Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 37 (15.9.1905)
- Date
- 1905-09-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 584 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Nr. 37 Glück zuteil, aus dem Anlasse, daß Sie im Begriffe sind, als gewählte Rabbinen unserer Religionsgemeinde Ihre Stellungen einzunehmen, im Namen des Gemeindevorstandes Ihnen hiezu bestens Glück zu wünschen und Sie in Ihrem Amte auf das Wärmste zu begrüßen. Im Namen und im Aufträge des Vorstandes der Religionsgemeinde installiere ich Sie hiemit formell in Ihren Amtsstellungen und berechtige Sie gleichzeitig zu jenen Agenden und zur Versetzung jener Angelegenheiten, welche Agenden und Angelegenheiten unsere Gesetze und unser Rechtsgebrauch in den Wirkungskreis der Gemeinderabbinen verweisen. Der Gemeindevorstand sieht mit voller Beruhigung und aufrichtigem Vertrauen Ihrer amtlichen Tätigkeit entgegen. Ihre Individualität und Ihre bisherige Wirksamkeit scheinen volle Bürgschaft dafür zu bieten, daß Sie Schulter an Schulter mit jenem Manne, der in unserer Religionsgemeinde seit nahezu vierzig Jahren glänzend das Rabbinenamt ausübt, Ihren erhabenen Beruf in traditionellem, echtem jüdischen Geiste ausfüllen werden, jedoch mit Würdigung der berechtigten Ansprüche der wirklichen Lebensverhältnisse, mit zielbewußter Bestimmtheit, jedoch mit friedfertiger Tendenz, mit unermüdlichem Amtseifer, doch mit umsichtigem Takte. Seien Sie Führer und Leiter des Glaubenslebens der Gläubigen der Religionsgemeinde. Durch Ihre Lehren und Ihre Unterweisungen hemmen Sie die Gefahr, welche — leider — derzeit bei uns den jüdischen Glauben in erhöhtem Maße arg bedroht. Machen Sie mit Energie, doch mit Klugheit jene Faktoren unschädlich, welche die Gefahr gebären; erwecken und befestigen Sie in den Gläubigen der Religionsgemeinde die Anhänglichkeit zur Religionsgemeinde und die Glaubenstreue; unterweisen Sie die Gläubigen in Patriotismus und Moral. Möge Ihre Wirksamkeit unserer Religionsgemeinde zum Heile, Ihnen selber zur Freude und zum Ruhme gereichen! Gottes Segen begleite Ihre Tätigkeit! (Stürmische Eljenrufe.) Hierauf erhob sich Dr. Fischer, um für die schöne und herzliche Begrüßung seinen tiefempfundenen Dank auszusprechen. Er ist gern bereit, sich mit hingebendem Eifer der Erfüllung der ihn erwartenden Pflichten zu widmen. Er verspricht, mit Liebe und Gottesfurcht seine Aufgabe zu erfüllen, doch bittet er auch, ihm Vertrauen entgegenzubringen, damit ihm die Arbeit, die seiner harrt, erleichtert werde. Er fleht zu Gott, daß er den Vorstand und die Mitglieder dieser Gemeinde segnen und schützen möge. Dann sprach auch Dr. Händler Dank für die Begrüßung und den festlichen Empfang, der ihm und seinem Kollegen bereitet wurde. Mit Opferwilligkeit und Liebe betritt er seine neue Laufbahn und aus vollem Herzen schließt er sich dem Gebete seines Kollegen an. Er fleht zu Gott, daß er ihm Kraft gebe, seine Aufgabe voll und ganz zu erfüllen. Damit war der erste Teil der Feier beendet. Vom Tempelvorsteher geleitet, begaben sich nun die neuen Rabbinen durch den Tempelhof zum großen Empfangssaal des Tempels, wo Rabbiner Dr. Samuel K o h n die neuen Kollegen erwartete. Beim Betreten der Vorhalle richtete Rabbiner Dr. Samuel K o h n an die neuen Rabbinen eine ebenso herzliche wie erhebende Begrüßungsansprache. Sie überschreiten die Pforten des Gotteshauses — sagte der eloquente Kanzelredner —, um in diesen Gott geweihten Hallen den Namen Gottes zu verkünden. In Ihnen erblicken die Tausende Glaubensgenossen, die den Tempel füllen, ihre Seelenhirten, welche sie den Weg der Gerechtigkeit und der Menschenliebe leiten sollen. Hier an der Pforte des Tempels wünsche ich Ihnen alles Gute und flehe Gottes Segen auf Sie herab, daß er Ihnen Kraft gebe, Ihr schweres Amt zu erfüllen. Sie werden dazu beitragen, daß das Wort Gottes auch auf ftuchtbaren Boden falle und daß die Liebe zu Gott und zu seinen Lehren von den Gläubigen auch gepflegt werde. Gott segne Ihren Eintritt und nun öffne ich die Pforte; folgen Sie mir in die Mitte Ihrer andächtigen Gläubigen. Orgelklang und Chorgesang ertönten und Oberkantor Profeffor Lazarus stimmte den Willkommen-Weihegesang an. Unter Vorantritt des Rabbiners Dr. Samuel K o h n schritten die neuen Rabbinen den in allen Räumen gefüllten festlich beleuchteten Tempel entlang zu ihren Plätzen. Nach den einleitenden Freitag-Abendgebeten betrat Doktor Julius