Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 36 (8.9.1905)
- Date
- 1905-09-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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f nn Centrslorgsn für die gesammten Interessen des Iudenthums. 15. k. Postspslreaffen-Amt Clearing - Verkehr Nr. 610.976. Nrdaclion und Administration. v Wien IX/i, Verggaffr Nr. 39. Telophon Nr. 14.847. * ptett» 8. Kextemder 1905. -> -4- —- Lrsch eint jeden Freitag. - >»» 4 -4- —-$•- Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggaffe 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift» Wie». »rrus-xrei» für Srstrrrrich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare SO Heller^ F2r'» Nu»l«md r Halbjährig 10 Kronen. Banzjährig 20 » Anzeigen: Die4mal gespalten« ''«titzeile 24 Heller. Inhalt: Leitartikel: Wahrheit im Narrengewande. — Julius Witte und die Juden. — Das Reich der Königin von Saba. Zum Kapitel: Religiousschule. — Korrespondenzen: Die Chewra-Kadischa in Wien. Rabbi Josef Knöpfmacher. Zur Geschichte der Familie Taxeira. Ein Stückchen vom mährischen Landesschulrate. Hannover. Ueber das Verhältnis der italienischen Juden zu Italien. Die Zionisten und die englische Regierung. Die Sprache der russischen Juden. Juden in der Reichsduma. Greuelszenen in Kischenew, Witte und die Juden. — Vermischtes: Bethausspenden. Wien. Jüdische Künstler. Graz, Klagenfurt, Budapest, Orlau, Jungbunzlau, Berlin, Petersburg, Tanger. — Feuilleton: Satan Mekatrig. — Literatur. — Neue Bücher. — Inserate. Wahrheit im Uarreiigewande. In der alten Komödie war es oft der Schalksnarr, der die bittersten Wahrheiten aussprach. In den modernen Staats¬ und Volkskomödien werden die scheinbaren Narreteien, die aber blutige Satiren enthalten, nicht mehr gesprochen, sondern gedruckt. Die Witzblätter haben heute die Rolle der „lustigen Person" übernommen, die unter Tränen lächelt und unter Lachen Tränen vergießt. Die scharfgespitzten Pfeile, die vom Bogen des „Simplizissimus" schwirren, sind nicht minder schmerzhaft, als die Spottreden, mit denen der Narr im „Lear" die perverse Vaterliebe des alten Königs geißelt. Noch ein zweites dieser Blätter, der „Scherer", hat sich — wir gestehen es trotz seiner gegnerischen Stellung zu uns — durch den tiefen Ernst, den seine politischen Spöttereien bergen, weitgehende Beachtung errungen. Aber zuweilen wandelt den „Scherer" die Lust zu seriösen Betrachtungen an. Dann wird er erst recht humoristisch, nvr hat dieser unfreiwillige Humor wenig Ergötzliches. Im zweiten Augusthefte finden wir einen originell gedachten Aufsatz unter dem Titel „Das größere Reich", in welchem die voraussichtlichen Wirkungen der Rivalität Großbritanniens und des Deutschen Reiches um die Weltherrschaft besprochen werden. Es sind durchwegs sehr vernünftige, sehr folgerichtige Gedanken, so vernünftig und folgerichtig, daß der Verfasser gar nicht merkte, wie ihm beim Niederschreiben der Schalksnarr hinterm Rücken saß und leise kicherte. Der Kern des Aufsatzes liegt in der Betonung der höheren Wichtigkeit des Volksgedankens gegenüber dem Reichsgedanken. „Auch bei uns," heißt es, „komnck es nicht vor Allem auf Ausbreitung des Reiches an, aus Besitz und Herrschaft in fremden Ländern, sondern wiederum auf Zusammenfassung, auf feste Verkittung alles dessen, was deutsch ist." Diese Grundwahrheit wird dann in folgenden Sätzen weiter ausgeführt: „In allen fünf Weltteilen ist unser „größeres Reich", denn überall tönt die deutsche Sprache und freuen sich deutsche Herzen ihres stolzen Schlages. Nicht bloß ein größeres Reich soll uns zu Eigen werden, sondern auch ein größeres Vaterland, nicht das Vaterland der engeren Heimatscholle und der unverrückbaren Grenzpfähle, sondern das unbegrenzte Vaterland der Gemeinschaft des Geistes und Blutes, das uns, losgelöst von Zeit und Raum, ebenso mit den dahingegangenen Vorvätern und ungeborenen Enkelkindern in Eins verschmilzt, wie mit allen, die jetzt fern von der heimatlichen Erde ihr deutschgeborenes Dasein leben." Der dies niederschrieb, ist stolzer und großer Empfindungen fähig und Menschheitsgefühle sprießen aus seiner Brust. Ja, er spricht es an einer Stelle klar und deutlich aus, daß er das „tausendjährige Reich der Volks- und Menschenfreiheit" ersehnt, erträumt. Es geht ein Hauch kosmopolitischer, weltumfassender Liebe durch diese Zeilen — der Volksgedanke erhebt sich zuletzt zu jenem Me. schheitsgedanken, der die messianische Weissagung unserer großen Propheten gezeitigt hat. Und das ist begreiflich, da der Verfasser ja seine Volksgenossen im letzten Erdenwinkel liebt und diese Genossen tatsächlich über den ganzen Erdball zerstreut sind. „Kein Volk der Erde", konstatiert er, „lebt in einer solchen Staatenzersplitterung, wie das deutsche. Außer im Reiche mit seinem Staaten- und Potentatengewirr leben Deutsche in geschlossener Ansiedlung in der Schweiz, in Oesterreich, in Ungarn, in den baltischen Provinzen Rußlands, in Amerika und sonst noch verstreut in allen Himmelsstrichen." Jawohl, es ist eine Diaspora des deutschen Volkes. Aber in dem Augenblicke, da uns dies wieder einmal mit plastischer Deutlichkeit gesagt wird, erinnern wir uns der just von den Deutschen so bejubelten Theorie Eduard von Hartmanns von den „Wirts- und G a st v ö l k e r n", die der fehlerhaften anthropologischen Rechnung des Antisemitismus einen sozialwissenschaftlich-philosophischen Halt zu geben bestimmt war. Schon als diese Theorie zuerst aufgestellt wurde, sprachen wir es aus, daß kein Volk ans dem ganzen weiten Erdenrund mehr Berechtigung und Ursache hätte, dieselbe weit von sich zu weisen, als eben das deutsche, das mit dem jüdischen das Schicksal der Zerstreuung und Zersplitterung teilt und das vor der Einigung Deutschlands gleich uns alle Bitternisse der staatlichen Unselbständigkeit und der daraus fließenden Geringschätzung gekostet hat. Hört Ihr den Schalksnarren kichern? Was bleibt noch von Hartmann und D üh ring, was bleibt noch von der inneren, sozialwissenschastlich-philosophischen Berechtigung des Antisemitis-