsstunden, aber auch sein Einkommen restringiert werde. Es ist natürlich noch viel zu tun auf diesem Gebiete. Noch sind die Stellen für den jüdischen Religionsunterricht nur ad personam systemisiert, noch findet die ganz unpädagogisch zu nennende Zusammenziehung der Klassen zu Abteilungen statt; auch was die Einrechnung der Dienstjahre betrifft, wurde nur der erste Schritt getan. Aber die Saat, die Härtels Geist ausgestreut, der Geist, der seine höchste Freude findet an den Hervorbringungen der großen klassischen Genien, dieser Geist wird wohl nicht aus unserer Unterrichtsverwaltung schwinden und auch dem jüdischen Religionsunterrichte immer mehr jenen Platz einräumen, der seiner würdig ist, soll er die erhabene Aufgabe erfüllen, die immer wichtiger wird in diesen schweren Tagen, die für das Judentum angebrochen sind. Täuschen wir uns darüber nicht, es kracht in allen Fugen. Feinde von Außen, Feinde im Innern sind heute zu bekämpfen. Man hat für den Abfall vom Judentum ein nicht gar schönes Verslein — Ausrede nennt man es trivial — sich erfunden: Religionsunterricht und Religionslehre sollen an Allem schuld sein. Ein schweres, großes Wort wird hier gelassen ausgesprochen. Für all' das Strebertum, für all' die Charakterlosigkeit, die in der modernen Fahnenflucht vom Judentum liegt, wird der Religionslehrer verantwortlich gemacht. Wir wollen hier keine Beweise dafür Vorbringen, obgleich wir es vermöchten, wie viel Verlogenheit in diesen Entschuldigungen und Beschuldigungen liegt. Aber der Religionslehrer muß heute seine Pflicht mehr denn je und mit vollster Gewissenhaftigkeit erfüllen. Wenn heute die Stellung des Religionslehrers eine ungleich bessere ist, als noch vor einem Lustrum, so sei er demjenigen dankbar, der sie ihm geschaffen, sei sich aber auch seiner hohen Aufgabe bewußt. Leider findet er wenig Schutz, und gerade dort nicht, wo er ihn am' ehesten erwarten sollte. Darum vermeide er es, in seiner Tätigkeit auch nur den geringsten Anstoß zu geben. Ankläger finden sich bald, Verteidiger wenig. Wir meinen, diese Belehrungen werden am Beginne des Schuljahres am Platze sein und mit Wohlwollen ausgenommen werden. Demjenigen aber, der in seinem Gerechtigkeits- und Billigkeitssinn, in seinem Wohlwollen und seiner Vorurteilslosigkeit dem Stande der jüdischen Religionslehrer die höchste Anerkennung gegeben, indem er sie allen übrigen Lehrkräftenan unseren Mittelschulen g l e i ch st e l lte, sei mit diesen schwachen, unzulänglichen Worten der ehrfurchtsvollste- Dank gebracht. Nennt man in Oesterreich die besten Namen, wird auch Härtel genannt werden. Und die jüdischen Religionslehrer werden Härtel stets zu ihren erleuchtetsten Wohltätern zählen. Mozne Zedek. Die neue territorialMsche Organisation. Seit einigen Tagen weilt Israel Zangwill, der gefeierte englische Dichter und bekannte Zionistenführer, in Deutschland. Israel Zangwill vertrat auf dem letzten Zionistenkougreß in Basel mit großem Nachdruck den Standpunkt der politischen Zionisten und Territorialisten, daß es eine zwingende Notwendigkeit für die Gefamtjudenheit sei, angesichts der wachsenden Judennot das Angebot der englischen Regierung betreffs Gründung eines autonomen jüdischen Gemeinwesens in Ostafrika unter britischer Oberhoheit prinzipiell anzunehmen und neue Verhandlungen mit der englischen Regierung anzuknüpfen, um ein materiell geeigneteres Landangebot zu erzielen. Wie bekannt, lehnte der Zionistenkongreß diesen Standpunkt prinzipiell ab. Die Sezession der