Fischer die Kanzel. Er eröffnete seine Antrittspredigt mit einem Gebet, in dem er dem Allmächtigen für die große Gnade dankt, daß er ihn aus weiter Ferne wieder in sein Vaterland zurückbrachte, um hier in der geliebten Muttersprache zu den Gläubigen sprechen zu können. In pietätvollen Worten gedachte er seiner dahingeschiedenen beiden Amtsvorgänger. Sodann richtete er einen Mahnruf an die Väter und Mütter, ihre Kinder im Geiste der Religion zu erziehen, damit sie, getreu den Traditionen ihrer Vorfahren, Gottesfurcht und Religiosität pflegen. Zum Schluffe seiner Predigt, die tiefe Wirkung auf die Andächtigen übte, flehte der Redner Gottes Segen auf den Vorstand dieser Gemeinde, auf Rabbiner Dr. Samuel Kohn, der sein Meister und sein Vorbild war und der seit 40 Jahren an dieser heiligen Stätte Gottes Wort verkündet, und auf die Mitglieder der Gemeinde herab. Samstag Morgens hielt Dr. Händler seine Antrittspredigt. Sein Herz sei beklommen, so begann er, seine Seele befangen ob der seiner harrenden großen Aufgabe. Er kennt die vielfachen Schwierigkeiten, welche der Seelenhirt und Lehrer bei der Erfüllung seiner Aufgaben zu bekämpfen hat. Der Geist der Irreligiosität hat in viele Herzen Eingang gefunden, die Produkte der Literatur nagen und zerren am Glauben der Menschheit. Das heutige Zeitalter ist ein verderbtes, mit einer dekadenten Literatur, welche die Seelen nicht veredelt, sondern die Ueberwucherung der Instinkte zur Folge hat. Einst hat die Literatur Ideale errichtet, die moderne Literatur zerstört die Ideale. Aber auch die moderne Wissenschaft ist bestrebt, die alten Fundamente zu sprengen, die Lehren zu vernichten, welche die Bedingungen des moralischen Lebens bilden. Umso notwendiger ist in solcher Zeit der Einfluß des Seelsorgers, der belebend und veredelnd auf seine Gläubigen wirkt, die Treue zum angestammten Glauben in ihnen rege erhält. Dieser Aufgabe will er leben, und er wird Kraft und Zuversicht schöpfen aus den Lehren der jüdischen Geschichte, aus der psychologischen Beobachtung, daß im jüdischen Herzen die Sehnsucht nach den alten Traditionen ewig vorhanden ist, aus dem Glauben an die Kraft und Wirkung der Lehre. Auf dem Felsen der göttlichen Erkenntnis stehend, nehme er den Kampf mit den Sophisten auf, belehre und bekehre die Zweifler und richte die Verzagten auf. Berge und Felsen können erzittern, aber der Glaube bleibt fest und unerschütterlich immerdar. — Die in schönem Ungarisch und mit oratorischem Schwung vorgetragene Predigt machte auf die Zuhörer einen tiefen Eindruck. Bad Hall. Dienstag den 29. August d. I. fand im hiesigen Kursalon ein von der Badearztensgattin Frau Mathilde Pollak veranstaltetes Wohltätigkeitskonzert statt, das Dank dem trefflichen Arrangement ein zahlreiches, vornehmes Publikum vereinigte und sowohl künstlerisch wie materiell den lobenswertesten Erfolg zu verzeichnen hatte. Eingeleitet wurde der Abend durch Klaviervorträge des Fräulein Frida Czaczkes, welche lebhafte Anerkennung fanden und an die sich Gesangsvorträge der Altistin Frl. Amalia Taßi reihten. Auch dieser Künstlerin wurde lebhaftester Beifall zuteil, der seinen Höhepunkt erreichte, als Herr I. Kantor Don Fuchs aus Wien mit seiner prächtigen Tenorstimme Opernarien und Lieder zum Vortrage brachte. Erst nach mehreren Beigaben konnte Herr Don Fuchs das Podium verlassen und ein Violinvortrag des Herrn Konzertmeisters Reich bildete die Fortsetzung des Programms: Humoristische Vorträge und Kouplets, vom Mitglieds des hiesigen Kurtheaters Herrn Schönthal vorgetragen, entfesselten wahre Lachstürme und bildeten den Abschluß des genußreichen Abends. Von dem Reinerträgniffe wurde die Hälfte der Skrophulosenkolonie des „Kaiser Franz Joseph-Ferienheim", die andere Hälfte dem Reisefond für arme Kurgäste ohne Unterschied der Konfession zugeführt. Ein jüdischer Bürgermeister einer christlichen Gemeinde in Mähren. Wie uns aus Ung.-Brod gemeldet wird, ist unser langjähriger Abonnent Herr Karl Weißaus Olsowetz, der bis nun sechs Jahre als erster Gemeinderat tätig war, dieser Tage per Akklamation von sämtlichen Ausschußmitgliedern zum Bürgermeister gewählt worden. Der Fall ist umso bedeutsamer und interessanter, als Herr Weiß nahezu der einzige jüdische Einwohner dieser Gemeinde ist, inmitten einer rein christlichen Bevölkerung lebt, bei welcher er dieses Vertrauen sich erworben hat. Herr Bürgermeister W e i ß ist in Pöstyan in Ungarn geboren.