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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-09-08 · 36 (8.9.1905) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
36 (8.9.1905)
Date
1905-09-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 564 Dr. Dlocb's MocbenscbrLN. Nr 36 auf alle Verwandte und Angehörige seiner Gemahlin aus. So hatte die Schwiegermutter Witte's ihre letzten Lebensjahre im Hause ihrer Tochter, das heißt im Palais des russischen Finanzministeriums verleben dürfen, und als sie 1892 in Petersburg verstarb, hatte Witte zum erstenmale in seinem Leben Gelegenheit, einen jüdischen Friedhof zu betreten. In voller Paradeuniform wohnte der allmächtige russische Finanzminister der Beerdigung seiner jüdischen Schwiegermutter bei. Welche große Schwierigkeiten die Abstammung seiner Frau Witte stets bereitet hatte, beweist folgende, völlig verbürgte Anekdote: Zar Alexander III., der bei aller Unbildung und Roheit des Charakters doch einen genialen Blick bei der Wahl seiner Beamten besaß, sah sich nach dem Tode Wyschnegradsky's genötigt, den mit einer getauften Jüdin verheirateten Witte zum Finanzminister zu ernennen. Es gab eben innerhalb der talentlosen russischen Bureaukratie keinen zweiten, der an Wyschnegradski, dem ehemaligen Professor der Nationalökonomie, auch nur im Entferntesten heranreichen, geschweige denn ihn übertreffen könnte. Und so wurde Julius Witte russischer Finanzminister. Zar Alexander III. verkündigte ihm seine Ernennung mit folgenden Worten: „Ich ernenne Sie hiemit zu meinem Finanzminister. Wie ich höre, Herr Witte, sind Sie unverheiratet." Aber Majestät . . ., versuchte Witte einzuwerfen. „Also es bleibt dabei, Sie sind unverheiratet," entschied Alexander III. kurz. Und so blieb es auch. Julius Sergejewitsch Witte war und blieb für den Zarenhof in Petersburg unverheiratet. Man sieht, Witte ist nicht nur ein vorurteilsloser Mann, der gegen die Juden keinen Haß empfindet, er ist sogar ein ausgesprochener Philosemit, dem aus seinen freundschaftlichen Beziehungen zu den Juden eine große Reihe positiver schwerer Nachteile erwachsen ist. Aus diesem Grunde hegen selbst die nach Amerika ausgewanderten Juden, bei allem berechtigten Haß gegen Rußland, doch für Witte persönlich warme Sympathien. Davon konnte sich der russische Finanzminister bei seinem Besuche des großen jüdischen New-Aorker Ghettos persönlich überzeugen. Sowohl Baron Rosen, als Prof. Martens haben ihn gewarnt, sich nicht nach der Down-Town von New-Aork zu begeben, da sie feindselige Kundgebungen befürchteten. Witte jedoch fürchtete sich nicht und begab sich, nur von einem einzigen Sekretär begleitet, mit seinem Automobil nach der East-Sid New-Iorks, wo es im Zentrum des jüdischen Ghettos, in der Essex-Street, in der Tat zu einer gewaltigen Kundgebung kam. Dieselbe war jedoch nichts weniger als feindselig. Es war an einem Samstag Nachmittag und die die ganze Woche sweatenten jüdischen Volksmassen ergingen sich lustwandelnd auf der Straße. Witte wurde sofort von der Menge erkannt und mit jubelnden Sheers empfangen. Tausende umdrängten den Wagen und Hunderte von Händen streckten sich Witte entgegen. Die Verhandlungen mit den jüdischen Finanziers sind einstweilen noch im Gange. Wie der „New-Zork Herald" vom 15. August meldet, wird das von Jakob Schiff, Oscar Strauß, Jsaac Seligmann aus New-Iork, Adolf Lewison aus Chicago, und Adolf Kraus aus Philadelphia geleitete Konsortium mit Witte in New-Iork eine zweite Zusammenkunft haben. Dennoch und trotz aller persönlichen Sympathien für Witte dürften sich die Negotiationen einer Anleihe definitiv zerschlagen, da Geschäfte nicht auf Grund persönlicher Sympathien abgeschlossen werden. Wie wenig dem gegenwärtigen Rußland zu trauen ist, beweist folgende völlig verbürgte Tatsache. Ein jüdischer Finanzier und Mitglied des englischen Unterhauses begab sich vor wenigen Monaten nach Petersburg, um daselbst wegen der Negotiierung einer kleinen Anleihe im Betrage von 14 Millionen Pfund zu verhandeln. Sein erster Gang war zu Witte, dem er unumwunden erklärte, daß die wichtigste Bedingung für das Zustandekommen einer Anleihe die Besserung der Lage der