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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-09-08 · 36 (8.9.1905) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
36 (8.9.1905)
Date
1905-09-08
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 570 Dr. Mocb's Mocbenscbrttt. Nr. 36 anderswo möglich wäre. Zum Beweis für den Anteil der Juden am geistigen und politischen Leben der Italiener führt Levi Augusto Franchetti, Alessandro d'Ancona, Tullo Massarani an. Er erinnert daran, wie Novighi mit Fabrizi vom Ring der Konspiratoren umschlungen war, wie Maurogonato mit Manin, Dina mit Cavour regierten und Sahra Nathan die Leiden der Verbannung mit Mazzini geteilt habe. Levi meint, die Juden hätten den ihnen innewohnenden Nationalismus innerhalb der sie beherbergenden Nationen und in deren Sinn betätigt. Selbst die so schlecht behandelten russischen Juden seien chauvinistische Panslavisten." Die Zionisten «nd die englische Regierung. Auf die an die britische Regierung erfolgte Mitteilung von dem Beschluß des Baseler Zionistenkongresses in der Ostafrika-Angelegenheit ist Herrn Greenberg folgendes Schreiben aus dem englischen Ministerium für Kolonien zugegangen: „Mein Herr! Ich bin von dem Herrn Staatssekretär Lyttleton beauftragt, den Empfang Ihres Schreibens vom 8. August zu bestätigen, das im Aufträge des Aktionskomitees der zionistischen Organisation mitteilt, daß der vor Kurzem in Basel tagende Zionistenkongreß beschlossen hat, sich nicht weiter mit dem Vorschlag zu befassen, der eine jüdische Siedelung auf einem zu diesem Zwecke von der Regierung Seiner Majestät in Ostafrika bewilligten Territorium in Aussicht nahm. Was den letzteren Teil Ihres Schreibens betrifft, so habe ich den Auftrag, Ihnen mitzuteilen, daß jedes Bestreben, das zur Besserung der Lage und Hebung des Standes des jüdischen Volkes unternommen werden sollte, auf die Sympathie und das Wohlwollen der britischen Regierung stets rechnen darf. Ich verbleibe, mein Herr, Ihr ergebenster Diener (gez.) C. P. Lukas." Die Sprache der russischen Juden. Nach den offiziellen Materialien im Konseil des Ministeriums des Innern werden in den jüdischen Ansiedlungsrayons 4,899.500 Juden gezählt; von diesen geben 98 Perzent, das sind 4,794.670 Personen, als ihre Mutter- und Umgangssprache den Jargon an. Die übrigen 99.830 nennen als ihre Mutter- und Umgangssprache: Russisch, Polnisch, Deutsch und Tatarisch. 5370 Juden, die das Christentum angenommen haben, nennen als ihre Umgangssprache den jüdischen Jargon. Von diesen 5370 Personen sind 2451 zur orthodoxen Kirche übergetreten, 2054 zur katholischen und 562 zur lutherischen; 125 Juden haben den Islam angenommen. In einer Plauderei „Fremdsprachige Zeitungen in England" der „Voss. Ztg." heißt es u. A.: Für die im sogenannten Ghetto lebenden, aus dem Ausland kommenden Juden ist der in Mddish geschriebene und mit hebräischen Schriftzeichen .gedruckte „Jewish Expreß" bestimmt, der mit Ausnahme des Samstag und der jüdischen Feiertage täglich erscheint. Merkwürdigerweise ist das Blatt nicht mit jüdischem Kapital ins Leben gerufen worden. Ursprünglich hieß es „Leeds Expreß" und wurde im Jntereffe der liberalen Partei in der Fabriksstadt Leeds in Iorkshire veröffentlicht. Um den in den Leylands, dem zweitgrößten englischen Ghetto, lebenden Juden den Inhalt des Blattes zugänglich zu machen, wurden jüdische Schriftsetzer eingestellt, denen man die Uebersetzung der Aussätze in die jüdische Mundart zumutete. Finanziell lohnte sich die Sache nicht, schließlich wurde das Blatt verkauft und in London als eine täglich erscheinende in Mddish gedruckte Zeitung auf den Markt gebracht. Aus dem am Ende des deutsch-französischen Krieges in Mainz von Leep Bril begründeten „Lebanon", der in erster Linie für die in Rußland lebenden Juden bestimmt war, hat sich mit der Zeit in London das „Jewish Telephone" entwickelt, ein jüdisches Blatt, das während der Zeit des Dreyfus-Prozesses riesigen Absatz fand und den Urteilsspruch von Rouen zuerst von allen anderen Abendblättern seinen Lesern mitteilen konnte. Im Dienst der revolutionären Bewegung steht der „Workers Friend", ein wiederholt unterdrücktes Blatt, dessen Schriftleiter ein