Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 36 (8.9.1905)
- Date
- 1905-09-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 36 Dr. Dlocb's Mocbenscbrltt. Sette 567 eines niedrigeren Lehrzieles gerechtfertigt sei. Zu dem prinzipiellen Zweifel fügt sich noch der Umstand, daß beim Hebräischen wie beim Griechischen die Geläufigkeit des Schreibens im Voraus erlangt werden muß. Jene Schulen, welche für das Erlernen des Lesens die Schreiblesemethode benützen — wie es scheint mit durchschlagendem Erfolge — können auch die schriftliche Uebung mit geringerer Schwierigkeit erproben. Wo aber das Schreiben besonders erlernt werden müßte, dürste auf die schriftliche Ausgabe verzichtet werden. All das Gesagte läßt sich bestreiten, für jeden Grund kann ein Gegengrund gefunden werden. Da auf den vom Kultusvorstand erlassenen Instruktionen die heutige Religionsschule beruht und etwa hundert Lehrer ihre Tätigkeit ausüben, so wäre es utopisch, eine radikale Umwälzung mit einem Schlage zu erhoffen. Allein das sollte erreichbar sein, daß der bescheidene Versuch, den ein Paar jüdische Vereine unternommen haben, in größerem Ausmaße an einigen Gemeindeschulen wiederholt wurde. Um das Experiment ungefährlich, unpräjudizierlich zu vollziehen, könnte dasselbe an einer von der Kultusgemeinde betriebenen Sprach- und Bibelschule vorgenommen werden. Natürlich bedürfte es hierzu eines geeigneten Lehrers, zweckmäßiger Behelfe und einer voraussetzungslosen Kritik. Daß hier rasch und donu Me vorgegangen werde, das kann wohl von dem Kultusvorstand gefordert und erwartet werden. Stigma. Von auswärts schreibt uns ein geschätzter Leser: Zur Reformfrage nuferes Religionsunterrichtes hieße es offene Türen einrennen, wenn man sich zu beweisen abmühen würde, was offen auf der Hand liegt. Die mittelalterliche Methode — oder U n Methode des hebräischen Sprachunterrichtes ist für unsere Zeit aus zweierlei Gründen abgetan. Erstens haben wir keine Zeit, um auf dem Wege des „Einkeilens" Sprachen zu erlernen. Gedrängt durch überbürdete k. k. Schulprogramme müssen wir „Pädagogen" sein, müssen „Methoden" erfinden, nm den Weg zu kürzen. Zweitens wurde im Mittelalter die hebräische Sprache als tote Sprache gelehrt. Dies trifft aber gottlob nicht zu. Die hebräische Sprache ist, Gott sei Dank! noch immer eine lebende Konversationssprache zwischen unseren Brüdern im Oriente, und da bei unseren modernen Kommunikationsmitteln man heute beinahe bequemer nach Marokko gelangen kann, als beim Sonntagsandrange mit der Tramway nach Hietzing, so muß derjenige, der geschäftlich oder zu Studienzwecken den Orient bereist, wie ich es getan habe, nebst Französisch und Englisch auch Hebräisch oder Arabisch sprechen. Je näher die Grenzen der Reiche durch den modernen Handelsverkehr aneinander gerückt werden, desto näher tritt die Zeit heran, wo man an der k. k. Export-Akademie die hebräische Sprache als Konversationssprache unterrichten wird. Der Weg ist vorgezeigt durch die Begebnisse des Handels und des Verkehrs; wozu der Wirrwarr? wozu ihn ganz anderwärts suchen? Ein kleines, praktisches Sprachbüchlein, nach welchem man Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Portugiesisch u. s. w. erlernen kann, der berühmte „A h n" mit dem dazu gehörigen „Sch l ü s s e l" ist auch für die hebräische Sprache geschrieben. Dies sei unser obligates Schulbuch. Die Methode ist gesunden. Nun aber zur Pädagogik. Es wäre ganz verfehlt, wollte man eine ganze Stunde die Schüler mit „A h n" abmühen. Bedenken wir, daß der Lehrer vier Jahre Volksschule plus sechs bis acht Jahre Mittelschule (Bürgerschule) vor sich hat, somit zehn bis zwölf Jahre Zeit, so genügt es, wenn er eine Viertelstunde „Ahn" vorträgt, eine Viertelstunde prüft; bleibt noch eine halbe Stunde für Erzählungen (die bisher fehlen), um die Schüler anzulocken und das Herz jüdisch zu gestalten. Ad erste Viertelstunde: Vortrag, erlaube ich mir zu bemerken, daß es unumgänglich nötig