Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 36 (8.9.1905)
- Date
- 1905-09-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 36 Dr Dlocb's MocbenscbrM. Seite 569 Rabbi Josef Knöpfmacher. (Zu seinem 90. Geburtstage.) Mau schreibt uns aus Nikolsburg: Es wird weithin freudigen Widerhall wecken, so wir heute des Mannes gedenken, der — eine Leuchte der Wissenschaft, der Stolz und die Zier seiner Gemeinde — am verflossenen Dienstag, am 28. Ab, die 90. Wiederkehr seines Geburtstages beging und dem zu Ehren seine Gemeinde am verflossenen Sabbat eine solenne Feier veranstaltete. Rabbi Josef Knöpsmacher, seit ^0 Jahren Rabbinats-Assessor in der altehrwürdigen Gemeinde Nikolsburg, erblickte daselbst am 3. September 1815 als Sohn frommer und braver Eltern das Licht der Welt. Frühzeitig starb sein Vater Joachim Knöpfmacher und die fromme Mutter Süsse übernahm die Erziehung des fünfjährigen Knaben. Sie war es, die unausgesetzt den Ehrgeiz des begabten Sohnes anstachelte, eine Leuchte Israels zu werden und einst „in der Altschul' zu darschenen". Sie ließ ihm mit großen pekuniären Opfern bis zu seinem 14. Lebensjahre von den besten Lehrern Unterricht in den hebräischen Disziplinen erteilen und erzählte es jedem mit mütterlichem Stolze, daß der berühmte Landrabbiner Mordechai Benett ihr Kind nach vollzogenem Verhör als „fein' Köppel" bezeichnete. Der vierzehnjährige Knabe besuchte den Schinr dieses Gaon, der kurze Zeit darauf das Zeitliche segnete. Bei dessen Nachfolger, dem berühmten Rabbi Nachum Trebitsch, studierte Josef Knöpfmacher volle vier .Jahre Talmud, worauf er in Leipnik zu den Füßen des Rabbi Salomon Quetsch, dessen bevorzugter Lieblingsschüler er war, durch sechs Jahre saß. Von hier aus begab er sich aus die Jeschiwah nach Preßburg. Dort behagte es ihn: jedoch ans nicht näher zu erörternden Gründen nicht besonders. Der junge Bochur sah rechtzeitig ein, daß talmudisches Wissen allein, ohne Besitz profaner Kenntnisse, nicht ausreiche, um als Seelsorger dem Judentume seine guten Dienste leihen zu können. „Zur Zeit der Mischna — wir zitieren hier ein geistreiches Wort des verstorbenen Wiener Rabbiners Josef Breuer — bestimmten die Priester die Zeit; heute bestimmt die Zeit die P r i e st e r". Und so ließ sich auch Josef Knöpfmacher, der klugen Blickes das Judentum der Zukunft erschaute, von der kommenden Zeit bestimmen und unternahm einen für die damaligen Verhältnisse geradezu tollkühn zu nennenden Schritt: erfaßte den Entschluß, zu „st u d i e r e n", und absolvierte inderTatdasevang e l i s ch e G y m n a s i u m in Preßburg in fünf Jahren. Dreißig Jahre alt verließ er diese Stadt und kehrte in seine Heimatsgemeinde zurück, wo er zunächst einen Familienstand gründete und von Samson Raphael Hirsch s.A.die Hathorah erhielt. Im Vereine mit Käyserling, Frankfurter, Kutna u. A gründet er hier einen homiletischen Verein, dessen Präses er ist. Im Jahre 1854 wird er nach Szenits als Nachfolger des berühmten Rabbi Jehuda Assud berufen; er wirkt daselbst nur kurze Zeit, denn bald ergeht an ihn der ehrenvolle Ruf seiner Gemeinde, als Dajan und Prediger in der Nikolsburger „Nenschul" zu fungieren. Er kam, sah und sagte in seiner Antrittsrede: „Gott, du lehrtest niich von meiner Jugend an und bis hieher verkünde ich deine Wunder. So verlaß mich auch im Greisenalter nicht, o Gott, bis deinen Arm ich künde dem Geschlechts, jedwedem, der da kommet, deine