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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-09-15 · 37 (15.9.1905) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
37 (15.9.1905)
Date
1905-09-15
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite S9Ö Dr. Llocb's Mocbenscvrm. Nr. 3- Worte erkannte. Er hielt inne und wilder herrschte das schreckliche, erwartungsvolle Schweigen, das durch das abnehmende Plätschern des Regens noch gesteigert war. Doch plötzlich wurde es aus seltsame, unerwartete Weise unterbrochen. „Yisgadal, veiskadasch, sheme rabbo“, erscholl plötzlich eine kindliche Stimme aus dem Hintergrund des Bethauses. Ein kleiner Waisenknabe, welcher da war, um Kadisch zu sagen, war, ermüdet durch die große Hitze, eingcnickt und hatte während des Unwetters geschlafen. Plötzlich war er, als gerade die große Stille herrschte, erwacht und der arme, kleine Junge fühlte instinktmäßig, daß die versammelte Gemeinde auf das Gebet wartete. Er war der einzige der männlichen Mitglieder gewesen, der den lästernden Buckligen weder gehört noch gesehen hatte. Des Buckligen Angesicht verzog sich finster; er stampfte mit dem Fuß, aber das Kind setzte sein Gebet fort: „In dem Weltall, daß er schuf- „Der Regen hat ausgehört, Brüder", sagte der Bucklige heiser und seine Worte schienen nur mühsam aus der Kehle zu dringen. „Kommet mit mir, ich werde euch lehren, das Leben zu genießen". Nicht einer rührte sich. Des Kindes Stimme tönte fort. Der Fremde lief zum Ausgang. Hier angekommen, blickte er zurück. Nur Moses Grinwitz folgte ihm. Er schleuderte die Rolle von fich und sie fiel auf die Treppen nieder. Der Fremde war fort und mit ihm Moses Grinwitz. Eine allgemeine Aufregung war in der Synagoge zu verspüren; die Männer atmeten schwer. Das Kind hob die Rolle auf und küßte sie und gab sie dem Nachbar, der sie ehrfurchtsvoll auf den Altar legte. Ein Sonnenstrahl schlich sich ins Zimmer und der Kantor im Verein mit der Gemeinde setzten den Gottesdienst dort fort, wo sie ihn unterbrochen hatten, und es schien, als ob der böse Vorfall ins Land der Träume gehörte. Sie sprachen auch gar nicht mehr darüber; auch der Rabbiner erwähnte des Vorkommnisses nicht, als er am Schluß des Gottesdienstes die Gemeinde ermahnte, den morgigen Tag als Fasttag zu betrachten. Aber von nun an miüren sie Moses Grinwitz wie einen Aussätzigen, denn sein Anblick erinnerte seine Mitbrüdcr an die Lästerungen, an die sozialistischen und atheistischen Redensarten, die er hinterlistigerweise in ihrer Mitte zum Besten gegeben hatte und mit denen er seine Kameraden zu verhetzen suchte. Der Gedanke an den Buckligen genügte, um ihr Blut höher sieden zu machen und die Erinnerung an seine frechen Ideen konnte sie wild machen. Die Nachricht von dem Unglück der Gemeinde veranlaßte einige wohltätige Männer, eine neue Bundeslade zu stiften, und als das Einsegnungsfest für die neue Rolle vorüber war, da war auch die letzte sichtbare Spur jener unwürdigen Szene verwischt und lebte nur mehr als schwache Erinnerung im Gedächtnis der Männer, die übrigens nicht die Gewohnheit hatten, sich nachträglich über den Schreckenszustand im Bethaus aufzuregen. Als Moses Grinwitz seinen neuen Freund auf einem schmalen Weg zu seiner Wohnung führte, war sein Inneres von dem Gefühl neuer köstlicher Freiheit erfüllt. Die Sonnenstrahlen, die ihn grüßten, als er aus dem Bethaus hinaustrat, schienen ihm sein neues Leben zu versinnbildlichen. Er streckte sich zu voller Höhe aus, hob seine Schultern, die vom vielen Maschinnähen so gebeugt waren, und setzte den Hut gerade auf den Kopf. Es waren nicht Gefühle ruhiger, ftiedlicher Art, die ihn beschlichen; nein, gährende Gedanken der Empörung, eine Steigerung der Energie machte sich geltend. Die Bürde des Althergebrachten wollte er von sich werfen. Er wußte nicht, was er mit seinem neuen Leben, das er in den Adern pulsieren fühlte, anfangen sollte; aber jede Pore an ihm lebte. „Ha Bruder", ries er frohlockend dem Buckligen zu, der vor ihm her eilte, „diese Dummköpfe in der Synagoge würden klüger daran tun, herauszukommen und sich des schönen Wetters fteuen. „Sie atmen die muffige Luft ein, um sie dann als Weihrauch zu opfern", antwortete der Zwerg, indem er seine Schritte verlangsamte, damit der Andere ihm Nachkomme. Ihr -kurzer Weg war von