Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 37 (15.9.1905)
- Date
- 1905-09-15
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 37 Dr. Dlocb's Mocbenscbrttt Sette 687 Halpern, Vortragender Rat im russischen Justizministerium. Ueber die Gründe, welche zur Anstellung dieses Juden geführt haben, ist uns nichts Näheres bekannt. Wir wissen jedoch, daß er Jahre lang Bureauchef einer Abteilung des genannten Ministeriums war und in dieser untergeordneten Stellung zahlreiche Arbeiten geliefert hat, die seinen Vorgesetzten, welche diese Arbeiten als ihr eigenes Geistesprodukt ausgäben, viel Ehre gemacht haben. Geheimrat Halpern hat es nicht nur niemals versucht, feine Angehörigkeit zum Judentum zu verbergen, er gab sich im Gegenteil stets die größte Mühe, für seine Glaubensgenossen einzutreten. Anläßlich seiner Ernennung zum Geheimrat, mit welcher in Rußland die Erhebung in den Adelsstand verknüpft ist, wurde es ihm anheimgegeben, seinen Namen zu ändern. Jakob Halpern weigerte sich jedoch, von der Erlaubnis Gebrauch' zu machen und erklärte seines alten Namens sich nicht schämen zu brauchen. Aus Kertsch (Krim) wird der „Rufs. Korr." über Judenmetzeleien und russische Polizei geschrieben: Erst jetzt komme ich dam, von den schrecklichen Vorgängen hier zu berichten. Leben, Ehre und Vermögen der Einwohner waren während zweier Tage auf Gnade und Ungnade dem Pöbel ausgeliefert. Die Hooligans, unterstützt durch die „Nachlässigkeit" der Polizei und des Militärs, teilten sich in mehrere Parteien, und, ohne von den Behörden behindert zu werden, vernichteten und demolierten sie die Magazine, Läden, Privathäuser, bedrohten mit dem Tode diejenigen, die irgendwie sich der Gendarmerie gegenüber verdächtig machten, und prügelten bis zur Bewußtlosigkeit alle, die sich mit einem Wort um Sptlfe an sie gewendet haben. Die Panik hatte alle Einwohner erfaßt, die Weiber und Kinder weinten hysterisch und fielen in Ohnmacht, man hörte herzzerreißendes Wehgeschrei der Verzweiflung; das Pfeifen und das Geheul der wildgewordenen Menge brachten der Bevölkerung Todesangst und Schrecken bei. Die Bestien vernichteten das gesamte Hausgerät und die Krambuden vieler Juden, verprügelten sie furchtbar, steck'en Häuser in Brand und warfen das zweijährige Kind eines Krämers ins Feuer. Das ist nur ein Beispiel aus mehreren. An der Peripherie der Stadt, in den Vororten und in Enikale (einem größeren Vorort bei Kertsch) hauste die Menge besonders grausam. Etwa sechzig junge Juden, bewaffnet mit Revolvern, gingen tapfer zur Verteidigung ihrer Brüder vor; aber früher noch, als sie etwas tun konnten, wurde auf sie auf Befehldes Stadthauptmannes eine Salve abgegeben und sie wurden genötigt, auseinanderzulaufen. Auf dem Kampfplatze bli ben an dieser Stelle zwei Tote und elf schwer Verwundete. Unter den Getöteten befindet sich ein christlicher Gymnasiast namens Kiritschenko und unter den Verwundeten ein christlicher intelligenter Arbeiter Vojtzechowskij. Die Salve wurde ohne jegliches Warnungssignal abgefeuert. Das Resultat: etwa hundert Familien, die noch gestern ziemlich gut gelebt haben, sind jetzt genötigt, um Hilfe zu betteln. Der Metzelei ging eine patriotische Manifestation voran, die von der Polizei und den Hooligans veranstaltet war. Die Manifestation galt als Gegendemonstration gegen die Arbeiter, die am 9. August eine regierungsfeindliche Kundgebung veranstaltet hatten. Die Arbeiterkundgebung war freilich nur der Vorwand zur Metzelei, da es festgestellt ist, daß ein Gendarmeriegeneral a. D. Flugblätter verbreitete, die das Thema „Haut die Juden!" variierten; er agitierte unter dem „Schwarzen Hundert" schon etwa seit sechs Monaten. Die Polizei förderte seine „patriotischen" Bemühungen, und so wurde mit gemeinsamen Kräften die Metzelei inszeniert. ____ So weit der Brief. Daß die Metzelei nicht „elementarer" Natur war, sondern von langer Hand organisiert wurde, hat auch der Stadtverordnete der Stadt Kertsch, Herr Kristi, in der Stadtverordnetensitzung vom 23. August offen und unwidersprochen festgestellt. Herr Kristi hat zugleich bestätigt, daß die erst abgegebene Salve „eine durch nichts zu rechtfertigende Grausamkeit" gewesen sei. Dr. Dewey resigniert. A l b a n y. Der Staatsbibliothekar Dr. Melvil Dewey wird am Ende dieses Jahres von diesem Amte zurücktreten. Die staatliche Behörde der Univerfitätsregenten ist bereits im Besitze der Resignation Dewey's und hat ihm bis Ende d. I. Zeit gegeben, feine Amtsgeschäfte abzuwickeln. Der Staats- Bibliothekar hat sich