ist, damit die Sache im Gedächtnisse bleibe, daß der Lehrer an der Tafel und die Schüler in Heften (falls die Stunde nicht auf einen Samstag oder Feiertag fällt) die „A hn'sche" Lektion schreiben, und zwar mit Druckschrift. So merkt sich's von selbst. Ad zweite Viertel stunde: Prüfung, erlaube ich mir zu bemerken, daß diese absolut nicht als Basis zur Klassifikation bei diesem Gegenstände genommen werden darf. Vergessen wir nicht, daß der Schüler von seiner Umgebung gegen diesen Gegenstand „gehetzt" wird; er sieht in demselben keinen Brodgegenstand, wie in Mathematik, Naturgeschichte oder Latein. Es ist, wie seine Umgebung meint, ein „Gegenstand, erfunden zur Plage". Somit wird der Religionsunterricht reduziert — — oder eigentlich erhoben zu einem „Passionsgegenstande". Die Passion muß aber geweckt werden. Die Prüsungsresultate sollen gar keinen Einfluß aufs Zeugnis haben; bald werden sich bessere Schülerelemente finden, welche stolz sein werden, Verschiedenes zu kennen oder sich schämen werden, Verschiedenes nicht zu wiffen. Diese Elemente werden beispielgebend wirken, werden Schwächere mitreißen. Mehr darf man nicht tun. Hingegen soll klassifiziert werden nach dem Betragen während des Unterrichtes. Da gehen beschämende Dinge vor, die Jedermann kennt. Schuld daran sind nicht die Schüler (es gibt keinen so boshaften Schüler, der sich für einen entflammenden Religionsvortrag nicht begeistern würde); Schuld daran ist einzig die ruchlose Hetzerei der Eltern gegen den Religionsunterricht und gegen den Religionslehrer, den sie verspotten. Dem Allotria der gegen den Religionslehrer verhetzten Schüler soll die K l a s s if i k a t i o n einen Riegel vorschieben. Wir gelangen nun zur letzten halben Stunde: zur Erzählung. „Hier" zeigt sich der Meister. Hier wird das HeiH erwärmt; hier wird der Schüler dem Judentum gewonnen. Da sind die ausgezeichneten fünf Bücher von Fuchs, die der Lehrer den Kindern in der Volksschule vorzutragen hat, ohne zu prüfen! Zweck ist bloß: Eindruck machen! Gewinnen! Erwärmen! Der Lehrer trage den Urtext mit wortwörtlicher Uebersetzung vor und kommentiere nach Herzenslust. Der Kommentar interessiert und freut am meisten. In der Mittelschule trage der Lehrer Stellen aus dem Talmud vor und ziehe dadurch die Schüler an. Sie werden ihm dankbar sein, denn dies fesselt, alle anderen Schulgegenstände erscheinen fahl nnd gleichgiltig daneben; daraus zieht mau Lehren der Lebensklugheit, denn darin liegt der Talisman unseres Volkes, das Geheimnis seiner seelischen Kraft, Unterdrückungen zu überstehen. Aber um eine halbe Stunde lang „erzählen" und „gewinnen" und „erwärmen" und „feffeln" zu können —, muß man eben ein „Erzähler" sein. Das muß gelernt werden. Da in dieser halben Stunde gerade die Hauptsache liegt, gebe unser löblicher Kultusrat unseren Religionslehrern Gelegenheit, bei Sonnenthal „Diktion" zu erlernen. Herzhafte Diktion, welche Kinder fesselt. Wenn aber statt dessen der Kultusrat das Gegenteil tut, den Spott der Schüler provoziert, indem er ihnen mauschelnde Lehrer hinstellt, so werden aus „ höheren" Zionstöchtern — Antisemitinnen. Ingenieur I. L. Korrespondenzen. Die Chewra-Kadifcha in Wien. An den Vorstand der Wiener Chewra-Kadischa hat Herr S. B r o d, Präsident des Vereines zur Hebung der Gewerbe, eine interessante Eingabe gerichtet, welche u. a. nachstehende beherzigenswerte Anregung enthält: 1. Ich habe jüngst wieder unseren Friedhof besucht und einzelne hebräische Inschriften aus Grabsteinen orthographisch unrichtig und verstümmelt gefunden. Ganz besonders eine Inschrift wirkte ganz beschämend auf mich. Ich war nämlich dem Verstorbenen, dem diese Inschrift gewidmet war, sehr nahe gestanden, kannte ihn also genau und die meisten Wiener kannten ihn als einen ehrlichen und streng religiösen Glaubensgenossen und auch als bewährten Industriellen. Da ist auf dessen Grabstein deutlich zu lesen: „Er war ein ü'nbv k*t ck ein gottesfürchtiger Mann" und das Wort