Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 36 (8.9.1905)
- Date
- 1905-09-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 36 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Belle 563 „Meine Herren! Ich halte darum den sog. dentschnationalen Antisemitismus nicht für ein Erzeugnis des nationalen Gedankens, sondern für die krankhafte Entartung desselben, er ist ein nationaler Wahnwitz. Die nationale Idee strebt überall nach Ausweitung der Sprache und Litte. Die Franzosen, welche national vorgegangen sind, haben ihre nationale Idee unter der Fahne von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit durch die Welt getragen. Die Deutschen und Böhmen ringen' mit einander um Ausweitung des Sprachengebietes; die Antisemiten dagegen sagen: Das Vaterland mutz kleiner sein, der Jude darf nicht dazu gehören! (Lebhafte anhaltende Heiterkeit". Vielleicht sind die ganz gescheiten Herren des „Scherer" heute in der Verfassung, diese Rede Dr. Bloch's aus dem Jahre 1890 mehr zu würdigen. Unterdessen haben sich die Verhältnisse merklich geändert. Das Deutschtum hat trotz äußeren Glanzes an seinem Besitzstände manche wichtige Position von Macht und Einfluß (z. B. in Mähren und in der Bukowina) für immer eingebüßt und wir Juden haben nach den eindringlichen Lehren, die wir empfangen, endgültig darauf verzichtet, fremden Völkern die Schweinehüter abzugeben; wir haben uns auf uns selbst besonnen, ans unsere eigene, gewiß nicht rühmlose Vergangenheit. Wir sind zu unserer Pflicht zurückgekehrt. Julius Milte und die Juden. Von I. T. Als Triumphator kehrt Witte nach Rußland zurück, er hat dem Zaren einen großen Sieg erfochten, den einzigen Sieg im Kriege gegen Japan, den Sieg am Friedenskonferenztisch erstritten und in Petersburg wird ihm der Lorbeer gereicht werden. Er ist der voraussichtliche erste Ministerpräsident Rußlands und er hat seinem Regime durch die Konferenzen mit den amerikanischen Finanzmännern gut vorgearbeitet. Die prekäre Finanzlage Rußlands zwingt dieses Land schon, seit zwei Dezennien, regelmäßig alle zwei Jahre im Auslande eine neue Anleihe zu machen. Aus der jüngst erschienenen Schrift des Statistikers Rudolph Martin („Die Zukunft Rußlands und Japans. Soll Deutschland die Zeche bezahlen?" Berlin, Karl Heymann) ist zu ersehen, daß Rußland gegenwärtig eine Schuldenlast von 16'/z Milliarden zu tragen hat, deren Verzinsung und Amortisierung eine Jahresausgabe von 850 Millionen erfordert. Dazu kommen noch die Ausgaben für Unterhaltung der rassischen Missionen im Auslande, sowie zur Bestreitung der von den Russen ins Ausland unternommenen Bade- und Vergnügungsreisen hinzu. Alle diese Ausgaben können nur naturgemäß durch den Ueberschuß der russischen Ausfuhr über die Einfuhr gedeckt werden. Letzterer beträgt aber nur 400 Millionen, so daß alljährlich ein Fehlbetrag entsteht, der einstweilen durch immer neue Anleihen gedeckt werden muß. Die Neaotiierung solcher Anleihen in Europa gestaltet sich von Jahr zu Jahr immer schwieriger und immer sehnsüchtiger schielt Rußland nach dem in Bezug auf russische Anleihen noch jungfräulichen Amerika hinüber. Hier werden alljährlich gewaltige Schätze aufgestapelt, und man würde in Petersburg sehr gerne sehen, wenn sie ihren Weg über den Ozean finden könnten, um in Rußland in Kanonen und Panzerschiffen zinstragend angelegt zu werden. Bisher waren aber die geizigen Amerikaner spröde und wollten ihre Gelder nicht dem Lande anvertrauen, in dem das Tschinowniktum selbstherrschend ist und Ereignisse wie Kischenew, Homel, Shitomir und Bialystok ungesühnt bleiben. Selbst einem Mann wie Plehwe ward es schließlich klar, daß vor allem die Juden von Amerika versöhnt werden müssen, sollte von da auch nur ein einziger Dollar nach Petersburg fließen. Und so wurde vor zwei Jahren zum erstenmale der Versuch gemacht, mit New-Iorker jüdischen Finanziers Verbindungen anzuknüpfen. Herr v. Plehwe, der Meister der Lüge und der Verstellungskunst, war so naiv, zu glauben, daß er die gewiegten amerikanischen Geschästsmänner ebenso leicht betrügen werde können, wie er in Europa alle Welt belogen und betrogen hat. Er gab durch den Botschafter Grafen Cassini Herrn Jakob Schiff zu verstehen, daß