Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 36 (8.9.1905)
- Date
- 1905-09-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 532 Dr. Blocb s Mocbens^ürtn. Str. 36 mns, von dem unausgleichbaren Gegensätze zwischen „Wirts-" und „Gastvölkern", wenn das Volksbewußtsein nicht bloß an der Heimatscholle klebt, wenn das „größere Reich" sich nicht auf die unverrückbaren Grenzpfähle eines „zufällig gewordenen" Staates, sondern auf die Gemeinschaft des Geistes und Blutes auch fern von der heimatlichen Erde erstreckt? Und wie soll dieser Anspruch auf Schutz und enge Gemeinschaft des kleinsten deutschen Splitters in fernem Laude durchgeführt, wie sollen fremde Völker zur Achtung vor dem deutschen Gaste bestimmt werden, wenn daheim im Reiche selbst das Gastrecht gegenüber allen fremden Volkssplittern, den Polen, den Juden, den Dänen, den elsässischen Franzosen, brutal mit Füßen getreten wird? Das Ideal der aus der Volksfreiheit fließenden Menschenfreiheit ist eine schöne Sache, man muß sie nur tatsächlich und überall und gegen Jedermann gelten lassen. Diese Deutschen aber — o, über den sieghaften Unsinn der Weltgeschichte! — sie waren die Träger des Antisemitismus in aller Welt, sie haben das Wort vom fremden Pfahle im Fleische des deutschen Volkes geprägt! Ein Pfahl im Fleische! Was sind denn dann die Balten in Rußland, die Sachsen in Siebenbürgen, die Deutschen in der nordamerikauischen Union und so weiter und so weiter? Und was wird aus all diesen Volkspartikeln, wenn die Russen, die Magyaren und Angelsachsen Miene machen wollten, die Theorie vom „Wirts- und Gastvolk" wahr zu machen? Doch wozu die Frage, da ja die Russen schon längst begonnen haben, die Antwort darauf zu geben! Trotz der Staatlichkeit des deutschen Volkes sind die Balten in den Ostseeprvvinzeu ebenso der Bedrückung und Verachtung anheimgefallen, wie die staatlosen Juden in Rußland. Ach, es ist traurig, wenn die Narren vernünftig und die Witzblätter ernsthaft werden. Die Knittelverse des „Scherer" sind besser als seine hochpolitischen Betrachtungen. Diesmal hat nicht er eine Satire zu den Tatsachen der Zeitgeschichte, wohl aber haben diese Tatsachen eine Satire zu seiner idealen Auffassung des „unbegrenzten Vaterlandes" geschrieben. Er predigt einem Volke vom tausendjährigen Reich der Volks- und Menschenfreiheit, das zuerst und allen voran die schmutzige Fahne des Fremdenhasses erhoben und damit der Welt ein Beispiel gegeben hat, wie eine Nation die erhabensten Dichter und Denker Hervorbringen und doch in einen Abgrund niedriger Gesinnungen versinken kann. Die Sicherheit und das Ansehen des Deutschtums im fremdstaatlichen Territorium auf dem weiten Erdenrund wird weniger von der Machtstellung des Deutschen Reiches, die im Laufe der Geschichte naturgemäßen Schwankungen unterworfen bleibt, als vielmehr von der Stellung bedingt sein, welche die Deutschen fremdvolklichen Elementen bei sich einzuräumen befähigt sind. Mit der Theorie der Rechtlosigkeit des „Fremden" ist das Streben nach Sicherheit und Einfluß in fremden Weltteilen nun einmal unverträglich, und in der Tatsache, daß es dem mächtigsten, eigenwilligsten englischen Premierminister nie möglich ist, irgend einen „Ausländer", weil er sich der jeweiligen Regierung „lästig gemacht", aus England auszuweisen, die Heiligkeit des Gastrechtes anzutasten, ruht die moralische Grundlage der englischen Weltherrschaft, das Geheimnis der noch immer wachsenden Popularität des englischen Namens. Die Idee einer Sonderung der Menschheit in Wirts- und Gastvölker könnte in einem englischen Philosophenhirn auch nicht aufkeimen. Weit, weit draußen, wo Deutsche unter den sogenannten „Wilden" leben — man hat ja auch die Japaner vor Kurzem noch zu diesen gerechnet — hat man das längst erkannt. Im April dieses Jahres schrieb die vom deutschen Schulvereine in Johannesburg herausgegebene „Deutsche Schule" über die sonderbare Mutterliebe, die das deutsche Reich gegenüber seinen Kindern in der Ferne betätigt, folgende goldene Worte: „Im Auslande kann man Dutzenden von jungen Leuten, Söhnen hochachtbarer und patriotischer jüdischer Familien, begegnen, welche ihrem Militärdienst mit dem peinlichsten Eifer genügten, trotzdem aber in kränkender Weise ihrer Religion wegen zurückgesetzt wurden und daher mit berechtigter Bitterkeit aus der Heimat schieden. D i e Juden beinahe der ganzen Welt sind in Sprache, Bildungsgang und Denkweise, sogar ihrem Namen nach Deutsche, sie denken und fühlen in unserer Muttersprache und doch können viele von ihnen nur mit Bitterkeit an die Heimat denken u n d von derselben sprechen. Sie sind hrnausgezogen in die weite Welt, haben in harter Arbeit große Vermögen