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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-09-08 · 36 (8.9.1905) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
36 (8.9.1905)
Date
1905-09-08
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 36 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Seite 573 Blitzstrahl die Andächtigen und der Arm des Moses Grinwitz erzitterte heftig. Sich vorzustellen, daß er die Gesetzesrolle hätte fallen lassen können! Diese entsetzliche Möglichkeit ließ ihn erschaudern. Die Sepher Thora ist für Juden das Kostbarste und Heiligste ihrer Besitztümer und für die Gemeinde der „Liebe und Barmherzigkeit" war sie doppelt wertvoll, denn sie besaßen nur diese eine Thora. Sie waren zu arm, um sich irgendwelchen Luxus zu gestatten und so war diese einzige Thora das Symbol und Siegel ihrer Brüderschaft; in ihr lag die Existenzmöglichkeit als selbständige Gemeinde. Nicht, daß es „Pasul" geworden und den Inhalt verletzt hätte im Fallen, der Sturz hätte die sorgsam auf Pergamentpapier geschriebenen Buchstaben nicht verdorben, aber die Verlegenheit wäre deshalb nicht minder schrecklich und bedeutungsvoll. Alle Anwesenden hätten sich zum Zeichen der allgemeinen Betrübnis über den Vorfall einen ganzen Tag des Essens und Trinkens enthalten müssen. Moses empfand es deutlich, daß, wenn sich die Sache wirklich zugetragen hätte, er nimmermehr den Mut gefunden hätte, seinem frommen Weibe vors Antlitz zu treten. Die Gemeinde, die ihn achtet und jetzt darauf wartete, den Mantel der Gesetzesrolle auf ihrem Wege zur Bundeslade mit Küssen zu bedecken, in ihren Augen wäre er entehrt gewesen, weil er ein so ehrenvolles (kowetvolles) Amt so nachlässig ausgeführt hätte, Alle diese Gedanken veranlaßten Moses, die heiligen Gesetze fest an sich zu drücken. Nachdem er nun sicher fühlte, daß er sie nicht werde fallen lassen, machte er einen Schritt nach vorwärts, aber die Glöckchen klangen mißtönig durcheinander und als er zur zweiten Treppe kam, die von der Kanzel herunterführte, überkam ihn der Gedanke, daß er fallen und hinunterstürzen müsse. Er schritt eine der Stiegen hinunter; aber das Gefühl, daß keine Macht des Himmels ihn vom Fallen retten könne, gewann zehnfach an Stärke. Eine Ahnung von bevorstehendem Unheil überfiel ihn. Die Luft schien erfüllt von bösartigen Einflüssen und die Natur in ihrem Aufruhr kam ihm wie ein böser Vorbote vor. Die Ueberzeugung unabwendbaren Unglückes erweckte den Wunsch in ihm, sich tatkräftig daran zu beteiligen, um es ganz und gar selbst zu verschulden. Sein Arm verlangte darnach, die Sepher Thora fallen zu lassen. O, wenn er dieses Ding zu Boden werfen, es mit den Fü^en treten, sich unter furchtbaren Beschimpfungen seiner befreien könnte, denn es schien zu umspannen und zu erdrücken. Ein letztes Auflackern des Willens und des gesunden Menschenverstandes kämpfte mit seinen wilden Begierden. Schweiß bedeckte seine Stirne. Es war kaum ein Augenblick vergangen, seit er die Thora in den Händen hatte, und ihm schienen es Jahre zu sein. Noch zögerte sein Fuß, die zweite Treppe zu betreten, als etwas Seltsames geschah. Durch eine kleine Lucke, die geöffnet worden war, zuckte plötzlich ein so blendender Feuerstrahl in den Raum hinein, daß die Andächtigen erschreckt die Augen zumachten; ein schreckliches Donnergeroll durchhallte das Zimmer wie dämonisches Gelächter, und als die Gemeindemitglieder wieder zu sich kamen und die Augen öffneten, sahen sie Moses Grinwitz auf den Stufen des Altars fitzen, während die Thora im Staube am Boden lag. Für den Augenblick war der allgemeine Schrecken so groß, daß Niemand zu sprechen wagte. Es herrschte atemloses Schweigen. Man vernahm nichts als das Klatschen des Regens. Die Schleusen des Himmels hatten sich geöffnet und durch die unglückliche Lucke ergoß sich ein wahrer Wasserfall in den Raum. Automatisch hatte sich der Diener erhoben und zog, abermals mit Hilfe des Strickes, die Oeffnung zu. Diese Tätigkeit brach den Zauber, der alle gefangen hielt, und es erhob sich ein arger Tumult. Etwa ein Dutzend Männer stürzte auf die schwerbeleidigte Thora los, um sie aufzuhehen. Aber ehe ^eine Hand sie erreicht hatte, griff Moses Grinwitz unter höhnischem Gelächter nach dem