Stärke"' (Ps. 71, V. 17, l8). — Sein Gebet ist auch in der Tat erhört worden. Durch volle 50 Jahre wirkt Rabbi Josef Knöpfmacher, hochgeschätzt und verehrt von allen Mitgliedern seiner Gemeinde, in der segensreichsten Welse als Rabbiner und Prediger noch heute im hohen Gressenalter das Wort Gottes verkündend mit nimmer versagender Geistesfrische, mit derselben glühenden Begeisterung und Hingebung, wie einst vor einem halben Jahrhundert. Er hat das wunderbare Rezept unserer Weisen über die Kunst des Altwerdens befolgt. Ein hohes Alter, so sagen sie, erreicht - llamsäaver we-enau schaumea — 13K1 “iman der Redner, der nicht hört. Wer dazu berufen ist, in der Oeffentlichkeit aufzutreten und von geheiligter Stätte aus die Lehre Gottes zu verkünden, muß unbeirrt von jeder Kritik seines Weges gehen, darf nicht lauschen auf die Zustimmungskundgebungen der Freunde, nicht hören auf die mißgünstigen Aeußerungen der Gegner, nur so bleibt ihm jede schädliche Aufregung erspart und solcherart bewahrt er sich das kostbarste Gut — die Gesundheit. So hat es auch Josef Knöpsmacher stets gehalten und so konnte er auch am verflossenen Sabbath in voller geistiger und körperlicher Frische die zahlreichen Glückwünsche zu seinem 90. Geburtstage entgegennehmen, die ihm von allen Seiten in der herzlichsten Weise dargebracht wurden. Beim Mussaph-Gottesdienste wurde der greise Seelsorger als Scholischi aufgerufen, wobei Herr Lehrer B. Krakauer einen von ihm in meisterhaftem Hebräisch verfaßten Mischeberach vortrug. Nach Schluß des Gottesdienstes versammelte sich ein großer Teil der Gemeindemitglieder im festlich dekorierten Sitzungssaale des Rathauses, woselbst vorerst Ehrw. Herr Rabbiner Dr. M. Lew in in einer gediegenen, warm empfundenen Ansprache die großen Verdienste würdigte, welche Josef K n ö.p f m a ch e r während seiner langjährigen Wirksamkeit in der hierortigen Gemeinde erworben, den hochgelehrten Jubilar als Stolz und Zierde Nikolsburgs pries und ihm schließlich eine kunstvoll ausgestattete, in klassischem Hebräisch von Sr. Ehrwürden abgefaßte Adresse namens des Kultusvorstandes überreichte. Namens des Vorstandes übermittelte Herr Kultusvorsteher Philipp Kohn die besten Glückwünsche, namens der politischen Gemeinde Herr Bürgermeister Moriz A b e l e s, der dem Jubilar gleichzeitig ein künstlerisch ausgeführtes Diplom überreichte, laut welchem Rabbi Josef Knöpsmacher einstimmig zum Ehrenbürger der Gemeinde ernannt wurde. Namens der Chewra-Kadischa gratulierte Herr Natan O s e r. Tiefgerührt über die außerordentlichen Beweise der ihm seitens seiner Gemeinde zuteil gewordenen Hochachtung und Wertschätzung dankte der greise Rabbi in geistreicher Rede, in welcher er zunächst einen Rückblick auf die Vergangenheit warf, seinen Lebenslauf mit wenigen Strichen skizzierte und sodann auf seine Tätigkeit als Rabbiner und Prediger hinwies. Nach bestem Wissen und Können habe er stets sein Amt versehen. Er glaube auch nicht zu jenen Jubilaren zu gehören, die man pflichtgemäß nach Abschluß einer gewissen Zeit feiert, hinter deren Rücken man sich aber lustig mache. Mit der Ehre allein sei es aber nicht getan, es müsse auch das Wohlwollen dabei sein. Denn „Gunst und Ehre gibt der Ewige, er weigert Glück nicht denen, die in Unschuld wandeln". (Ps. 84.) „Schekanach!" tönte es von allen Seiten dem greisen Jubilar entgegen, der, ohne eine Spur von Ermüdung zu zeigen, der ihm zu Ehren