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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-09-08 · 36 (8.9.1905) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
36 (8.9.1905)
Date
1905-09-08
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 672 Dr. Dlocb's MocdenscbrLN. Nr. 36 Gotteshauses statt. Die religiösen Funktionen versehen hiebei Se. Ehrwürden Prof. Dr. Leimdörser, Rabbiner in Teschen, ferner Se. Ehrwürden Herr Dr. G. Mehrer, Rabbiner in Freistadt. Jrnrgbrrnzlau. Im Schlöffe Tetenitz bei Liban fand am 30. v. M. die Hochzeit des Frl. Tust Bloch, Tochter des Großindustriellen Ludwig Bloch, mit Herrn Lucien Kahn aus Paris statt. Den Trauungsakt vollzog Herr Rabbiner Dr. Hoch, den kantoralen Teil besorgte Oberkantor Bened. Singer unter Affistenz des Chorvereines „Harmonia" aus Jungbunzlau. Unter den anwesenden Hochzcitsgästen waren Persönlichkeiten der Pariser und Wiener Finanzwelt anwesend. Der Bräutigam ist ein naher Verwandter des G r o ß r a b b i n e r s von Frankreich Zadok Kahn. Die Tafelmusik besorgte die Kapelle des 42. Jnf.-Reg. Berlin. (Abenteuer eines Antisemitenhäuptlings.) Am schönen Strand der Ostsee, im Seebad A h l b e ck, ist dem antisemitischen Reichstags-Abgeordneten Brüh n-Berlin ein böses Mißgeschick widerfahren. Herr Bruhn machte über die Frau des Badedirektors eine unflätige, nicht wiederzugebende Bemerkung. Daraufhin wurde er in vergangener Nacht von dem Kapellmeister der Ahlbecker Kurmusik im Strandhotel öffentlich geohrfeigt, zurErdegeworfenundwindel weichgeprügelt. Berlin. Das Bankhaus Meyer K o h n feierte am 1. September sein bOjähriges Bestehen. Das Aeltestenkollegium sprach feine Glückwünsche durch Darbringung einer Adresse aus, die Geheimrat Edmund Helfft überbrachte. Ferner überreichte die Handelskammer eine Adresse. Das Personal der Firma überreichte in einer Mappe photographische Aufnahmen der Bureauräume, und auch die früheren Angestellten ließen den Tag nicht vorübergehen, ohne ihre Verehrung für den Begründer der Firma und ihre jetzigen Chefs zum Ausdruck zu bringen. Aus Anlaß des Jubiläums spendete die Firma dem Pensionsfond ihrer Angestellten eine erhebliche Summe. In Petersburg ist der wirkliche Geheime Rat Jakob H a l p e r n, der einzige Jude Rußlands, der sich in einer hohen Staatsstellung befindet, unter Enthebung von feinem langjährigen Posten als Bureau-Leiter des Justiz-Departements zum Vortragenden Rat im Justizministerium ernannt worden. Halpern hat trotz feiner hohen Stellung nie sein Judentum verleugnet, sondern hat sich vielmehr stes die redlichste Mühe gegeben, die Jntereffen seiner jüdischen Brüder zu wahren. Viele Arbeiten aus seiner Feder sind in russischer Sprache über die Judenfrage erschienen. Als er in den Adelsstand erhoben wurde, verzichtete er darauf, sich in das Adelsregister eintragen zu lassen; es genügte ihm sein einfacher Name, auf den er stets stolz war. Tanger. Im Verlaufe eines Wortwechsels töteten zwei Araber einen französischen Staatsangehörigen jüdischer Konfession. Die Tat hat die Bevölkerung in große Auflegung versetzt. Hier herrscht in diesem Augenblicke die Anarchie. Die Behörden sind machtlos. Ein Anhänger Raisulis tötete einen Araber vor den Toren der Stadt auf einem Markte. Unter den Europäern herrscht große Beunruhigung. Feuilleton. Kala« Mrkatrig. Eine Ghettogeschichte. - Nach dem Englischen von Israel Zangwill. Draußen war es heiß und drückend schwül; ganze Geschütze dunkler Wolken hatten sich am Rande des Horizonts erhoben und drohten Himmel und Erde mit ihren Geschoßen zu erschüttern. Aber in dem kleinen Bethaus der Gemeinde „der Liebe und Barmherzigkeit" war kein Fenster offen, wenngleich es zum Ersticken voll war. Die Andächtigen in ihrer Sabbathkleidung hörten zu emsig dem sonderbar monotonen Sing-Sang des Vorbeters zu, als daß sie ihrem körperlichen Wohlbefinden die geringste Aufmerksamkeit geschenkt hätten. Sie dachten ungefähr ebenso wenig an ihre schweißgebadeten Gesichter und durchschwitzten Unterkleider, als an die Bedeutung der hebräischen Worte, die der