Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 35 (1.9.1905)
- Date
- 1905-09-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. öS Dr Mocb's Mocbenscbrirr, «Sette 559 der „der Gnädige" leutseligmit der Fuchtel über den Rücken streift, glückselig lächelt. Zögernd tritt der Alte durch das steinerne Tor. Er liest nicht die höhnische Inschrift am Türpfosten: „Bettlern und Juden ist das Betreten des Hofes verboten!" Schleppenden Schrittes geht er seitwärts auf den Schaffner zu, der geschäftig die Fütterung des Viehs überwacht. Da fällt der Blick des Grafen auf die müde wankende Gestalt. Blutrot schlägt eine Welle heißen Zornes in sein Gesicht: „Was will der Jude in meinem Hofe? Hat das A . . die Tafel am Eingänge nicht gelesen? Schaffner, was ist das für eine Wirtschaft?" und wütend stürzt er mit geschwungener Reitpeitsche auf den erschreckten Beamten los, der sich beeilt, den zitternden Alten aus dem Hofe zu bringen. Vergebens sind die Klagen des bebenden Greises. Mitleidig zuckt der Schaffner die Achseln: „Ich kann Euch nicht helfen, alter Mann. Der Graf ist ein Antisemit. Und wenn ich Euch gegen seinen Willen hier behielte — es würde mich meine Stelle kosten. Und das könnt Ihr doch nicht verlangen." „Aber geht nur geradeaus", fuhr er, in die Finsternis weisend, fort, „da kommt Ihr schon zu Menschen. In zwei Stunden seid Ihr' ganz bequem im nächsten Dorfe, wo Ihr schon ein Unterkommen finden werdet. Hier habt Ihr was," fügte er mitleidig hinzu, indem er aus seiner Tasche ein Nickelstück herausangelte, „aufs Nachtquartier!" meinte er gutmütig scherzend. Der Alte griff nicht nach der Münze. Ein Zug stillen Grames zuckte um seine eingefallenen Lippen. „Ich bettle nicht" murmelte er und wandte sich zum Gehen. „Na, denn nicht!" brummte gekränkt der Schaffner und kehrte leise vor sich hin- Pfeifend in den Gutshof zurück. Es war finster geworden. Wankend stand der Alte am Fuße einer breitästigen Linde. „In zwei Stunden soll ich zu Menschen kommen," stöhnte er leise vor sich hin. „I a, z u — Menschen — denn das hier sind — keine. — In zwei Stunden. Zwei Stunden." Trübe lächelte er vor sich hin.- Mühselig folgte er der in den weichen Sand eingegrabenen Wagenspur. Der Sturmwind tobte wild den Landweg einher und stürmte wütend auf den kraftlosen Alten ein. „Ein Weilchen nur will ich mich ausruhen," flüsterte er matt vor sich hin, „ein kleines Minutchen nur. Der Sturm ermattet mich gar so sehr." — Und leise ächzend ließ er sich auf der kalten Erde nieder. Fröstelnd hüllte er sich fester in sein dürftiges Gewand. Müde sank sein Haupt auf seine zitternden Kniee. Der Pack glitt von seiner Schulter — er merkte es nicht. — Und als der Mond einige Stunden später die Schwaden nebeliger Wolken siegreich durchbrach, sah er verwundert eine sonderbare Gestalt zusammengekauert im Fahrgeleise hocken. — —- Zwei Lichter funkeln durch die trübe Nacht. Es sind die Laternen eines leichten Jagdwagens, der von zwei schweren Braunen gezogen wird. Schnaufend eilen die Pferde dahin. Da bäumt sich das eine jäh empor, um dann zitternd stehen zu bleiben, damit auch seinen anderen weniger schreckbaren Stallgenossen zum Stillstand zwingend. Fluchend reißt der Kutscher an den Zügeln; doch knirschend weigern sich die Tiere vorwärts zu gehen. Da springt er wütend vom Bock, um die Ursache ihres unerklärlichen Verhaltens zu ergründen. „Ein Mensch liegt hier—" berichtet er bald dem unwilligen Grafen. — „Der Jude ists!"