Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 37 (15.9.1905)
- Date
- 1905-09-15
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Dr. Llocb's Mocbenscbrltt. tzvctte 589 Nr. 37 Israelitische Kultusgemeinde Pohrlitz. Am 8. September 1905 fand in der israelitischen Kultusgemeinde Pohrlitz die Neuwahl der Gemeindevertretung statt und wurden hiebei gewählt in den Kultusausschuß die Herren: Hermann Schnabl, Alois Haas, Jakob Wollner, Sigmund Nassau, Wilhelm Bader, Moriz M. Schnabl, Moriz Spitz, David Donnebaum, Max Haas, Karl Seidl, Heinrich Bauer, Ludwig Schnabl; als Ersatzmänner die Herren: Dr. Adolf Dux, Dr. Gustav Pick, David Schild, Elias Wollner, Salomon Spitz, Moriz S. Schnabl; in den verstärkten Kultusausschuß die Herren: Josef Goldschmied, Bernhard Haas. Albert Hüttner, Moriz Weiner, Moriz Wollner, Eduard Mayer, Jakob Zweig, Max Mannaberg, Julius Adler, Gabriel Frankl, Sigmund Langer, Abraham Bader. Beszprem. Herr Kantor Jenö Weiß aus Sopron wurde nach einem mit großem Beifalle abgehaltenen Probevortrage einstimmig als Oberkantor akzeptiert und hat seine Stelle am 1. September angetreten. Raudnitz. Unser Rabbiner Dr. Julius R e a ch verläßt nach elfjähriger, segensreicher Tätigkeit die hiesige Gemeinde, um einem ehrenvollen Rufe als Rabbiner der Gemeinde Gaya zu folgen. Mit tiefem Bedauern wurde dieser Entschluß vom Vorstande zur Kenntnis genommen, da Herr Dr. Reach sich hier allseitig sowohl bei der jüdischen als auch bei der christlichen Bevölkerung wegen seines konzilianten Wesens der größten Beliebheit erfreute. Der Vorstand der Chewra-Kadischa richtete an den scheidenden Rabbiner eine ehrende Adresse mit der Ernennung zum Ehrenmitglied. Der israelitische Frauenverein überreichte der Frau Dr. R e a ch eine warmgehaltene Adresse. Krems an der Donau. Am letzten Sabbat wurde unser neuer Seelsorger Se. Ehrwürden Herr Dr. I. Diamant, Sohn Sr. Ehrwürden des Herrn Rabbiners Dr. A. Diamant in Schaffa, in hiesiger Gemeinde feierlich installiert. Der Empfang seitens des hiesigen Kultusvorstandes und die Begrüßung seitens der Gemeindemitglieder waren recht herzlich und fand die inhaltsreiche Antrittspredigt in unserem schönen, festlich geschmückten Tempel bei dem zahlreichen Publikum, darunter viele Andersgläubige, ungeteilten Beifall. Klagenfurt. Zu dem Berichte aus Klagenfurt wird uns ergänzend gemeldet, daß der Handelsakademiker Max P o s a m e n t i r aus Judenburg mit humoristischen Vorträgen und musikalischen Leistungen zum Gelingen des Festes wesentlich beigetragen hat. Pfungstadt. Samstag den 9. d. M. verstarb in Brückenau im 57. Lebensjahre unser unvergeßlicher Herr Dr. Barnaß, Direktor des Instituts in Pfungstadt. Berlin. Wie durch die Tagespresse hinlänglich bekannt geworden, hat eine furchtbare Feuersbrunst am 3. September die Stadt Adrianopel heimgesucht. Telegraphische Nachrichten, die dem Hilfsverein der Deutschen Juden von der jüdischen Gemeinde in Adrianopel zugegangen sind, bestätigen übereinstimmend, daß das jüdische Viertel am meisten durch das Feuer gelitten hat. Hunderte jüdischer Häuser sind eingeäschert worden und Tausende unserer Glaubensgenossen befinden sich unter freiem Himmel. Der Vorstand des Hilfsvereins der Deutschen Juden hat sofort 3000 Frcs. nach Adrianopel zur Linderung der Not überwiesen. Feuilleton. Satan Mekatrig. Eiue Ghettogeschichte. — Nach dem Englischen von Israel Zangwill. (Fortsetzung.) Wer war er? Woher war er gekommen dieser schwarz gekleidete, rothaarige bucklige Mann mit der Pelzkappe, dem marmorbleichen Antlitz, den kalten, kühnen. Augen, die so durchdringend blickten, den reinen Lippen mit dem höhnischen Zug? Niemand konnte fich erinnern, ihn je gesehen zu haben, niemand hatte ihn zuvor im Bethaus bemerkt. Er war nicht aus ihrer Gemeinde, noch aus der benachbarten. Aber als fie ihn ansahen, erstarken ihre