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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-09-22 · 38 (22.9.1905) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
38 (22.9.1905)
Date
1905-09-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 594 Dr. Llocd s Mocvenscdrln. Nr. 36 Stufen des Thrones gebracht wurde, da ging ein Aufschrei des empörten Rechtsgefühles durch die ganze gesittete Welt. Man muß der Wahrheit die Ehre geben und anerkennen, daß infolge dieses sensationellen Falles unter den Justizministern Spens- Booden und Koerber energische Weisungen an die Gerichte hinausgingen, daß die weltlichen Entführer rücksichtslos angeklagt und bestraft wurden und daß es in einzelnen Fällen auch gelang, die entführten Mädchen aus dem Kloster wieder herauszubekommen. Allerdings die geistlichen Mithelfer und Vorschubleister dieser Mädchenräubereien blieben unbelästigt und konnten ihr verwerfliches Gewerbe des gewalttätigen Seelenfanges ungescheut fortsetzen, da ja ein Minister selbst die für unsere Rechtszustände höchst bezeichnenden Worte gesprochen hatte, daß vor den Mauern der Klöster die Staatsgewalt aufhöre. Eine große Bewegung gegen den schmutzigen internationalen Mädchenhandel geht heute durch die ganze Welt. Kongresse werden abgehalten, die Regierungen aller europäischen Staaten treffen Vereinbarungen zur gemeinsamen Bekämpfung dieser furchtbaren Eiterbeule unserer Gesellschaft. Die Antisemiten schreien Zeter und Mordio, daß neben den zahllosen christlichen Bordellwirten und Kupplern auch einige Juden dieses Schandgewerbe betreiben. Ja welcher Unterschied besteht denn zwischen dem Mädchenraub, der unter der Patronanz einiger von religiösem Wahn besessenen polnischen Aristokratinnen betrieben wird, und zwischen dem Mädchenhandel, den die verworfensten Subjekte aller Länder betreiben? Hier wie dort wird die Persönlichkeit des Geraubten ausgelöscht, hier wie dort wird das natürliche Recht der Eltern mit Füßen getreten. Die Polizei hat das Recht, in die Bordelle einzudringen und dort nachzuschauen, was mit den Opfern des Mädchenhandels geschieht, sie arrvgiert sich aber nicht das Recht, in die Klöster einzudringen und auch dort nach den armen Opfern des Seelenfanges zu schauen. Ja, wer weiß denn, was hinter jenen undurchdringlichen Mauern mit den entführten Mädchen geschieht? Wer bürgt uns denn dafür, daß nicht auch dort unschuldige Menschenkinder an Leib und Seele zugrunde gerichtet werden? Wer will den Mut haben, zu entscheiden/' daß die Kultur des Klosters höher steht als die Kultur des Ghettos? Bezeichnend für die herrschenden Anschauungen ist ganz insbesondere der Fall der Rachel Scheer aus Cetula. Die 600 Kronen, welche die Entführer mitgenommen haben, sind zurückgestellt worden, das geraubte Kind nicht. Die galizischen Behörden haben also den Wert eines geraubten Kindes für die Eltern geringer eingeschätzt als eine Handvoll Bargeld. Das Justizportefeuille ruht gegenwärtig in den Händen eines genialen Mannes, dessen moderne Rechtsanschauungen ihm einen Weltruf verschafft haben. Ist es möglich, daß Se. Exzellenz Herr Dr. Klein in seinem Amtsbereiche solche Zustände weiter duldet? Ist es möglich, daß unter seiner Aegyde die galizischen Juden zur Rechtlosigkeit verdammt werden? Die unheimliche Vermehrung schreiender Fehlurteile und Rechtsverweigerungen in den letzten Monaten stellt ihn vor die Gefahr eines häßlichen Makels in seiner Amtsführung. Hoffentlich greift er mit jener Entschiedenheit ein, welche das charakteristische Merkmal seiner bisherigen, für die Entwicklung der österreichischen Rechtszustände so segensreichen Tätigkeit gewesen ist. _ Der gewesene Wnterrichtsminister und der jüdische Religionsunterricht. Es ist naturgemäß das Geschick selbst der bedeutendsten Männer, daß, sobald sie ins politische Leben, in das öffentliche Getriebe eintreten, über sie die verschiedenartigsten Urteile gefällt werden, und wenn sie in den „wohlverdienten Ruhestand" zurückkehreu, „der Parteien Gunst und Haß" das zwischen zwei Seiten schwankende Urteil über sie ausspricht. Das ist immer so gewesen, und auch der vor einigen Tagen in die Ruhe und den Frieden des Lebens zurückgekehrte Unterrichtsminister Dr. W. Ritter von Härtel hat dieses Geschick mit vielen anderen großen Männern teilen müffen. Er