Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 35 (1.9.1905)
- Date
- 1905-09-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 558 Dr. JBlocb's MocbenscbrM. Tabor. Adolf Fried, öffentlicher Religionslehrer und Lehrer der hiesigen Talmud-Thoraschule, begeht mit seiner Gattin Franziska geb. Bauer am 3. September die silberne Hochzeit. Pohrlitz. Vor einigen Tagen ist hier der Buchbindermeister Jakob Frankl im Alter von über 82 Jahren gestorben. Als einer der Radetzky-Veteranen machte er die Feldzüge in Italien in den Jahren 1848 und 1849 mit; er war Besitzer der päpstlichen und der kaiserlichen Kriegsmedaille und der Jubiläums-Erinnerungsmedaille. In seiner Heimat, wo der Verblichene seit mehr als 54 Jahren sein Handwerk ausüble, war er als tüchtiger Meister seines Faches und wegen seiner persönlichen Eigenschaften sehr geschätzt. Leitmeritz. Bei der Konstituierung der neugewählten Kultusgemeinde-Repräsentanz in Leitmeritz wurden gewählt: Bernard Heller zum Kultusvorsteher, JUDr. Raubitschek zu dessen Stellvertreter, Emanuel Frankl zum Kassier, Vinzenz Polak zum Rechnungsführer, S. Harpmann zum Tempelvorsteher, Friedrich Heller zu dessen Stellvertreter und S. Gutmann zum Vorstandsmitglied für Theresienstadt. — Der Rabbiner Dr. Max Schorn st ein in Leitmeritz wurde als Rabbiner nach Kopenhagen berufen. Prag- Die Erhaltung der Altneusynagoge und des jüdischen Rathauses wird den Gegenstand einer eigenen Enquete bilden, die über Beschluß der Assanierungskommissivn einberufen werden soll. Bozen. Unter überaus zahlreicher Teilnahme aller Kreiseder hiesigen Bevölkerung fand die Beerdigung der Frau Flora Schwarz, Witwe des vor 8 Jahren verstorbenen hiesigen Bankiers und Brauereibesitzcrs E. Schwarz statt. In langer Wagenreihe geleiteten die nach Hunderten zählenden Trauergäste, unter ihnen viele Honoratioren der Stadt, Bezirkshauptmann Graf C e s ch i u. s. w., die Verblichene nach dem israelitischen Friedhofe in Zwölfmalgreien, woselbst der Meraner Rabbiner Dr. Tänzer in einer ergreifenden Trauerrede den Lebenslaus der trefflichen Frau als Gattin, als Mutter und als edle Wohltäterin der Armen schilderte. Nur auf Grund eines kaiserlichen Gnadenaktes konnte Ernst Schwarz sie im Jahre 1846 heimführen, weil ihm als zweitgeborenen Sohn die damals den Israeliten wegen der Normalzahl vorgeschrieben gewesene Matrikelnummer fehlte. Sie hatte ihren Anteil an den hervorragenden Leistungen ihres Gatten, der als anerkannter Bahnbrecher aus industriellem und verkehrstechnischem Gebiete heute noch in aller Erinnerung fortlebt. Sie war eine überaus liebevolle Mutter und eine unermüdliche Helferin der Armen, die in ihr den Verlust einer edlen Wohltäterin beklagen. Die Judenhetze in Kertsch. Ueber die Judeuhetze in Kertsch meldet ein russisches, unter Zensur erscheinendes Blatt, der „Jushni Krai", folgendes: Am 13. August kam es auf dem Neuen Bazar zu einer förmlichen Plünderung. So wild der Volkshaufe dabei verfuhr, so konnte man doch insofern eine gewisse Planmäßigkeit konstaticreu, als konsequent nur jüdische Läden geplündert wurden. Sobald der Haufe an den Laden eines Russen, Griechen oder Armeniers berankam, ertönte in lautem Befehlston aus der Menge der Ruf: „Geht weiter!" Die Plünderer demolierten die Kleiderläden und vertauschten ihre alte Kleidung gegen die eben geraubten Kleidungsstücke. Einige der Exzedenten zogen mehrere Kleidungsstücke übereinander an. — Nun begann eine allgemeine Flucht der friedlichen Bewoh' ner, die ihre Person und ihr Eigentum bedroht sahen, aus der Stadt. Die Aufregung erreichte ihren Höhepunkt, — Eine außerordentliche Dumasitzung wurde zum nächsten Tage einberufen, um über Maßregeln zum Schutz der Bewohner zu beraten. Der Morgen des nächsten Tages, des 14. August, begann ruhig. Man hoffte schon, daß die Demolierungswut des Volkshaufens sich gesättigt hätte. Da durchlief plötzlich die Stadt das Gerücht, ein Jude habe ein Weib mit einem Kinde getötet. Das gab einen neuen Anstoß zu Ausschreitungen, die wieder kolossale Dimensionen annahmen. Wieder wurden unter wilden Hurrarufen und dem Gejohl „Haut die Juden!" die Läden demoliert und geplündert. Nun begann sich auch aus dem Teil der Volksmenge, der sich bisher passiv zuschauend verhalten hatte, Gruppen von Weibern