deutscher Nichtjude ist, während die Mitarbeiter vorwiegend dem jüdischen Arbeiterstand angehören. Ebenfalls der revolutionären Bewegung dient das in russischer Sprache von einem Ausschuß der jüdischen und polnischen Arbeiter gedruckte „Latest News", ein Blatt, das aus dem Zarenreich zuverlässigere Nachrichten erhält und rascher bedient wird als die meisten englischen Blätter. Doch ist es hauptsächlich für die Ausfuhr nach Rußland bestimmt. Greuelszenen in Kischinew. Am 4. September sollte hier eine arme Frau Namens Leia Perltmann, die von Vagabunden getötet worden war, beerdigt werden. Eine große Volksmenge, bestehend aus Juden und russischen Arbeitern, gab der Toten das Geleite. Plötzlich ertönten Schüsse, Polizeibeamte und Dragoner mit blanker Waffe erschienen. Der Leichnam wurde mitten auf die Straße geworfen, dann aber von der Menge fortgeschafft. Zahlreiche Personen wurden durch Stock- oder Säbelhiebe, sowie durch Schießwaffen verwundet. Den Zeitungsberichterstattern wurde von der Polizei der Zutritt verwehrt. Polizeibeamte schafften die Verwundeten ins Krankenhaus. Dem Publikum wurde nicht gestattet, die Verwundeten zu geleiten. Das jüdische Krankenhaus ist von Truppen umzingelt. 50 Personen wurden verhaftet; die Menge zerstreute sich in größter Eile. Vor dem Polizeigebäude und dem israelitischen Hospitale stehen die Angehörigen und Freunde der Verhafteten, beziehungsweise Verwundeten, um über das Schicksal derselben etwas zu erfahren. Gegen abend legte sich die Aufregung in der Stadt. Die Hauptpunkte derselben sind von Patrouillen besetzt. Ueber die Zahl der Verwundeten liegen noch keine Mitteilungen vor. Ueber die Straßenkämpfe, die am 4. September in Kischenew begannen, sind folgende Privatmeldungen hiehergelangt: Gelegentlich der Beerdigung zweier jüdischer Mädchen, welche erstochen worden waren, wurden fünfzig Juden von Polizeiagenten auf offener Straße erschaffen. Zum Zeichen der Trauer wollte die jüdische Bevölkerung die Geschäfte schließen. Die Polizei gab jedoch dies nicht zu. Die Sozialisten nahmen sich der Juden an und eilten zum Gouverneur. Die Polizei, welche mit den von dem berüchtigten Agitator Kruschewan befehligten Banden gemeinsam operierte, umzingelte das Palais des Gouverneurs, vor welchem ein schreckliches Blutbad stattfand. Der Gouverneur war machtlos, da die Banden ihn hinderten, das Palais zu verlassen. Es wird jetzt bekannt, daß Herr Kruschewan wieder seit vielen Wochen Agitationsreisen in allen umliegenden Städten gemacht und überall seine Agitatoren gleich mitgebracht hat. Sein Hauptargument war in der letzten Zeit, daß die Inden an dem Abschluß eines unvorteilhaften Friedens mit Japan schuld seien. In seinen Bemühungen wurde er von Petersburg aus, wo er vor drei Wochen weilte, aufs kräftigste unterstützt, namentlich von denr antisemitischen Agitator Schipow, der gleichzeitig mit ihm 300.000 Unterschriften gegen die Zulassung der Juden in die Duma aufbrachte. In ganz Südwestrußland zirkulieren massenhaft antisemitische Broschüren und Kruschewan hat wieder Geld für die Gründung eines neuen Blattes in Bessarabien erhalten. Witte und die Juden. Zu der bereits telegraphisch gemeldeten Unterredung Wittes mit einigen hervorragenden Vertretern der Juden in Amerika weiß der „American Hebrew" folgende interessante Einzelheiten mitzuteilen: Herr v. Witte war sehr liberal und sympathisch in seiner eigenen Haltung gegenüber den Juden, aber er sprach offen die Befürchtung aus, daß jeder andere Plan als eine allmähliche Aufhebung der Beschränkungen gegen die Juden in Rußland unpraktisch sei. Die Delegation suchte ihn ernstlich von der Notwendigkeit einer prompten Aktion bei Gewährung nicht teilweiser Erleichterung, sondern vollständigster bürgerlicher Rechte, wie sie alle anderen Untertanen Rußlands haben, zu überzeugen. Sie erklärte ohne Rückhalt und in einfachster Sprache, daß, wenn dies nicht durch die Regierung bewilligt werde, der stetig wachsende Einfluß der jüdischen Bankiers und Kaufleute in Amerika und Europa gegen Rußland und alles Russische gesetzt werde. Sie sagte auch, daß das Wohlwollen des amerikanischen Volkes Rußland verloren gegangen

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