veranstalteten, mehr als eine halbe Stunde währenden Feierlichkeit beigewohnt hatte. Möge es dem edlen ehrwürdigen Greise von einer gütigen Vorsehung beschieden sein, wie bisher auch fernerhin bis an die äußerste Grenzen irdischen Daseins zu wirken, zur Ehre, zum Stolze und zum Ruhme der altehrwürdigen Gemeinde Nikolsburg. W. 8. Hannover. Der deutsche Anwaltstag, der vom 13. bis 15. September d. I. in Hannover stattfindet, gibt den Teilnehmern, Herren und Damen, Gelegenheit zum Besuch der israelitischen Erziehungsanstalt zu Ahlem bei Hannover. Wer für die große Idee, die soziale Stellung und die wirtschaftliche Lage unserer Glaubensgenossen durch Förderung körperlicher Arbeit zu heben, Interesse hat, versäume es nicht, mit eigenen Augen einen Blick in die wirtschaftlichen Verhältnisse des von weiland Konsul Moritz Simon begründeten Institutes zu tun. Die Anstalt mit ihren schönen Gebäuden — dem Knaben- und Mädchenhaus, sowie den Wirtschaftsgebäuden — umfaßt einen Komplex von zirka 80 Morgen; sehenswert find besonders die gärtnerischen und landwirtschaftlichen Anlagen. Die Zahl der Zöglinge ist auf 90 Knaben bezw. Gehilfen und auf fast 60 Mädchen gestiegen. Die Verwaltung der Anstalt, die in Erfahrung gebracht hat, daß seitens des Anwaltstages am 14. September nachmittags und am 15. September vormittags Sitzungen oder Festlichkeiten nicht vorgesehen find, wird sich darauf einrichten» zu dieser Zeit Besucher zu empfangen und führen zu lassen. Für den Ausflug von Hannover nach Ahlem reichen drei Stunden aus. Man benutzt von Hannover die Straßenbahn nach Limmer bis zur Endstation und hat von hier aus noch sieben Minuten Landstraße zu gehen. Aus Wunsch werden bei Regenwetter an der Endstation Wagen zur Fahrt bereit gehalten. Nähere Auskunft erteilt Herr Inspektor Silberberg, Erziehungsanstalt Hannover-Ahlem (Telephon Nr. 1663, Amt Hannover). Hannover. (Ein Monument für Moritz Simon.) Moritz Simon, dem im Jänner dieses Jahres einem tragischen Schicksal erlegenen Schöpfer der israelitischen Erziehungsanstalt in Ahlem bei Hannover, wird inmitten seines Werkes ein Monument gestiftet werden. Die Jugend, die in Ahlem die Mutter Erde lieb gewonnen hat, errichtet dort für ihren Freund und Wohltäter das Denkmal. In einem Auftuf an die Mitglieder des „Vereines ehemaliger Ahlemer" heißt es: „Wir wollen auf dem schönen Stück Erde, das uns zur Heimat geworden ist, ein Moritz Simon-Denkmal errichten. Kein prunkendes, großmasfiges Monument. Das entspräche nicht dem bescheidenen Sinn des zu Ehrenden, dem der Schein nichts, die Tat und der innere Wert des Menschen alles waren. Das Denkmal soll schlicht und doch hehr sein; es soll ein ragendes Zeugnis für echte Größe und Güte sein; es soll anspornen, die Bestrebungen Moritz Simons, der uns die Kultur des Bodens, die Pflege des Handwerks lieb gemacht hat, zu fördern, wo eS nur geht." Ein junger Bildhauer, August Waterbeck in Hannover — ein Schüler Hellmers und Zumbusch' — wird das Monument, eine Pyramide mit dem Bildnis SimonS und einer die Bodenkultur und „Ahlem" verkörpernden Jünglingsgestalt, formen. Ueber das Verhältnis der italienischen Juden zu Italien spricht sich Primo L e v i, einer der bekanntesten jüdischen Publizisten Italiens, in der letzten Nummer der „Nuova Antologia" folgendermaßen aus: „In Italien, sagt Primo Levi, ist das Judentum intellektuell noch weniger von der italienischen Nation zu trennen, als dies