wird sich darob zu trösten wissen und jetzt, so wie einst, still und ruhig seiner Wissenschaft leben. Mag man nun über den großen Latinisten und Patristen lobende oder tadelnde Urteile fällen, mögen über ihn mehr oder weniger schwungvolle oder absprechende Leitartikel geschrieben werden, eines steht fest: kein Stand hat ihm soviel zu danken, wie der der Religionslehrer an unseren Mittelschulen, und es sei hier ihm zum Lobe und Danke das Wort gesagt: diesen Männern gegenüber zeigte er sich als Held der Gerechtigkeit und des Wohlwollens und nie soll ihm dies im Kreise der Männer vergessen werden, die gegen so viele gegnerische Mächte anzukämpfen haben, daß er ihnen eine feste Stellung geschaffen hat, von der aus sie allen Widerwärtigkeiten, die gegen sie anstürmen, getrost entgegensetzen können. Härtel, der Mann des Geistes und der Wissenschaft, hat den jüdischen Religionslehrern gegeben, was sie vergebens von den Männern und den Behörden forderten, denen es doch darum zu tun sein sollte, dem jüdischen Religionsunterrichte und seinen Vertretern die Stellung einzuräumen, die ihnen gebührt und die für sie notwendig ist, wenn sie die Freude für ihren Beruf betätigen sollen, welche die erste Bedingung für ein gedeihliches Wirken auf dem Gebiete der Schule ist. Es wird sicherlich wieder Leute geben, die bei diesen Worten von materialistischer Gesinnung sprechen und von den jüdischen Religionslehrern verlangen, daß sie im Idealismus gleichsam aufgehen, d. h. unterrichten und das ausführen, wofür in früheren Jahren nur das Haus sorgte, unserer Jugend religiöses und jüdisches Gefühl einzupflanzen; dabei aber mögen sie in einer steten Abhängigkeit von nicht immer unparteiischen Faktoren leben, mit Sorge und Kummer für das tägliche Brot kämpfen und einer trostlosen, finsteren Zukunft entgegensetzen. Wofür heute der Arbeiter ringt, anständige Existenz und Altersversorgung, das sollte dem jüdischen Religionslehrer nicht auch Gegenstand steter Sorge sein? Ist es denn nicht wirklich schon vorgekommen, daß jüdische Religionsdiener, nachdem sie jahrelang gearbeitet, Sozialisten würden sagen, „geschuftet" hatten, dann als die Mohren, die ihre Schuldigkeit getan, vor die Türe gesetzt wurden, daß man sie gehen geheißen, nachdem sie ihre besten Kräfte im Dienste einer wahrhaft idealen Tätigkeit ausgewendet? Man wundere sich deshalb nicht, wenn die jüdischen Religionslehrer an unseren Mittelschulen, besorgt wegen der Zukunft ihrer Familien für ihre Sache selbst eintraten, und, zur Ehre Härtels sei es hier gesagt, bei diesem Manne, der sich ihnen als vorurteilsloser und gerechter Verwalter seines hohen Amtes zeigte, stets nicht nur williges Gehör fanden, sondern auch warmes Gefühl und Empfinden für ihre Bitten, die er als billige, menschliche Forderungen erkannte. Was wir Härtel zu danken haben, das kann nur derjenige richtig erfassen, der die Stellung der jüdischen Religionslehrer, wie sie noch vor 5 Jahren war, vergleicht mit ihrer heutigen Position. Was eben ist, ist das Bedauerliche, daß die dazu am meisten berufenen Faktoren und Personen oft gar nicht wissen, wie prekär die Lage der Religionslehrer an unseren höheren Anstalten sich gestaltet. Nie und nimmer hätte es ein katholisches Konsistorium gestattet, daß, um nur ein Beispiel anzuführen, der Religionslehrer oft bis zum Dezember, ja bis zum neuen Jahre warten mußte, ehe ihm seine „Remuneration" — so hieß das klägliche Einkommen — angewiesen wurde. Und dabei die immerwährende Sorge, nur nicht wegen Krankheit oder Invalidität dem Rachmonus der Oeffentlichkeit preisgegeben zu werden! Furchtbarer Gedanke, bemitleidet zu werden, während man den berechtigten Anspruch auf gesetzmäßige Versorgung hat. Wie priesen deshalb unsere Religionslehrer den Tag, an dem sie im Verordnungsblatte ihre staatliche Ernennung zu systemisierten Lehrern lasen! Und es ist gewiß ein Ruhmesblatt in der Geschichte Härtels öffentlicher Tätigkeit, daß er diesen Stiefkindern des Unterrichtes und der Schule gab, was ihnen gebührte. Was in der Zeit des sogenannten Liberalismus in Oesterreich nicht möglich war, was der so hochgepriesene Stremayr den jüdischen Religionslehrern nicht gewährte — damals figurierten sie neben den Turnlehrern als Nebenlehrer — das

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