er ihn gerne in Petersburg sehen würde. Plehwe ging sogar so weit, durchblicken zu lassen, er wolle über die Tatsache, daß Herr Schiff Jude ist und als solcher kein Recht hat, auch nur einen Moment lang die gute Petersburger Luft zu atmen, großmütigst den Mantel christlicher Liebe breiten. Zu seinem großen Erstaunen wollte Jakob Schiff nicht freudig aus den Vorschlag eingehen. Der Jude war sogar so frech, zu erklären, nur dann nach Petersburg gehen zu wollen, wenn er in voller Anerkennung der Tatsache, daß er Jude ist, dort Hinreisen könnte. Diese Antwort zerstörte gründlichst alle Plehwe'schen Illusionen. Er sah ein, daß diese ebenso schlauen, wie frechen amerikanischen Demokraten sich weder betrügen, noch mit geringfügigen Plehwe'schen Konzessionen abspeisen lassen werden. Noch war Rußland nicht so tief gesunken, um sich von jüdischen „Demokraten" Vorschriften machen zu lassen. Aber die Zeiten wurden schlechter und immer schlechter. Es kam der japanische Krieg mit seinen furchtbaren und demütigenden Niederlagen. Die Geldnot tvard immer größer und größer und so entschloß man sich ungern, es abermals mit den Juden zu versuchen. Man ging zunächst wieder einmal nach Paris. Allein der selige Baron Alphonse de Rothschild erklärte unumwunden, mit Rußland keine Geschäfte mehr abschließen zu wollen, bis die daselbst herrschenden Zustände nicht gründlichst beseitigt worden sind. Daraus wurde es mit London versucht. Aber auch Lord Rothschild gab die gleiche Antwort, wie sein Vetter in Paris. Derselbe Bescheid kam auch von Berlin, Hamburg und Amsterdam. Nicht etwa als ob die jüdischen Bankiers nach vorheriger Verabredung handelten! Für ein derartiges, planvolles, einheitliches Vorgehen sind die jüdischen Millionäre noch lange nicht reis. Allein jeder vorsichtige Finanzier, der sein Geld nicht zum Fenster Hinauswersen will, mußte sich sagen, daß Rußland sich nimmermehr erlauben darf, nebst einem Heer von diebischen Beamten zu gleicher Zeit noch eine gewaltige Armee und eine mächtige Flotte zn unterhalten. Einen solchen Luxus können sich noch ebenfalls die reichen Industriestaaten wie England, Nordamerika, Deutschland und Frankreich, keineswegs aber ein armer Agrarstaat mit 100 Millionen hungernden Bauern erlauben. Die überall erhaltenen demütigenden Absagen zwangen nun die Herren in Petersburg, die stolztuende Haltung aufzugeben und sich noch tiefer zu bücken. Man entschloß sich, es noch einmal mit den reichen Amerikanern zu versuchen und zu diesem Zwecke Witte als Mittelsperson zu benützen. Nur aus diesem und keinem anderen Grunde wurde der seit Langem kalt gestellte Julius Witte als Friedensdelegierter ausersehen, und es muß zugegeben werden, daß der aus den guten Willen der Juden angewiesene Zar keine glücklichere Wahl hätte treffen können. Aus dem Eisenbahnfach hervorgegangen und noch Mitte der Achtziger - Jahre simpler Stationsvorsteher auf der russichen Südwestbahn, welche damals noch eine sehr große Anzahl jüdischer Beamten auswies, kam Julius Sergejewitsch Witte mit der jüdischen Intelligenz und den klugen jüdischen Geschäftsleuten in sehr nahe Berührung. In dem Verkehre mit Juden hat der ohnehin hochbegabte Mann mit dem klugen Kopf und dem offenen Blick sehr viel gelernt, und ihm hat es Julius Witte zu verdanken, daß er turmhoch über den Plehwes, den Durnowos und den übrigen eben so dummen, ioie unerfahrenen russischen Tschinowniks steht. Zum Dank für die von seinen ehemaligen Amtsgenoffen erhaltene Belehrung sorgte Witte später, als er hoch und immer höher stieg und schließlich allmächtiger, russischer Finanzminister wurde, dafür, daß wenigstens nicht alle jüdischen Beamten der russischen Südwestbahn aus dem Amte gejagt wurden, so daß noch jetzt sehr viele Juden auf dieser Bahn in Brod und Stellung sind. Die alten freundschaftlichen Beziehungen Witte's zu dem Judentum wurden durch die Bande der Liebe noch weiter gefestigt. Ihre Exzellenz Frau Staatsminister Witte war früher Jüdin und mit einem jüdischen Bankier verheiratet. Sie ließ sich aber von diesem scheiden, um nach erfolgtem Uebergang zum Christentum den jungen Witte zu heiraten. Witte war seiner Frau stets ein liebevoller Gatte und dehnte seine Zuneigung