Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 37 (15.9.1905)
- Date
- 1905-09-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Lette 578 Dr. Dlocb s Mocbens-drm. Nr. 37 Bannerträger des Liberalismus. Daß Gott --erbarm'! Wer wagt es denn aufzutreten und zu behaupten, daß in unserem Parlamente die sich liberal nennenden und geberdenden Parteigrößen in ihren Herzen wirklich einen Altar aufgerichtet hätten zur Pflege ihres vorgeblichen Ideals, des Freisinns? Wenn das, was jene, nicht an Worten, sondern an Werken und Gesinnungen produzierten, wirklich der wahre Liberalismns gewesen wäre, dann war es allerdings nicht schade, daß er erdroffelt worden ist. Gab es jemals eine Gelegenheit, wo sie ihre Probehältigkeit erweisen, sollten, da haben sie immer prompt versagt, und auf der ganzen Linie. Und in Ungarn? Weil eine Partei, die sich liberal nannte, Schiffbruch gelitten hat, soll gleich der ganze Liberalismus gescheitert sein? Mit nichten und nur gemach! Mit Ausnahme der klerikalen Fraktionen, die ihrer Wesenheit nach eingeschworene Feinde des Liberalismus sein müssen, gibt es keine Partei in Ungarn, die nicht mindestens so liberal wäre, wie es jene war, die sich offiziell die liberale nannte. Zweierlei muß festgestellt werden: Erstlich einmal, daß der ganz außerordentliche politische Auffchwung Ungarns seit dem Ausgleiche vom Jahre 1867 ausschließlich aus Rechnung des Liberalismus zu setzen ist. Und zweitens: Es ist in der Tat richtig, daß unter den wirkenden Kräften der Politik Ungarns ein starker Einschlag jüdischen Einflusses wahrzunehmen war. Das Land hatte sich darüber nicht zu beklagen. Und trotzdem — der da wähnte, daß in Berücksichtigung dessen Staat und Gesellschaft in Ungarn wirklich durchdrungen seien von dem liberalen Gedanken, daß jene geistigen und sittlichen Strömungen, welche dermalen das Unglück Oesterreichs bilden, dort gar keinen Spielraum zur fteien Entfaltung hätten, der würde sich einem schweren Irrtum hingeben. Man hat sich des Freisinns bedient, so lange man ihn für nützlich hielt, und man kann sicher sein, daß der vielgcrühmte, magyarische Liberalismus sich überschlagen und in die Versenkung verschwinden wird, sowie man seiner entraten zu können glauben wird. Der ungarische Liberalismus haftet zur Zeit nur ganz an der Oberfläche als ein Kulturfirniß, der ein geübtes Auge nicht mehr zu täuschen vermag. Schon gefällt sich die Gesellschaft darin, sich kastenmäßig abzuschließen und die Juden, die gut genug waren, den Kampf mitzukämpfen, an der Kulturarbeit redlich mitzuhelfcn, genau in der Weise zu boykottieren, wie sie es nach berühmten Mustern gelernt haben. Der Liberalismus der Ungarn hat es nicht verhindert, daß in ihrer Mitte der Antisemitismus wieder sein Haupt erhebt. Es wäre nutzlos und töricht, sich darüber zu täuschen. So wechseln die Bilder, aber getrost! Es sind Wandelbilder, die vorüberziehen; sie kommen und gehen und sind dann gewesen. Die Idee aber lebt und ist unvergänglich. Und sie bewegt sich doch! Sie wird sich behaupten und sich endlich durchsetzen. Offenbar««-. Von Dr. Raphael Gugenheimer, Rabbiner in Kolin. Es soll der Mensch — lehrt Pythagoras — nur das tun, was Gott wohlgefällig ist, dies aber wird er nicht leicht erfahren, wenn ihn nicht Gott oder ein höherer Genius unterrichtet und ein göttliches Licht erleuchtet. Thora heißt daher mit Recht das Religionsgesetz des jüdischen Volkes, dessen Losungswort Or, Licht, ist. Wie das Licht nicht das Produkt des Auges, wohl aber das Auge für das Licht geschaffen ist, so ist auch die Wahrheit nicht Produkt der Vernunft, vielmehr die Vernunft gegcken zur Erkenntnis der Wahrheit. „Auf den Trümmern der Wahrheit" — lesen wir in Platos Phädon S. 85 — „müssen wir das stürmische Meer dieses Lebens überschiffen, wenn es nicht einen sicheren Weg gibt, eine Offenbarung, die für uns ein Fahrzeug wird, das keine Stürme fürchtet." Doch wir brauchen nicht aus den Trümmern der Wahrheit das stürmische Meer dieses Lebens zu überschiffen, denn es