russischen Juden wäre. Herr von Witte ging auf das Ansinnen umso bereitwilliger ein, als man gegenwärtig in den allerhöchsten Kreisen den Juden sehr günstig gesinnt sei. Zur Illustration seiner Angaben, teilte er seinem Besuche mit, daß beispielsweise demnächst den russischen Juden in Sibirien die volle Bewegungsfreiheit gewährt werden sollte. Die Angaben Wittes waren richtig. Allein zwei Tage später wehte oben ein anderer Wind und aus der den Juden gewährten Bewegungsfreiheit in Sibirien ist nichts geworden. Die jüdischen Finanziers in den vereinigten Staaten werden sich hüten, Rußland auch nur einen Cent zu pumpen, solange in diesem Lande das Gesetz nichts, das Ausnahmegesetz aber alles ist. _ Das R*ich der Königin von Saba. Wenn die Zeitungen melden, daß die Türkei ein Truppenschiff nach dem andern nach dem arabischen Jemen abschickt, so denken wohl die wenigsten daran, daß diese türkische Provinz in grauer Vorzeit das Reich der Königin von Saba war. Die meisten werden Jemen wohl nur kennen als das Land, wo Mokka liegt, von dannen der beste Kaffee kommt. Die Kaffeepflanze aber ist dort auch nicht einmal heimisch, wie man früher annahm, sondern sie ist aus dem tropischen Afrika dorthin gebracht worden und wahrscheinlich von jenen Seefahrern, die vor etwa viertausend Jahren aus Arabien nach dem Lande Ophir fuhren, dem Goldlande in Ostafrika, woher sie neben dem gelben Metall auch Räucherwerk, seltene Pflanzen, Affen und Neger brachten. Damals blühte im Lande Jemen, das an die Stelle des noch älteren Staates der Minäer getretene Reich der Sabäer (von 1500 bis 300 v. d. g. Z.). Im alten Egypten herrschte von 1516 bis 1481 die berühmte Königin Hatschepsut. Sie ließ, wie uns die große Inschrift im Ammontempel zu Theben berichtet, einen großen Handelszug nach dem südlichen Lande Punt unternehmen, um nebst anderen seltenen Dingen Weihrauchbäume nach Egypten zu bringen. Ihre Reisenden waren erfolgreich und brachten frische Bäume mit, die im Königspark bei Theben angepflanzt wurden. Ob die egyptischen Entdeckungsreisenden jene Bäume aus Jemen, von der Insel Sokrota oder aus Ostafrika gebracht haben, melden die Inschriften nicht. Vielleicht ist auch, wie der Kaffee, der Weihrauchbaum erst nach Jemen eingeführt worden. Herodot aber berichtet (I., 3. 108): „Nach Mittag ist das Ende der bewohnten Erde Arabien. Hier wächst, einzig und allein von allen Ländern, Weihrauch und Myrrhen und Kasia und Kinnamomuur und Ledanon. Das alles, ohne die Myrrhe, gewannen die Araber nicht ohne Mühe. Den Weihrauch nämlich sammeln sie ein, wenn sie Storax verbrennen; nur, wenn sie den anzünden, können sie den Weihrauch pflücken, denn die Bäume, welche den Weihrauch tragen, werden von geflügelten Schlangen bewacht, die klein und bunt von Ansehen sind und in großer Menge um jeden Baum, dieselben, die nach Egypten ziehen." Das Weihrauchland nur war vor allen Jemen, die Kaufleute aus Minäa brachten schon erwiesenermaßen in vorjüdischer Zeit Räucherwerk bis nach Syrien. Dieses hatte bei allen Opferungen seine große Rolle. Und wie im alten Egypten, Babel, beim Schwiegervater des Mose, dem Araberfürsten Reguel (oder Jitro, was als ein Titel erscheint) im späteren jüdischen Gottesdienste — so ist ja bis auf unsere Tage Weihrauch beim Gottesdienste im Brauche. Der Gottesdienst der Sabäer, bei dem ebenfalls ein Räucheraltar bestand, war ein hochentwickelter Mond- und Sternedienst und es scheint, als ob Babel seine ähnliche Götterverehrung eher aus dem Reiche Saba oder dessen Vorgängern erhalten hat, als umgekehrt, denn alles, was uns die Reste einstiger großer Baudenkmäler und die Inschriften verkünden (an deren Lesung und Deutung der Arabist Dr. Eduard Glaser in München arbeitet), was uns ferner die Schriften der Alten und die frühen Araber melden, das alles läßt auf eine außergewöhnlich hohe Stufe der Bildung schließen. Die Geschichte der Reise der Königin von Saba zum König Salomon verrät ja deutlich die alten Beziehungen der Minäer- Sabäer zum Norden und ihre festliche Aufnahme bei dem mächtigsten Fürsten der Israeliten bestätigt die Macht und das Ansehen der fremden Königin.

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