loszulösen, die ebenfalls unter den durcheinander geworfenen Waren Beute zu suchen begannen. Auch besser gekleidete Damen konnten, wie es heißt, der Versuchung nicht widerstehen, in den von den Plünderern hinlerlaffenen Waren einiges für sich auszusucken und es ungeniert mitzunehmen. Einige von ihnen scheuten sich nicht, sogar mehrere Male zurückzukehren, um eine bessere Aus- Rr. wähl unter den umherliegenden Sachen zu treffen! — Auf der Nikolajewskaja erschien schließlich eine Gruppe von Personen, die sich zum Selbstschutz zusammengefunden hatte und dem Treiben der Hooligans und Plünderer Einhalt tun wollte. Als das Selbstschutz- Detachement sich näherte, begannen die Plünderer sich in die nächste Straße zurückzuziehen. Das Schntzdetackement stand dem Militär gegenüber. Eine Salve krachte aus den Reihen der ersteren, hierauf feuerten die Soldaten. Die Plünderer liefen davon. Zwei Leichen und etwa ein Dutzend Verwundeter blieben auf dem Platz. Die zum Selbstschutz verbundene Gruvpe von Personen zerstreute sich und wurde von den Rowdics. die sich inzwischen wieder gesammelt hatten,, mit Steinen und Eisenstangen verfolgt. — Unterdessen hatte eine außerordentliche Dumasitzung stattgefnnden, auf der es zu erregten Debatten kam, als das Stadthaupt erklärte, er wisse kein anderes Mittel, als einen Aufruf an die Bevölkerung. Die Stadtverordneten beschlossen, an den Minister des Innern ein Telegramm abzusenden. — Auf den Straßen nahm die Plünderung ihren Fortgang. — Schließlich gegen 7 Uhr abends, entblößten der Polizeimeister und die Polizisten ihre Säbel, Schüsse ertönten, und der Menschenhaufe wurde auseinandergesprengt. Durch die Stadt begannen verstärkte Patrouillen zu ziehen. Die Ruhe war wieder hergestellt. Das Leben in der Stadt ist aber vollständig ausgestorben. Die Läden sind vernagelt. Ter Handel stockt fast gänzlich ... Feuilleton. Spätherbst. Von H. Frenz. Der Herbstwind brauste über die leeren Stoppelfelder hin. Spielend riß er an den blütenlosen Stauden der Herbstzeitlose, die kraftlos seinem Wüten keinen Widerstand mehr entgegensetzten. Auch die laubleeren Ebereschenbäume, die die unebene, zerfahrene Landstraße einsäumten, rüttelte und schüttelte er, daß sie in ihren Wurzelspitzen erbebten. Die Schleier der Nacht begannen sich herniederzusenken auf die fröstelnde Erde, und scheu verbarg sich der langsam verschwindende Sonnenball hinter trüben Wolkenmassen. Nur wenige rote Strahlen rangen sich noch mutig durch die breiten Nebelschwaden hindurch und brachen sich goldig in den hohen Fensterscheiben des Herrenhauses, das am Horizonte sich in seinem weißen Farbengewande scharf vom Hintergründe abhob. Majestätisch beherrschte es das flache Land, das nur hin und wieder von einem baumbestandenen Hügel gekrönt wurde. In respektvoller Entfernung umschlossen die anderen Gutsgebäude den alten Grafensitz. Eine morsche Ziegelmauer hegte das ganze Besitztum ein. Mühsam gegen den tobenden Sturm ankämpfend, bewegte sich eine einsame Gestalt dem Herrengut zu. Schwer lastet der leinenumhüllte Pack auf den Schultern des Alten, dessen langer weißer Bart im Winde flattert. Langsam nur schleppt sich der Greis vorwärts; sein Atem geht keuchend, und bange späht sein trübes Auge in die fahle Dämmerung. Da blinkt im Gutshofe ein Licht auf, und ein zuftiedener Seufzer löst sich von der Brust des Alten. „Endlich!" murmeln seine erstarrten Lippen, „endlich in der Nähe von Menschen. Ich wäre auch keinen Schritt weiter gekommen. Die alten Knochen sind schon mürbe, und der Wind bläst heut gar zu wild — Ein großes Gut ist's? Da wird sich auch für einen armen Juden ein Plätzchen in der Streu finden. —" Und mit aufflackernden Kräften macht er sich auf den Weg. Bald ist er am Eingänge des stattlichen Gutshofes angelangt. Geschäftige Mägde eilen mit gefüllten Eimern über den Hof, die brüllende Menge der Milchkühe zu beschwichtigen. Das Jungvieh reißt an den Ketten, und ungeduldig scharren die Pferde den steinigen Boden ihrer Ställe. Die Atmosphäre ist mit Futterdunst geschwängert. Und inmitten des Hofes steht der junge Graf, die Reitgerte in den Händen, mit donnernder Stimme Befehle umherwerfend. Klatschend trifft ein Hieb einen säumigen Roßjungen, der entsetzt zur Seite springt, während eine junge dralle Dirne,