Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-09-15 · 37 (15.9.1905) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
37 (15.9.1905)
Date
1905-09-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021602-3021640--14797-3039527
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Dr. Mocb's MocbenscbrM. Nr. 37 Seite 566 Pöbelhaufen in den städtischen Park und warfen unter das Publikum Papierbomben, die beim Explodieren judenhetzerische Proklamationen unter die Menge schleuderten. Andererseits verteilten an den Tagen vor dem Ausbruch der Unruhen die Organe der Polizei selbst unter der Menge die blutrünstigen antisemitischen Schriften Garapows „Adeskie Dni". Inden in der Reichsdnwa. Man schreibt der „Poln. Korr." aus Wilna: In der Reichsduma werden die Juden, trotz der ihnen eingeräumten Wahlrechte, nur spärlich vertreten sein. Ein jüdischer Kandidat wird bestimmt nur in Wilna gewählt werden. Die Juden hoffen, daß Warschau, das drei Delegierte entsendet, einen Juden wählen wird. Die jüdischen Kreise hegen auch die Hoffnung, daß die liberale Partei in Petersburg die Kandidatur eines Juden aufstellen wird; wahrscheinlich wird einer der berühmten Advokaten in Betracht kommen. Im ganzen hätten somit die Juden höchstens drei Vertreter in der Reichsduma. In Wilna verfügen die Juden über ein absolutes Uebergewicht bei den Wahlen, denn auf die Gesamtzahl von 2017 Stimmberechtigten entfallen 1068 Juden. Die Kandidatur eines Juden aus Wilna wird überdies auch von Seite der polnischen Wähler eine Unterstützung erfahren; dafür bleiben den Polen jüdische Stimmen bei den Wahlen in den Landgemeinden aller Gouvernements von Litauen gesichert. In Wilna werden die Juden die Kandidatur des Chirurgen Dr. Romm aufstellen. Dürfen jüdische Dumamitglieder ohnewciters in Petersburg wohnen? In den leitenden jüdischen Kreisen Rußlands wird jetzt die Frage lebhaft erörtert, ob die zukünftigen jüdischen Dumamitglieder sich ohne weiteres in Petersburg aufhalten dürfen werden. In den Bestimmungen für die Reichsduma ist nicht erwähnt worden, daß die Wahl eines Juden zum Dumamitglied ihm das Recht gibt, in der Hauptresidenzstadt Rußlands uneingeschränkt zu wohnen. Bei der in Rußland herrschenden Polizeiwillkür und den in Bezug auf die Juden so oft verübten „Mißverständnissen" ist es nicht ausgeschloffen, daß irgend ein Revierleutnant auf dem Paß des jüdischen Dumamitgliedes mit roter Tinte den Vermerk machen wird: „na wjyest“ („zur Abreise"). Ausweisung von Sänger» aus Moskau. Gouverneur Durnowo hat die Sängerin Frau Brunn und die Sänger Sibirjakow und Kanjonsky von hier ausgewiesen. Alle drei gehören zu den geschätztesten Kräften der hiesigen Oper. Sibirjakow war auch mehrere Jahre au der Kaiserlichen Oper in Petersburg. Politische Gründe für die Ausweisung sind ganz ausgeschloffen, und es wird auch im Polizeibericht ausdrücklich erklärt, sie hätten als Juden kein Recht, in Moskau zu wohnen, sie hätten sich in den Ansiedlungsrayon zu begeben. Man ist in Moskau über dieses Polizeistück empört. Petersburg. Die „Ssamarskaja Gaseta" veröffentlicht ein Schreiben russischer Arbeiter in Form eines Auftufes an ihre Kameraden, in dem es heißt: „Wir waren unlängst Zeugen der widerwärtigen Szenen, die sich auf den Straßen von Jekaterinoslaw abgespielt haben. Die Hooligans, dieser Auswürf der Gesellschaft — Leute, die nichts Heiliges haben und für einen Groschen bereit sind, jede Scheußlichkeit zu verüben, haben es versucht, eine Hetze gegen die Juden — gegen ihre Person und ihr Eigentum — zu veranstalten. — Kameraden! Es ist Zeit, dieser Schmählichkeit ein Ende zu machen. Wollen wir es denn laut bekennen, daß die Juden unsere Brüder sind, daß wir uns empören über die ungerechten und verabscheuungswürdigen an ihnen verübten Gewalttaten. Wir haben unser Ehrgefühl, das Ehrgefühl des Arbeiters. Wir werden uns nicht nur nicht durch Teilnahme an der Hetze entehren, sondern wollen durch diesen Aufruf zeigen, daß die russische Arbeiterschaft nicht auf seiten der Hooligans und anderer obskurer Mächte ist." Petersburg. Der „Fraind" veröffentlicht einen Brief den ein in Japan sich befindender Kriegsgefangener Namens Pinchos Ratschewski an ihn gerichtet hat. In diesem Briefe heißt es: „Jede Woche gibt man uns verschiedene kleine Geschenke wie Seife, Papier, Tinte, Kouverte, Federn, Papierrosen rc. Die japanischen Aufseher schätzen die jüdischen Soldaten, weil fast alle von uns lesen und schreiben können, und es macht ihnen ein Vergnügen, uns mit Schreib- und Lese-Material zu versorgen. Die Japaner zeigen nicht den Schatten von Haß gegen ihre gefangenen Gegner; besonders achten sie die gebildeteren Soldaten, die — wie sich versteht — nicht wenig unter den jüdischen Soldaten vertreten sind. Bis Pesach waren in Japan gefangene jüdische Soldaten: in Hamadera und Osaka 450 (fast alle von Port-Arthur), in Chimesdi 100, in Fukuzjama 48, in Hagoje 28, in Osota 35, in Chukako 30." Der Brief schließt: „Wir bitten unsere Brüder und Schwestern, uns auf die Jomim Nauroim etliche Machsorim zu schicken. In unserem Städtchen sind 105 jüdische Soldaten, und wir haben 45 Siddurim, 10 Chumoschim, 4 Talesim, 30 Paar Tefillin." Die Tatsache, daß amerikanische Finanzleute jüdischen Glaubens die Garantie der geplanten russischen Anleihe von Zugeständnissen des Staates an ihre Glaubensgenossen abhängig machen wollen, wird in den jüdischen Kreisen Rußlands anscheinend nicht allgemein mit Befriedigung ausgenommen. So erklärt die „Jewish World", die Bemühungen der amerikanischen Finanziers in Portsmouth machten unter den russischen Juden einen schlechten Eindruck, und die Petersburger jüdische Tageszeitung „Der Fraind" sagt: „Trotz der Tatsache, daß Ihr, (die amerikanischen Finanziers) im freien Amerika lebt und daß wir im Verlauf der letzten wenigen Monate erst angefangen haben, von Freiheit zu hören, können wir Euch sagen, daß wir keine Waisenkinder sind, die Ihr unter Eure Protektion nehmen müßtet. Tausende von Juden haben längst das Betteln aufgegeben, und sie wünschen nicht, daß andere Leute dies ihretwegen fortsetzen. Wir haben das gelbe Abzeichen abgelegt. Wir sind es überdrüssig, hochgestellte Persönlichkeiten anzubetteln, und wir bitten unsere amerikanischen Glaubensgenossen, davon Abstand zu nehmen, dies in unserem Namen zu tun. Nur, durch Kampf ist es möglich, Gerechtigkeit zu erhalten. Wir verlangen unsere Rechte, aber wir betteln nicht länger darum. Herr Witte weiß ganz genau, was wir verlangen. Wir müssen fordern und warnen und wir müssen dies selbst tun. Selbst unsere nächststehenden Verwandten können uns diese Arbeit nicht abnehmen. Ob Mr. Witte den guten Willen hat, unseren Forderungen nachzukommen, wissen wir nicht. Selbst bei dem besten Willen würde es ihm aber an der nötigen Macht fehlen, denn die Erfüllung unserer Forderungen hängt nicht von einem persönlichen Wunsche, sondern von dem Wechsel des ganzen Systems ab. Diejenigen, die die Macht haben, das System zu ändern, haben nicht das Verlangen, dies zu tun. Wir betteln nicht mehr und protestieren dagegen, daß andere dies in unserem Namen tun". Petersburg. (Hohe jüdischeWürdenträger in Rußland.) Mr. Grigori Wilenkin, finanzieller Vertreter Rußlands in den Vereinigten Staaten, der, wie jetzt bekannt wird, die Unterredung der jüdischen Notablen mit den als russischen Friedensbevollmächtigten in Portsmouth weilenden Minister Witte eingeleitet hat, ist der Sohn des Rabbi Mordechai Eli jahu Wilenkin, Großkaufmann und Armeelieferant in Zarskoje-Selo bei Petersburg. Der junge Wilenkin, der noch jetzt ein guter religiös gesinnter Jude ist, hatte auf der Universität die Bekanntschaft des Grafen Wolkonski gemacht, der einige Jahre nach Beendigung seines Studiums Minister des Innern wurde. In dieser hohen Stellung erinnerte er sich seines alten jüdischen Universitätskollegen Grigori und gab ihm saus faQon eine gute Anstellung im Ministerium des Innern. Der so zum russischen Tschinownik erhobene Jude erwies sich so geschickt und anstellig, daß auch die Nachfolger des Grafen Wolkonski ihn nicht nur im Amte behielten, sondern ihn Stufe zu Stufe steigen ließen. Als Rußland es für ratsam fand, sich in Amerika nach einer Anleihe umzusehen, wurde der geschickte jüdische Beamte ins Finanzministerium versetzt und als russischer Finanzagent in den Vereinigten Staaten angestellt. Ein noch höher gestellter jüdischer Würdenträger ist der Geheimrat Jakob

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.