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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-09-01 · 35 (1.9.1905) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
35 (1.9.1905)
Date
1905-09-01
Page
– (sequence 12)
Language
German
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«Säte 556 Lw. Llocb's Mocbenscvrtrr Nr. 35 verschied noch am selben Abend. Eine Stunde später wurde auf den Soldaten, der den jungen Mann niedergeschofsen hatte, eine Bombe geworfen; es war also ein Racheakt. Jetzt wurde eine Reihe von Salven abgefeuert; alle, die sich zu dieser Stunde auf dieser Straße befanden, wurden niedergestreckt, alte Männer, Frauen, Kinder. Aber damit noch nicht genug, wie auf ein verabredetes Kommando wurde jetzt auf allen Straßen das Feuer eröffnet. Die vorbeiziehenden Patrouillen unter Oberbefehl eines Schutzmannes schossen auf die Balkone in die Fenster. Ein von seiner Abteilung losgelöster Soldat zog mit seinem geladenen Gewehr durch die Hauptstraßen der Stadt und streckte jeden nieder, der ihm in den Weg kam. Die Aerzte, die zu den Verwundeten eilten, taten es unter Lebensgefahr, denn es wurde niemand geschont. Ein Fall ist mir bekannt, wo ein Arzt, der einem Verwundeten Hilfe leisten wollte, von dem diensttuenden Offizier barsch zurückgewiesen wurde, er habe hier nichts zu suchen. Ein Knabe, der seinen verwundeten Vater ins Haus bringen wollte, teilte auf der Stelle das Schicksal seines Vaters. Der Leser wäre vielleicht zur Annahme geneigt, daß das Militär durch Angriffe des Publikums zu diesem rücksichtslosen Vorgehen gezwungen gewesen wäre; aber nichts von alledem. Kein Schuß der Bevölkerung, nicht der mindeste Versuch zur Gegenwehr. Eine förmliche Jagd war es auf wehrlose Menschen, eine Jagd, in der System lag, denn nur Juden waren es, auf die die Soldaten losgelassen wurden. Zum Beweis diene folgende Tatsache: An einer Straßenecke unterhielt sich ein Soldat mit einem christlichen Dienstmädchen. Als der Soldat einen jüdischen Herrn herankommen sah, zielte er sofort auf ihn; das Mädchen, das den Herrn kannte, hielt den Soldat-n von seinem Vorhaben zurück und sagte: »Schieß nicht, er ist kein Jude!" — und der Jude war gerettet. Bis zur späten Abendstunde ertönten noch Schüffe; man saß zu Hause, mast kannte nicht den Umfang des angerichteten Unheils, man ahme ihn nur. Am frühen Morgen schon herrschte ein reges Treiben auf den Straßen; man eilte ins jüdische Krankenhaus. Ein schreckliches Bild bot sich da: 28 Verwundete, meist schwer Verwundete, und 15 Tote! Die Zahl der Verwundeten wuchs von Stunde zu Stunde, immer wieder wurden neue herbeigeschafft und um 2 Uhr lagen da bereits 34 Leichen. Außer diesen b4 Toten und 28 Verwundeten befanden sich im christlichen Krankenhaus 6 Verwundete und 6 Tote. Das sind aber noch lange nicht sämmtliche Opfer, viele Verletzte werden in ihren Wohnungen behandelt. Nach ärztlichen Angaben ist die Zahl der Toten 45, die der Verwundeten 70, darunter nur einige Christen. Montag um 2- Uhr sollte die Beerdigung stattstnden; eine vieltausendköpfige Menge war vor dem Krankenhause versammelt — da erscheint ein Regiment Infanterie mit Musik, das Gewehr scharf geladen, Lazarettwagen, mit einem Wort: kampfbereit. Die Soldaten wurden auf den Straßen, die zum Friedhof führen, verteilt. Der Leichenzug sollte sich zwischen zwei Bajonettwänden bewegen; es war klar, daß der mindeste Zwischenfall, der bei der herrschenden Stimmung und Erbitterung sehr zu befürchten war. eine Wiederholung des blutigen Samstag, vielleicht in noch viel größerem Umfang, zur Folge haben würde. Erst nach langen Unterhandlungen und nachdem mehrere der Administration bekannte Bürger die Verantwortung für die Ordnung auf sich nahmen, zog sich das Militär zurück. Nun begann man die Leichen herbeizutragen, 34 Leichen auf Tragbahren mit schwarzem Tuch bedeckt; die Reihe der Bahren schien kein Ende nehmen zu wollen. Ernst, in bester Ordnung bewegte sich der etwa 15-000 Köpfe zählende Zug zum Friedhof. Es war schon späte Nachtstunde, als der letzte Hügel aufgeschüttet wurde... Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Judenmetzelei von langer Hand vorbereitet war, die Bombe war nicht die Ursache, sondern nur ein Vorwand. Schon seit langer Zeit war die Administration b strebt, hier eine Judenhetze a la Kischenew Homel. Schitomir u. s. w zu veranstalten. Glücklicherweise ist hier aber nicht der geeignete Boden dazu. Erstens ist die hiesige jüdische Bevölkerung, durch die traurigen Erfahrungen der letzten Zeit gewitzigt, zur Gegenwehr organisiert und dann würden auch die Veranstalter eines „Pagroms" keine Unterstützung in der hiesigen christlichen Bevölkerung finden; deshalb blieb ihnen auch nichts übrig, als einen «militärischen Pogrom zu veranstalten. Die Russische Korrespondenz berichtet: Die jüdische Gemeinde in Bialystok hat an den Generalgouverneur eine Eingabe gerichtet, in der sie die Greueltaten vom 12. August schildert. Es wird darin festgestellt, daß das Militär sich so benommen habe, als ob es sich in einem „Vernichtungskriege gegen die jüdische Einwohnerschaft" befinde. Während mehrerer Stunden wurde jeder Jude und jede jüdische Frau, gleichviel welchen Alters, die sich auf der Straße aufhielten, unbarmherzig niedergeknallt; einige besonders eifrige Abteilungen drangen auch in die Häuser ein. Dabei wurden auch einige christliche Einwohner getroffen, aber anscheinend nur durch Irrtum oder Zufall. — Die tolle Schießerei des Militärs dauerte volle vier Stunden, von 4 bis 8 Uhr; getroffen wurden dabei zumeist ältere Leute, die gerade zu der Zeit aus den Gebethäusern herauskamen. Die Polizei unterstützte das Militär. Auf Vorstellungen bei der höheren Polizeibehörde wurde den Juden geantwortet, das Vorgehen des Militärs sei als Strafe anzusehen dafür, daß die Juden die Revolutionäre nicht an die Staatsgewalt auslieferten. Die jüdische Gemeinde sucht nun dem Generalgouverneur klar zu machen, daß man von ihr solche Dienste nicht verlangen könne, daß sie auch außerstande sei, sie zu leisten, da sie nicht besser über die Tätigkeit der Revolutionäre unterrichtet sein könne als Polizei und Gendarmerie. Sie bittet den Generalgouverneur, eine eingehende Untersuchung über die Vorkommnisse anordnen zu wollen und das nicht sowohl, um die Schuldigen zu bestrafen, als „um den Polizeibeamten klar zu machen, daß sie mit der Vernichtung der friedlichen Bevölkerung der Regierung keinen Gefallen tue." Riga (Eingreifen der auswärtigen Mächte.) Die Juden in Riga werden von den Mitgliedern der „schwarzen Bande" derart frech belästigt, daß man sich dort bereits auf einen regelrechten Judenkrawall gefaßt macht. Glücklicherweise haben die ununterbrochenen Unruhen bereits die Aufmerksamkeit der auswärtigen Mächte erregt. Das englische Konsulat daselbst hat sich telegraphisch an den englischen Botschafter in Petersburg, Sir Gording, mit der Bitte um Schutz der englischen Untertanen in Riga gewandt. Dieser wandte sich seinerseits an den Minister des Aeußern, Grafen Lambsdorff, mit dem Erfolg, daß die Behörden das auf 15—20 Millionen geschätzte Hab und Gut der englischen Untertanen in dieser großen Hafenstadt zu registrieren beginnen. Waren, Zimmereinrichtungen und das sonstige unbewegliche Eigentum werden genau geschätzt und das Ergebnis in den betreffendeu Protokollen von Notaren bestätigt, damit die Forderungen der englischen Untertanen hinterher, wie es in Odessa der Fall war, wieder nicht bestritten werden. Sechs englische Dampfschiffe stehen im Hafen, um im Notfälle den englischen Untertanen Schutz zu gewähren. Außerdem dürfte demnächst ein englisches Kriegsschiff in Riga eintreffen. Auch die deutschen Untertanen in Riga sind im hohen Grade beunruhigt und flüchten in großen Massen nach Königsberg. Minsk (Hungerstreik imGefängnis.)Unter den anläßlich des von den Soldaten in Minsk veranstalteten Judenkrawalls zahlreich verhafteten Juden befanden sich auch 62 Mädchen und Frauen. Die Behandlung, welche diesen zarten Geschöpfen zuteil wurde, war geradezu entsetzlich. Sie durften nur einmal in der Woche Besuch empfangen, welcher nicht länger als drei Minuten dauern durfte. Das ihnen von ihren Angehörigen geschickte Essen wurde von den rohen Gefängniswärtern mit schmutzigen Fingern durchstöbert und so ungenießbar gemacht. Ferner wurden sie je 13 in einem Zimmer eingesperrt. Um diesen unerträglichen Mißhandlungen ein Ende zu machen, haben die tapferen jüdischen Damen beschlossen, jede Nahrungsaufnahme zu verweigern. Den Beschluß führten sie tapfer durch und hungerten solange, bis die Behörden ihnen eine menschenwürdige Behandlung garantiert haben. Vermischtes. Spenden-Verzeichnis. Von Herrn kais. Rat Heinrich Klinger sel. And. zur Errichtung einer Stiftung für Handels- und Gewerbetreibende jüdischer Konfession; ■ .K 10.000.— Von Frau Berta Pappenheim in Frankfurt a. M. für die Siechenabteilung der israel. Versorgungsanstalt ...» 3.000.— Von Frau Betti Spitzer aus Anlaß des Hinscheidens ihres Gatten Herrn Markus Spitzer für wohltätige Zwecke nach Bestimmung des Kultusvorstandes . K 2000.— Zur Fundierung des Jahresbeitrages desselben an die Chewra-Kadischa.. 500.— „ 2.500.—

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