- „Betrunken ist der Kerl", wettert der Graf, den der unfreiwillige Aufenthalt nervös gemacht hat. „Setz' in auf den Grabenrand und dann los! Wir versäumen wahrhaftig noch den Zug!" — Der Kutscher antwortete nicht. — Er macht sich mit dem Alten zu schaffen und — „er ist tot" verkündet er nach einer kleinen Weile mit belegter Stimme. „Tot?" fragt der Graf, den ein unbehagliches Gefühl beschleicht. „Ja, 's ist aber auch unverantwortlich von dem Alten, jetzt in der kalten stürmischen Herbstzeit noch solche nächtliche Reisen zu machen. Na. wir können aber hier nichts weiter machen. Morgen früh wirst du herfahren und ihn abholen. Und jetzt weiter!" — — — Der Kutscher steigt schweigsam auf den Bock und faßt nach der Peitsche. Ein leichter Schmitz — und die friesischen Gäule ziehen an, um sich bald in leichten Trab zu setzen. Nur der Jagdhund des Grafen ist zurückgeblieben bei dem Toten. Winselnd schnuppert er umher. Da hallt ein gellender Pfiff von dem in der Ferne verschwindenden Wagen her — und auch er eilt gestreckten Laufes dem rasselnden Gefährte nach. Neue Bücher. Oft und West. Illustrierte Monatsschrift für modernes Judentum. Verlag Ost und West, G. m. b. H., Berlin, NW. 23, Altonaerstraße 36. V. Jahrg. Nr. 7 8. Juli—August 1905. Inhalt: Dr. M. Güdemann, Wien: Raschi. Dr. L. Elias, Paris: Julius Oppert. Prof. Dr. Martin Philippson, Berlin: Jerusalem. M. Scherhag, Jakob Picard, Arthur Freud: Judenlieder. Die gefallenen Helden von Shitomir (Abbildungen). Dr. Bernhard Kahn, Berlin, Dr. Theodor V o g e l st e i n, Berlin: Die jüdische Auswanderung. Dr. Martin B u b e r: Der Rabbi und sein Sohn. Dr. I. E l b o g e n: I. H. Weiß. Chassidische Melodie (Noten). B. Hirsch: Praktische Lebensweisheit im jüdischen Sprichwort. M. S p e k t o r : Ein Erlebnis (Novelle). Bar-Ami: Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt. Zehnter Deutsch- Israelitischer Gemeindetag. Literarisches. Im Verlage der Kommissions- und Export-Buchhandlung I. Singer & C o., Berlin C. 2, Große Präfidentenstraße 2, sind soeben erschienen. Dr. Simon Scherbel, Arzt in Lissa (Posen). Jüdische Aerzte und ihr Einfluß auf das Judentum (mit 3 Porträts). H. K. (Samnelo): Zionismus und Kirchenst a a t. Rltnenland. Monatsschrift für die wirtschaftliche Erschließung Palästinas. Heransgegeben von K. Oppenheimer, S.Soskin.O. Marburg. Inhalt von Nr. v/7: Professor Dr. O. Marburg: Deutsche Kolonisations-, Wirtschasts-, und Knlturbestrcbungen im türkischen Orient. — Dr. M. Blankenhorn: Abriß der Geologie Syriens II. (Schluß.) — D. Trisch: Die Nachbarländer. — A. Aaronsohn: Die Einbürgerung der Smyrnafeigen in Kalifornien. — Palästina und Nachbargebiete. — Neue Literatur. — Gesellschastsberichte. — Vermischtes. The New Era lllustrated Magazine. Pablished monthly by The New Era lllustrated Magazine Company, Tribüne Building, New-York, City. Vol, VII. August 1995. Nr. 2 Contents: Israels Tribute to Hay — A Symposium of Opinion. Eugene H. Lehman: John Hay, with. Special Reference to His Attitüde to Judaism. John Hay: Israel: — Poem. — A. Hebrew Letter from Hay. George A l exander Kohut: To John Hay — Sonnet. Joseph Leiser: Iren Hooks — A. Story. I. D. Eisenstein: Topics of the Day in the Talmud: The Quest of the North Pole. N. E. B. Ezra: Japanese and Jews. Louis K. Anspacher: A. Lyric. Joseph Vogel: The Jewish Literary Renaissance. Heinrich Aork-Steiner: Crocolo's Synagogue — A Story. G u st a v Karpeles: A French Estimate of Heine. Bella K. Landau: Caroline Gomperz — Bettelheim. Prof. Dr. Rosen: The Falashas. Albert M. Friedenberg: Jews and the American Law. In Stageland. The Book World. Communications. Necrology. Notes and Comments. KriefkaHrrr. D. B. Das Hotel ,,S e e st e r n" in Sw in emünde ist antisemitisch und jüoische Reisende werden davor gewarnt. „Reisender". Der derzeitige Pächter des Hotel-Restaurant „Royal" in Krakau gilt als entschiedener antisemitischer Parteimann.