erworben und es ist nur natürlich, daß viele von ihnen mit dem Erworbenen nur zu gerne in das Land zurückkehren möchten, in welchem ihre Wiege gestanden hat und in dem sie ihre ersten Worte der Sprache gelallt haben, welche sie später in ihrer Verbitterung zu vergessen suchten. Traurigen ndkränken de Erinnerungen aber stehen bei nur zu vielen z w i s ch en ihnen und der Heimat, oft durch die verflossenen Jahre mehr verschärft als gemildert, und die Mehrzahl der deutschen Juden nimmt dann in der Fremde ihren dauernden Aufenthalt, mit verbissenem Groll und uneingestandener Sehnsucht an die wirkliche Heimat denkend, welche sie ungerecht und lieblos von sich gestoßen hat> So sieht das „größere Reich" aus, das der „Scherer" stiften möchte. Armer „Scherer", armer, unter Tränen lachender Narr! In der Sitzung des österreichischen Abgeordnetenhauses vom 11. Februar 1890 hat der damalige Abgeordnete Dr. Bloch das Thema behandelt und sagte gegen den deutschliberalen Abgeordneten Türk gewendet: „Der Herr Abgeordnete Türk nannte uns Juden heimatlose Nomaden. Meine Herren! Das deutsche Volk zählt zu jenen in Europa, welche mehr Gastfreundschaft genießen als gewähren. In Frankreich gibt es mehr Deutsche als Juden, in Italien mehr Deutsche als Juden, in England mehr Deutsche als Juden. Und in Nordamerika und in Rußland! Rußland, das der Abgeordnete Türk so hoch gepriesen hat, besitzt zahlreiche deutsche Kolonien, die durch den angefachten Fremdenhaß gefährdet sind". „Der nationale Gedanke hat den Reichsgedanken zum Gegensätze« Während der Reichsgedanke den Staat in seiner Machtstellung und Weltstellung pflegt, will der nationale Gedanke unabhängig davon lediglich die nationalen Genossen überall erhalten und die Deutschen, die auf das Gastrecht so sehr angewiesen, die Deutschen, deren nationale Interessen mit dem Gastrechte so vielfach verknüpft sind, sie beginnen damit, das Gastrecht zu kündigen! Meine Herren! Wre viele deutsche Dynastien haben den europäischen Völkern Fürsten gegeben? „Wer sind denn die Nomaden Europas? So viel unter anderen Völkern zerstreut als die Deutschen sind nicht einmal die Juden. „Erst jüngsthin wurden in der „Kölnischen Zeitung" zwei Artikel publiziert über die Verfolgung, den blutigen Haß und die schale Mißgunst, welchen die deutschen Kolonisten seitens russischer Bauern und Behörden ausgesetzt sind, und der Herr Abgeordnete Türk hat nichts anderes zu tun, als auf die Weisheit des Zaren ein Loblied anzustimmen! „Es gibt für das nationale Interesse der Deutschen absolut nichts so Heiliges als das Gastrecht und die Deutschen sollten die letzten sein, Europa das Beispiel zu geben, andere Volksstämme, weil sie angeblich fremd sind, zu bedrängen und zu bedrücken? „Meine Herren! Wenn sich je ein Volk freiwillig in den Dienst eines anderen Volksstammes seit Jahrhunderten gestellt hat, so haben es wir Juden dem Deutschtum gegenüber getan. Wir haben für das Deutschtum gekämpft in allen Ländern Europas. (Abgeordneter Hevera: Leider. — Lebhafte Heiterkeit.) Der Herr Abgeordnete Hevera hat recht, ja leider. In Frankreich reden die Juden deutsch, in Italien reden sie deutsch, in Schweden und Norwegen sucht man jüdische Prediger, sie reden deutsch, für Brasilien sucht man einen Rabbiner, er muß deutsch reden, in Nordamerika, in Rußland, selbst in Polen, wo wir gastfreundlichst ausgenommen wurden, Könige und Fürsten Gnaden und Wohltaten uns gewidmet haben, hörten wir nicht auf, an der deutschen Sprache festzuhalten. Wir haben die Abneigung und das Mißtrauen, die gerechte Abneigung und das gerechte Mißtrauen der Nationalitäten auf uns geladen, weil wir, trotzdem wir in deren Lande schon Jahrhunderte hinl urch weilen, noch immer die fremde Sprache nicht preisgegeben haben. Wir Juden waren die Märtyrer für das Deutschtum. Die deutsche Sprache wurde unsere Muttersprache. Wie hat man diese unsere treue nationale Gefolgschaft schließlich gelohnt? Wir erwachten eines Tages und eine neue Partei war entstanden mit einer neuen Heilslehre. Wie lautete diese Lehre? Wie alle großen Ideen, hatte auch diese den Vorzug, kurz, klar und gemeinverständlich zu sein; eine einzige, aber gedoppelte Silbe umfaßt ihren gesamten Gehalt: Hepp! Hepp! Das ist die höchste Erungenschaft des XIX. Jahrhunderts. (Schallende Heiterkeit.) Hepp! Hepp ist der reinste Ausfluß des nationalen Gedankens. (Gelächter.) Hepp Hepp ist größte Triumph und Ruhm des Deutschtums. (Lebhafte Heiterkeit.) Hepp Hepp ist ein Urlaut aus den Tiefen der deutschen Volksseele. (Allgemeine Heiterkeit.) Hepp Hepp ist ureigen deutsch, weder ins Czechische noch ins Polnische kann es übersetzt werden. (Lebhafte, langanhaltende Heiterkeit.)"