mancherlei Zwischenfällen begleitet. Ein Fuhrmann peitschte sein Pferd so arg, daß es fich der Fesseln entledigte und davonstürmte; zwei Kinder, die Hand in Hand spazieren gegangen waren, erschrocken und liefen eiligst davon. Ein fremder, reich gekleideter, halb betrunkener Mann taumelte daher. Moses dachte sich, was für eine Schande es doch sei, daß so ein Mensch eine so schwere Goldkette tragen könne, die eine arme Familie einen ganzen Monat lang erhalten könnte; aber ehe er sich recht die Sache überlegte, war der Betrunkene eine Nebengasse hinuntergestolpert. Moses machte keinen Versuch, ihm beizustehen und seine Aufmerksamkeit wurde wiederum durch einige Burschen in Anspruch genommen, die sich damit befaßten, einer Katze eine Rakete an den Schwanz zu binden. Durch alle diese Beobachtungen angenehm beschäftigt, war Moses Grinwitz erstaunt, als er sich vor seinem Wohnhaus sah. Sein Begleiter war schon im Flur, denn die Tür war wie immer weit geöffnet. Moses fand es besonders günstig von seinem Begleiter, die Einladung angenommen zu haben. Er war sehr vergnügt und folgte ihm in den Flur, als sich eine Wolke des Mißtrauens über ihn zu legen schien. Das Haus war ein großer, altmodischer, schmutziger Bau, der vor 100 Jahren schön und stattlich gewesen sein mochte und der nun ein Dutzend meist jüdischer Familien beherbergte. Moses Grinwitz' einziger Wohnraum war ein Giebelzimmer, so daß dessen Plafond gleichzeitig das Dach des Hauses bildete. Je höher Moses Grinwitz stieg, desto düsterer wurde seine Stimmung, als ob er all das Düstere, das von dem spinnenbedeckten Stiegenhaus ausstrahlte und auf das nie ein Sonnenstrahl fiel, in sich ausgenommen hätte. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Vor uns liegt die mit höchster Spannung erwartete Fortsetzung der ,,Erzählungen aus dem russischen Dorfleben," „Der Mörder", von Dr. I. Rabbinowicz. E. Piersons Verlag, Dresden. Gestehen wir es nur freudig und offen: Unsere Erwartung wurde nicht nur nicht getäuscht, sondern weit iibertroffen. Es ist dem gewandten Epiker gelungen, seine Siegesallee mit neuen herrlichen Statuen zu schmücken, die sich würdig an ihre Vorgänger reihen. Der Hausierer Moscheh-Zeldes und der Dorfrichter Lot, welche Prachtmenschen! — Sonderbar, daß solche Menschen — Menschen im edelsten Sinne des Wortes — in der nebligen, moderbrodemden, sarmatischen Steppe gedeihen! In der politisch miasmierten Stickluft Rußlands, wo seitens der Autokratte alles mögliche zur Entmenschung der Individuen vorgekehrt wird. Oder: Gedeihen sie dort gerade deshalb, weil ihnen die Betätigung ihrer Kräfte nach außen gewehrt wird und sie, gezwungen, ihr Licht unter dem Scheffel phosphoreszieren zu lassen, sich daher innerlich einleben, weil sie sich nicht ausleben können. Das Buch führt eigentlich mit Unrecht den %‘itel „Der Mörder". Der Held des Stückes ist Moscheh-Zeldes, der Hausierer, um ihn gruppieren sich kaleidoskopisch die anderen Akteure. Rabbinowicz ist aber nicht nur Meister und Bildner menschlicher Figuren, sondern er ist auch Künstler der Inszenierung. Wie ergreifend, wie faszinierend ist die Mondscheinszene vor dem Scheunentor des Dorfstarosten Lot! — Wie beredt ist das Schweigen der beiden Helden! — Wie vielsagend dieses Nichtssagen. Doch auch die Figur des Mörders, eines Ibsen-Monstrums, wird nicht verfehlen, psychologisches Jntereffe zu erwecken. Als Sohn eines trunksüchtigen Ex-Popen und eines ehebrecherischen, pflichtvergessenen Weibes, ist er „von Geburtswegen" zum Lumpen prädestiniert. Er wird es auch! Er wird sogar Doppelmörder und justifiziert sich selbst. — Ein Popenbastard ist kein Karl Moor! Auch die äußere Ausstattung des Buches ist der k. k. Hofbuchhandlung E. Pierson würdig. Wall.-Meseritsch, 11. September 1906. _ Frank« Neue Bücher. Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden. Herausgegeben vom Bureau für Statistik der Juden, Berlin-Halensee, Westfälische Straße 46. Redaktion: Dr. Arthur Ruppin. I. Jahrgang. Heft 8. August 1905. Inhalt: I. Abhandlungen. Die berufliche Gliederung der Juden in Oesterreich. Dr. I. T h o n, Berlin: Die Bewegung der jüdischen Bevölkerung in Bayern seit dem Jahre 1876. Dr. Richard Weinberg, Dorpat: Zur Pathologie, der Juden. Einwanderung nach Großbritannien im

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