Vorbeter summte. Obgleich ihnen die Sprache vollkommen verständlich war, waren ihre Sinne in zu angenehmer Weise von dem musikalischen Wohlklang eingelullt und ihre Frömmigkeit zu sehr verwoben mit diesen wohllautenden, vertrauten Melodien, als daß sie sich die Mühe genommen hätten, über den Sinn der Worte nachzudenken. Uebrigens war die Hitze nachgerade ein charakteristisches Merkmal der großen Synagogen- Festlichkeiten geworden, und sie gehörte ebenso dazu, wie für den armen Besucher eines Patti-Konzertes das Drängen und Stoßen. Und heute war ebenso eine besonders festliche Gelegenheit im Bethaus. Obzwar ein gewöhnlicher Samstaggottesdienst stattfand, waren doch besondere geistige Genüsse zu erwarten. Galt es ja heute, den berühmten Rabbi Rotchinsky aus Brody zu hören, der eigens gekommen war, um eine Predigt zu halten; und so hatte sich diese schwarzbraune, dunkeläugige, lockenhaarige Gemeinde, die aus Händlern, Flickschneidern, Schustern, Zigarrenarbeitern und Bettlern bestand, versammelt, um sich an den Redefeinheiten, den theologischen Witzen und den Talmud-Anekdoten, welche dem Ruse des galizischen Rabbi vorausgeeilt waren, zu erfreuen. Und sie waren nicht allein gekommen, viele hatten auch ihre Frauen mitgebracht, die mit ihren Perrücken und Ohrgehängen hinter einem Vorhang saßen, der sie vor den Augen der Männer verbarg. Die Plumpheit ihrer Gestalten und die Reizlosigkeit ihrer Gesichter, die sich durch niedere Stirnen, breite Backenknochen und hervorstehende Kiefer auszeichneten, ließen diese Vorsicht dem Fernstehenden überflüssig scheinen. Die Frauen, die in geringerer Anzahl gekommen waren und für die nur durch Abteilen vom großen Raum Platz geschaffen war, saßen noch enger zusammengepfercht. Kein Wunder, daß eine der Frauen in Ohnmacht fiel, und zwar gerade in dem Augenblicke, als die Gemeinde sich anschickte, den Gesang anzustimmen. Sie wurde ins Freie geschafft, was nicht ohne Lärm und Unruhe vor sich ging und die Männer, die nichts von den Vorgängen in der Frauenabteilung wußten, zu unwilligen Ausrufen, wie: „Ruhe!" „Still Weiber!" herausforderte. Der Tempeldiener war hinter dem Vorhang herausgetreten und da er weitere Ohnmachtsanfälle befürchtete, wollte er das in den Hof führende Fenster öffnen. Aber der schon geraume Zeit unbenützte Fensterriegel ließ sich nicht öffnen und der Diener mußte den Rückzug antreten, wobei er sich mit Hilfe seiner Ellbogen einen Weg bahnte; endlich gelang es ihm, durch Ziehen an einer Schnur, eine schmale Lucke zu öffnen, was er unbekümmert um das Murren der Männer unternahm. Kaum war das geschehen, als sich die schweren Schatten, die über dem Tempel lagen, das Düstere, das die Sturmwolken über den Tag warfen und das durch die schmutzigen, spinnwebebedeckten Fenster noch vermehrt wurde, verwandelten und ein starker Lichtstrahl des Blitzes die schmutzigen Bänke, die beschmierten Wände und die Reihen der schwarzbraunen Gesichter mit einem Meer von Licht beleuchtete. Dem Blitz folgte gleichsam auf den Fersen ein plötzlicher und anhaltender Donnerschlag, der anzeigte, daß sich die Elektrizität entladen hatte. Der Gottesdienst wurde im Augenblick unterbrochen, die Gemeinde hatte sich erhoben und von allen Seiten erklang das hebräische Segenslied: „Gesegnet sei Du, o Herr, der Du die Schöpfung vollendet hast". Aller Augen wandten sich dem ehrwürdigen Antlitz des Rabbi zu, alle fühlten sich in Sicherheit und hatten sich wieder niedergesetzt. Der Segen sollte nur ihre ehrfürchtige Anerkennung der Majestät Gottes bedeuten. Einen Augenblick später standen alle wieder auf, als Moses Grinwitz in seinem Tales oder Gebettuch sich anschickte, vom Al Memor oder Mittelpunkt herunterzusteigen; in seinen Armen trug er die Gesetzesrolle, die, gerade ehrfürchtig in das Band gewickelt, fromm mit dem gestickten Mantel und liebevoll mit den zierlichen Glöckchen und dem Zeiger geschmückt worden war. Jetzt im Augenblick, als Moses Grinwitz mit seiner geheiligten Bürde am Al Memor stand, erschreckte ein zweiter

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