Worte, die drohend erhobenen Hände fielen herab und allen Männern in der Synagoge schien es plötzlich^ als ob sie ihn doch kennen müßten. Jeder glaubte jetzt, er habe ihn schon irgendwo gesehen. Rabbi Rotchinsky selbst, der erst seit 14 Tagen auf englischem Boden weilte, war angestrengt bemüht, fich zu erinnern. Wieder war tiefe Stille im Bethause. Die Klagetöne aus der Frauenabteilung waren allmählich verstummt. Nur der Sturm und das ununterbrochene Plätschern des Regens war zu hören. Draußen pulsierte, nicht beeinträchtigt durch das Unwetter, das geschäftige Londoner Leben und Treiben; innerhalb der Synagoge herrschte Aufruhr und Schrecken. Der höhnende Bucklige hatte die heilige Schrift aus den Händen jenes Mannes genommen und wiegte fie hin und her. „Verletzt! Zerstört! So haben die Elemente die Worte des Herrn beleidigt. Ihr mühet Euch ab und plagt Euch, um Geld zu sammeln, damit die Worte des Herrn auf Pergament geschrieben werden können und er lacht dann über Eure Aufopferung. Höret nicht auf ihn, gebet Euch nicht jeden siebenten Tag der Ruhe hin, wenn er es nicht verschmäht, an diesem Tage mit dem Blitze zu arbeiten. Leset nicht die staubigen, altmodischen Schriften. Erhebet Euch gegen seine Gesetze, denn er lacht über Euren Mummenschanz. Er und die Engel lachen über Euch und unterhalten fich über Eure Dummheit. Was hat er denn getan für Euer Jahrhunderte lang währendes Martyrium? Zu seinem Spielzeug hat er Euch erschaffen und Euch den Händen des Zerstörers ausgeliefert. Ihr seid von sprichwörtlicher Lächerlichkeit und die Christen speien Euch ins Gesicht. Hier in England ist Euer Los weniger hart, aber selbst hier müffet Ihr schwer arbeiten, um das tägliche Brod zu verdienen. Der Schlaf kommt nur selten über Eure Augen, Euere Wohnungen find wie Schweineställe, Euere Kinder gehen zu Grunde und Ihr wanket traurig dem Grabe zu. Befteiet Euch von dem Drucke! Verschwendet Euere Lebenszeit nicht für Gott noch Menschen. Esset, trinket und seid fröhlich, denn morgen müsset Ihr vielleicht sterben." Bezaubert schwiegen die Zuhörer. Ihr Groll, ihr Schrecken war erstorben. Eine eigenartige, stolz geschwängerte Lust wehte im Saale und ein berauschender Hauch böser Gedanken hielt Einzug in ihre Herzen. Sie fühlten es, wie die Worte des vermessenen Sprechers Macht über fie gewannen, er schien nur das auszusprechen, was längst in ihren Herzen gelebt hatte. Ja, fie waren bisher wahnsinnig gewesen; nun aber wollten fie fich befreien, wollten ihr Leben genießen, ehe der Todesengel Azrael ihnen den Becher entzieht. Moses Grinwitz' melancholische Augen leuchteten vor Begeisterung. „Schweige, elender Gotteslästerer", stammelte Rabbi Rotchwinsky, der allein die Sprache wiedergewonnen hatte. „Der Schutzengel Israels schläft niemals". Der Bucklige wendete fich um, und indem er einen ermutigenden Blick auf die Versammelten warf, rief er: „Wir haben beide gesprochen, Rabbi, und werden noch beide sprechen, aber über Wein, Weib, Gesang. Euer Bart ist zwar weiß, aber es liegen noch viele sonnige Tage vor Euch und das Grab ist noch fern." Der Rabbi versuchte ein Gebet zu murmeln, aber seine Lippen bebten nur leise: „Gottloser Spötter", murmelte er endlich, „gehe zu Deinem Wein und Deinen Freuden, aber verführe nicht andere zur Sünde. Packe Dich, möge der Herr — gesegnet sei er — Dich mit seinem Blitzstrahl treffen". Der Heilige verdirbt nur, was heilig ist" entgegnete grimmig der zwerghaste Fremde, indem er auf die Gesetzesrolle wies. Und ich wiederhole nochmals, daß Ihr nur dem Spotte und der Belustigung dient! Ja, versammelt Euch zum Gebet, aber machet Platz für die Pfeile des Blitzes. Schmücket Eure Rolle mit Gold und mit Silber, damit das Metall seinen Blitz anziehe." Er schaute um fich und ein katzenartiger Blick voll Triumph stahl fich in seine Augen, als er die Wirkung seiner