bekanntlich bei den Israeliten verhaßt gemacht, weil er in seiner- Eigenschaft als Geschäftsführer des Lake Placid Club in den Adirondacks ein Zirkular erließ, welches kundtat, daß Juden als Gäste oder Mitglieder des Klubs nicht willkommen wären. Diese Maßnahme verursachte seinerzeit einen Entrüstungssturm unter den Israeliten, und einflußreiche Glaubensgenossen, unter diesen Edw. Lauterbach und Louis Marshall von New-Gork, reichten bei den Universitäts-Regenten, welcher Behörde die Staatsbibliothek unterstellt ist, Beschwerde ein. Dewey kam damals mit einem Verweis davon, nachdem er versichert hatte, daß mit dieser Ausschließung der Juden aus dem Klub keine abfällige Beurteiluug beabsichtigt gewesen sei. Der Gouverneur von Iowa über die Juden. Zu einer von dem Rabbiner Simon Glaizer verfaßten „Geschichte der Juden des Staates Iowa" hat der Gouverneur dieses Staates, Albert Cummings, das Vorwort geschrieben. Ist das schon an sich bemerkenswert und bezeichnet, so ist es noch mehr der Inhalt des Vorworts. Der Gouverneur schreibt: „Die Juden von Iowa sind würdige und ehrenhafte Bürger der Republik. Betrachtet man die wunderbare Entwicklung, dann ist es kein geringes Kompliment, das jedem Volksstamm gemacht werden kann, daß er in der rapid vorwärts schreitenden Entwicklung seinen Mann stellt, und das kann mit vollem Recht von den Juden des Staates Iowa gesagt werden. Geduldiger und ausdauernder Fleiß ist eines der charakteristischen Merkmale, das die Juden seit Jahrhunderten ausgezeichnet hat. Bei uns haben sie aber Anspruch auf noch höhere Anerkennung, denn sie schreiten voran mit dem Geist der Zeit und halten Schritt mit der schnell sich vorwärts bewegenden Kolonne, die die Geschichte macht und die Zivilisation verbessert. Es macht einem großes Vergnügen, zu erklären, daß die Juden von Iowa ein mächtiger Faktor in unserem Geschäftsleben, treue Verteidiger des Friedens und der Ordnung und starke Verteidiger aller Grundsätze einer guten Regierung sind". Dieses Zeugnis des Gouverneurs Cummings, das sich von der gewöhnlichen Lobhudelei fernhält und in erfreulicher Weise jeden patronisierenden Ton vermissen läßt, entspricht den Zeugnissen hervorragender amerikanischer Staatsmänner. Gelehrter, Geistlicher rc., die wir im Laufe der Jahre zu zitieren Gelegenheit gehabt und genommen haben. Ein jüdischer Minister in Westaustralien. Mr. Matthew L. Moß ist in das neue Ministerium von Western Australia als Minister ohne Portefeuille berufen worden und wird gleichzeitig die Verwaltung des Rechtsdepartements dieses Staates erhalten. Moß, der ein hervorragender Rechtsanwalt ist, war schon zweimal Minister ohne Portefeuille. Jakob Holländer von der John Hopkins Universität, welcher vor zwei Jahren Finanzminister von Portorico war und die Insel durch eine geschickte Steuergesetzgebung aus allen finanziellen Nöten befreit hatte, ist jetzt vom Präsidenten Roosevelt als sein Spezialgesandter nach San Domingo gesandt worden, um die Finanzlage dieser Republik zu studieren. Die Uebertragung dieser Mission ist auf Osterboy, dem Sommerfitz des Präsidenten, erfolgt. Prof. Holländer wird seine Reise auf dem Kreuzer der Vereinigten Staaten „Galveston" antreten und seine Untersuchung bis Oktober beendigen müffen, da er als ordentlicher Professor der Nationalökonomie an der Johns Hopkins Universität sein Katheder nicht lange leer stehen lassen kann. Prof. Holländer ist erst 35 Jahre alt, und was für jüdische Professoren ganz besonders hervorgehoben zu werden verdient, ein treuer, guter Jude. So pflegt er am Jom Kippur in der Har Sinai Synagoge zu Baltimore die Funktion eines Vorbeters auszuüben. Ferner ist er Direktor der dortigen jüdischen Wohltätigkeitsgesellschast, Vizepräsident des amerikanischen jüdischen Gefchichtsvereins, Mitglied des Komitees der Jewifh Publication Society, Direktor der Makkabäer u. s. w., fur§ ein warmherziger Jude, der die ihm aus dem Judentum erwachsenen Pflichten ernst nimmt. Tokio. Der jüdische Regimentsarzt Dr. Eigner aus Warschau, der sich in japanischer Gefangenschaft befindet, ist von der Gesellschaft der Psychiater an der Universität in Tokio zum Ehrenmitglied ernannt worden. — Folgende Bilder aus dem russisch - japanischen Kriegsschauplatz findet man in reichsdeutschen Blättern: Ein jüdischer Kaufmann, der China bereist, kam mit Waren und Mustern nach Mukden. Als die Russen erfuhren, daß er jüdischen Bekenntnisses ist, befahlen sie ihm bei der Visierung des Paffes, den Ort innerhalb 6 Tagen zu verlaffen. Hierdurch wurde