gibt eine Offenbarung.') „Und Gott redete alle diese Worte und sprach"?) Es mag — bemerkt einmal Max Müller in seinen Essais I, 213 gegen Renan — für die große Masse wissenschaftlicher klingen, von einem monotheistischen Instinkt zu reden, statt von der geoffenbarten Wahrheit des einen lebendigen Gottes. Ist aber Instinkt weniger geheimnisvoll als Offenbarung? Daß die Summe alles Sittlichen dem Menschen als göttliches Gebot gegenüberstand, war nach Jodl'^) der große Vorzug, dessen sich das Judentum der griechisch-römischen Welt gegenüber rühmen durfte. „Und Gott redete alle diese Worte und sprach". Geht dies nicht über alle menschlichen Begriffe?* *) Indessen, um die Worte Schellings in seiner Philosophie der Offenbarung S. 26 zu gebrauchen, „eine große Tat meint man sonst nicht dadurch herabzusetzen, daß man sagt, sie sei über alle menschlichen Begriffe. So ist auch der Inhalt der Offenbarung dadurch nicht herabzusetzen. Es gibt selbst menschliche Taten und Handlungen, die nicht ein Jeder versteht. Unendlich höher aber als ein Mensch durch Großheit der Gesinnung, steht Gott über den Menschen." „Jch^) bin der Ewige, dein Gott." Was wäre aber Gott mit seiner Allmacht, wenn er sich nicht offenbaren könnte? Und wenn nach Ansicht der Kabbalisten im Gegensatz zu den Rationalisten eine Offenbarung noch heute erfolgt, wenn selbst Amemar den Weifen höher stellt als den Propheten^) und Rab Jehuda im Namen des Rab den Künstler Bezalel für fähig hielt, gleichsam die Buchstaben zu verbinden, durch die Himmel und Erde erschaffen wurden?) wenn auch Künstler und Dichter, sogar Gelehrte, unter ihnen Goethe, für sich eine innere Erleuchtung mit größter Energie in Anspruch nehmen und selbst von Naturforschern, so z. B. von Newton hinsichtlich des Gravitationsgesetzes bestimmt behauptet wird, daß sie von plötzlicher Intuition, von innerer Erleuchtung ergriffen wurden, als sie ihre großen Entdeckungen machten, um wie viel mehr muß eine Offenbarung auf religiösem Gebiete möglich sein. „Ich bin der Ewige, dein Gott, der dich geführt aus dem Lande Mizrajin?), aus dem Sklavenhause" — Gott ist— lehrt Leibniz, nicht bloß tätig als die allgemeine und verborgene Vorsehung der Welt . . . sondern er hat auch seinen besonderen geoffenbarten Willen als oberster Gesetzgeber aller Geister ausgesprochen und durch Androhung von Lohn und Strafe als Verpflichtung allen auferlegt." Syst. theol. init. Es heißt daher mit Recht: Ich, bin der Ewige, dein Gott, bin ein eifervoller Gott, der die Schuld der Väter ahndet^) an Kindern, am dritten und am vierten Geschlecht, die Mich ') Im Talmud und in den Midraschim wird hinsichtlich der Metaphysik des Sittlichen der Standpunkt vertreten, daß das Sittengesetz heteronom ist, daß auch diejenigen Anforderungen desselben, die selbst ohne Offenbarung nach allgemein menschlichem Urteil als notwendig erkannt worden wären (Vgl. die Stelle im Joma 67., nK 12112'V sin j-2 12221 ab ubvbUV 2-222 wn ■’tsBEö, sowie das von R- Simon über Abraham im Midrasch Bereschit rabba Kap. 6 Gesagte und den Ausspruch des R. Jischmael b. R. Nachman: Sechsundzwanzig Generationen ist die aus der Entwicklung der menschlichen Anlagen sich ergebende Kultur der geoffenbarten Lehre vorangegangen), als der geoffenbarte Gotteswille an den Menschen herangetreten und daß darin die verpflichtende Kraft des Sittengesetzes liegt. *) 2 B. 371. 20, l; s. dazu Chagiga 3b. 3) Geschichte der Ethik I, S. 50. 4) R. Jose bemerkt im Talmud Snka 5a: ,222- Kb dbijltt nto&b .21-2D. Raschi erläutert den Vers 2 B. M. 19, 19: „MoseS redete und Gott antwortete im Donner" nn Sinne von Makoth 24 mit den Worten: ab -2,210 ba-itr-b 21222,2 y-äiPöi 2222 ,210a N',2102 ro w nnb ir-oa rrapm “jb n-,2abi -25K ab« mww -sa ivav yat0ii 2-212 ibip ni-nb. S. auch yjip '-c kw 1*222. 5) S. hierüber: Sabbat 105a, Kiduschin 31a, Shnhedrin 99a, Makoth 24a, Jerusalmi Berachot I 1. e) K-2JÖ kp22 22N. 7) Berachot 55a. 8) S. Jerusalmi Suka IV, 3; Babli Sabbat 68b. 9) S. hierüber Berachot 7a, Makoth 24a.