Territorialisten war die Folge. Auch die politischen Zionisten schlossen sich zum großen Teil der nengegründeten Jüdischen Territorialistischen Organisation (I. T. O.) an, ohne jedoch aus der zionistischen Organisation auszutreten, indem sie in der Erlangung einer jüdischen Autonomie ein wichtiges Mittel zur Erreichung des zionistischen Endziels erblickten. Ehrenpräsident der neuen Organisation wurde Israel Zangwill. Als solcher hat er bereits eine außerordentlich rege und fruchtbare Tätigkeit entwickelt. Es ist ihm in der kurzen Zeit weniger Wochen gelungen, die maßgebendsten jüdischen Kreise Deutschlands, speziell der Gemeinden Frankfurt am Main und Berlin, für seine Idee zu gewinnen. Schon in allernächster Zeit werden einige dieser von allen deutschen Juden hochverehrten Männer Gelegenheit nehmen, öffentlich ihrer Sympathie für Zangwill Ausdruck zu geben. Zangwill verläßt Deutschland in dem Bewußtsein, volles Verständnis für seine weitschauenden Pläne bei unseren leitenden Kreisen gefunden zu haben. Am Montag den 18. d. M. hat er in London in einer großen Volksversammlung, die von der English Zionist Federation veranstaltet wurde, zum erstenmal nach dem Kongreß einer weiteren Oeffentlichkeit über seine Tätigkeit berichtet. Seine Worte hatten ohne Zweifel einen großen Eindruck gemacht, nicht nur in England, sondern besonders auch in Deutschland. Inzwischen gelangt ein Briefwechsel Zangwills mit Lucien Wolfs, dem hervorragenden und gefeierten Publizisten in London, in die Oeffentlichkeit, der nicht verfehlen wird, in allen jüdischen Kreisen das größte Aufsehen zu erregen, zumal in diesem die Endziele Zangwills, die Art, wie er diese zu erreichen hofft, und die innere Ausgestaltung, die er der künftigen autonomen Kolonie zu geben gedenkt, zur orientierenden Darstellung. Ohne zunächst in eine Besprechung dieser einzutreten, seien die beiden Briefe in Uebertragung aus dem englischen Original mitgeteilt: Hotel Gibbon, Lausanne, 1. September 1905. Mein lieber Zangwill! Ich habe eingehend über unsere Besprechungen in Gießbach nachgedacht, und es freut mich, sagen zu können, daß ich zu dem Schluß gekommen bin, daß unsere Ansichten genügend übercinstimmen, um die Möglichkeit eines Zusammenarbeitens mit Ihnen in der Jüdisch-Territorial-Organisation herzlichst willkommen zu heißen. Ich habe meine öffentlich über den Zionismus geäußerten Ansichten nicht im geringsten modifiziert, doch kommen diese, soweit ich sehe, bei dem setzt von Ihnen geplanten Werk nicht in Betracht. Als ein Zionist hoffen und glauben Sie ohne Zweifel, daß eine autonome jüdische Kolonie auf der von uns besprochenen Basis eventuell zur Etablierung eines unabhängigen jüdischen Staates in Palästina führen kann. Ich würde eine solche Hoffnung, auch wenn ich sie für ausführbar hielte, nicht hegen, denn ich habe noch immer die Ueberzeugung, daß wir Juden dem uninatwnaleu Stadium unserer Geschichte entwachsen sind und daß wir weit größere Bestimmungen in unserer Zerstreuung zu erfüllen haben. Auch halte ich es nicht für ausführbar, denn ich sehe keine Aussichten auf Erfüllung in den Tendenzen europäischer Politik und der politischen Lage in Klein-Asien. Möglich ist natürlich, daß Sie im Recht sind und ich im Unrecht bin, aber ich bin bereit, dieses Risiko einzugehen, wenn wir inzwischen durch Ihr Projekt in wirksamer Weise etwas zur Lösung des Problems, das uns in der Unterdrückung unserer Glaubensgenossen in Rußland und anderen reaktionären Staaten entgegentritt, beisteuern können.