kostbaren Gegenstand, „Nein, nein," schrie er in seinem gewöhnlichen Jargon, „sie gehört mir allein, die Mitzwe gehört mir." Und er hob sie auf und wollte sie weiter tragen. „Küsse sie wenigstens," rief der Rabbi Rotchnisky heiser aus. „Sie küssen?" rief Moses Grinwitz. Ist es nicht genug, daß ich sie tragend umarme! Nun, kann ich sie leicht tragen und trotzdem frei aufatmen. „Sehet," rief er aus, „ich selbst habe sie nicht verletzt, Gott allein hat ihr Schaden zugesügt." Und er hob den Mantel aus und zeigte allen, daß das Pergament geschwärzt und verdorben war. Ein allgemeines Gemurmel erhob sich; andere wieder sahen beängstigt vor sich hin. Die Kosten ihrer Neuanschaffung und das Anzeichen von Gottes Zorn waren vernichtende Gedanken für alle. „Sehet," fügte Grinwitz hinzu, „der Blitz ist durch und durch gegangen." Die Männer neben ihm schauderten und starrten auf den Fleck hin, wo die Rolle früher gelegen war. Das Holz war geschwärzt und ein kleines Loch deutete den Weg an, den der Blitz genommen hatte. Als fie alle so ehrfürchtig schwiegen, drang lautes Klagen aus der Frauenabteilung hervor. Die unselige Nachricht von der Zerstörung der Sepher Thora war zu ihnen gedrungen und ihre echt orientalische Natur fand im Klagen und lauten Jammern Erleichterung. „Weh, Weh!" riefen die Weiber, „Weh ist über uns gekommen." „Ruhe," donnerte der Rabbi, indem er sich endlich aufr rffte. „Still Weiber! Höret alle aus meine Worte! Es hat sich die Rache des Himmels für Euere Sünden, die Ihr in England begangen, eingestellt! Seit Ihr Euer Vaterland verlassen, habet Ihr an das Judentum vergessen. Es sind Männer unter Euch, die keine Peijes mehr tragen, Frauen, die die Gebote des Samstags nicht strenge einhalten. Höret also! Der morgige Tag soll für Euch alle ein Fasttag sein. Und Ihr, Moses Grinwitz, betet und lobet Gott, daß er Euer Leben geschützt hat." „Unsinn!" rief Moses Grinwitz. „Wenn der Herr — gesegnet sei er — mein Leben gerettet hat, so war er es auch, der es gefährdete. Mein Leben wäre nicht in Gefahr gewesen, wenn er es nicht gestreift hätte." Diese gotteslästerlichen Worte aus dem Munde des bis jetzt > geachteten und frommen Moses Grinwitz zu hören, überwältigte die Zuhörer. Aber nur für einen Augenblick. Aus hundert Kehlen erscholl es: Sünder, Sünder! Und immer lauter riefen sie: Er ist der Sünder, hinaus mit ihm! Längst hatten sich alle erhoben und einige der hitzigsten waren von ihren Plätzen gewichen nnd stierten den Bösewicht drohend an. „Moses Grinwitz." rief der große Rabbi, „seid Ihr wahnsinnig?" „Zum ersten Male bin ich vollkommen gesund," entgegnete der Mann; sein Gesicht war trotzig und finster, der Wuchs hoch, aber seine Haltung gebeugt, die Brust hob sich schweratmend, der Hut war ihm heruntergerutscht. Es war ein sonderbares Gesicht mit seiner leichenblassen Farbe, den melancholischen, dunklen Augen, der gebogenen Nase und dem vollen, fleischigen Mund, der von einem dichten Bart umgeben war. „Nun sehe ich ein, daß die Sozialisten und Atheisten Recht haben und daß wir uns umsonst bemühen, die Thora zu lesen, wenn der Herr selbst fie uns vor die Füße wirft. Gehen wir lieber in den Sozialistenklub und rauchen wir Zigaretten. Wenn Ihr es nicht tut, seid Ihr Dummköpfe," Als er diese gotteslästerlichen Worte ausgestoßen hatte, fuhr wieder ein Blitz darnieder und beleuchtete die Versammlung mit seinem überirdischen Licht; das Gebäude schien in Fugen zu gehen und der Sturm peitschte die Fenster. Aus der Frauenabteilung drangen leise Klagelaute herüber: „Herr, Hab' Erbarmen vergib uns unsere Sünden." Aber in der Männerabteilung hatte sich ein Lärm erhoben, der wie das Brüllen von Tigern klang und von allen Seiten schossen aufgeregte Gestalten auf den Gotteslästerer los. Aber Moses Grinwitz lachte das wilde dämonische Gelächter und hielt die Rolle an sich und stieß die Anstürmenden zurück. Aber ein kräftiger Mann ergriff die Rolle und dann stürzten fie sich auf ihn. Noch focht er wütend drauf los und seine empörten Gegner mit den blutunterlaufenen, zornesgeröteten Gesichtern drängten an ihn heran und vergaßen dabei ganz, daß sie ihn Hinaustreiben sollten, anstatt ihm Böses zuzufügen. Noch ein Augen-

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