Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 37 (15.9.1905)
- Date
- 1905-09-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur. 37. BV loch’s Jahr,», XXII. ttMM Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. XL. k. Postspsrcsffen-Nmr Clearing -Verkehr Nr. 810.976. Ledartion und Administration: « Wien IX/1. Berggafse Nr. 39. Talephon Nr. 14.847. *= #= lierr, 13. Keplemder 1903. -E Erscheint jeden Freitag. -4 4» - Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggasse 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. »rprosprri» für Srstrrretch: Halbjährig 8 ökronea. Einzelexemplare 50 Heller. Nr'» Ausland: Halbjährig 10 Lroneu. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die4mal gespaltene ^«titzeile 24 Heller. Jubalt: Leitartikel: Der Niedergang der liberalen Partei in Ungarn. — Offenbarung. — Jahrmarkt: „Sinai." Der Dank vom Hause Romanow. — Korrespondenzen: Wien. Zur Geschichte der Familie Teixeira. Im „Kaiser Franz Josph-Ferienheim". Rabbinen- Jnstallation in Budapest. Bad Hall. Ein jüdischer Bürgermeister einer christlichen Gemeinde in Mähren. Das Judentum nach der Aufhebung des Konkordats in Frankreich. Judenhetze. Metzeleien in Kischenew. Juden in der Reichsduma. Dürfen jüdische Dumamitglieder ohneweiters in Petersburg wohnen? Ausweisung von Sängern aus Moskau. Petersburg. Judenmetzeleien und russische Polizei. Dr. Dewey resigniert. Der Gouverneur von Iowa über die Juden. Ein jüdischer Minister in Westaustralien. Jakob Holländer. Tokio. — Vermischtes: Hofrat Professor Pollitzer. Talmud Tbora-Vereinsschule für die Bezirke XII—X V. Wien. Mitteilungen der innerösterreichischen Distrikts-Komitees. Leitmeritz, Veszprem, Raudnitz, Krems a. d. Donau, Klagenfurt, Pfungstadt, Berlin. — Feuilleton: Satan Mekatrig. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Der Mebergang der liberalen Partei in Ungar«. Ein Blick in die Runde — es will Abend werden. Die zuversichtlichsten Idealisten, die hartnäckigsten Optimisten werden nach und nach verzagt und lassen die Köpfe hängen. Der Liberalismus hat abgewirtschaftet, er ist erschlagen, er ist tot. Die junge Generation des Tages weiß nichts von ihm und für die gereiften Männer ist er eine Erinnerung, eine schöne Erinnerung, die, weil sie schön ist, eine schmerzliche ist. Ein Blick in die Runde — der Geist der Zeit ist gegen den Liberalismus. Ueberall ist er im Rückgang begriffen, er ist besiegt, an die Wand gedrückt. Seine Lebensäußerung ist eine kraftlose geworden. Kein Lächeln des Triumphes verklärt ihn mehr; es ist höchstens das matte Lächeln des Besiegten. In unserer Nähe — schmählicher Bankbruch diesseits der Leitha, und jenseits, wo er so stark schien, wo er auch für uns eine Hoffnung bildete, der Krach, die Zerschmetterung der liberalen Partei, der letzten festgefügten Stütze. Das hat gerade noch gefehlt, der Echeck der liberalen Partei in Ungarn. Tag für Tag blasen die antisemitischen Blätter in die Posaune: der Liberalismus hat abgewirtschaftet, der Liberalismus ist tot. Es ist ein glorreiches Hallali: der Liberalismus ist auf die. Strecke gebracht! Fast alle Parteien sind einig in ihrer Freude; die Christlich-Sozialen, die Deutschnationalen aller Schattierungen, die Klerikalen und die Feudalen und sogar die Sozialdemokraten. Alles ist höchst vergnügt; man könnte glauben, daß es ihnen allen ganz vortrefflich ginge und daß nun geradezu das goldene Zeitalter herangebrochen sei. Gönnen wir ihnen das Vergnügen, das nun durch den Niederbruch der liberalen Partei in Ungarn eine besondere Intensität und eine besondere Aktualität erhalten hat, aber sehen wir uns einmal die Dinge unbefangen an. Ueberschlagen wir einmal im Geiste das bischen Weltgeschichte, und wir werden sofort darauf kommen, daß die ganze Freude eine falsch angebrachte ist. Einmal, da zogen sie aus, einen Esel zu suchen und fanden einen König. Es kann sich auch das Widerspiel begeben, daß man auszieht, einen König zu suchen und einen Esel fängt. Es kann sich begeben, und uns däucht, es hat sich begeben. Man hat einen falschen Gefangenen gemacht. Man könnte ja ordentlich elegisch gestimmt werden, wenn man all die betrüblichen Sachen vom Niedergang des Liberalismus liest und hört. Man muß sich dabei aber auch nur gleich erinnern, daß die Schlagworte, die auf die Massen wirken und sie beherrschen, gewöhnlich tönende Phrasen sind und daß sie durch ihre umsichgreifende Verbreitung ihren Charakter als Phrasen noch nicht einbüßen. Was ist denn der Liberalismus? Eine Idee und eine Weltanschauung, und es müßte sehr, sehr traurig um ihn bestellt sein, wenn er von solchem Gelichter niedergerungen und ihm von jedem Winde, nach dem sich die willfährigen Mäntel drehen, das Lebenslicht ausgeblasen werden könnte. Nein, so stehen die Sachen nicht, ganz und gar nicht. Die Stärkeren waren immer die Ideen, und Kleon, der Gerber, mag er sich nun schwarz oder rot drapieren, wird niemals im Stande sein, eine große Idee zu Falle zu bringen oder aus die Dauer zu unterdrücken. Eines haben wir bisher verschwiegen, aber wir wollen es nicht länger verschweigen, weil was ein Schimpf sein soll, die Ehre des Judentums bildet. Es ist nämlich nicht der Liberalismus schlechtweg, den man erwürgt zu haben wähnt, es ist der Juden liberalismus. Das erhöht die Freude und das verstärkt die Resonanz der Jubelrufe. Wir akzeptieren das Wort. Ja wohl, man hat ein Recht, den wirklichen Liberalismus als den Judenliberalismus zu bezeichnen; wir meinen sogar mit berechtigtem Stolz, man hat die Pflicht. Wir sagten, der Liberalismus sei eine Idee. Er ist eine Idee, die sich zu einer Weltanschauung erweitert, die Idee der Freiheit und des Fortschritts, der Toleranz und der Menschenliebe, des freien Spiels der Kräfte und der Volkswohlfahrt. Er ist also eine große Idee, und er war zu aller Zeit und überall das politische Glaubensbekenntnis des Judentums. Heraus also mit eurem Schimpf, ihr stolzen Triumphatoren! Er fällt auf euch zurück und er ist unsere Ehre. War denn das wirklich der wahre, der echte, der richtige Liberalismus, den ihr erschlagen habt? Ein kleiner Irrtum, ihr Herren. Ihr habt den falschen erwischt, und wir applaudieren mit zu seinen wohlverdienten Nöten. Dasselbe Schauspiel, das wir vor Jahren gleichmütig hier bei uns miterlebt haben, wiederholt sich nun in Ungarn. Hier hieß der Führer Plener, drüben heißt er Tisza, und Beide traten auf als